Zurück in die Vergangenheit – Teil 3: Vom Wolf zum Flow

Flow

Kampfkunst, die Kunst zu Kämpfen, der Weg ein Krieger zu sein. Mut, Tapferkeit, Stärke, Ehre, alles Attribute die man mit diesem Weg verbindet.

Auch wenn es heute keine Samurais mehr gibt und Kämpfe nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern wohl eher auf der Straße, Matte oder im Ring ausgetragen werden, ist der Wunsch nach Kampfkraft und Stärke, für viele Menschen immer noch die Triebfeder mit dem Training zu beginnen.

Die Welt ist schließlich schlecht, so scheint es, für Schwäche ist kein Platz und genau deshalb ist es so wichtig die richtige Wahl zu treffen. Kampfkunst ist heute mehr denn je, kein Platz zum Experimentieren, es geht um Funktion und Rationalität.

Alles ist erlaubt, es wird geschlagen, getreten, gewürgt und gebissen, selbst Waffen kommen zum Einsatz, denn der Mensch an sich ist schlecht, er ist ein wildes Raubtier und um zum Überleben, müssen wir zum Wolf werden, wir müssen kämpfen, auf Alles vorbereitet sein, wir sind keine Täter, aber noch weniger werden wir Opfer sein, das steht fest, dafür nehmen wir alles in kauf.

Vielleicht war es unsere eigene Unsicherheit, das Gefühl von Schwäche und Hilflosigkeit, das uns irgendwann als Kind oder auch später im Leben, den Weg des Kämpfers einschlagen hat lassen. Nie wieder, nie wieder würden wir dieses Gefühl einfach so zu lassen und deshalb wurde aus Angst, Wut und aus Wut wurde Aggression und um diese Aggression zu rechtfertigen und um damit leben zu können, mussten Feinde geschaffen werden, denn wenn es keinen Feind gibt, wozu dann der ganze Aufwand?

Der Weg des Kriegers ist kein einfacher Weg, denn zu viele Kampfkünste funktionieren nicht, leiten uns in die Irre, bringen uns von dem Weg ab. Wir brauchen das beste, das härteste, das kompromissloseste System und wenn es das nicht gibt, dann basteln wir uns es einfach, es braucht nicht viel, ein paar vage Ideen, einfache Bewegungsabläufe und viel Aggression.

Die Idee ist simpel, wir kämpfen überall, im Stehen, im Clinch, am Boden, mit Waffen, ohne Regeln, gegen mehrere Angreifer, im Käfig auf der Straße oder im Ring. Wo und wie auch immer, wir sind bereit, bereit weil wir Wölfe sind, oder bereit weil das kleine Kind in uns, niemals das Gefühl der Unsicherheit verloren hat.

Im Gegenteil, es ist noch viel unsicherer und gieriger geworden, fordert seinen Tribut. Wir müssen kämpfen, jeden Tag. Wir müssen uns beweisen, nichts ist wirklich sicher und nur wer vorbereitet ist, hat überhaupt eine Chance.

Vielleicht tut es manchmal weh, fühlt sich verloren an und wir fragen uns, ob das wirklich unser Leben sein soll, aber schnell werden wir zurück in die Realität geholt, zum Träumen ist kein Platz, nur Fakten zählen, also lecken wir unsere Wunden, beißen die Zähne zusammen, überwinden die Müdigkeit und machen weiter, nur als Wolf haben wir schließlich eine Chance und daran zu Zweifeln wäre töricht.

Nur wer kämpft, wer hart arbeitet, wer leidet und Opfer bringt, dem setzen wir ein Denkmal und ohne große Kämpfe, keine großen Helden und wenn wir keine Helden sind, dann sind wir Opfer und das darf nicht sein, dafür sorgt das kleine, unsichere Kind in uns, jeden Tag mehr.

Freude weicht Pragmatismus, unsere Kreativität ist versteinert. Freisein bedeutet dem Leben Vertrauen und das können wir nicht tun, dafür ist die Welt zu schlecht und deshalb sind wir niemals mehr frei, lassen nicht los, sind Opfer unserer Gedanken und bleiben auf ewig das ängstliche, kleine Kind, unsicher und voller Misstrauen.

Die letzte Schlacht des Kriegers beginnt, wenn wir uns stellen. Wenn wir aufhören das ängstliche Kind in uns zu füttern. Wenn wir still werden und akzeptieren.

Dieser Kampf ist nicht leicht, wir spüren das er uns alles nimmt was wir bisher geliebt haben, unsere Identität, unsere Werte, unseren Platz in der Illusion die wir Realität nennen, alles steht auf dem Spiel. Nichts ist mehr sicher und doch wissen wir, das dahinter eine Freiheit wartet, die soviel mehr ist, als das, was wir bisher erlebt und zugelassen haben.

Wir sind Wölfe, irgendwo in dieser Hierarchie haben wir unseren Platz und dafür haben wir schließlich auch geblutet, geschwitzt und geweint und jetzt……..jetzt lassen wir das alles los. Angst trifft uns, sind wir verrückt, ist das der falsche Weg, verlieren wir jetzt alles, für das wir solange gearbeitet haben? Haben wir uns verirrt, hat uns unsere eigene Schwäche zu solchen Gefühlen verführt?

Unsicherheit, die Schwester der Angst, greift uns an. Ein letztes Mal, mit all ihrer Gewalt, all ihrer Verzweiflung, denn dem Wolf sind schon Flügel gewachsen und wir spüren die Großartigkeit dieser Veränderung.

Wir schauen in den Spiegel, wer sind wir? Was passiert gerade und plötzlich erkennen wir, dass wir kein W O L F mehr sind. Alles hat sich verändert, nichts ist wie es war und plötzlich spüren wir den F L O W. wir fließen mit dem Leben, halten uns nicht mehr fest, lassen los und haben Vertrauen.

Alles fühlt sich leicht an, selbst wenn wir Kämpfen, tun wir nichts, sondern sind einfach nur. Kein Gedanke, keine Angst, keine Emotion die das JETZT verschleiert. Wir sind frei, wir kämpfen nicht einmal, wir stehen im Auge des Orkans, ohne von seiner Wucht getroffen zu werden.

Es stellt sich keine Frage nach Effizienz, nach Technik und Strategie, wir schließen die Lücke zwischen UNS und dem JETZT, wir SIND.

Unsere eigene Identität, löst sich auf und wir sind eins mit unserem Gegner, eins mit diesem Moment, es gibt nichts was dieser Einheit entgegensteht, was sie angreifen könnte. Die Frage nach Sieg und Niederlage stellt sich nicht, rationale Gedanken verlieren ihre Bedeutung, alles löst sich auf im kosmischen Ozean der Unendlichkeit und wir spüren plötzlich wieder das Kind in uns.

In diesem Augenblick fühlen wir, was uns all die Jahre gefehlt hat. Wir wollten niemals kämpfen, wir wollten keine Krieger werden, wir waren auf der Suche nach diesem wunderbaren Gefühl der Unendlichkeit. Nach dieser bedingungslosen Liebe, nach dieser großen Stille, die uns mit Allem verbindet, die nichts ausschließt und uns erfüllt.

