BJJ zur Selbstverteidigung – Teil 1: Das Überbrücken der Distanz

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
„So weit wie nötig, so nah wie möglich“ EIn Grundprinzip des BJJ

Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war ein grauer Novembertag, 1993 oder 1994. Meine Mutter kam von der Post und hatte ein kleines Päckchen dabei, darin war eine Videokassette mit dem Titel „Gracie in Action 2“. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde, denn bis daher hatte ich über Brazilian Jiu Jitsu immer nur gelesen, aber in dem Moment, als ich die ersten bewegten Bilder sah, wusste ich, genau das will ich lernen.:-)

Zu sehen waren dort Vale Tudo Kämpfe, also die Vorläufer des modernen MMA. Außerdem gab es einige Straßenkämpfe, Herausforderungen in der Akademie und auch ein Kampf an der Copacabana war dabei. Alles in allem eine sehr beeindruckende Mischung, die sofort meine Faszination am BJJ weckte. BJJ bedeutet mehr oder weniger regelloses Kämpfen und Selbstverteidigung, so war mein erster Eindruck dieser Kampfkunst. Das BJJ auch noch eine sportliche Komponente hat, welche genauso süchtig machen kann, wurde mir erst einige Jahre später klar.:-)

Gut 25 Jahre später hat sich das Bild des BJJ, zumindest hier in Deutschland doch stark gewandelt. Brazilian Jiu Jitsu ist für viele ein Wettkampfsport, bei dem sich zwei Athleten gegenüber stehen oder auch sitzen und technisch hochkomplexe Bewegungen ausführen. BJJ hat keine Schlagtechniken und Techniken zur Selbstverteidigung und selbst der Durchschnittsanwender lernt schon vom ersten Tag an exotische Positionen und Techniken, die er dann im Wettkampf anwenden kann.

Gerade vor ein paar Tagen fragte jemand in einer Diskussion, über einen meiner Artikel, wie denn BJJ zur Selbstverteidigung überhaupt aussehen würde, da er sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Das hat mich verwundert, aber auch motiviert und genau deshalb schreibe ich jetzt diese neue Artikelserie. Ich möchte die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ genauer beleuchten und vorstellen, weil ich glaube, das BJJ ein hervorragendes SV System ist, welches viel mehr Menschen erreichen könnte, als es das bisher geschafft hat.

BJJ als SV ist einfach strukturiert, funktioniert auch für weniger athletische Menschen und lässt sich auch unter Stress und mit eingeschränkter Feinmotorik anwenden und doch ist es so fundamental anders wie viele andere Systeme. Was hat es also auf sich, mit der BJJ Selbstverteidigung?

Grundsätzlich besteht die Basisstrategie aus 3 Aspekten:

  • Dem Überbrücken der Schlag- und Trittdistanz
  • Der Clinch (Kontrolle, Submission und Würfe)
  • Der Bodenkampf (Kontrolle & Submissions)

Wir werden alle 3 Aspekte ausführlich analysieren und beginnen heute im ersten Teil, mit dem Kampf in der Schlag- und Trittdistanz.

Den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden
Wenn man die Kampfstrategie des BJJ für die Schlagdistanz mit einem Satz beschreiben müsste, dann wäre der obige Satz wohl die perfekte Wahl. Das Hauptziel im Brazilian Jiu Jitsu ist es, den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen und das unterscheidet es auch von vielen anderen Stilen.

Warum also, will man im BJJ keinen Austausch von Schlägen? Sind Schläge nicht effektiv?

Doch, Schläge sind in der Selbstverteidigung sehr effektiv. Ein gut gezielter Punch ist wahrscheinlich die schnellste uns eleganteste Art einen Kampf zu beenden, aber er erfordert eben ein Zusammenspiel vieler Faktoren und Fähigkeiten, die nicht immer gegeben sind. Im BJJ gehen wir davon aus, das ein Angreifer körperlich stärker und schwerer ist und über jede Menge Aggression und Schlagkraft verfügt. Vielleicht ist diese Vorstellung manchmal etwas übertrieben, aber wir sind lieber auf unseren schlimmsten Albtraum vorbereitet, als das wir jemanden unterschätzen und man sollte nie vergessen, ein Täter sucht sich ein vermeintlich schwaches Opfer und von daher wird er wohl selten jemanden angreifen, der ihm schon auf den ersten Blick körperlich überlegen ist.

