Self Defense First – Warum Selbstverteidigung beim BJJ an erster Stelle stehen sollte

Self Defense

„Self Defense First“ ist nicht nur ein Spruch, sondern etwas was ich so erleben durfte. Ich glaube, ich habe schon einmal über meine ersten Erfahrungen mit dem BJJ in den Neunziger Jahren geschrieben. Von daher brauche ich mich jetzt nicht großartig zu wiederholen. BJJ war für uns damals Kämpfen, egal ob Selbstverteidigung, Kämpfe im Ring oder Dojo Challenge Fights, Brazilian Jiu Jitsu war zum Kämpfen gemacht und so trainieren wir es auch heute noch. Leider ist der SV und Kampf Aspekte im BJJ immer weiter in Vergessenheit geraten und es gibt nur einige wenige Schulen, die diese Aspekte als regulären Teil ihres Trainings unterrichten. BJJ wurde zu einem modernen Wettkampfsport, einer Subkultur, welche plötzlich vollkommen neue Werte und Ideale hat und nur für wenige Menschen wirklich attraktiv ist.

Hätte ich damals ein Sport BJJ Video aus dem Jahr 2020 gesehen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, diese Kunst zu praktizieren. Warum sollte ich mich auf den Boden setzen und dann irgendwelche extrem beweglichen und athletischen Bewegungen ausführen, um mich damit selber zu verteidigen? Verstehen Sie mich nicht falsch, Sport BJJ ist ein extrem technischer und anspruchsvoller Wettkampfsport und ich mag die No-Gi Version auch selber sehr gerne, aber ohne den Bezug zum realen Kämpfen, hätte ich niemals verstanden, warum ich überhaupt am Boden kämpfen sollte.

Wenn man BJJ betrachtet, muss man ehrlich zugeben, das es nur eine Randsportart ist. Eine Subkultur, junger, athletischer Menschen, die den Lifestyle und Wettkampfaspekt dieser Sportart mögen und sie deshalb praktizieren. So wird es nach außen propagiert, so wird es unterrichtet und so wird es sich wahrscheinlich auch immer weiter entwickeln.
Es hat wenig praktischen Nutzen für Menschen die Selbstverteidigung lernen wollen. Es bietet keine speziellen SV Techniken, es ist physisch extrem anspruchsvoll und das gesamte Training ist auf den Wettkampfaspekt ausgerichtet und genau deshalb finden nur sehr wenige Menschen den Weg zum BJJ, bzw. werden sofort abgeschreckt, wenn sie auf der Suche nach einer Selbstverteidigung sind.

Ich finde das sehr schade und habe mich schon seit einiger Zeit dazu entschlossen diesem Trend entgegen zu treten. Ich glaube nämlich das BJJ, richtig unterrichtet, eine hervorragende Selbstverteidigung für fast jeden Menschen ist und auch eine enorme Bereicherung im Bereich der SV sein kann. BJJ bietet ringerische Lösungen, um einen Konflikt zu lösen und genau das hat viele Vorteile, welche ich in diesem Artikel, vor einiger Zeit beschrieben habe. Ich bin überzeugt davon, das der Selbstverteidigungsaspekt im BJJ am Anfang des Training stehen muss und das jeder Schüler diesen Prozess durchlaufen sollte. Warum und welche Vorteile das bietet, ist Thema dieses Artikels.

Der Sinn des BJJ liegt in der SV
Warum ist die Mount Position eine bessere Position als die Guard Position? Warum ist Back Mount besser als Side Mount? Im BJJ Wettkampf gibt es für Mount und Back Mount die meisten Punkte, aber warum ist das so? Warum kriege ich nicht die gleichen Punkte, wenn ich meinen Gegner in den Schwitzkasten nehme? Nun, man könnte dem geneigten Neuling einen längeren Vortrag über die technischen Möglichkeiten innerhalb der verschiedenen Positionen halten, oder einfach locker mit Schlägen rollen und ihm zeigen, in welcher Position er am hilflosesten ist und er die meisten Schläge einsteckt. Bei der zweiten Möglichkeit, hat er dies schon nach wenigen Momenten unmissverständlich begriffen, auch wenn er sonst keine Ahnung vom BJJ hat.

Genau das ist der Punkt, die Anwendung des BJJ im realen Kampf, verdeutlicht sofort, warum die Kampfkunst so ist, wie sie ist. Die positionelle Hierarchie, der Fokus auf „Position over Submission“, all das kann der Schüler besser verstehen, wenn er sieht wie BJJ im Kontext der SV funktioniert. Damit entwickelt er von Anfang an ein besseres und präziseres Verständnis für die von ihm praktizierte Kampfkunst. Auch wenn er danach vielleicht nur noch Interesse an den sportlichen Aspekten des BJJ hat, wird diese Anfangszeit ihn prägen und sein BJJ auf eine bestimmte Art und Weise definieren.

BJJ für alle Menschen
Nicht jeder Mensch hat Lust ein richtiger Athlet und Kämpfer zu werden und sich sportlich mit BJJ zu messen. Genau deshalb sind viele Menschen auch abgeschreckt. Die Vorstellung sich mit schwitzenden Menschen am Boden herum zu rollen und dabei gewürgt zu werden, ist für viele potentielle SV Interessenten unangenehm. Ja es ist realistisch, ja es gehört später im BJJ dazu und ja es macht auch die SV Fähigkeiten besser, aber Fakt ist nun einmal das viele Menschen so abgeschreckt sind, das sie diesen großen Schritt gar nicht erst wagen. Genau hier kommt das Selbstverteidigungstraining ins Spiel. Es bietet einen angenehmeren und einfacheren Rahmen, um mit dieser Kampfkunst anzufangen. Technische Abläufe und Simulationen sind besser skalierbar und bieten schnellere Erfolgserlebnisse.

In dieser Zeit lernt der Schüler BJJ besser kennen und kann langsam an die Realität des sportlichen Rollens herangeführt werden. Nicht alle werden es mögen, bzw. praktizieren, aber es werden mehr Menschen den Sprung schaffen, als ohne SV Training. Darüber hinaus können die Leute, die keine Ambitionen am sportlichen Zweikampf haben, weiter abwechslungsreich und realistisch trainieren und so dabei helfen, die Kampfkunst weiter zu verbreiten und wachsen zu lassen.

BJJ und die Rentabilität einer Schule
Wer eine Kampfkunstschule beruflich oder nebenberuflich betreibt, hat natürlich auch den finanziellen Erfolg im Sinn. Selbst wenn man ein „Hardcore Gym“ betreibt und nur Wettkämpfer ausbildet, muss die Miete und die anderen Kosten schließlich bezahlt werden und da die Unterrichtspreise im BJJ nur ein Viertel von denen in den USA betragen, braucht man dazu eben auch eine menge Schüler. Das BJJ Selbstverteidigungstraining ist, wie schon beschrieben, eine sinnvolle Ergänzung für fast alle Menschen und hat einen enormen Mehrwert. Während Sport BJJ meist nur etwas für einige wenige Enthusiasten ist, bietet die Selbstverteidigung ein breites Spektrum an Schülern, denn wie schon gesagt, kann es fast jeder gebrauchen und für sich nutzen. Ich vergleiche das SV Training gerne mit einem Trichter der viele Menschen in die eigene Schule führt, nicht alle werden bleiben und langfristig trainieren, aber es werden doch immer einige übrig bleiben und der „Trichter“ sorgt für immer neue Schüler.

Tradition bewahren und weiterentwickeln
BJJ ist aus Tradition Kampfkunst und Selbstverteidigung. Erst war das Kämpfen und viele Jahrzehnte später, erst der sportliche Wettkampf. Diese Tradition hat BJJ stark gemacht und über viele Jahre wachsen lassen. Selbst als Royce Gracie, 1993 den ersten UFC gewann, war BJJ in erster Linie eine Kampfkunst und kein Sport. Ich habe diese Tradition noch so erlebt, denn die Blackbelts und Meister in den Neunziger Jahren, waren nicht nur guter Sportler, sondern fast immer auch gute Kämpfer. Während sich das sportliche BJJ mit und ohne Gi immer weiter entwickelt und geradezu explodiert, fristet das BJJ zur SV doch eher ein Schattendasein. Dabei hat es ein riesiges Potential und ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Von daher gibt es hier die Chance nicht nur eine Tradition zu bewahren, sondern eine Kunst weiter zu entwickeln, die andernfalls in Vergessenheit geraten würde.

Bereit für den Ernstfall
Körperliche Gewalt kann jederzeit und überall passieren egal wie gut man das sportliche BJJ beherrscht, in Situationen voller Chaos, Aggression und Adrenalin, ist es wichtig sich auf wenige, einfache Techniken verlassen zu können. In einer perfekten SV Situation klappt vieles, aber leider sind die wenigsten SV Situationen perfekt und man wird überrascht und macht Fehler. Um in solch einer Situation handlungsfähig zu bleiben, ist es wichtig, starke Grundlagen zu haben, die man auch unter Stress durchziehen kann. Von daher hat das „einfache“ Selbstverteidigungs-BJJ auch seine Berechtigung für fortgeschrittene Anwender.

Eine Ode an den Sport
Bevor ich diesen Artikel beende, gibt es noch eine Ode an das No-Gi Sport BJJ. Ich liebe es.;-) Ich würde es nie missen wollen, aber ich würde auch nie den Bezug zur SV verlieren wollen.
Sportliches Rollen mit Leuten die genau wissen, wie man eine Technik kontert, ist eine ständige Herausforderungen und entwickelt das eigene BJJ auf ein extrem hohes Level. Es steigert die sportspezifische Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit und hilft dabei ein besserer Mensch zu werden. Wenn ich mit jemanden jahrelang trainiere und z.B. einen Würgegriff ansetzen will, dann weiß meiner Partner genau was ich von ihm will, er kennt meine Technik, hat einen Konter dafür und ist körperlich aufs BJJ eingestellt. Wenn das dann bei ihm klappt, dann klappt das gegen einen untrainierten Gegner auf der Straße erst recht.

Auf der anderen Seite, zieht mein Trainingspartner beim sportlichen Rollen auch nicht plötzlich ein Messer…..Sie merken, die Anforderungen und Ziele von Sport und SV haben ihre Schnittmenge, aber auch ihre Differenzen. Nur wenn man beide Aspekte versteht und trainiert, kann man seine optimale Leistung abrufen und ständig weiterentwickeln.

SV ist ernst, ohne Schnörkel, ein bisschen hart und gewalttätig. Sport BJJ ist kreativ, spielerisch, Futter für die Seele und für die Entwicklung des eigenen Nervensystems hin zu immer komplexeren Bewegungsabläufen. Beide Seiten sind für die Entwicklung eines Menschen wichtig. Es gibt Zeiten der Gewalt und Zeiten des Friedens, manchmal muss man kämpfen und manchmal Spielen. BJJ verbindet beides und genau das gibt dieser Kunst ihre Seele.