Die Reise vom Wolf zum Flow, war nicht umsonst, sie war nicht unnötig, oder hätte vermieden werden können, sie war perfekt, so perfekt wie jeder Moment in diesem Leben. Wir haben gekämpft, gewonnen und verloren. Gut und Böse, der Kontrast dieser Welt, zeugte unsere Wünsche. Geboren durch die Stille, Erfahren durch uns.

Zurück in die Vergangenheit – Teil 2: Die sieben Tugenden des BJJ

Sieben Tugenden BJJ
Yoga Atmung im Jahr 2012

Anmerkung: Auch dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2012 und folgte damals dem ersten Artikel meiner Serie. Hier geht es mehr um die mentalen und spirituellen Aspekte des BJJ. Einiges würde ich heute anders formulieren, aber viele Sachen treffen genau den Punkt.

Die sieben Tugenden des Jiu Jitsu

Mein letzter Artikel „Wie Street ist dein Jiu Jitsu?“ behandelte hauptsächlich die kämpferische Seite dieses Stils. Heute geht es um die inneren Werte der „Sanften Kunst“. Ich möchte einmal ausführlich über die 7 Tugenden des Jiu Jitsu schreiben, die diese Kunst durch und durch geprägt und geformt haben. Egal ob auf den Schlachtfeldern im alten Japan, an den Stränden von Rio, oder den Straßen und Käfigen der Neuzeit. Jiu Jitsu ist nicht einfach nur ein Weg um Kämpfe zu gewinnen, sondern eine Lebensphilosophie, die Menschen schützt, heilt und vor unnötiger Aggression und Gewalt schützt.

Was also sind die 7 Werte des Jiu Jitsu, wie wirken sie sich auf den Anwender aus und warum sind sie so wichtig?

Andere Menschen und sich selbst nicht vorsätzlich verletzen
Jiu Jitsu bedeutet übersetzt „Sanfte Kunst“ und lässt damit schon im Namen erkennen, was die wichtigste Eigenschaft dieser Kampfkunst ist. Es ist der Weg, einen potentiellen Angreifer zu besiegen und ihn dabei so wenig wie möglich und nur soviel wie nötig zu verletzen. Egal wie groß die Aggression auch sein mag, der Jiu Jitsu Kämpfer lässt sich nicht vom Hass seines Gegners anstecken und antwortet auf Gewalt mit ruhigem Geist und reinem Herzen.

Im Jiu Jitsu geht es nicht darum einen Angreifer zu zerstören oder zu betrafen, denn jede Bewegung die man mit Wut und Aggression ausführt, schädigt auch den eigenen Körper und hinterlässt ihre Spuren. Darüber hinaus wussten die alten Meister wie negativ sich starke Emotionen auf die eigene Leistung auswirken. Nur wer mit leerem Geist in den Kampf geht, hat die Möglichkeit sein volles Potential zu nutzen. Aggression ist letzlich nur eine andere Form von Angst, die uns einschränkt und uns unserer Möglichkeiten beraubt.

Auf einer höheren Ebene sind wir Menschen energetisch alle miteinander verbunden und jeder Angriff auf einen anderen Menschen ist letztlich nur ein Angriff auf sich selber. Deshalb lehrt Jiu Jitsu eine sanfte Kunst der Verteidigung, wobei sanft nicht mit schwach verwechselt werden sollte. Wer Jiu Jitsu trainiert, trainiert für einen gesunden und starken Körper. Die Wahrung und Wiederherstellung der Gesundheit ist das höchste Gut dieser Kampfkunst. Helio Gracie, der 95 Jahre alt wurde und bis 2 oder 3 Tage vor seiner Transformation in die geistige Welt noch auf der Matte stand, ist dafür das beste Beispiel.

Es werden keine Übungen ausgeführt, die den Körper abhärten oder abstumpfen lassen oder ihn auf irgendeine Weise bewusst schaden. Unnötige Verspannungen und Verkrampfungen werden vermieden und die Bewegungen sind meist relativ flüssig und entspannt. Rickson Gracie, der vielleicht beste Jiu Jitsu Kämpfer der Neuzeit, legt einen großen Fokus auf Atmung und innere Organisation des Körpers. Nur wer mit sich selbst im Einklang ist und mit seinem Körper arbeitet, trainiert im Geiste des Jiu Jitsu

Ehrlichkeit zu sich selber und anderen
Jiu Jitsu lehrt Ehrlichkeit, denn die vielleicht ehrlichste Form des Informationsaustauschs ist die Berührung. Worte können lügen und verwirren, aber die unbewussten Bewegungen eines Menschen zeigen seinen wahren Charakter. Jiu Jitsu basiert auf handfesten Konzepten, auf Trainingskämpfen und intensiver körperlicher und geistiger Arbeit. Wer sich auf diese Art und Weise mit sich selber beschäftigt, wird fast täglich mit seinen Stärken und Schwächen konfrontiert und es gibt keinen Platz für Lügen und Fantasiewelten. Man erfährt die unterschiedlichsten Emotionen während des Trainings, muss sich seinen Ängsten stellen und das eigene Ego bezwingen, das zwangsläufig immer irgendwann in diesem Prozess auftaucht und Tribut gezollt haben will.

Wer Jiu Jitsu lernt, lernt wie er sich aus den schlechtesten Situationen des Zweikampfs befreien kann. Es gibt erst einmal keine strahlend-schöne Kicks oder beeindruckende Schläge, sondern man befindet sich am Boden, im Schwitzkasten. Man hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, und JETZT beginnt man damit wieder die „Kohlen aus dem Feuer“ zu holen und sich zu befreien. Was könnte ehrlicher sein? Nur wer seine eigenen Schwächen akzeptiert, kann sie überwinden. Wir sind keine Superhelden. Wir werden geschlagen, wir fallen auf den Boden, jemand würgt uns. Kein Platz um Stolz zu sein und genau das ist der Anfangspunkt des Jiu Jitsu.

Aus dieser Ehrlichkeit heraus, entwickelt man seine Fähigkeiten und wer lange genug trainiert, kann Dinge tun, die am Rande des menschlichen Vorstellungsvermögens sind. All das ist möglich, aber beginnen tut die Reise mit einer tiefen Ehrlichkeit, gegenüber anderen Menschen. und sich selber.

Akzeptanz
Akzeptanz ist ein wichtiger Schritt bei der Entwicklung zu den tieferen Ebenen des Jiu Jitsu.
Der Kämpfer akzeptiert die Welt so wie sie ist. Er wie? von Gut und Böse, Liebe und Hass und den anderen Gegensätzen der Polarität. Im Jiu Jitsu lernt man sich aus schlechten Positionen und gefährlichen Techniken zu befreien. Man versucht nicht diese zu verleugnen und sagt, dass man sie von vorneherein vermeiden kann, sondern akzeptiert die Tatsache, dass man als Mensch Fehler macht.