Was also tun, wenn man jemanden gegenübersteht, der deutlich größer und schwerer ist und wild mit den Fäusten schwingend auf uns zugerannt kommt? Für uns ist das klar, wir versuchen uns so gut wie möglich zu schützen und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, denn dort hat der Angreifer nicht mehr die Distanz die er benötigt, um effektiv schlagen zu können. Aber dazu später mehr.

Haben sie schon einmal einen Boxkampf gesehen, in dem einer der Kontrahenten deutlich unterlegen ist? Der Unterlegene versucht dann sehr oft in den Clinch zu kommen, um den Angriffen seines Gegenübers zu entgehen, leider funkt dann immer der Ringrichter dazwischen und trennt die beiden wieder, denn er weiß, im Clinch sind kaum noch Boxtechniken und K.O.s möglich und das Publikum will schließlich „Action“ sehen.:-) Trotzdem ist der Clinch im Boxen eine bewährte Methode über die Zeit zu kommen, die schon immer genutzt wurde.

Everyone has a plan until he gets hit
Dieses Mike Tyson Zitat, trifft es eigentlich auf den Punkt. Kämpfen kann nämlich manchmal sehr einfach sein. Jeder hat einen Plan, eine Strategie, ein paar Techniken an die er glaubt, aber sobald ein Volltreffer einschlägt, verliert sich das alles in einer Mischung aus Panik und Benommenheit, die kein klares Denken mehr zulässt. Ein Volltreffer im Boxen ändert alles und selbst der bewährte Clinch ist dann oft keine Option mehr, weil der Körper einfach nicht mehr gehorcht und so kann nur noch der Ringrichter den angeschlagenen Boxer vor weiteren Schäden bewahren.

Wir im BJJ sind etwas paranoid.:-) Oder vielleicht haben wir auch einfach kein Selbstbewusstsein;-) Aber wir glauben eben, wie schon erwähnt, immer daran, das unser Gegner ein gefährlicher Puncher ist und deshalb wollen wir auf keinen Fall einen Volltreffer kassieren, weil wir wissen, das im Ernstfall kein Ringrichter da ist, der uns schützt.

Im BJJ hat man diese Erkenntnis schon vor vielen Jahrzehnten gewonnen und sie immer weiter verfeinert. Man hat ein System entwickelt mit dem man den Clinch mehr oder weniger erzwingen und das Risiko eines Volltreffers minimieren kann.

So nah wie möglich, so weit wie nötig
Genau das ist eine der Basisstrategien des BJJ Standkampfes und beschreibt das Mindset das wir dabei haben, eigentlich ganz gut. In einer Kampfsituation wollen wir uns immer ganz knapp außerhalb der Reichweite unseres Gegners befinden, um nicht getroffen zu werden. Die Betonung liegt auf „knapp“ denn gleichzeitig wollen wir ihm, so nah wie möglich sein, um einen kurzen Weg in den Clinch zu haben. Wir „tanzen“ also auf der Schwelle zur Schlagdistanz, locken den Gegner in einen überhasteten Angriff oder zerstören seine Struktur für einen kurzen Moment, um dadurch in den Clinch zu kommen.

Für den BJJ Anwender gibt es grundsätzlich nur zwei Distanzen. Entweder wie eben beschrieben außerhalb der Reichweite des Gegners, oder eben ganz nah im Clinch. Alles dazwischen bedeutet für Ihn eine unkalkulierbare Gefahr, die er vermeiden möchte.

Während im klassischen BJJ der Kampf meistens als Duell anfing, d.h. beide Kontrahenten standen sich mit Abstand gegenüber und wussten das der Kampf jetzt losgeht, spielt diese Situation in der modernen Selbstverteidigung eine eher untergeordnete Rolle, bzw. hat ihren sportlichen Nutzen.

In den modernen BJJ SV Konzepten geht es hauptsächlich darum, einen überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, oder von der Seite, etc. zu bewältigen. Die Grundprinzipien haben sich dadurch nicht geändert, es geht immer noch daran, durch ein geschicktes Spiel mit der Distanz so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, aber der Kontext und die Problematik ist ein wenig anders.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Eine der Vorkampf-Positionen in Anwendung

Während in der klassischen Duellsituation das Problem darin besteht, die lange Distanz zu überbrücken und den eigenen Eingang in den Clinch so gut wie möglich zu verschleiern, geht es bei einem überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, darum, durch bestimmte Vorkampf-Positionen besser auf plötzliche Angriffe reagieren zu können und dabei vorher trotzdem nicht aggressiv uns eskalierend zu wirken.