Der Weg zum Mata Leao – „Die Zwangsjacke“

Heute gibt es zur Abwechslung mal ein Video. Der Weg zum Mata Leao, eine Variation der klassischen „Straight Jacket“ Kontrolle, aus der Back Mount Position. Ich habe diese Position für mich entwickelt, weil man dafür relativ wenig Flexibilität benötigt und die Position selber, relativ „unauffällig“ ist. Der Partner merkt erst recht spät das seine Hand kontrolliert sind.

Dieses Video behandelt nur eine Position, aber grundsätzlich gibt es ein komplettes System an Positionen und Möglichkeiten, mit dieser Form der Kontrolle. Für mich eine sehr gute Position, weil sie universell, also im sportlichen Rahmen, aber auch in der Selbstverteidigung, effektiv eingesetzt werden kann. Der Mata Leao gehört zu den zuverlässigsten Würgegriffen überhaupt und diese Form Kontrolle, macht seine Anwendung noch effektiver.

Bodenkampf, Soccer Kicks & Dirty Tricks

Dirty Tricks

Wenn es um Bodenkampf und Selbstverteidigung geht, dann gibt es eine Aussage die früher oder später immer fällt: „Auf der Straße gibt es keine Regeln, da kann ich am Boden auch Beißen, in die Augen greifen und andere „Dirty Tricks“ anwenden, wozu also Brazilian Jiu Jitsu lernen?“ Genau deshalb möchte ich heute das Thema „Dirty Tricks“ genauer Beleuchten und der Frage nachgehen, ob Beißen, Fingerstiche und Co., das BJJ oder Grappling Training komplett ersetzen können. Bevor wir aber in das Für und Wieder einsteigen, möchte ich erst einmal definieren, was genau „Dirty Tricks“ sind und wie man sie verwenden kann.

Beißen
Beißen, ein Klassiker über den ich schon in einem meiner ersten Artikel ausführlich geschrieben habe. Ja, Beißen im Nahkampf und am Boden ist eine Option, es tut weh, hinterlässt Spuren und kann eventuell auch zu gefährlichen Infektionen führen. Auf der anderen Seite kann auch der Beißende selber, potentiell infektiöses Blut in den Mund bekommen. Sie merken schon, Beißen ist an sich keine schöne Sache.;-) Da wir keine Raubtiere sind und auch nicht über deren Gebiss und Instinkt verfügen, hat der Biss eines Menschen in der Regel eine viel geringere Wirkung, als z.B. die eines großen Hundes. Hauptsächlich löst so ein menschlicher Biss Schmerzen aus und sorgt dafür das wir das gebissene Körperteil schnell wegziehen. Diesen Reflex machen wir uns auch im Brazilian Jiu Jitsu zu nutze, wenn wir taktische Bisse anwenden.

Fingerstiche in die Augen
Auch dies ein beliebter schmutziger Trick, der gerne propagiert wird. Natürlich kann man in einer sehr engen Clinch oder Bodenkampf Situation auch die Augen des Gegners mit den eigenen Fingern angreifen. Ob so etwas moralisch und juristisch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Fingerstiche lösen immer eine sehr starke Reaktion beim Gegner aus und reichen vom weg ziehen des Kopfes bis hin zum schnellen Entfernen aus der Kampfsituation. Je nachdem wie stark der Angriff ausgeführt wurde.

Kratzen
Mit Ausnahme von den Augen, dürften Kratzer, gerade am Körper, kaum eine große Wirkung erzielen. Ja so etwas ist unangenehm und tut vielleicht auch weh, aber hey, manche Menschen zahlen sogar Geld dafür, nur um gekratzt zu werden.;-) Von daher würde ich Kratzen als wenig effektiv einschätzen.

Griffe in den Unterleib
Auch dafür zahlen manche Menschen Geld, aber ich will nicht vom Thema abschweifen.;-) Angriffe auf den Unterleib sind immer sehr schmerzhaft und haben eine gewisse Schockwirkung. Je nachdem wie heftig man sie ausführt, können sie auch eine mannstoppende Wirkung haben. Das Problem beim Bodenkampf jedoch ist, das stabile und passgenaue Hosen, wie z.B. Jeans es oft sehr schwer machen, den Unterleib direkt anzugreifen. Sobald der Stoff im Schritt etwas gespannt ist, bietet er einen guten Schutz vor Griffen und auch Schläge aus naher Distanz, kommen nicht so optimal durch. Von daher sind Angriffe gegen den Unterleib zwar grundsätzlich wirksam, aber eben nicht immer optimal einsetzbar.

Spucken
Vielleicht hat Spucken in der momentanen Situation für manche Menschen eine gewisse Schockwirkung, aber grundsätzlich wird sich davon kaum jemand groß beeindrucken lassen. Glauben Sie mir, sie werden sich ihren Weg, nicht aus der Mount Position frei spucken, dafür fehlt es einfach an der Wirkung ihrer Spucke.;-)

Soccer und Stomp Kicks
„Elfmeter Kicks“ und Stampftritte zum Kopf, eines am Boden liegenden Gegners, sind auf zwei Arten extrem effektiv. Erstens wird der Gegner sehr schnell, sehr starke Verletzungen davon tragen und zweitens werden sie dafür wahrscheinlich juristisch auch sehr hart bestraft werden. Wenn ich einen Favorit bei den „Dirty Tricks“ habe, dann sind es diese Kicks, weil sie das Potential haben, einen Kampf in wenigen Sekunden komplett zu beenden. ABER und das ist das große aber, diese Techniken können tödlich sein und extreme moralische und juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Von daher möchte ich davon abraten, seinem angetrunken Schwager, der bei der goldenen Hochzeit der Eltern, einen über den Durst getrunken hat, mit einem Soccer Kick „Manieren beizubringen“.;-) Das könnte üble Folgen haben.

Oil Check
Das beste zum Schluß. 😉 Der berühmt-berüchtigte „Oil Check“ ,also das Einführen des eigenen Daumens in das gegnerische Rektum, kommt ja aus dem Ringen und wird dort öfters eingesetzt. Grundsätzlich ist das bestimmt nicht angenehm, aber auch kein Grund den Kampf aufzugeben. Außerdem gilt hier das Gleiche, wie den Angriffen zum Unterleib, eine relativ enge, stabile Hose bietet dagegen ausreichend Schutz. Von daher würde ich den „Oil Check“ zwar als gute Kontrolltechnik, aber nicht als Aktion zum beenden eines Kampfes einstufen.

Waffen

Waffen sind ein eigenes Thema, welches ich hier jetzt einmal ausklammere. In diesem Artikel geht es wirklich nur um die klassischen „Dirty Tricks“ und ihre Anwendung in einer SV Situation

Welchen Vorteil haben „Dirty Tricks“?
Meiner Meinung nach haben diese Techniken nur einen Vorteil, sie können einen Kampf relativ schnell beenden. Allerdings beschränkt sich das, auf die „Soccer Kicks“ und gut ausgeführte Fingerstiche, bzw. Angriffe auf den Unterleib. Die restlichen Tricks kann man sich eigentlich sparen, weil sie keine mannstoppende Wirkung erzielen werden. Beißen kann zwar taktisch eingesetzt werden, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, aber Beißen alleine, wird auch selten einen Kampf beenden.

Wie Anwendbar sind „Dirty Tricks“?
Genau jetzt kommen wir zu dem vielleicht wichtigsten Punkt, wie anwendbar sind „Dirty Tricks“, wenn man keine Erfahrung im BJJ oder einem anderen Grappling Stil hat? Kann man sich alleine nur mit diesen Tricks befreien, oder einen Angreifer sogar kampfunfähig machen?

Schauen wir uns einfach mal die drei wichtigsten Tricks an. Beginnen wir mit den „Soccer Kicks“ und Stampftritten. Wie effektiv kann man diese ohne Grappling Erfahrung einsetzen? Im Grunde ist das ganz leicht zu beantworten. Diese Techniken funktionieren nur, wenn der Gegner am Boden liegt und man selber steht. Grundsätzlich braucht man dafür also Wurftechniken und Erfahrung im Clinch, um einen Angreifer zu Boden zu werfen. Hat man diese nicht, sind die Fußtritte nicht anwendbar. Fazit: Während ein erfahrener BJJ Anwender mit diesen Techniken großen Schaden anrichten kann, sind sie für den Laien komplett wirkungslos und nicht anwendbar.

Was ist mit den Fingerstichen in die Augen? Das Problem dabei ist, das die positionelle Hierarchie des BJJ so aufgebaut ist, das man immer erst eine gute Position erreichen will, um dann anzugreifen. Wer also in der Mount Position auf seinem Gegner sitzt, kann alles besser. Er kann besser Würgen, Hebeln, Schlagen, oder eben Fingerstiche in die Augen ansetzen. Wer also aus der unteren Position der Mount Position anfangen würde Fingerstiche auszuführen, hätte damit relativ wenig Erfolg und würde seinen Gegner noch daran „erinnern“ das er dies ja aus der oberen Position viel besser machen kann. Dadurch würde es zu einem ungleichen Vergleich der Fingerstiche kommen, den in den meisten Fällen, der Anwender aus der Oberlage gewinnen würde, ganz einfach, weil er sich in der besseren Position befindet. Fazit: Wenn gleich diese Techniken mit viel Glück gegen einen ungeübten Angreifer funktionieren könnten, würden sie in Kombination mit grundlegenden BJJ oder Grappling Techniken viel besser und vor allem zuverlässiger funktionieren. Meiner Meinung nach bieten diese Tricks alleine, keinen sicheren Schutz in einer SV Situation am Boden, weil ein ungeübter Anwender kein Verständnis für die verschiedenen Bodenpositionen und den Befreiungen daraus hat.

Für die Angriffe auf den Unterleib gilt das Gleiche. Je schlechter die Position in der ich mich befinde, desto schwieriger wird es, diese Angriffe auszuführen. Ein starker Gegner kann einen untrainierten Anwender dieser Techniken einfach festhalten, klammern, schlagen, etc. ohne das dieser Antworten darauf hat und meistens in Hektik verfällt. Ist erst einmal Panik ausgebrochen, fehlt die Konzentration und Übersicht diese Techniken anzuwenden. Deshalb ist die Kombination, bzw. das Verständnis für die grundlegenden Prinzipien des BJJ so wichtig. BJJ, bzw. Grappling bietet die Basis, auf der man verschiedene Werkzeuge einsetzen kann. Weitere Infos dazu gibt es auch in meinem letzten Artikel.

Abschließende moralische und juristische Überlegungen
Ich weiß, „Dirty Tricks“ sind beliebt. Je brutaler desto besser, so zumindest in der Theorie, aber wir sollten nie vergessen, Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood. Wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin und ein betrunkener Jugendlicher will sich vor seinen Freunden beweisen und ich trete ihm dann vor meiner Frau und meinem kleinen Sohn, den Kopf mit einem Socker Kick weg, dann kann das traumatische Wirkung für mich und meine Familie haben. Es kann schwerwiegende juristische Folgen haben und es ist fraglich ob ich jemanden aus einem relativ nichtigen Anlass, sein Leben so zerstören muss.