Diese Akzeptanz schenkt Freiheit, denn wenn man weiß dass man sich auch aus schlechten Positionen (im Leben wie auf der Matte) befreien kann, verliert man die Angst davor. Aus dieser Akzeptanz schöpft man dann die Kraft und Kreativität, Techniken und Bewegungen zu erschaffen. Diese Erfahrung macht ruhiger und entspannter und man hört auf, Dinge voreilig zu be- oder verurteilen. Man macht keine Schnellschüsse, reagiert nicht über und will auch keine Garantien für irgendetwas.

Man akzeptiert das Leben, das Chaos des Kampfes und die Wunder der Schöpfung auf einer tieferen Ebene. Die Gedanken die immer sofort nach einer Lösung suchen, sind abgeschaltet und eine gewisse Ruhe und Stille ergreift das eigene Sein. Aus dieser Erfahrung schöpft man Kraft und Sicherheit und verändert sich körperlich wie auch geistig. Man wird ruhiger, präziser und hat ein besseres Gefühl.

(Mit)Gefühl

Auch wenn wir Menschen spirituell alle miteinander verbunden sind, tun die Menschen oft ihr Bestes diese Verbindung zu zerstören. Gefühl für andere Menschen und auch für sich selber, wird ersetzt durch einen inneren Dialog und eigene Konstrukte des Egos. Auf körperlicher Ebene sind es vorgeplante Techniken und Strategien, die dies zum Ausdruck bringen. Man reagiert nicht auf den eigenen Körper oder die Aktionen des Gegners, sondern auf das, was das eigene Ego, der eigene Geist vorher konditioniert und geplant hat.

Der Jiu Jitsu Kämpfer entgeht diesem selbstgebauten Käfig, indem er Körper und Geist von unnötigen Verspannungen und Emotionen befreit. Rickson Gracie sagte einmal: „I´am on a zero point connected with everything“ und das spiegelt gut die Philosophie des Jiu Jitsu wieder. Man fühlt seinen Gegner, weil man sich selber fühlen kann und je mehr man den eigenen Körper wahrnimmt, desto mehr liefert dieser Informationen über die Umwelt, bzw. den möglichen Angreifer.

Unser Ego ist nur sehr begrenzt fähig, Informationen über so komplexe Abläufe wie einen Zweikampf (oder auch das Leben;-) zu liefern. Fühlen ist denken auf einer höheren Ebene, unter Einbeziehung all unserer körperlichen und mentalen Fähigkeiten.

Dankbarkeit
Dankbarkeit entsteht aus der Tiefe, mit der Jiu Jitsu einen Menschen verändert. Sie gibt Selbstvertrauen, besiegt die eigenen Ängste, befreit den Körper und beruhigt den Geist und gibt uns darüber hinaus, die Mittel einen Angreifer schnell und effektiv zu besiegen. Jiu Jitsu ist nicht nur einfach ein Sport oder eine Selbtverteidigung, sondern etwas viel Persönlicheres. Ich kann mich gut daran erinnern, wie Jiu Jitsu mich in guten und schlechten Zeiten begleitet hat und immer irgendwie da war. Selbst, wenn man es körperlich nicht ausführen konnte war seine Präsens zu fühlen.

Jiu Jitsu ist eine Kampfkunst für das Leben und diese positive Energie erfüllt mit Dankbarkeit und Demut. Es geht plötzlich nicht mehr darum, was andere tun können, und ob man selber das richtige tut. Zweifel verstummen, Ängste und Wut lösen sich auf. Diese tiefe Dankbarkeit löst alle negativen Energien auf und stärkt gleichzeitig auch die anderen Werte des Jiu Jitsu. Wer dankbar ist, hat mehr Gefühl für sich und seine Mitmenschen, akzeptiert leichter, ist ehrlicher zu sich selber und will niemanden unnötig verletzen. Es ist der Sieg der Menschlichkeit über Wut und Zerstörung und Dankbarkeit ist die logische Konsequenz dieses Prozesses.

Demut
Jetzt wird es tief, richtig tief. Demut steht in unserer heutigen Gesellschaft nicht wirklich hoch im Kurs, denn das eigene Ego mag keine Demut. Wir glauben, uns über alles erheben zu können und fühlen uns wie Götter. Das Ironische daran ist, genau dieses Erheben trennt uns vom Göttlichen, von der Energie, die uns vereint. Das Gegenteil von Demut ist Stolz. Wir sind stolz auf unseren Stil. Unser Stil ist besser, cooler, brutaler, weicher, härter, usw. als die anderen Stile und deshalb sind wir besser. Stolz wirkt wie eine Droge, erst kommt der Rausch, doch irgendwann ist das Leid unvermeidbar, denn die Sucht nach äusserlicher Anerkennung wird immer größer.


Demut entsteht, wenn wir begreifen, dass nicht wir tun, sondern dass durch uns getan wird. Es gibt etwas, dem wir vertrauen können. Wenn wir loslassen, wenn wir uns hingeben, wenn wir Demut zeigen, dann bekommen wir Zugang zu dieser Kraft. Demut kommt mit Dankbarkeit. Je mehr der Jiu Jitsu Kämpfer erkennt, dass es keine Grenzen gibt, dass das eigene Wachstum nie aufhört und dass die Geheimnisse dieser Kunst nicht in Äußerlichkeiten, sondern tief im menschlichen Sein zu finden sind, desto mehr wird er diese Energie fühlen.

Wer Misogi Übungen und Atemtechniken ausführt, um Körper und Geist zu reinigen, wird oft dieses tiefe Gefühl von Demut empfinden. Eine tiefe Liebe, die dem Jiu Jitsu Kämpfer Vertrauen und Glauben schenkt, ihn unabhängig werden lässt und den Wunsch des Egos nach äußerlicher Bestätigung auflöst.

Stille
Die Stille ist der Schlüssel zum göttlichen. Jiu Jitsu ist ein Weg das eigene Ego zu beruhigen und den Strom der eigenen Gedanken für einige Zeit komplett zum Stillstand zu bringen. Wer die Stille erfährt, hat in das Angesicht der allumfassenden Wahrheit geblickt und wird in diesem Zustand keine Fragen mehr haben. All die Werte des Jiu Jitsu führen zur Stille und gleichzeitig führt die Stille auch zu all den anderen Werten dieser Kunst. Die Illusion der Trennung ist in diesem Moment aufgehoben und man fühlt die spirituelle Enrgie, der wir alle entspringen. Wer die Meisterschaft des Jiu Jitsu erlangt hat, ist in dieser Stille und erschafft seine Bewegungen aus diesem Zustand heraus.

Er ist frei, keine Emotion, kein Zweifel, kein unnötiges Klammern. Die richtige Bewegung, passiert zu richtigen Zeit. Man erschafft und vergisst und vor allem ist es einem egal, denn nicht das Ergebnis, sondern der Moment zählt für einen. Die 7 Tugenden des Jiu Jitsu, sind keine pragmatische Anleitung für mehr Erfolg auf der Matte, sondern der Versuch, das Unausprechliche in Worte zu fassen. Es geht nicht um Kampf, Wut und Aggression, sondern um Heilung, Verständnis und Freiheit. Die sanfte Kunst, eine Kampfkunst für den Menschen.