Wir nutzen dafür 3 grundlegende Positionen, bei denen wir mit unseren Händen unseren Körper, bzw. unser Gesicht schützen, ohne dabei aggressiv zu wirken. Sollte die Situation jedoch eskalieren, können wir von dort aus direkt mit viel Vorwärtsdruck und einer starken defensiven Verteidigungsstruktur in den Clinch gehen. Durch das gezielte und konsequente nach vorne gehen, brechen wir das Gleichgewicht des Gegners (Kuzushi) und nehmen ihm dadurch noch mehr die Möglichkeit, harte Schläge anzuwenden.

Das Training basiert darauf, aus den Kontrollpositionen, in eine defensive Verteidigungsstruktur (die oberflächlich Ähnlichkeit mit einer Doppeldeckung hat) zu gehen und dann geschützt in den Gegner zu „crashen“, um ihm das Gleichgewicht zu nehmen und den Clinch zu etablieren. Dies funktioniert mit dem entsprechenden Training auch für Menschen die keinerlei Erfahrung mit Schlägen, oder vielleicht sogar Angst vor Schlägen haben, sehr gut und zuverlässig.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Die defensive Verteidigungsstruktur in Anwendung

Was ist mit mehreren Angreifern?
Diese Frage höre ich öfters. Was ist wenn man mehreren Angreifern gegenübersteht und der Clinch keine Option ist. Ist es da nicht besser alle Angreifer mit Schlägen kampfunfähig zu machen?

Meine Antwort darauf ist einfach: Ja es wäre besser, aber die Realität ist leider nicht wie in Hollywood und wenn man im Zweikampf mit einem gefährlichen Angreifer schon K.O. gehen kann, dann ist das Risiko bei 2 oder 3 Angreifern noch um ein Vielfaches höher.

Natürlich gibt es Fälle in denen ein Mensch sich erfolgreich gegen 2 oder 3 Gegner gewehrt hat und alle K.O. geschlagen hat, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wird das ein trainierter Athlet gewesen sein, der körperlich, technisch und mental top fit war. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Schlagen und Treten und trainiere es regelmäßig. Für mich ist es auch ein Teil des fortgeschrittenen Jiu Jitsu. Aber nach 25 Jahren als Lehrer und Coach, weiß ich einfach das die meisten Menschen nicht die idealen Trainingsparameter haben, sondern eher die minimalen.

Der „normale“ BJJ Anwender, der an Selbstverteidigung interessiert ist, wird nicht mehr als 2-3 mal pro Woche trainieren, kann sich keine blutigen Nasen und blauen Augen leisten (beruflich, privat und gesundheitlich) und hat nicht die Zeit, ein Experte in allen Distanzen zu werden. Natürlich arbeite ich mit meinen jungen motivierten Schülern, die 5-6 mal pro Woche trainieren, viel mehr und auch in alle Distanzen, aber das sind eben die Ausnahmen und nicht der reguläre Schüler.

Der kleinste gemeinsame Nenner
Vom Wortsinn her nicht 100% korrekt, aber trotzdem drückt es genau das aus. Die Standkampf Strategie des BJJ, das Überbrücken der Distanz, das Vermeiden des offenen Schlagabtausch ist der kleinste gemeinsame Nenner von Trainingspensum und Effektivität. Diese Strategie ist für „normale“ Menschen, mit einem regulären Trainingspensum umsetzbar und gleichzeitig ist sie aber auch eine solide Basis für Menschen die darauf weiter aufbauen wollen.

Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, auch wenn ich gerne im Stand kämpfe, ist die BJJ Standkampf Taktik, mein sicherster und solidester Plan. Vieles funktioniert, wenn die Dinge perfekt laufen, aber es ist beruhigend zu wissen, das es auch etwas gibt was funktioniert, wenn in der Selbstverteidigung fast alles schief läuft.;-)

Ich hoffe ich konnte in diesem ersten Teil einen kleinen Einblick in die fundamentalen Kampfstrategien und SV Taktiken des BJJ geben. Im zweiten Teil, geht es darum wie man seinen Gegner im Clinch kontrolliert und ihn entweder zu Boden oder zur Aufgabe zwingen kann. Es gibt also zu schreiben, zum Thema BJJ und Selbstverteidigung.;-)

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