Natürlich, auch solche Situationen können eskalieren, der Jugendliche könnte ein Messer ziehen, usw. aber ich denke wir sollten auch in der Selbstverteidigung versuchen ein gewisses Maß an Menschlichkeit zu wahren. Ja ich möchte mich verteidigen und ich bin auch bereit das in aller Konsequenz zu tun, aber ich muss nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und BJJ gibt mir eben genug Möglichkeiten, solche Sachen relativ menschlich zu lösen. Ein Würgegriff, der Junge schläft ein, wacht ein paar Sekunden später wieder auf und hat eine Lektion fürs Leben gelernt. Keine Spätfolgen, keine Rache, und wahrscheinlich auch keine traumatisierte Familie.

Von daher. „Dirty Tricks“ sollte man kennen, man sollte wissen welche funktionieren und wie man sie anwendet, aber man sollte sich eben auch bewusst sein, das für ein Großteil der SV Situationen, ein konsequentes, aber weniger brutales Vorgehen besser geeignet ist.

BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslage;-) Teil 1: Die Closed Guard

BJJ Selbstverteidigung aus der Rückenlage
Eine starke Kopfkontrolle, von der aus, man in verschiedene, andere Kontrollpositionen, wechseln kann

Wenn ich mir aus der Rücklage eine Position aussuchen dürfte, aus der ich einen Kampf beginnen will, dann würde ich die Closed Guard wählen. Keine andere Position gibt mir diese aggressive Form der Kontrolle und des „Pressure.“, in Kombination mit Submissions, Sweeps und Back Takes.

In einem meiner letzten Artikel ging es ja darum, ob die Guard eine Berechtigung für die Selbstverteidigung hat und nachdem ich diese Frage mit einem relativ ausführlichen „Ja“ beantwortet habe, möchte ich heute einmal auf die konkreten Prinzipien und Strategien der Guard Position eingehen und erläutern wie eine Guard funktionieren muss, damit sie gut in der Selbstverteidigung funktioniert. Da dies ein sehr komplexes Thema ist, werde ich auch hier mehr als einen Artikel verfassen. Beginnen möchte ich aber heute mit dem absoluten Klassiker, der Closed Guard, also der geschlossenen Guard. Wie keine andere Position, hat die Closed Guard das Bild des BJJ im MMA (bzw. damals noch Vale Tudo) geprägt und es hat Jahre gedauert bis wir überhaupt realisierten, das es auch noch viele andere Guard Positionen gibt.

Für mich ist die Closed Guard, die erste Guard, die ein Schüler lernen sollte, weil sie eine sehr starke Kontrollposition ist und in den verschiedenen Szenarien (SV, Gi, No-Gi, MMA) gut funktioniert. Darüber hinaus bietet sie, wie schon erwähnt, extrem effektive Übergänge in andere Positionen, wie die Mount oder Back Mount Position und auch klassische Submissions wir der Triangle Choke, der gestreckte Armhebel oder der Oma Plata sind aus der geschlossenen Guard sehr gut auszuführen. Die Art und Weise wie ich die Closed Guard für mich nutze macht eigentlich keinen Unterschied, was das Szenario betrifft. Ich arbeite sehr eng und kontrolliere die Extremitäten meines Gegners, egal ob wir mit oder ohne Schläge kämpfen. Das macht es für mich als Lehrer auch einfach, diese Position uneingeschränkt zu empfehlen. Was sind also die Prinzipien einer effektiven Guard, die auf der Straße und auf der Matte funktioniert?

Die Kontrolle des Oberkörpers
Einer der wichtigsten Punkte überhaupt, ist die Kontrolle des Oberkörpers, oder einfacher gesagt, solange der Kopf meines Gegners, auf meiner Brust klebt, wird es schwer für Ihn, mich K.O. zu schlagen, oder meine Guard zu passieren (wobei ich selber gerne die Guard passiere und meinen Kopf auf der Brust meines Gegners habe, aber das ist halt die Ausnahme;-)).

Je mehr sich ein Gegner in der Guard aufrichten kann, desto mehr Distanz hat er, um seine Schläge zu beschleunigen und das kann dann sehr gefährlich werden. Ähnlich wie im Standkampf auch, wollen wir keinen Kampf in der „Halbdistanz“. Entweder wir sind sehr weit weg, oder eben sehr nah am Mann dran. Wenn wir also den gegnerischen Kopf auf unserer Brust, oder manchmal auch Bauch, kontrollieren, sind wir in einer engen „Clinch Position“ und dadurch relativ sicher und vor harten Schlägen geschützt. Würde man jetzt mit Gi trainieren und wäre auf eine klassische Collar & Sleeve Kontrolle fixiert, also auf ein Griff am Ärmel und ein Griff am Revers, dann wäre dies zwar effektiv für den Kampf ohne Schläge, mit Schlägen, wäre dies jedoch genau die Halbdistanz, die es zu vermeiden gilt, um nicht Schläge und Kopfstöße zu kassieren.

Da wir innerhalb unserer Schule allerdings sowieso nur No-Gi trainieren, haben wir ausschließlich enge, körpernahe Methoden der Kontrolle und so spielt es in der Closed Guard eine eher untergeordnete Rolle, ob der Gegner schlägt oder nicht. Die Kontrolle des Oberkörpers ist allerdings nicht einfach ein einzelner Griff, sondern ein System aus verschiedenen Kontrollpositionen und Übergängen die die Positionen miteinander verbinden.

Die wichtigsten Positionen in unserem System sind:

  • Overhook & Kopfkontrolle (2 Versionen)
  • High Guard
  • Head & Arm Kontrolle
  • Side Guard
  • Williams Guard
  • No-Gi Spider Guard

Die Rubber Guard wäre eine weitere Option, aber auch wenn ich Eddie Bravo wirklich mag und schätze und einige seiner Entwicklungen wirklich gut finde, kann ich mit dieser Position als Athlet und auch als Coach nichts anfangen, da sie meiner Meinung nach nicht nur eine extreme Flexibilität voraussetzt, sondern auch sehr viel Stress im unteren Rücken, den Hüften und Kniegelenken verursacht.

Die 45 Grad Regel
Idealerweise befindet sich der Kopf eines Angreifers flach auf der Brust des BJJ Anwenders, oder maximal in einem Winkel von 45 Grad über ihm. Von 0 – 45 Grad lässt sich ein Gegner relativ gut am Kopf kontrollieren,. Bewegt sich der gegnerische Oberkörper schon in einem Winkel von 45-90 Grad über dem Körper des BJJ Anwenders, muss dieser auf andere Kontrollmechanismen zurück greifen. Eine geschlossene Guard, ist dann, gerade auch wenn Schläge erlaubt und zu erwarten sind, nur schwer möglich. Wobei ich mich da korrigieren muss, möglich ist sie, sie wird ja auch oft genauso unterrichtet, aber funktionieren tut sie in diesem Kontext nur selten, gerade wenn der Angreifer physisch stark und aggressiv ist.

Raum nehmen und Raum schaffen
Einfach abgekürzt beschreibt dieser Satz die Idee der geschlossenen Guard. Man nimmt dem Angreifer jeglichen Platz für seine Angriffe (egal ob Grappling Techniken oder Schläge) und kontrolliert so seine Haltung und Körperstruktur. Aus dieser, für ihn schlechten Position heraus, schafft man wiederum Platz, um eigene Angriffe zu starten. Grundsätzlich ist das Spiel der Guard, also immer ein Spiel zwischen Raum wegnehmen und Raum neu erschaffen, um anzugreifen. Das macht die Guard auch relativ schwierig und ich würde jedem Anfänger empfehlen, in einem echten Kampf , immer aus den oberen Positionen zu kämpfen. Später relativiert sich das etwas, aber in der ersten Zeit, ist der Kampf aus der Oberlage einfach sicherer und erfolgversprechender.

Die Kontrolle mit dem Overhook
Der Overhook in Anwendung

Overhook & Kopfkontrolle
Die wohl klassischste aller Closed Guard Kontrollen und auch die erste die ich meinen Schülern unterrichte. Man kontrolliert den gegnerischen Kopf auf seiner eigenen Brust, indem man ihn so umklammert, das die eigene Armbeuge genau am Nacken aufliegt, quasi so als würde man einen Mata Leao auf der falschen Halsseite ausführen. Der freie Arm umklammert den Arm des Gegners entweder komplett, so das ein Overhook entsteht, oder man legt nur den Ellenbogen über den Arm des Gegners und presst ihn so in die eigene Armbeuge. Der Overhook hat einen größeren Kontrolleffekt, aber die zweite Version, ist ein wenig mobiler und Übergänge fallen mit ihr leichter. Der Nachteil dieser Position liegt darin, das man nicht ganz so leicht die nötige Distanz für die verschiedenen Angriffe schaffen kann. Mit der nötigen Hüftbewegung ist dies zwar möglich, aber man buhst auch etwas Kontrolle dabei ein.

Für die Selbstverteidigung ist diese Position allerdings sehr einfach und effektiv einzusetzen, da die wenigsten untrainierten Menschen, wissen, wie sie die strukturellen Schwachpunkte dieser Position ausnutzen können und sich viele Möglichkeiten für Triangle Chokes, gestreckte Armhebel und Oma Platas ergeben. Auch Schläge auf den Hinterkopf, sowie Fersenschläge in die Nieren, bzw. Oberschenkel sind sehr gut möglich.

High Guard in der Selbstverteidigung
Die High Guard in Anwendung

Die High Guard
Dies ist meistens die zweite Kontrollposition, die ich am Anfang unterrichte und sie ergibt sich meistens, aus der Verteidigung, gegen die erste Position. Warum? Ganz einfach, für den Overhook und die Kopfkontrolle, brauch man einen Arm des Gegners am Boden. Ein Overhook ist nur dann möglich, wenn die gegnerische Hand den Boden berührt und aus diesem Grund legen geübte Angreifer die Hände auf den Oberkörper des Anwenders und halten dabei ihre eigenen Ellenbogen eng. Mit dieser Taktik lässt sich ein Overhook vermeiden, aber er gibt dem BJJ Anwender die Möglichkeit für einen Übergang in die High Guard. In der High Guard klettert man mit den Beinen am Gegner nach oben in Richtung des Kopfes und hält die Guard dort fest, indem man ein Bein hinter und das andere Bein über der Schulter platziert und die Füße dann kreuzt. Dadurch bricht man die Struktur der Schultern und kontrolliert den Oberkörper, am Ende der Wirbelsäule. Man maximiert also den Hebel. Man kann in dieser Position sein ganzes Gewicht auf den Gegner legen und hat auch hier wieder die „Klassischen 3“ also Triangle Choke, gestreckter Armbar und Oma Plata als Submission Möglichkeit. Darüber hinaus hat man in dieser Position die Hände frei und kann sehr schmerzhafte Ellenbogen Schläge von oben auf den Scheitel des Gegners ausführen. Auch Fausthiebe ins Gesicht sind sehr gut möglich, ohne dabei selber ein großes Risiko von Gegentreffern einzugehen.