Zurück in die Vergangenheit – Teil 1: Wie Street ist mein Jiu Jitsu

Street Jiu Jitsu
Oldschool BJJ mit Rickson Gracie im November 2012

Anmerkung: An dieser Stelle möchte ich einmal einige Artikel aus den Jahren 2006-2012 veröffentlichen. Nicht alles was ich damals geschrieben habe, hat heute noch Bestand, aber es gibt doch erstaunliche Parallelen zu meinen aktuellen Texten. Den Anfang macht „Wie Street ist mein Jiu Jitsu – 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte“, ein Artikel aus dem Jahr 2012, einer Zeit in der ich sehr stark dem „Oldschool BJJ“ verbunden war.

Wie Street ist mein Jiu Jitsu – oder 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte

Die guten alten Neunziger. Im Radio lief Jam and Spoon, Brazilian Jiu Jitsu war fast vollkommen unbekannt und die Leute die es kannten, wussten das Royce Gracie „The baddest man on the planet“ war….

BJJ war für uns damals eine Form der Selbstverteidigung. Royce ging in den Käfig, es gab nahezu keine Regeln und er besiegte jeden seiner Gegner, mal mit Leichtigkeit und mal mit viel Dramatik. Submission Wrestling oder Sport BJJ war für uns überhaupt nicht existent und ich denke das es nicht vor 97 oder 98 war, das wir das erste Mal davon hörten. Jiu Jitsu war Kampf, es war die sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und genau das hat uns so daran fasziniert. Knapp 20 Jahre später ist alles anders. Grappling boomt, wenn auch nicht in Deutschland, so zumindest in den USA und es gibt eine riesige Wettkampfszene, die dazu beigetragen hat, das das sportliche Grappling Quantensprünge gemacht hat.

Für uns war Submission Wrestling immer eher ein Trainingstool, mit dem wir bestimmte Fähigkeiten des Kämpfens verbessern wollten. Es war nur Mittel zum Zweck und kaum einer meiner Schüler (inkl. mir), kannte sich mit der Punktevergabe und den Regeln aus. Das lag vielleicht auch daran, das in dieser Zeit sowieso fast alles erlaubt war, was irgendwie aus dem BJJ, Judo oder Grappling stammte. Der Trend zum sportlichen Grappling ist nicht uneingeschränkt schlecht, er hat viele Vorteile, aber wer BJJ zum Kämpfen nutzen möchte, der sollte sich ein paar Fragen ehrlich beantworten.

1. Hab ich Angst vor Schlägen und Tritten, bzw. kann ich sie abwehren?
Auch wenn viele Kämpfe am Boden enden, sie beginnen meistens im Stand und zwar in einer Distanz, in der man getreten oder geschlagen werden kann. Diesem Stress muss man sich im Training stellen, um sich daran zu gewöhnen und das richtige Timing für seine Würfe zu entwickeln. Einfaches nach vorne Stürmen, ist keine Lösung und hält so manch böse Überraschung bereit. Es geht nicht darum, selber ein guter Boxer oder Kicker zu sein (das ist ein völlig anderes Timing), sondern ein Gefühl für das Clinchen zu bekommen. Dieses Gefühl ist eine Eigenart des alten BJJ und macht es so wirksam, denn egal wie gut man am Boden ist, wenn man im Stand hart getroffen wird, endet man vielleicht gar nicht mehr in seiner Lieblingsdistanz.

2. Kann ich meine Würfe auch ohne weiche Matte ausführen?
Grundsätzlich kann man jeden Wurf ohne Matte ausführen, zumindest einmal. Wenn man jedoch Wert auf die eigene Gesundheit legt, sollte man seinen Gegner auf der Straße nicht unbedingt mit einem tiefen doppelten Beinangriff von den Beinen holen, weil sich sonst die eigene Kniescheibe und was sonst noch dazu gehört beschweren könnte. Auch das in die Guard springen oder sich auf den Hintern setzen und den Gegner zu Boden locken, sind keine geeigneten Strategien, Jiu Jitsu im Straßenkampf umzusetzen. Im Gegenteil, es sind fast schon Garantien dafür, das man den Kampf verliert. Sie brauchen einfache aber gute Würfe aus dem Clinch, dazu gehören abgewandelte Versionen von Judo Würfen und Techniken aus dem Greco-Roman Wrestling. Allerdings immer unter der Beachtung, das der Gegner schlagen oder mit dem Kopf stoßen kann und der Boden im Ernstfall sehr oft, sehr hart ist.

Um wirklich effektiv Kämpfen zu können benötigt man darüber hinaus auch die Fähigkeit, im Clinch Schläge und Stöße zu vermeiden und den Gegner zu kontrollieren. Nur so bieten sich dann die Möglichkeiten für Wurftechniken. Die Fähigkeit einen Angreifer gezielt werfen zu können, spielt gerade auch beim Kampf gegen mehrere Gegner eine große Rolle. Je schneller man jemanden zu Boden wirft, desto mehr Zeit hat man für Gegenangriffe, denn es gibt kaum eine Position die den Gegner so immobilisiert wie in die Bodenlage. Dies kann man nutzen um z.B. gezielte Stampftritte anzuwenden. Ein Wurf selber kann auch anders als Waffe eingesetzt werden, nämlich indem man einen Angreifer gezielt vor ein Auto, aus einem Fenster, oder auf einen Zaun wirft, um den Kampf schnell zu entscheiden.

Das solche Techniken nur im absoluten Notfall zur Anwendung kommen sollten, versteht sich von selber

3. Habe ich ein starkes Top Game?
Clinch – Takedown – Submission. So einfach kann das Leben sein, wenn man weiß welche Strategie für den regellosen Kampf geeignet ist. Anders als beim sportlichen Grappling, ist die Guard in einem echten Kampf nur die zweite Wahl. Ziel ist es immer die Mount, bzw. Back-Mount Position zu erreichen, den Angreifer mit Schlägen und guter Kontrolle dazu zu bringen einen Fehler zu machen und ihn dann zur Aufgabe zu zwingen. Genau deshalb ist es wichtig, ein stabiles Top Game zu haben. Keine Twister Rollen aus Side Mount, oder Triangles aus der Mount Position. Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle und danach Bent Armlock, Pillow Choke oder Mata Leao. Wenn das alles nichts hilft dann kommen zusätzlich noch Kopf- und Ellenbogenstöße ins Spiel, um den Kampf mit unschönen Mitteln zu entscheiden. Außerdem kann man vom Top Game auch, leicht aufstehen, Stampftritte ausführen, oder sich um andere Angreifer kümmern. Von daher ist „Guard Pulling“ keine Option für straßentaugliches Jiu Jitsu.