Closed Guard
Head & Arm Kontrolle in Anwendung

Die Head & Arm Kontrolle
Auch wenn man aus dieser Position wenige Submissions zur Verfügung hat, ist sie doch eine sehr starke Kontrollposition und bietet gute Möglichkeiten den Gegner zu sweepen, bzw. auf seinen Rücken zu klettern. Wir nutzen die Head & Arm Kontrolle nicht nur am Boden, sondern auch im Stand als sekundäre Kontrollposition im Clinch. Man klammert also den Kopf, ähnlich wie in der ersten Kontrollposition und macht dann keinen Overhook, sondern greift unter der Achsel des Gegners hindurch, um die Hände zu schließen. So hat man eine extrem starke Kontrolle des Oberkörpers und kann sehr gut, unter dem Gegnerischen Arm zum Rücken des Gegners klettern. Durch die Positionierung am Ende der Wirbelsäule, wird der Hebel maximiert und es entsteht ein starker Druck auf der Halswirbelsäule, welche den Gegner in seinen Handlungsmöglichkeiten stark einschränkt. Auch Wechsel in andere Guard Positionen, wie die Butterfly Guard, sind aus dieser Position möglich, für die SV aber eher selten notwendig.

Die Side Guard
Die Side Guard in Anwendung

Die Side Guard
Meine absolute Lieblingskontrolle in der Guard. Die Side Guard, ist extrem effektiv und führt direkt zur Back Mount oder Mount Position. Darüber hinaus sind starke Übergänge in den gestreckten Armhebel und in den Kimura möglich. Für mich ist diese Kontrollposition die Position, in der ich am meisten Druck aufbauen und meinen Gegner nach unten ziehen kann, von daher ist es meine „Go-To Position“ wenn ich in der geschlossenen Guard lande. Bei der Side Guard liegt man etwas seitlich zum Gegner und hat die gegnerischen Arme auf einer Seite festgelegt. Dabei kontrolliert man den Kopf und Latissimus des Gegners, um ihn daran zu hindern diese Position zu verlassen. Auch hier sind Fersen- und Ellenbogenschläge möglich, gerade der Rücken und Hinterkopf bieten gute Angriffsziele.

Williams Guard
Auf dem Weg in die Williams Guard

Die Williams Guard
Gehört jetzt nicht zu meinen Favoriten, ist aber eine sehr gute und vor allem auch einfache Kontrollposition. Auf den ersten Blick ähnelt sie zwar der Rubber Guard, aber dies ist nicht der Fall. Man braucht keinerlei große Beweglichkeit, um die Williams Guard umzusetzen. Man greift dabei einfach unter dem eigenen Bein hindurch und sichert sich einen Underhook an der gegnerischen Schulter. Der freie Unterarm presst dabei gegen den Hals des Gegners und schafft somit eine gewisse Distanz, während der Underhook eine Zugbewegung ausführt. Dies ist nicht nur unangenehm, sondern auch eine sehr gute Kontrolle, die dem Gegner kaum eine Möglichkeit des Schlagens oder Passierens der Guard bietet. Darüber hinaus sind auch hier wieder die „Klassischen 3“ möglich.

Closed Guard
Die No-Gi Spider Guard in Anwendung

Die No-Gi Spider Guard
Diese Position würde ich eher als Notlösung ansehen und weniger als stabile Kontrollposition. Die No-Gi Spider Guard entsteht, wenn sich der Gegner etwas Platz mit seinem Oberkörper verschaffen kann und sich ungefähr 45 Grad aufrichtet. Um weiterhin Kontrolle zu haben, bzw. Schläge zu vermeiden, bringt man die Knie von der Innenseite der Arme gegen die Bizeps des Gegners. Gleichzeitig greift man seine Handgelenke oder Trizeps (Ich bevorzuge letzteres). Durch das Drücken der Knie und Ziehen der Arme entsteht ein gewisser Schereneffekt, der den Gegner daran hindert, frei zu schlagen. Allerdings ist die Kontrolle nicht ganz so gut, weil man den gegnerischen Kopf nicht unter Kontrolle hat. Ein Aufstehen, bzw. zurückweichen nach hinten, kann nur schwer verhindert werden. Von daher eignet sich diese Guard zwar gut gegen einen aggressiven Angreifer, der nach vorne stürmt, aber weniger gut gegen einen defensiven Gegner, der versucht aufzustehen. Der Triangle Choke lässt sich aus dieser Position relativ gut ansetzen und auch Kicks zum Gesicht, sind von da aus sehr gefährlich und schnell anwendbar.

Pressure & Die Rolle der Beine
Neben der Kontrolle des Oberkörpers, geht es in der gschlossenen Guard vor allem darum, das eigene Gewicht auf den Gegner zu projizieren, so das dieser eine zusätzliche Belastung hat. Dies ist sehr effizient, aber gerade für Anfänger eher schwierig umzusetzen. Grundsätzlich geht es darum, den Gegner so parallel zum Fußboden zu positionieren, wie möglich. Je gerade der Gegner sitzt, desto weniger Kontrolle hat man über Ihn.
Während die obengenannten Kontrollpositionen eher einen Zugeffekt haben (man zieht den Gegner parallel zum Fußboden), machen die Beine das Gegenteil. Sie bauen einen Gegendruck in die andere Richtung auf, was dafür sorgt das oft ein Schereneffekt entsteht, der auf die Wirbelsäule des Gegners wirkt. Dadurch wird jede Bewegung und gerade das Aufrichten enorm schwierig und kostet jede Menge Kraft. Genau das ist der Kernpunkt der Kontrolle innerhalb der Guard. Es geht nicht darum den Gegner zusammen zu quetschen, sondern ihn mehr oder weniger langzuziehen, um ihm so seine Kraft zu nehmen und ihn zu ermüden. Die Funktionsweise der Beine in Worte zu fassen ist sehr schwierig, Es gibt jedoch ein Video von mir, in dem ich genau diese Mechanik ausführlich erläutere.

Die Guard im MMA
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: wenn die Guard so gut funktioniert, warum sieht man dann nur noch sehr selten Submissions aus der Guard in MMA Kämpfen, bei denen ja Schläge erlaubt sind. Die Frage ist berechtigt und ich werde Sie ihnen beantworten,

Nackter Oberkörper, Vaseline und Schweiß
Alles was ich eben beschrieben habe, funktioniert nur, wenn man eine gewisse Reibung zwischen sich und dem Gegner aufbauen kann und dafür bedarf es Kleidung. Mit kurzen Hosen, Vaseline und Schweiß gibt es keine Kontrollmöglichkeiten und Schlagen ist die einzige Option. Dies geht dann ohne Frage viel besser aus der Oberlage. BJJ braucht keinen Gi, aber lange Hosen und T-Shirt und Verbot von Vaseline würden die Situation aus der Guard deutlich verändern.

MMA Handschuhe & Bandagen
Auch das, ein relativ einfaches Problem, Handschuhe und Bandagen schränken die Geschicklichkeit der Hand extrem ein und erlauben viele Griffmöglichkeiten nicht. Auch das wirkt sich negativ auf die Guard Kontrolle aus.

Schläge auf den Hinterkopf
Fast alle Schläge aus der Guard (zumindest die wirklich effektiven),zielen auf den Hinterkopf, dies ist im MMA fast überall verboten. Es gibt noch alte Aufnahmen die einige eindrucksvolle Anwendungen dieser Techniken zeigen, die sehr oft zu einem schnellen K.O. geführt haben,

Athlet vs. Athlet
In der SV kämpft man mit Technik gegen einen meistens untrainierten Angreifer, der keine Ahnung vom Grappling hat. Im MMA kämpfen zwei Athleten gegeneinander ,die alle Aspekte des Kämpfens verstehen und mehr oder weniger beherrschen. Es gibt keinen Überraschungseffekt und Dinge müssen hart erarbeitet. Kommt dazu jetzt noch Schweiß, Vaseline und nur Fight Shorts, ist die Chance auf eine effektive Guard Kontrolle sehr gering. Sie merken schon, all das sind Umstände, die ihnen so auf der Straße eher selten begegnen.

Messer & Beißen
Die Frage die ich ja auch schon ausführlich in meiner letzten Artikelserie behandelt habe. Natürlich sind die Spielregeln auf der Straße anders. Sie müssen eher selten damit rechnen, das ein Angreifer ihren Triangle Choke kontert, aber sie müssen darauf gefasst sein, das er ein Messer aus seiner Tasche holt und sie damit am Boden überrascht. Aus diesem Grund ist auch die Handkontrolle ein wichtiges Tool, was immer wieder Verwendung findet. Ähnlich wie im Clinch müssen Sie die Hände beobachten und ihre Kontrollpositionen eventuell so anpassen, das ihr Gegner daran gehindert wird, in ihre oder seine Taschen zu greifen. Auch das Beißen ist möglich und auch hier ist eine gute Kopfkontrolle und eine bewusste Achtsamkeit, ein wichtiger Punkt. Aufgrund der enge am Boden gibt es aus der Rückenlage keine perfekte Position, in der ein Angreifer nichts mehr machen kann. Die Sicherheit kann nur durch einen ständigen, angepassten Wechsel von Kontrollpositionen passieren und natürlich sollte man dabei auch eines nicht vergessen, wir wollen nicht minutenlang am Boden herum rollen und dabei schon gar nicht am Rücken liegen. Sobald sich eine Option auf Sweep oder Submission ergibt nutzen wir diese und führen den Kampf in der Oberlage weiter. Wir sind schließlich nicht in der Guard weil wir wollen, sondern weil wir aus irgendwelchen ungünstigen Umständen dazu gezwungen wurden. In einem perfekten Kampf, sind wir definitiv nicht in der Guard, auch nicht in der Closed Guard.

Das war Teil 1, im nächsten Teil wird es um die offene Guard Position gehen, auch dies ist eine interessante Position.

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 3: Die 8 Kontrollpositionen, 411 & Co.

Die Beinkontrolle

Die systematische Kontrolle des Unterkörpers, ist das, was das moderne Leglock Game von den Beinhebeln der Neunziger Jahre komplett unterscheidet. Es gibt sehr viele verschiedene Positionen, aber ich werde mich hier in diesem Artikel auf die 8 Hauptpositionen (jeweils 4 pro Sub-System) beschränken und deren Wesen, bzw. Wirkungsweise erläutern. Diese Positionen sind das Herzstück des Systems und die Übergänge und der Flow dazwischen, erschaffen den eigentlichen Kontrolleffekt. Nur wenn man versteht, wann und warum die einzelnen Kontrollpositionen angewendet werden, kann man die Heel Hooks auch wirklich effektiv und kontrolliert einsetzen.

Irimi Ashi Garami
Die klassische Eingangsposition in das Leglock Spiel. Gerade wenn man aus der Single Leg X Guard (in der Rückenlage) arbeitet, kommt man öfters in diese Position. Sie stellt quasi die erste Leitersprosse in der positionellen Hierarchie da. Die Kontrolle in dieser Position ist temporär ganz gut und es ist auch ein Outside Heel Hook möglich, allerdings nutzt man diese Position doch meistens eher zum Übergang in andere, stärkere Positionen, um eine noch bessere Kontrolle und eventuell auch die Chance auf den gefährlicheren Inside Heel Hook zu haben. Das besondere in dieser Position ist, das man die Beine nicht komplett geschlossen hat (es entsteht kein Triangle). Deshalb sind die Befreiungen aus dieser Position etwas einfacher, allerdings bietet das Knie in der Mitte, eine gute Möglichkeit die Distanz zu kontrollieren, was ein großer Vorteil sein kann.

Irimi Ashi Garami
Die Irimi Ashi Garami Position

Reaping Position
Die berühmt-berüchtigte „Reaping“ Position ist eine klassische Leglock Position, die schon immer genutzt wurde. Bekannt wurde sie, als die IBJJF, der größte internationale BJJ Verband, diese Technik in allen Gürtelklassen aufgrund ihrer angeblichen Verletzungsgefahr verboten hat. Der Vorteil der Reaping Position, liegt darin, das man eine Innenrotation an der gegnerischen Hüfte erreicht und somit die Ferse exponiert. Die Ferse liegt dann nicht mehr am Körper an, sondern kann leicht mit dem Arm kontrolliert werden. Darüber hinaus wird in dieser Position auch sehr gut die Hüfte des Gegners fixiert und er daran gehindert sich weiter in die Druckrichtung des Hebels mitzudrehen. Von daher kann man aus dieser Position sehr gut einen Outside Heel Hook anwenden, darüber hinaus ist aber auch wieder ein Übergang in eine noch stabilere Position möglich.

Knee Reaping
Die Reaping Position

Saddle / 411 Position
Das wäre dann die Saddle Position. Diese Position, kann entweder über die Reaping Position erreicht werden, oder direkt über zahlreiche Eingänge in der Ober- sowie der Unterlage. Diese Position ist eine der stärksten Positionen des gesamten Systems. Dadurch, das man beide Beine kontrolliert und die Möglichkeit für einen starken Inside Heel Hook (sowie andere Beinhebel) hat, ist der Gegner in seiner Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt und läuft ständig Gefahr in einen Heel Hook zu laufen. Wenn ich mir eine Position aussuchen dürfte, in der ich meinen Gegner mit einem Beinhebel zur Aufgaben bringen muss, würde ich definitiv die 411 /Saddle Position wählen. Während in vielen Positionen, auch die eigenen Füße zumindest ein Stück weit angreifbar sind, sind sie im 411 relativ gut geschützt. Ein weiterer Vorteil dieser starken Position. Man kann sagen, die Saddle Position, definiert das moderne Leglock Spiel und gibt den Gameplan vor, nachdem sich die verschiedenen Positionen anordnen.

Saddle / 411 Position
Die Sadle / 411 Position

Outside Ashi Garami
Diese Position stellt gewissermaßen einen Sonderweg in der positionellen Hierarchie des Spiels da. Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese Position zu erreichen, aber häufig wechselt man von Irimi Ashi Garami in die Outside Ashi Garami Position, um mehr Kontrolle über das Bein, bzw. den Körper des Gegners zu erlangen. Durch die Triangle Position am gegnerischen Bein, hat man eine sehr gute Kontrolle, allerdings ist die Kontrolle der Distanz weniger effektiv als beim Irimi Ashi Garami oder den anderen Positionen. Aus diesem Grund nutze ich z.B. die Position nur, wenn ich vorher schon, in einer anderen Position, die gegnerische Ferse exponiert und kontrolliert habe. Wenn dies der Fall ist, kann ich sicher in die Outside Ashi Garami Position wechseln, um den Kampf zu beenden. Auch aus dieser Position sind natürlich Transitions möglich. Will man im „Saddle System“ bleiben, wechselt man in die 411 / Saddle Position, man kann aber auch bewusst in ein weiteres Sub-System, die 50/50 Position wechseln und von dort weiterarbeiten.

Outside Ashi Garami
Die Outside Ashi Garami Position

Diese 4 Positionen, bilden quasi das Grundgerüst des modernen Leglock Games. Man isoliert ein Bein, kontrolliert den Körper, exponiert die Ferse und setzt dann schließlich den Heel Hook an. All dies geschieht in einer Progression, die die 411/Saddle Position als ultimatives Ziel der Kontrolle hat. Neben diesem System, gibt es aber auch noch ein weiteres System, welches zwar Schnittstellen zum „411 System“ hat, aber trotzdem komplett eigenständig funktioniert. Ich persönlich mag beide Systeme und kombiniere die Positionen fließend miteinander. Wenn man versteht, was die Vor- und Nachteile der jeweiligen Positionen sind, kann man für jede Situation die passenden Lösungen finden.

50 / 50 Position
Das charakteristische an dieser Position ist, wie der Name schon sagt, das beide Kämpfer die gleiche Position haben. Beide können einen Inside Heel Hook ansetzen, müssen sich aber auch dementsprechend gegen den Inside Heel-Hook Ihres Gegners verteidigen.

50 / 50 Position
Die 50 / 50 Position

Grundsätzlich könnte man fragen, warum man eine Position nutzt, die keinerlei positionellen Vorteile bringt und diese Frage ist auch berechtigt. Um das zu verstehen, muss man die Struktur der 50/50 Position kennen. Durch die Triangle Position der Beine und dem gekreuztem gegnerischen Bein, entsteht eine unglaubliche Stabilität und Kontrolle. Diese Technik ist auch im BJJ mit Gi erlaubt (ohne Heel Hooks) und da kommt es oft zu endlos langen 50/50 Duellen, aus denen sich keiner befreien, oder ein Vorteil ziehen kann.

Wenn Heel Hooks erlaubt sind, entsteht diese Passivität nicht, aber der Kontrolleffekt ist immer noch da und genau darin liegt der Sinn dieser Position. Wenn ich in der 50/50 Position besser als mein Gegner bin, d.h. besser meine Fersen verstecken kann, besser im Handfighting bin und stärkere Heel Hooks habe, dann kann ich diese starke Kontrolle nutzen und den Kampf von dort aus beenden. Ja theoretisc ist es eine 50/50 Position, aber praktisch gewinnt der, der die meiste technische und kämpferische Erfahrung in dieser Position hat.

Es gibt verschiedene Takedowns die direkt in die 50/50 bzw. Reverse 50/50 Position führen, aber natürlich kann man auch sehr gut aus Outside Ashi Garami, oder dem 411 in diese Position wechseln. Ich würde sagen die 50/50 Position ist sehr weit fortgeschritten und erfordert eine extrem gute Körperwahrnehmung. Es geht nämlich weniger darum die Beine fest zu verknoten. Der Erfolg in dieser Position basiert auf einer Mischung aus Kontrolle der gegnerischen Arme, dem verstecken der eigenen Ferse und dem positionieren des eigenen Körpers. Wie keine andere der Leglock Positionen erfordert sie komplexe Fähigkeiten, um wirklich sicher und strukturiert arbeiten zu können.

80/20 Position
Diese Position entsteht, wenn man sich aus der 50/50 Position so zum Gegner dreht, das das eigene Bein aus der Knielinie rutscht und frei ist, während das gegnerische Bein noch in der Knielinie gefangen ist. Dadurch schafft man einen positionellen Vorteil und kann einen Outside Heel Hook ansetzen, ohne das dabei die eigenen Beine in Gefahr sind. Die 80/20 Position eignet sich weniger zum kontrollieren, sondern eher zum beenden eines erfolgreichen Heel Hooks.

Die 80 / 20 Position
Die 80/20 Position

Outside Sankaku
Diese Position stellt quasi noch ein Upgrade der 80/20 Position da und erlaubt eine starke Kontrolle und einen gefährlichen Outside Ashi Garami. Ich persönlich nutze diese Position eher selten, aber sie stellt definitiv eine wichtige Position im 50/50 Sub-System da.

Outside Sankaku Position

Backside 50/50 Position
Diese Position stellt das Pendant zum 411 im 50/50 System dar. Man kann aus verschiedenen Positionen direkt in diese Position kommen und hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Ein Grund warum diese Position so gut funktioniert, ist der, das sie sich überhaupt nicht bedrohlich anfühlt. Wenn man sich mit dieser Position nicht auskennt, denkt man, man kann sich ganz einfach herausdrehen. Dies geht allerdings nicht, sondern führt direkt zu einem Inside Heel Hook.
Ryan Hall hat dies in seinem UFC Kampf gegen BJ Penn eindrucksvoll bewiesen. Hall ging direkt per Takedown in die Backside 50/50 Position und BJ Penn wollte sich reflexartig herausdrehen, was aber in dieser Position nicht funktioniert. Dadurch hat er sich direkt am Knie verletzt und der Kampf war vorbei. Der einzige Nachteil, wenn man ihn denn so nennen kann, ist das ein erfahrener Gegner sich relativ gut in die 50/50 Position retten kann, d.h. sollte man die Ferse nicht direkt isolieren können, wird ein Übergang von der Backside 50/50 Position, in die reguläre 50/50 Position passieren.

Backside 50 / 50 Position

Das sind sie also. Die 8 Grundlegenden Positionen im modernen Leglock Spiel. Die ersten 4 sind eher auf das Spiel mit dem 411 zugeschnitten, während die zweiten 4 einen alternativen Weg darstellen. In meiner Schule praktizieren und kombinieren wir beide Systeme, darüber hinaus gibt es auch noch viele Schnittstellen, mit klassischen Fuß und Kniehebeln, dich ich jetzt hier nicht beschrieben habe.

Leglocks sind ein komplexes Thema, welches sich nur schwer auf Papier erklären lässt. Ich hoffe jedoch das ich die Thematik ein wenig entzerren und erläutern konnte, damit der geneigte Leser ein besseres Verständnis für diesen Aspekt des BJJ bekommt.

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 2: Strategie & Mechanik des Heel Hook

Bevor ich die Funktionsweise und die positionelle Hierarchie des Heel Hook genauer erläutern werde, möchte ich noch ein wenig auf die strategischen Aspekte dieser Technik eingehen. Wie also fügen sich Heel Hooks in die Gesamtstruktur des BJJ ein?

Grundsätzlich kann man die Anwendung von Beinhebel in drei große Bereiche unterteilen.