4. Habe ich eine „schlagfeste“ Guard
X-Guard, Turtle Guard, Half Guard, usw. alles schöne Positionen um im sportlichen Wettkampf zu bestehen und den Gegner mit ringerischen Mitteln zur Aufgabe zu zwingen, aber wenn Schläge erlaubt sind, verlieren diese Techniken ihren Sinn. Eine schlagfeste Guard, besteht aus einer starken geschlossenen Guard und einer sehr engen offenen, bzw. Spider Guard. Die Kontrolle der gegnerischen Arme und des Kopfes (Kopfstoß Gefahr) hat oberste Priorität. Gerade Kopfstöße sind in der Guard, von dem Gegner in Oberlage, sehr leicht auszuführen. Was ist mit Knien in die Oberschenkel, bzw. das Becken? Was mit Biss-Attacken? Man sollte auf all diese Dinge vorbereitet sein. Auch die eigenen Schlagtechniken aus der Guard sollte man nicht unterschätzen. Fersen Kicks in die Nieren. Ellebogen auf den Hinterkopf, Handflächenschläge auf Schläfe und Ohr, alles legitime Jiu Jitsu Techniken aus der Guard. Allerdings nur dann, wenn man sie auch regelmäßig trainiert.

5. Bin ich körperlich fit?
Jiu Jitsu ist ein schöner Sport und gibt dem Anwender viele technische Vorteile, aber egal wie technisch man ist, in einem Kampf in dem alles erlaubt ist, braucht man mehr als nur Jiu Jitsu. Man braucht jeden Vorteil den man kriegen kann und körperliche Fitness, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, usw. sind immer von Vorteil. Gerade die Ausdauer und Kraftausdauer spielen eine wichtige Rolle im Grappling und man sollte zusätzlich zu seinem regulären Training, noch ein funktionelles Fitness Training ausführen. Fighter-Fitness, z.B. wäre eine gute Option. In einem echten Kampf weiß man nie wie lange man bis zum Sieg kämpfen muss. Wenn man beim Joggen, mitten im Wald angegriffen wird und der 30 Kilo schwerere Angreifer liegt auf einem, dann gibt es keinen Ringrichter. Man muss den Gegner müde machen, ihn systematisch zerstören und schließlich entweder die Knochen brechen, ihn ohnmächtig würgen, oder ihn aus der Mount Position mit Schlagtechniken K.O. schlagen und dafür braucht man Ausdauer.;-)

6. Bin ich vom Gi abhängig?
Wird man häufiger von Menschen in langen Hosen und Jacken, bzw. Pullovern angegriffen oder eher von verschwitzten Männern in Badehosen? Das hängt zu einem Großteil davon ab, wo man seine Freizeit verbringt und ich will mir auch darüber keinerlei Gedanken machen müssen. Ein guter Kämpfer nutzt das was er hat, er nimmt das Rever des Gegners wenn gerade eines da ist, oder er würgt den gegnerischen Hals mit bloßen Händen. Entscheidend ist, das man auf alles vorbereitet und nicht abhängig davon ist, welche Kleidung ein Angreifer trägt. Friedrich Jiu Jitsu basiert auf No-Gi Training, aber wir arbeiten auch regelmäßig mit dem Gi als Hilfsmittel, bzw. Variable im realen Zweikampf.

7. Habe ich gute Submissions?
Es gibt keinen Punktsieg auf der Straße, alles was zählt, ist es den Kampf unbeschadet zu überstehen und den Gegner kampfunfähig zu machen. Aggressive Submissions sind von daher mehr als notwendig, wenn man sich erfolgreich verteidigen will. Wer also sein Jiu Jitsu auf Punkten aufgebaut hat, oder gerne auf Zeit spielt, sollte sich klar machen, das er damit im vollkommenen Gegensatz zur Philosophie des Oldschool BJJ steht. Das Ziel im Jiu Jitsu ist immer, den Gegner zur Aufgabe zu zwingen, bzw. ihm so zu verletzen, das er den Kampf nicht mehr weiterführen kann und will. Jede Position ist also nicht einfach nur zum Selbstzweck geschaffen worden, sondern stellt eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Endziel da: Den Gegner kampfunfähig zu machen.

8. Habe ich die richtige mentale Einstellung?
Jiu Jitsu ist kein Sport, wenn jemand versucht Kopfstöße und Schläge anzubringen, Blut fließt und man mit ungezügelter menschlicher Gewalt konfrontiert wird, braucht man eine klare mentale Einstellung. Jede Emotion, egal ob Angst, Wut, Aggression, usw. verklärt die eigene Entscheidungsfähigkeit, körperlich und auch mental.
Weder Mitleid noch Selbstmitleid sind in diesem Moment gefragt, es ist wichtig das mam eine distanzierte Haltung zur Situation entwickelt und vollkommen ohne Emotionen reagiert. Man versucht weder den Gegner zu schonen, noch ihn unnötig zu verletzen, das Ziel ist ganz klar. Die bedrohliche Situation aufzulösen und dabei unnötigen Schaden an sich selber und auch am Angreifer zu vermeiden. Bei aller Gewalt sollte man nämlich eines nie vergessen: Jiu Jitsu bietet eine sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und schützt so nicht nur den eigenen Körper, sondern auch die eigene Psyche und den Charakter.

Der Weg zum Mata Leao – „Die Zwangsjacke“

Heute gibt es zur Abwechslung mal ein Video. Der Weg zum Mata Leao, eine Variation der klassischen „Straight Jacket“ Kontrolle, aus der Back Mount Position. Ich habe diese Position für mich entwickelt, weil man dafür relativ wenig Flexibilität benötigt und die Position selber, relativ „unauffällig“ ist. Der Partner merkt erst recht spät das seine Hand kontrolliert sind.

Dieses Video behandelt nur eine Position, aber grundsätzlich gibt es ein komplettes System an Positionen und Möglichkeiten, mit dieser Form der Kontrolle. Für mich eine sehr gute Position, weil sie universell, also im sportlichen Rahmen, aber auch in der Selbstverteidigung, effektiv eingesetzt werden kann. Der Mata Leao gehört zu den zuverlässigsten Würgegriffen überhaupt und diese Form Kontrolle, macht seine Anwendung noch effektiver.

Bodenkampf, Soccer Kicks & Dirty Tricks

Dirty Tricks

Wenn es um Bodenkampf und Selbstverteidigung geht, dann gibt es eine Aussage die früher oder später immer fällt: „Auf der Straße gibt es keine Regeln, da kann ich am Boden auch Beißen, in die Augen greifen und andere „Dirty Tricks“ anwenden, wozu also Brazilian Jiu Jitsu lernen?“ Genau deshalb möchte ich heute das Thema „Dirty Tricks“ genauer Beleuchten und der Frage nachgehen, ob Beißen, Fingerstiche und Co., das BJJ oder Grappling Training komplett ersetzen können. Bevor wir aber in das Für und Wieder einsteigen, möchte ich erst einmal definieren, was genau „Dirty Tricks“ sind und wie man sie verwenden kann.