  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)
  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)
  • Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)

Leglocks die aus den verschiedenen sitzenden oder liegenden Guard Positionen ausgeführt werden, machen den Haupteil des modernen Leglock Games aus. Der Grund dafür dürfte recht einfach sein, es macht das Spiel aggressiver und der Anwender der in der Unterlage ist, hat eben nicht nur Sweeps, sondern direkte und gefährliche Angriffe.

Wenn man sich die Entwicklung einmal anschaut, dann wird man feststellen, das in den Neunziger Jahren das Passieren der Guard auf den Knien sehr häufig war. Dadurch konnte der Kämpfer aus der Rückenlage die klassischen BJJ Techniken wie Straight Armbar, Triangle Choke, etc. erfolgreich einsetzen. Später änderte sich das Verhalten beim Passieren der Guard und die Leute begannen im Stehen zu Passieren. Dies hatte den Vorteil das Armhebel und Würgegriffe kaum noch anwendbar waren, bzw. ihre Effektivität stark zurück ging. Nur wenige Athleten, die über eine wirklich gute Closed Guard verfügten, konnten diese klassischen BJJ Techniken erfolgreich anwenden.

Beim stehenden Passieren, besteht zwar die Gefahr eines Sweeps, aber nur selten führte dieser direkt in eine dominante Position, wie z.B. Side Mount oder Mount. Gute Athleten konnten sich oft abfangen und es kam häufig zu Scramble Situationen, in denen keiner einen Vorteil erlangen konnte.

Dieses Problem wurde durch das moderne Leglock Game mehr oder weniger gelöst. Die „Leglocker“ waren fähig aus den verschiedensten Guard Positionen heraus, ein Bein zu isolieren und sich in eine sehr dominante Position zu befördern. Die sogenannte Saddle oder 411 Position, ist das, was im Kampf um den Oberkörper, die Back Mount Position ist. Die Kämpfer waren also plötzlich fähig aus einer relativ neutralen Guard Position, direkt in die sehr dominante Saddle Position zu kommen. Um die vergleichbare Back Mount Position zu bekommen, wäre der lange Weg über den Sweep, das passieren der Guard, usw. nötig und so stellt dieser neue Ansatz einen sehr effektiven „Pfad“ innerhalb des BJJ Gameplans da. Im BJJ mit Gi entwickelte sich übrigens ein ähnlicher Trend, allerdings nicht mit Leglocks, sondern Techniken wie dem Berimbolo und dem Kiss of the Dragon.

Klassische Positionen wie die Single Leg X Guard, X Guard oder (Reverse) De La Riva Guard werden als Eingänge zu den verschiedenen Heel Hook Angriffen genutzt und somit ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Eingängen in die verschiedenen Beinhebel. Als Coach ermutige ich jeden fortgeschrittenen Schüler sein eigenes Spiel zu entwickeln, denn auch wenn das Endresultat, also der Hebel selber, immer gleich ist, sind die Wege dorthin doch sehr unterschiedlich und Abhängig von Körpertyp, Stil, usw. Einige meiner Schüler haben einen sehr flexiblen Stil, während mein eigener Stil eher einfach und direkt gehalten ist.

Grundsätzlich machen Leglocks aus der Rückenlage auch am meisten Sinn, weil man eben keine Posiiton aufgibt und nur gewinnen kann. Darüber hinaus bieten sich sehr viele Eingänge in den Saddle, was wie schon erwähnt eine sehr dominante Position darstellt.

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)

Die Eingänge aus der Oberlage gehören zu den klassischen Techniken aus den Neunziger Jahren. Damals wurde die Guard nicht passiert, sondern eben direkt mit Beinhebeln angegriffen. Grundsätzlich sind diese Techniken von ihrer technischen Ausführung her, meistens wesentlich einfacher anzuwenden.

Diese Techniken kommen allerdings heute eher selten zum Einsatz und der Grund dafür ist einfach. Warum die obere Position aufgeben, wenn man doch die Guard auch passieren könnte? Wie ich im ersten Teil der Serie schon beschrieben habe, stürzen sich viele Leglock Anfänger regelrecht auf jeden Submission, aber die erfahrenen Anwender wissen genau, wie wichtig ein komplettes positionelles Spiel ist und das die Oberlage defintiv kampfentscheidend sein kann.

Eine Ausnahme hierbei stellt der Backstep da. Diese Technik, die eigentlich zum passieren der Guard gedacht war, wird heute so angewendet, das man direkt in der Saddle Position landet und maximale Kontrolle hat. Bei den klassischen Eingängen aus den Neunziger Jahren, endet man hingegen in weniger dominanten Leglock Positionen, was das Risiko die Position zu verlieren, noch erhöht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Beinangriffe aus der Oberlage wirklich nur einen kleinen Teil der Leglocks ausmacht und ich anderen Techniken dort den Vorzug gebe.

Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Die Domäne der Jugend und der Athleten. Eingesprungene Heel Hooks, Befreiungen aus der Mount direkt in einen Heel Hook, oder die Back Mount Escape die wiederum zu einem Beinhebel führt. Leglocks haben das Potential aus vielen verschiedenen Situationen heraus, überraschend und dynamisch ausgeführt zu werden. Garry Tonon vom Danaher Dead Squad ist dafür z.B. ein sehr gutes Beispiel. Auch wenn er über ein gutes positionelles Spiel verfügt, hat er unglaubliche Fähigkeiten zu improvisieren und überraschende Beinangriffe, aus den unterschiedlichsten Szenarien zu starten. Auch dieses Spiel ist wiederum sehr individuell und jeder Anwender hat dort seine eigenen Favoriten. Wer ein gutes Takedown Game hat, kann dort Verknüpfungen zwischen Takedowns und Leglocks entwickeln, ich finde die Kombination von Back Mount Escapes und Heel Hooks sehr effektiv, die Möglichkeiten sind vielfältig und es macht durchaus Sinn, in einer schlechten Position, eine Leglock Offensive zu starten, um die Karten neu zu mischen.

Ich sage immer, gute Leglocker sind wie Boxer mit einem K.O. Punch. Egal wie viel Runden sie verloren haben, sie bleiben bis zum Schluss gefährlich.

Nachdem ich jetzt so viel über die Geschichte und Funktionsweise von Beinhebeln erläutert habe, werde ich nun die Techniken selber beleuchten. Ich werde mich dabei auf die zwei häufigsten Heel Hooks, den Inside und den Outside Heel Hook beschränken. Es gibt natürlich noch viele weitere Beinhebel, aber diese beiden Techniken gehören zu den erfolgreichsten Techniken überhaupt und das sogar auf höchstem Niveau. Das gesamte moderne Leglock Game, ist mehr oder weniger auf diesen beiden Submissions aufgebaut.

Wenn man sich die Statistiken der amerikanischen ADCC Trials im letzten Jahr anschaut, wird man feststellen, das 50% aller Submissions dort, mit nur 3 Techniken erzielt wurden. 26,1% mit dem Mata Leao (Rear Naked Choke) und 27% mit Heel Hooks (11,3 Inside Heel Hook & 15,7 % Outside Heel Hook).

Natürlich kann man sich jetzt fragen ob diese Techniken so oft genutzt werden, weil sie gerade im Trend liegen, oder ob sie im Trend liegen, weil sie so effektiv sind. Ich denke die Wahrheit liegt dabei irgendwo in der Mitte, aber so oder so, man kann das Thema Beinhebel nicht ignorieren, ohne dabei einen großen Aspekt des BJJ zu vernachlässigen.

Heel Hooks
Heel Hooks sind Techniken, bei denen der Oberkörper, bzw. Oberschenkel fixiert wird, um dann den Unterschenkel mit Hilfe des Fußes (der als Hebel eingesetzt wird) zu rotieren. Diese Rotation sorgt dann für Verletzungen im Fuß, bzw. Kniegelenk. Ich sage bewusst Verletzungen, denn wie schon im ersten Teil erwähnt, ist der Heel Hook keine schmerzhafte Technik. Der Schmerz entsteht erst, wenn die Verletzung schon entstanden ist. Diesem Umstand gilt es beim Training besondere Bedeutung zuzumessen und rechtzeitig abzuklopfen.

Die verschiedenen Heel Hook Varianten setzen sich aus dem eigentlichen Hebel und einer bestimmten Kontrollposition zusammen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen:

Outside & Inside Heel Hook

Outside Heel Hook
Diese Technik ist die „harmlosere“ Heel Hook Variante und führt meistens zu weniger schweren Verletzungen (wenn zu spät abgeklopft wird). Ich habe das Wort Harmlos, in Anführungszeichen gesetzt, denn auch diese Technik kann das Kniegelenk verletzen. Allerdings kann das Fußgelenk etwas mehr nachgeben und die Rotation besser kompensieren, als beim Inside Heel Hook. Es kann also sein das erst die Bänder im Fuß verletzt werden und nicht die Bänder im Knie.

Beim Outside Heel Hook befindet sich die Innenseite des gegnerischen Fußes an unserer Hüfte und wir führen eine Innenrotation der Hüfte aus, indem wird die Ferse mit Hilfe unserer Arme kontrollieren und dann eine Körperdrehung ausführen.

Outside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position
Ein Inside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position

Inside Heel Hook
Das ist der große Bruder vom Outside Heel Hook. Er ist wesentlich gefährlicher und Verletzungen der Kreuzbänder und Menisken sind definitiv zu erwarten, wenn man nicht rechtzeitig abklopft. Es gibt keine Möglichkeit den „Schmerz auszuhalten“, die Technik führt sofort zu schweren Verletzungen. Beim Inside Heel Hook, führt man eine Außenrotation an der gegnerischen Hüfte aus und da der Fuß, wenn man ihn in diese Richtung rotiert, weniger nachgibt, entsteht sofort mehr Druck am Knie. Im schlimmsten Fall reißen die Kreuzbänder, der Innenmeniskus nimmt schaden und es kann auch zu einem Knochenbruch am Fußgelenk kommen.

Inside Heel Hook aus der Backside 50/50 Position
Ein Inside Heel Hook aus der Backside 50 / 50 Position

Die Fußkontrolle
Die Fußkontrolle ist der Namensgeber dieser Techniken, denn man hakt quasi mit seinem Arm die Ferse des Gegners und rotiert dann den Fuß. Grundsätzlich gibt es da verschiedene Griffvarianten, wichtig ist jedoch immer, das man eben nicht nur die Ferse rotiert, weil dies zu einem sehr schwachen Hebel führen würde. Ein wirklicher starker Hebel entsteht nur, wenn man den Fuß so fixiert, das die Kraftübertragung über den Spann, bzw. die Fußzehen geschieht. Dadurch das der Fuß als Hebel genutzt wird, hat man ungefähr den Effekt einer Ratsche. Dreht man nur die Ferse, ist der Effekt eher wie bei einem Schraubenzieher. Das Gefühl dafür zu entwickeln ist nicht ganz einfach, aber essentiell wichtig, um bei erfahrenen Gegnern eine Drohkulisse aufzubauen, die merken nämlich recht schnell, ob der Hebel wirklich sitzt, oder man einfach nur die Ferse klammert.

Nahaufnahme eines Inside Heel Hook
Nahaufnahme der Fußkontrolle

Das war der zweite Teil meiner Artikelserie: Leglocks – Verdammt, gehasst, vergöttert. Im dritten Teil werde ich die zwei Kontrollsysteme und die 8 grundlegenden Kontrollpositionen dieser Systeme erläutern. Seit gespannt.:-)

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 1: Geschichte und Grundlagen

BJJ Leglocks mit Dean Lister im Sommer 2005
Leglock Training mit Dean Lister im Sommer 2005

Wenn es um Leglocks geht, dann trifft wohl die Überschrift genau den Punkt. Kaum eine andere Technik (besser gesagt Technikgruppe) war innerhalb des BJJ so umstritten, wie die verschiedenen Beinhebel. Mittlerweile hat sich dieser Trend komplett umgedreht. Während im klassischen BJJ mit Gi, viele Beinhebel verboten sind, erleben diese Techniken im No-Gi Bereich gerade zu einen Hype.

Mit diesen Artikel möchte ich ein wenig die Geschichte, aber vor allem über die Funktionsweise dieser Techniken innerhalb des BJJ erklären und aufzeigen.

Also legen wir los und dafür gehen wir zurück ins Jahr 1993. Als Ken Shamrock im ersten UFC Pat Smith mit einem Heel Hook, also einem gedrehten Kniehebel zur Aufgabe zwang, verstanden wohl die wenigsten Menschen was er da machte, als er kurze Zeit später das Gleiche bei Royce Gracie versuchte, wurde er ausgekontert und mit einem Würgegriff zur Aufgabe gezwungen. Von da an wusste die erste Generation von UFC und BJJ Fans, Leglocks funktionieren, aber Chokes sind besser und irgendwie hielt sich diese Einstellung relativ lange in der Szene. 🙂

Natürlich gab es Ausnahmen, neben Ken Shamrock waren es Leute wie sein Bruder Frank Shamrock, Erik Paulson oder die Japaner Rumina Sato und Genki Sudo, die Beinhebel immer wieder in ihren Vale Tudo (der Vorläufer vom heutigen MMA) Kämpfen mit Erfolg einsetzten. Aber für die meisten BJJ Leute war klar, wer mit Leglocks gewinnt, gewinnt „billig“ und wurde dafür öfters auch mal ausgebuht.:-) Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren, aber Jean Jacques Machado sagt kürzlich in einem Interview, das das Verletzungsrisiko für diese Techniken zu groß war und die Medizin in den 70er und 80er Jahren in Brasilien solche Verletzungen nicht so gut behandeln konnte. Deshalb wurden sie meistens verboten, bzw. ignoriert.

Ich persönlich kann dieses Statement gut nachvollziehen, gerade was den Wettkampf betrifft. Wenn man Heel Hooks zu unkontrolliert ansetzt, bzw. sich der Gegner unkontrolliert rausdreht, kann es zu schweren Verletzungen der Bänder und der Menisken kommen. Auch die Bänder an den Füßen können betroffen sein, aber die meist schlimmeren Verletzungen sind Kreuzbandrisse, etc. am Knie.

Während heute Beinhebel aus einer positionellen Hierarchie (ähnlich der Hebel am Oberkörper) ausgeführt werden, man also erst eine Position erreicht, den Körper und das Bein kontrolliert und man dann das Bein angreifen kann, war das in den Neunziger Jahren anders. Damals gab es keine positionelle Hierarchie und Beinhebel wurden oft eingesprungen oder explosionsartig aus „Scramble“ Situationen eingesetzt. Die fehlende Kontrolle wurde durch Geschwindigkeit wett gemacht und das führte eben oft zu den obengenannten Verletzungen.

Die negative Einstellung zu den Leglocks änderte sich erst langsam, gegen Ende der Neunziger Jahre. Royler Gracie setze als einer der ersten Gracies, Leglocks in seinen ADCC Kämpfen ein und ADCC Champion Dean Lister wurde zu einer absoluten Leglock Legende und zum Vorreiter des neuen Beinhebel Systems, das mehr positionsorientiert war.

Auch mein Lehrer Roy Harris, der seine Leglocks von dem Sambo Experten Nick Baturin lernte, machte Beinhebel zu seinen Spezialtechniken und entwickelte schon sehr früh einen systematischen Ansatz dazu. Ende der 2000er Jahre war es Ryan Hall, der mit seinem 50/50 Leglock Game viele Wettkämpfe gewinnen und dabei einige gute BJJ Blackbelts besiegen konnte.

Aber erst seit dem Erfolg des „Danaher Death Squads“ um 2015 herum, wurden die Leglocks endgültig ins No-Gi BJJ integriert und die eher negative Betrachtungsweise änderte sich ins Gegenteil. Mit den Siegen von Gordon Ryan, Garry Tonon und Eddie Cummings erfuhren Leglocks und speziell Heel Hooks einen regelrechten Boom und veränderten das Wettkampfgeschehen fundamental. Das dies nicht immer nur positive Seiten gehabt hat, werde ich an anderer Stelle noch erläutern.

Das moderne Leglock Spiel zeichnet sich dadurch aus, das es im Gegensatz seinem Pendant aus den Neunziger Jahren, über eine positionelle Hierarchie verfügt. Ähnlich wie bei Submissions am Oberkörper, geht es auch bei den Beinhebel darum, bestimmte Kontrollpositionen zu erreichen und dadurch den Kampf zu verlangsamen, bzw. die Bewegungsfreiheit des Gegners so einzuschränken, das dieser sich dem Aufgabegriff nicht mehr entziehen kann.

Diese Positionen folgen auch einer bestimmten Hierarchie, bzw. haben eine bestimmte Wertigkeit. Diese basiert darauf, wie gut die Ferse eines Gegners exponiert werden kann, um einen Heel Hook anzusetzen und wie gut der Gegner dabei kontrolliert werden kann. Während man z.B. beim klassischen Kampf um den Oberkörper, von der Side Mount, in die Mount und schließlich in die Back Mount Position wechselt und seine Dominanz so immer weiter verbessert, macht man dies bei den Beinhebeln genauso. Auch wenn aus jeder Kontrollposition Submissions möglich sind (wie beim Kampf um den Oberkörper auch), erhöht sich die Chance auf Kontrolle und Submission mit dem erreichen jeder weiteren Position.

Im nächsten Teil der Artikelserie werde ich Ihnen die wichtigsten Kontrollpositionen vorstellen, um das Ganze zu verdeutlichen, aber vorher möchte ich noch ein wenig über die Gründe referieren, warum Leglocks so gut funktionieren und warum sie in den letzten Jahren solch einen Hype ausgelöst haben.

Fehlendes Bewusstsein für Leglocks
Das dürfte wohl der offensichtlichste Grund für den Erfolg dieser Techniken sein. Wie zuvor schon erwähnt wurden Beinhebel und gerade Heel Hooks, viele Jahre als „billige“ Techniken abgetan. Die meisten BJJ Anwender kannten grundlegende Techniken, hatten aber keinen systematischen Ansatz. Darüber hinaus wurde dieses „Halbwissen“ oft dazu genutzt, um Verteidigungstechniken zu trainieren, frei nach dem Motto, ich kann zwar keine Beinhebel, aber ich weiß wie ich mich dagegen verteidige. Dieser Ansatz hilft zwar auf unterem Niveau, bietet aber keinen Schutz gegen Anwender, die über ein gutes Leglock Niveau verfügen. Als Leute wie Gordon Ryan oder Garry Tonon in der Wettkampfszene auftauchten, überraschten sie ihre Gegner durch ihr ausgefeiltes Leglock Game. Während die Verteidigung von Arm und Beinhebeln, bzw. Chokes doch auf einem eher einheitlichen Niveau war, war der Unterschied im Kampf um die Beine extrem. Während sie dieses Spiel sehr gut beherrschten, hatten die meisten ihrer Gegner eher ein Anfängerniveau in diesem Bereich und so wählten sie den Weg des geringsten Widerstandes und überrannten ihre Gegner geradezu mit ihren Heel Hooks.

Mangelnde Geschicklichkeit im Unterkörper
Dies ist ein Punkt der eher selten Erwähnung findet, aber meiner Meinung nach ein Hauptgrund für den Erfolg von Beinhebeln ist. Der zivilisierte, erwachsene Mensch, hat sehr oft den Kontakt zu seinen unteren Extremitäten verloren. Er klettert selten, er krabbelt nicht, er sitzt viel auf Stühlen und intellektuelle Dinge wie Schreiben, Zeichnen oder handwerkliche Tätigkeiten, führt er in der Regel mit seinen Händen aus. Das bedeutet das sein Körpergefühl, bzw. seine Geschicklichkeit im Oberkörper wesentlich besser entwickelt ist, als im Unterkörper. Da aber die Fähigkeit seinen Körper taktil wahrzunehmen und die Position im freien Raum zu erfassen, enorm wichtig ist, wenn es darum geht sinnvolle Bewegungen zu koordinieren, hat er durch das mangelnde Körpergefühl im Unterkörper einen signifikanten Nachteil. Ich konnte dies auch immer wieder auf meinen Seminaren feststellen. Das moderne Leglock Spiel sprach eher sportliche, junge Menschen mit einem hohen Level an Geschicklichkeit an, während viele Anfänger im reiferen Alter damit einige Probleme hatten.

Falsche taktische Entscheidungen
Dieser Punkt hängt eng mit dem ersten Punkt zusammen und bezieht sich auf das technische Verhalten innerhalb eines Kampfes. Wer sich mit Leglocks nicht auseinandersetzen möchte und sich nur darauf beschränkt diese zu verteidigen, verpasst ein wichtiges, taktisches Element. Die Vermeidung von Situationen die zu Leglocks führen.

Nehmen wir folgendes, fiktives Beispiel. Wenn jemand Jiu Jitsu trainiert, aber weder er noch seine Trainingspartner wissen was ein gestreckter Armhebel ist, dann werden sie beim Rollen oft Dinge tun, die zwar in ihrem jetzigen Kontext funktionieren, aber trotzdem falsch sind. Sie könnten aus der Mount Position ihren Gegner mit zwei Händen wegdrücken, das gleiche könnten sie auch aus der Side Mount Positon tun und auch aus der Guard (oben) könnten sie ihre Gegner mit gestreckten Armen würgen, ohne das dies negative Konsequenzen hätte. Sobald aber jetzt jemand zum rollen kommt, der den gestreckten Armhebel kann, würde er all dieser Fehler ausnutzen und seine ahnungslosen Gegner tappen.