Beißen
Beißen, ein Klassiker über den ich schon in einem meiner ersten Artikel ausführlich geschrieben habe. Ja, Beißen im Nahkampf und am Boden ist eine Option, es tut weh, hinterlässt Spuren und kann eventuell auch zu gefährlichen Infektionen führen. Auf der anderen Seite kann auch der Beißende selber, potentiell infektiöses Blut in den Mund bekommen. Sie merken schon, Beißen ist an sich keine schöne Sache.;-) Da wir keine Raubtiere sind und auch nicht über deren Gebiss und Instinkt verfügen, hat der Biss eines Menschen in der Regel eine viel geringere Wirkung, als z.B. die eines großen Hundes. Hauptsächlich löst so ein menschlicher Biss Schmerzen aus und sorgt dafür das wir das gebissene Körperteil schnell wegziehen. Diesen Reflex machen wir uns auch im Brazilian Jiu Jitsu zu nutze, wenn wir taktische Bisse anwenden.

Fingerstiche in die Augen
Auch dies ein beliebter schmutziger Trick, der gerne propagiert wird. Natürlich kann man in einer sehr engen Clinch oder Bodenkampf Situation auch die Augen des Gegners mit den eigenen Fingern angreifen. Ob so etwas moralisch und juristisch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Fingerstiche lösen immer eine sehr starke Reaktion beim Gegner aus und reichen vom weg ziehen des Kopfes bis hin zum schnellen Entfernen aus der Kampfsituation. Je nachdem wie stark der Angriff ausgeführt wurde.

Kratzen
Mit Ausnahme von den Augen, dürften Kratzer, gerade am Körper, kaum eine große Wirkung erzielen. Ja so etwas ist unangenehm und tut vielleicht auch weh, aber hey, manche Menschen zahlen sogar Geld dafür, nur um gekratzt zu werden.;-) Von daher würde ich Kratzen als wenig effektiv einschätzen.

Griffe in den Unterleib
Auch dafür zahlen manche Menschen Geld, aber ich will nicht vom Thema abschweifen.;-) Angriffe auf den Unterleib sind immer sehr schmerzhaft und haben eine gewisse Schockwirkung. Je nachdem wie heftig man sie ausführt, können sie auch eine mannstoppende Wirkung haben. Das Problem beim Bodenkampf jedoch ist, das stabile und passgenaue Hosen, wie z.B. Jeans es oft sehr schwer machen, den Unterleib direkt anzugreifen. Sobald der Stoff im Schritt etwas gespannt ist, bietet er einen guten Schutz vor Griffen und auch Schläge aus naher Distanz, kommen nicht so optimal durch. Von daher sind Angriffe gegen den Unterleib zwar grundsätzlich wirksam, aber eben nicht immer optimal einsetzbar.

Spucken
Vielleicht hat Spucken in der momentanen Situation für manche Menschen eine gewisse Schockwirkung, aber grundsätzlich wird sich davon kaum jemand groß beeindrucken lassen. Glauben Sie mir, sie werden sich ihren Weg, nicht aus der Mount Position frei spucken, dafür fehlt es einfach an der Wirkung ihrer Spucke.;-)

Soccer und Stomp Kicks
„Elfmeter Kicks“ und Stampftritte zum Kopf, eines am Boden liegenden Gegners, sind auf zwei Arten extrem effektiv. Erstens wird der Gegner sehr schnell, sehr starke Verletzungen davon tragen und zweitens werden sie dafür wahrscheinlich juristisch auch sehr hart bestraft werden. Wenn ich einen Favorit bei den „Dirty Tricks“ habe, dann sind es diese Kicks, weil sie das Potential haben, einen Kampf in wenigen Sekunden komplett zu beenden. ABER und das ist das große aber, diese Techniken können tödlich sein und extreme moralische und juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Von daher möchte ich davon abraten, seinem angetrunken Schwager, der bei der goldenen Hochzeit der Eltern, einen über den Durst getrunken hat, mit einem Soccer Kick „Manieren beizubringen“.;-) Das könnte üble Folgen haben.

Oil Check
Das beste zum Schluß. 😉 Der berühmt-berüchtigte „Oil Check“ ,also das Einführen des eigenen Daumens in das gegnerische Rektum, kommt ja aus dem Ringen und wird dort öfters eingesetzt. Grundsätzlich ist das bestimmt nicht angenehm, aber auch kein Grund den Kampf aufzugeben. Außerdem gilt hier das Gleiche, wie den Angriffen zum Unterleib, eine relativ enge, stabile Hose bietet dagegen ausreichend Schutz. Von daher würde ich den „Oil Check“ zwar als gute Kontrolltechnik, aber nicht als Aktion zum beenden eines Kampfes einstufen.

Waffen

Waffen sind ein eigenes Thema, welches ich hier jetzt einmal ausklammere. In diesem Artikel geht es wirklich nur um die klassischen „Dirty Tricks“ und ihre Anwendung in einer SV Situation

Welchen Vorteil haben „Dirty Tricks“?
Meiner Meinung nach haben diese Techniken nur einen Vorteil, sie können einen Kampf relativ schnell beenden. Allerdings beschränkt sich das, auf die „Soccer Kicks“ und gut ausgeführte Fingerstiche, bzw. Angriffe auf den Unterleib. Die restlichen Tricks kann man sich eigentlich sparen, weil sie keine mannstoppende Wirkung erzielen werden. Beißen kann zwar taktisch eingesetzt werden, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, aber Beißen alleine, wird auch selten einen Kampf beenden.

Wie Anwendbar sind „Dirty Tricks“?
Genau jetzt kommen wir zu dem vielleicht wichtigsten Punkt, wie anwendbar sind „Dirty Tricks“, wenn man keine Erfahrung im BJJ oder einem anderen Grappling Stil hat? Kann man sich alleine nur mit diesen Tricks befreien, oder einen Angreifer sogar kampfunfähig machen?

Schauen wir uns einfach mal die drei wichtigsten Tricks an. Beginnen wir mit den „Soccer Kicks“ und Stampftritten. Wie effektiv kann man diese ohne Grappling Erfahrung einsetzen? Im Grunde ist das ganz leicht zu beantworten. Diese Techniken funktionieren nur, wenn der Gegner am Boden liegt und man selber steht. Grundsätzlich braucht man dafür also Wurftechniken und Erfahrung im Clinch, um einen Angreifer zu Boden zu werfen. Hat man diese nicht, sind die Fußtritte nicht anwendbar. Fazit: Während ein erfahrener BJJ Anwender mit diesen Techniken großen Schaden anrichten kann, sind sie für den Laien komplett wirkungslos und nicht anwendbar.