Was wäre also die Lösung? So weitermachen wie bisher und einfach nur die Verteidigung gegen Armhebel trainieren? Nein ganz sicher nicht, man würde daran arbeiten schon im Vorfeld die Situation der gestreckten Arme zu vermeiden, um gar nicht erst in einem Armhebel zu landen. Langfristig gesehen, wäre dies auch die einzig sinnvolle Lösung ihres Armhebel Problems. Das gleiche gilt für Leglocks. Sie verändern das Spiel fundamental und es gibt einfach Situationen und Positionen die man vermeiden muss, um nicht Gefahr zu laufen, in einem Leglock zu landen. Diese taktischen Entscheidungen, können aber nur entwickelt werden, wenn man mit Leuten trainiert, die verstehen, wie man diese Technik anwendet und wenn man auch selber damit beginnt, die Techniken aktiv gegen andere einzusetzen.

Die Zeit gegen etwas zu sein ist vorbei. Der einzige Weg zur Integration dieser Techniken besteht darin, sie als ganz normalen Bestandteil des BJJ zu betrachten. So verlieren Sie nicht nur ihren Schrecken, sondern bereichern das eigene Spiel ungemein.

Die schnelle Verfügbarkeit
Auch das ist ein Grund dafür, warum Leglocks so effektiv zum Einsatz kommen. Nehmen wir mal ein klassisches Szenario im sportlichen Kontext. Ein Kämpfer steht, der andere Kämpfer sitzt am Boden vor ihm. Die klassische Idee des BJJ wäre jetzt, das der obere Kämpfer die Beine (also die Guard) des sitzenden Gegners passiert, dann die Side Mount sichert und von dort in die Mount oder Back Mount Position wechselt. Alternativ dazu wäre auch ein Submission aus der Side Mount Position möglich. Umgekehrt könnte auch der untere Athlet, den stehenden Gegner per Sweep zu Boden bringen und dann die gleiche Sequenz (passieren der Beine, etc. ) ausführen.

Kommen jetzt Beinhebel ins Spiel, ändert sich die Abfolge deutlich. Der obere Kämpfer braucht nicht die Beine passieren, um einen Submisson anzusetzen, sondern attackiert direkt die Beine. Auch der untere braucht nicht erst einen Sweep, etc. sondern kann auch direkt aus dem Sitzen heraus mit einem Leglock angreifen. Während also der Choke oder Armhebel am Ende dieser Bewegungssequenz steht, steht der Beinhebel ganz vorne, was dem Heel Hook affinen Anwender einen riesigen Vorteil bringt. Er muss nicht die ganze Bewegungssequenz abarbeiten, sondern kann direkt attackieren.

Social Conditioning – Die dunkle Seites des Hypes;-)
Während sich die ersten vier Punkte mit den Gründen für die Effektivität von Leglocks beschäftigt haben, handelt dieser Punkt vom Ursprung des Leglock Hypes.:-) Wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe, waren es die Athleten vom Danaher Death Squad die vor gut 5 Jahren damit begannen, mit ihrem Leglock Spiel die Welt der Grappling Wettkampfszene zu verändern. Ihr Erfolg gab Ihnen recht und dieser Erfolg brachte den Hype um die vermeintlich neuen Techniken. Das all diese erfolgreichen Wettkämpfer ein sehr komplettes Game hatten und auch das passieren der Guard so wie Würgegriffe und Armhebel beherrschten, wurde dabei oft komplett übersehen. Heel Hooks waren das neue Wundermittel und schon Weißgurte begannen damit Beine zu hebeln, obwohl sie noch nicht einmal die Guard ihres Gegners passieren konnten.

Als ich vor einiger Zeit die Anfängerklasse auf einem großen Grappling Turnier beobachtete viel mir eigentlich nur eines dazu ein: Chaos und Leglock;-);-) Genau das war es nämlich. Das grundlegende positionelle Verständnis fürs BJJ war nicht da, stattdessen lag der Fokus auf Leglocks aus allen Positionen, ohne dabei auf die Sinnhaftigkeit dieser Strategie zu achten.

Beinhebel, was bleibt wenn der Hype geht?
Beinhebel gehören zum BJJ dazu und es gibt keinen vernünftigen Grund sie nicht zu trainieren, denn wie schon oben erwähnt beeinflussen sie die Taktik des BJJ auf eine enorme Art und Weise und können ohne intensives Training auch nicht systematisch verteidigt werden. Auf Beinhebel zu verzichten, wäre genauso, als würde man auf Armhebel oder Würgegriffe verzichten, das Wesen des BJJ wäre deutlich verändert und eingeschränkt.

Aber sind Leglocks nun wirkliche Wunderwaffen? Ja und Nein. Wie schon am Anfang erwähnt, hängt ihr Erfolg zu einem großen Teil mit der mangelnden Geschicklichkeit der Anwender zusammen und dieser Punkt wird immer ein Problem für den Durchschnittsanwender sein. Auch wenn er Leglocks versteht, braucht er ein gutes Körpergefühl, um sie sicher zu verteidigen. Dies ist eine „Achillesferse“ für viele Anwender die vielleicht kräftig und athletisch sind, aber nicht über diese sportspezifische Geschicklichkeit verfügen. Ein guter Leglocker kann deshalb auch physisch stärkere Gegner zur Aufgabe zwingen. Ein gutes Beispiel dafür war der Australische BJJ Kämpfer Lachlan Giles der mit knapp 80 Kilo Körpergewicht, in der offenen Klasse der ADCC 2019 unzählige, schwere Top BJJ Athleten mit Leglocks zur Aufgabe zwang. Mit Armhebeln oder Würgegriffen wäre dies nur sehr schwer möglich gewesen.

Auf der anderen Seite funktionieren Beinhebel nach den gleichen Gesetzen wie jede andere Technik auch. Sie können vermieden und gekontert werden. Innerhalb meiner Schule sind die Unterschiede zwischen „Leglockern“ und „Nicht-Leglockern“ sehr ausgeprägt, innerhalb meiner eigenen Trainingsgruppe und meinen fortgeschrittenen Schülern ist dies nicht der Fall. Für uns sind Beinhebel auch nur ein Tool in unserem Werkzeugkasten und werden mal mehr und mal weniger angewendet. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie extrem sich die eigene Wahrnehmung und Geschicklichkeit verbessert, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt. Am Anfang reicht ein einfacher Griff an die Ferse um Hektik zu verursachen, heute ist es ein regelrechter Kampf die Ferse so zu exponieren, das ein erfolgreicher Heel Hook möglich ist.

Heel Hooks – Wie vermeidet man Verletzungen?
Der wichtigste Punkt in der Vermeidung von Verletzungen bei Beinhebeln ist der, das man versteht, das diese Techniken erst dann Schmerzen verursachen, wenn schon eine, mehr oder weniger schwerwiegende, Verletzung passiert ist. Es sind also keine „Schmerzhebel“ bei denen man den Druck einfach aushalten kann, wenn man eine gewisse mentale und körperliche Härte hat. Mit etwas Körpergefühl kann man die Spannung in den Gelenken, bzw. Bändern wahrnehmen, aber mehr Feedback gibt der eigene Körper nicht.

Von daher ist es enorm wichtig die Situation rechtzeitig zu erkennen und früh abzuklopfen. Weder in meiner Schule noch in meinem eigenen Training ziehen wir die Heel Hooks aktiv an. Unser Ziel ist es die Ferse zu exponieren und sie dann zu umklammern, um eine Rotation zu ermöglichen. Diesen letzten Schritt jedoch machen wir nicht. Wir rotieren niemals die Ferse, sondern belassen es beim klammern der Ferse. Gut ausgeführt, ist das alleine schon fast ein Hebel.

Natürlich ist auch die eigene Verteidigung enorm wichtig. Jegliche ruckartigen, explosiven Bewegungen sind zu unterlassen, denn wenn der eigene Unterschenkel festgehalten und kontrolliert wird und man dann selber den Oberschenkel, bzw. gesamten Körper rotiert, entsteht auch ein Heel Hook der die Bänder im Knie verletzt. Fußballer kennen das sehr gut. Ein Spieler steht und dreht sich plötzlich, aber während der Körper rotiert, bleibt der Fuß und Unterschenkel stehen. Das Resultat sind oft schwere Verletzungen an den Kreuzbändern und Menisken.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die positionelle Hierarchie. Wer den typischen Leglock Stil der Neunziger Jahre benutzt, macht sich keine Freunde und wird irgendwann alleine trainieren.:) Kontrolle ist, wie beim „Oberkörper BJJ“ auch, eine Grundvoraussetzung für langsame, kontrollierte Submissions und genau aus diesem Grund sollte genug Zeit in die technische Entwicklung des eigenen Games gesteckt werden.

Beinhebel in der Selbstverteidigung
Ein schwieriges Thema. Heel Hooks und besonders Inside Heel Hooks (ich stelle die verschiedenen Heel Hooks im zweiten Teil der Artikelserie vor) können schwerste Verletzungen verursachen, die jeden Kampf sofort beenden und eine rekonstruktive chirurgische Behandlung erfordern. Youtube ist voll mit solchen schrecklichen Videos. Ich persönlich schaue mir so etwas nicht an, aber ich weiß das die dort gezeigten Verletzungen wirklich schlimm sind. Die Effektivität für die SV ist damit gegeben, aber das ist eben nur ein Teilaspekt des Ganzen. Wie ich schon erwähnt habe, ist der Schmerz bei diesen Techniken erst vorhanden, wenn schon eine Verletzung vorhanden ist und von daher müsste man die Technik mit voller Kraft durchziehen, um den Kampf zu beenden. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel und Schadensersatz, etc. sollte man sich hier schon stellen und ich würde lieber auf den guten alten Würgegriff zurückgreifen, um einen Angreifer schnell und in der Regel ohne große Verletzungen kampfunfähig zu machen.

Auf der anderen Seite gibt es Situationen die so gefährlich sind, das solche Techniken durchaus Sinn machen können. Wer sich z.B. plötzlich am Boden wiederfindet während zwei Angreifer auf ihn eintreten und er hat die Chance irgendwie aus dem Liegen heraus in einen Heel Hook zu kommen, der kann einen der beiden Angreifer in kürzester Zeit komplett kampfunfähig machen.

Trotz aller Effektivität sollte man aber auch nicht Vergessen, das in der SV Schläge und Tritte im Spiel sind und so einige der Kontrollpositionen nicht mehr ganz so sicher sind. Aus meiner Perspektive würde ich sagen, die Dosis macht das Gift.:-) Der Gameplan für die SV ist komplett anders als der Gameplan für Leglocks, deshalb würde ich die Beinhebel in der Selbstverteidigung auch nicht aktiv verfolgen, sondern als wertvollen Zusatz sehen, der mir in bestimmten Situationen helfen kann.

Das war Teil 1, Grundlagen der Leglocks, ich bin mir noch nicht sicher ob diese Artikelserie zwei oder drei Teile haben wird, aber es gibt auf jeden Fall noch einiges über das Thema zu sagen.