Was ist mit den Fingerstichen in die Augen? Das Problem dabei ist, das die positionelle Hierarchie des BJJ so aufgebaut ist, das man immer erst eine gute Position erreichen will, um dann anzugreifen. Wer also in der Mount Position auf seinem Gegner sitzt, kann alles besser. Er kann besser Würgen, Hebeln, Schlagen, oder eben Fingerstiche in die Augen ansetzen. Wer also aus der unteren Position der Mount Position anfangen würde Fingerstiche auszuführen, hätte damit relativ wenig Erfolg und würde seinen Gegner noch daran „erinnern“ das er dies ja aus der oberen Position viel besser machen kann. Dadurch würde es zu einem ungleichen Vergleich der Fingerstiche kommen, den in den meisten Fällen, der Anwender aus der Oberlage gewinnen würde, ganz einfach, weil er sich in der besseren Position befindet. Fazit: Wenn gleich diese Techniken mit viel Glück gegen einen ungeübten Angreifer funktionieren könnten, würden sie in Kombination mit grundlegenden BJJ oder Grappling Techniken viel besser und vor allem zuverlässiger funktionieren. Meiner Meinung nach bieten diese Tricks alleine, keinen sicheren Schutz in einer SV Situation am Boden, weil ein ungeübter Anwender kein Verständnis für die verschiedenen Bodenpositionen und den Befreiungen daraus hat.

Für die Angriffe auf den Unterleib gilt das Gleiche. Je schlechter die Position in der ich mich befinde, desto schwieriger wird es, diese Angriffe auszuführen. Ein starker Gegner kann einen untrainierten Anwender dieser Techniken einfach festhalten, klammern, schlagen, etc. ohne das dieser Antworten darauf hat und meistens in Hektik verfällt. Ist erst einmal Panik ausgebrochen, fehlt die Konzentration und Übersicht diese Techniken anzuwenden. Deshalb ist die Kombination, bzw. das Verständnis für die grundlegenden Prinzipien des BJJ so wichtig. BJJ, bzw. Grappling bietet die Basis, auf der man verschiedene Werkzeuge einsetzen kann. Weitere Infos dazu gibt es auch in meinem letzten Artikel.

Abschließende moralische und juristische Überlegungen
Ich weiß, „Dirty Tricks“ sind beliebt. Je brutaler desto besser, so zumindest in der Theorie, aber wir sollten nie vergessen, Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood. Wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin und ein betrunkener Jugendlicher will sich vor seinen Freunden beweisen und ich trete ihm dann vor meiner Frau und meinem kleinen Sohn, den Kopf mit einem Socker Kick weg, dann kann das traumatische Wirkung für mich und meine Familie haben. Es kann schwerwiegende juristische Folgen haben und es ist fraglich ob ich jemanden aus einem relativ nichtigen Anlass, sein Leben so zerstören muss.

Natürlich, auch solche Situationen können eskalieren, der Jugendliche könnte ein Messer ziehen, usw. aber ich denke wir sollten auch in der Selbstverteidigung versuchen ein gewisses Maß an Menschlichkeit zu wahren. Ja ich möchte mich verteidigen und ich bin auch bereit das in aller Konsequenz zu tun, aber ich muss nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und BJJ gibt mir eben genug Möglichkeiten, solche Sachen relativ menschlich zu lösen. Ein Würgegriff, der Junge schläft ein, wacht ein paar Sekunden später wieder auf und hat eine Lektion fürs Leben gelernt. Keine Spätfolgen, keine Rache, und wahrscheinlich auch keine traumatisierte Familie.

Von daher. „Dirty Tricks“ sollte man kennen, man sollte wissen welche funktionieren und wie man sie anwendet, aber man sollte sich eben auch bewusst sein, das für ein Großteil der SV Situationen, ein konsequentes, aber weniger brutales Vorgehen besser geeignet ist.

Die wahre Stärke des Brazilian Jiu Jitsu

Brazilian Jiu Jitsu  Stärke

Brazilian Jiu Jitsu ist für mich eine effektive und vor allem rudimentäre Form der Selbstverteidigung, die mit relativ wenig Trainingsaufwand funktioniert. Wie genau, das habe ich ja bereits in einigen Artikeln beschrieben und deshalb geht es heute auch weniger um die technischen Aspekte dieser Kampfkunst, sondern eher um einen fundamentalen Aspekt, der für mich in der Anwendung, gerade bei der SV, eine enorm wichtige Rolle spielt.

Ja BJJ funktioniert in allen waffenlosen Kampfdistanzen, ja es ist stark im Nahkampf und natürlich noch stärker am Boden, aber das sind alles technische und taktische Ausprägungen. Es gibt jedoch einen Aspekt, der hinter alle dem steht und der Quasi die Ursprungsenergie des BJJ ist. Es ist ein Aspekt der alles im BJJ definiert, es in Relation setzt und den Kontext für diese Kampfkunst vor gibt. Wenn sie diesen grundlegenden Aspekt verstanden haben, werden Sie ihn in jeder BJJ Technik wiedererkennen und die Technik viel bewusster ausführen.

Hab ich ihr Interesse geweckt? Wollen Sie wissen, was genau hinter diesem geheimnisvollen Aspekt des BJJ steckt? Ich werde es ihnen sagen, es geht um die bewusste Kontrolle der Distanz. Im BJJ dreht sich alles darum, die Distanz entweder gezielt zu verkürzen, oder eben mehr Platz zum Gegner zu schaffen. Egal ob in der Schlagdistanz, im Clinch oder am Boden, es geht immer darum, die Distanz so zu manipulieren, das der BJJ Anwender davon einen Vorteil hat. Genau das macht BJJ für die Selbstverteidigung so attraktiv, denn in praktische Worte gefasst, bedeutet das, das BJJ die Kontrolle des Gegners genauso lehrt, wie die Befreiung und Flucht vor dem Gegner.

Der BJJ Anwender lernt also die bewusste Navigation durch die verschiedenen Kampfdistanzen und dies eben auch in beide Richtungen. Diese Fähigkeit ist extrem wichtig und kann über Stilgrenzen hinweg eingesetzt werden.

Distanzkontrolle in der Schlagdistanz
Fangen wir mit dem Distanzgefühl in der Schlagdistanz an. Ein BJJ Anwender lernt, sich immer außerhalb der Schlagdistanz eines Angreifers zu positionieren, bzw. diese schnell zu unterlaufen, wenn er überraschend angegriffen wird. Diese Fähigkeit ist universell einsetzbar. Ein trainierter Anwender, kann bewusster die Gesprächsdistanz wählen, und kann die Distanz im Gespräch vergrößern, wenn er sich unwohl fühlt. Er kann auch einen Angriff schnell unterbinden, indem er nicht geschockt stehen bleibt, sondern direkt in den Clinch geht.

Distanzgefühl bedeutet Übersicht, man lernt aus der Distanz rauszugehen, z.B. um zu Flüchten, oder eine Waffe einzusetzen. Genauso lernt man, sich einer Person so zu nähern, das man zwar selber noch in sicherer Distanz ist, aber diese sehr schnell überbrücken kann, um die Person zu kontrollieren. Der Anwender lernt also sehr bewusst mit diesem Thema umzugehen und schon in der Phase vor dem ersten physischen Kontakt, die Kontrolle zu übernehmen. Um es noch einmal praktisch und prägnant zu formulieren, der BJJ Anwender steht immer nah genug um die Distanz zu überbrücken und weit genug weg, um weg zu laufen. Darüber hinaus hat er gelernt, diese Fähigkeit in einer dynamischen Situation aufrecht erhalten.

Distanzkontrolle im Clinch
Auch hier gilt das gleiche Prinzip. Der BJJ Anwender kann die Distanz verkürzen, als auch erweitern und genau das macht ja eine gute Navigation aus. Man kann also einen wild prügelnden Angreifer kontrollieren, indem man in den Clinch geht, kann ihn festhalten, an die Wand drücken, oder zu Boden werfen, je nachdem welche taktischen Vorgaben man hat.

Genauso kann man sich aber auch, aus einer eventuellen Umklammerung befreien und Distanz schaffen um zu flüchten, oder eine Schusswaffe, Pfefferspray, etc. einzusetzen. Auch hier besteht die Kontrolle der Distanz in beide Richtungen und das macht sie eben so vielseitig. Für eine Frau, die vielleicht in der dunklen Ecke eines Clubs angegriffen und umklammert wird, ist die Flucht und das vergrößern der Distanz lebenswichtig, um Öffentlichkeit herzustellen und so einen Angriff abzuwenden. Ein Polizist der vielleicht eine Prügelei zwischen zwei Besoffenen schlichten will, braucht die Fähigkeit der Kontrolle, um die Situation zu deeskalieren. So oder so, die Kontrolle der Distanz ist enorm wichtig, um auf die verschiedensten Szenarien reagieren zu können und BJJ basiert ja genau auf diesen zwei grundlegenden Fähigkeiten.

Glauben Sie nicht? Ich gebe ihnen ein klassisches Beispiel. Wenn sich der BJJ Anwender in der Mount Position, oben auf seinem Gegner befindet, was macht er da? Ganz einfach, er bleibt so eng es geht auf seinem Gegner sitzen, nimmt jegliche Distanz weg und klebt regelrecht auf seinem Gegenüber. Er kontrolliert ihn, indem er ihm den Raum zur Flucht nimmt.

Was macht der BJJ Anwender, wenn er sich unten in der Mount Position befindet und sein Gegner auf ihm sitzt? Er schafft Platz, nutzt seine Hüften, um die Distanz zum Gegner zu vergrößern und sich dann zu befreien. Beide Fähigkeiten finden sich also in dieser, aber auch in vielen anderen fundamentalen Positionen des BJJ wieder. Wenn fortgeschrittene BJJ Anwender Sparring machen, dann ist es quasi ein ständiger Kampf um den Raum, bzw. um das verkleinern und vergrößern der Distanz zum Gegner.

Distanzkontrolle am Boden
Wie schon eben beschrieben, geht es auch am Boden immer um die Distanz. Hat ein BJJ Anwender einen aggressiven und kräftigen Gegner auf den Boden geworfen, will dieser wieder aufstehen, um besser seine Kraft einsetzen zu können. Deshalb spielt hier die Verkürzung der Distanz eine große Rolle, um die dominante Position am Boden nicht zu verlieren. Wird man von einem starken Gegner zu Boden geworfen, kann es aber genauso wichtig sein, die Fähigkeit zu besitzen, Distanz zu schaffen, um aufzustehen. So kann man dann flüchten, oder aus der Distanz eventuelle Waffen einsetzen. Auch hier wieder das praktische Beispiel, der Polizist der einen prügelnden Angreifer zu Boden bringen muss, um ihn festzunehmen braucht die Fähigkeit der Kontrolle.

Der gleiche Polizist der von einem durchgeknallten Gewalttäter alleine überrascht und zu Boden geworfen wurde, braucht jetzt die Fähigkeit die Distanz zu vergrößern und aufzustehen. Beide Fähigkeiten lehrt das BJJ. Die Fähigkeit sich aus einer Umklammerung befreien zu können, spielt auch im Kampf gegen mehrere Angreifer eine große Rolle. Denn sollte man in so einer Situation von einem der Angreifer zu Boden gerissen werden, kann die Fähigkeit sich zu Befreien, aufzustehen und zu Flüchten, überlebenswichtig sein.

Sie merken schon, BJJ ist nicht nur einfach Raufen, keine Ansammlung von verschiedenen Tricks und Griffen, sondern ein System, dessen Schwerpunkt die Kontrolle der Distanz ist.

Brazilian Jiu Jitsu Stärke
Hier sieht man eine starke Barriere, die mit Kopf, Unterarm und Oberarm gebildet wird und hohen Kräften standhält.

Gerade im Clinch und am Boden, spielt die Positionierung des Körpers und besonders der Arme und des Kopfes, eine enorm wichtige Rolle. Der BJJ Anwender schafft strukturelle Barrieren, um einen Angreifer auflaufen zu lassen und seine Kraft zu neutralisieren. Dies gibt ihm die Zeit und die Übersicht, bewusst mit Umklammerungen umzugehen, diese zu vermeiden, oder für eigene Zwecke zu nutzen. Im Umkehrschluss übt der BJJ Anwender seine eigene Kraft, immer mit einem idealen Hebelverhältnis aus, so das eventuelle „Barrieren“ des Gegners leicht eingeknickt, oder umgangen werden können. Diese beiden Fähigkeiten sind essentiell, wenn es darum geht, die Distanz in die eine oder andere Richtung zu kontrollieren. Sie können klassisch in Kombination mit Hebel- und Würgegriffen genutzt werden, oder eben zu taktisch anderen Zwecken, wie ich das oben schon beschrieben habe.

Zum Vergleich, hier eine schwache Barriere, welche nur durch die Muskulatur des Armes stabilisiert wird
und deshalb sehr schwach ist

An dieser Stelle eine kleine Anmerkung zum Thema Sport BJJ. Ich persönlich mag ja die BJJ SV, aber genauso mag ich auch das sportliche BJJ. Das oben beschriebene System der Distanzkontrolle ist universell und kann sowohl sportlich als auch im SV Kontext eingesetzt werden. Trainiert man es im sportlichen Rahmen, gegen andere trainierte BJJ Anwender, entwickelt man zwangsläufig noch viel bessere Fähigkeiten, weil man sich ja ständig gegenseitig weiterentwickelt und neutralisiert. Von daher ist es auf jeden Fall von Vorteil, wenn man nach seinem grundlegenden SV Training, auch das sportliche Rollen betreibt, um stärkere sportspezifische Eigenschaften zu entwickeln. Vorausgesetzt man hat die Zeit und die körperliche Fitness dafür. Zu diesem Thema wird es aber von mir noch ein extra Artikel geben,

Hier eine effiziente Form, die Barriere des Gegners, durch die Drehung der eigenen Hüften zu überwinden.

Zusammengefasst kann man sagen, Brazilian Jiu Jitsu funktioniert auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite ist es ein Selbstverteidigungssystem, mit einer bewährten und einfachen Kampfstrategie, welches mit relativ wenig Trainingsaufwand erlernbar ist und auf der anderen Seite ist es ein System zur Distanzkontrolle, welches mit den unterschiedlichsten taktischen Vorgaben und SV-Möglichkeiten kombiniert werden kann.