Self Defense First – Warum Selbstverteidigung beim BJJ an erster Stelle stehen sollte

Self Defense

„Self Defense First“ ist nicht nur ein Spruch, sondern etwas was ich so erleben durfte. Ich glaube, ich habe schon einmal über meine ersten Erfahrungen mit dem BJJ in den Neunziger Jahren geschrieben. Von daher brauche ich mich jetzt nicht großartig zu wiederholen. BJJ war für uns damals Kämpfen, egal ob Selbstverteidigung, Kämpfe im Ring oder Dojo Challenge Fights, Brazilian Jiu Jitsu war zum Kämpfen gemacht und so trainieren wir es auch heute noch. Leider ist der SV und Kampf Aspekte im BJJ immer weiter in Vergessenheit geraten und es gibt nur einige wenige Schulen, die diese Aspekte als regulären Teil ihres Trainings unterrichten. BJJ wurde zu einem modernen Wettkampfsport, einer Subkultur, welche plötzlich vollkommen neue Werte und Ideale hat und nur für wenige Menschen wirklich attraktiv ist.

Hätte ich damals ein Sport BJJ Video aus dem Jahr 2020 gesehen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, diese Kunst zu praktizieren. Warum sollte ich mich auf den Boden setzen und dann irgendwelche extrem beweglichen und athletischen Bewegungen ausführen, um mich damit selber zu verteidigen? Verstehen Sie mich nicht falsch, Sport BJJ ist ein extrem technischer und anspruchsvoller Wettkampfsport und ich mag die No-Gi Version auch selber sehr gerne, aber ohne den Bezug zum realen Kämpfen, hätte ich niemals verstanden, warum ich überhaupt am Boden kämpfen sollte.

Wenn man BJJ betrachtet, muss man ehrlich zugeben, das es nur eine Randsportart ist. Eine Subkultur, junger, athletischer Menschen, die den Lifestyle und Wettkampfaspekt dieser Sportart mögen und sie deshalb praktizieren. So wird es nach außen propagiert, so wird es unterrichtet und so wird es sich wahrscheinlich auch immer weiter entwickeln.
Es hat wenig praktischen Nutzen für Menschen die Selbstverteidigung lernen wollen. Es bietet keine speziellen SV Techniken, es ist physisch extrem anspruchsvoll und das gesamte Training ist auf den Wettkampfaspekt ausgerichtet und genau deshalb finden nur sehr wenige Menschen den Weg zum BJJ, bzw. werden sofort abgeschreckt, wenn sie auf der Suche nach einer Selbstverteidigung sind.

Ich finde das sehr schade und habe mich schon seit einiger Zeit dazu entschlossen diesem Trend entgegen zu treten. Ich glaube nämlich das BJJ, richtig unterrichtet, eine hervorragende Selbstverteidigung für fast jeden Menschen ist und auch eine enorme Bereicherung im Bereich der SV sein kann. BJJ bietet ringerische Lösungen, um einen Konflikt zu lösen und genau das hat viele Vorteile, welche ich in diesem Artikel, vor einiger Zeit beschrieben habe. Ich bin überzeugt davon, das der Selbstverteidigungsaspekt im BJJ am Anfang des Training stehen muss und das jeder Schüler diesen Prozess durchlaufen sollte. Warum und welche Vorteile das bietet, ist Thema dieses Artikels.

Der Sinn des BJJ liegt in der SV
Warum ist die Mount Position eine bessere Position als die Guard Position? Warum ist Back Mount besser als Side Mount? Im BJJ Wettkampf gibt es für Mount und Back Mount die meisten Punkte, aber warum ist das so? Warum kriege ich nicht die gleichen Punkte, wenn ich meinen Gegner in den Schwitzkasten nehme? Nun, man könnte dem geneigten Neuling einen längeren Vortrag über die technischen Möglichkeiten innerhalb der verschiedenen Positionen halten, oder einfach locker mit Schlägen rollen und ihm zeigen, in welcher Position er am hilflosesten ist und er die meisten Schläge einsteckt. Bei der zweiten Möglichkeit, hat er dies schon nach wenigen Momenten unmissverständlich begriffen, auch wenn er sonst keine Ahnung vom BJJ hat.

Genau das ist der Punkt, die Anwendung des BJJ im realen Kampf, verdeutlicht sofort, warum die Kampfkunst so ist, wie sie ist. Die positionelle Hierarchie, der Fokus auf „Position over Submission“, all das kann der Schüler besser verstehen, wenn er sieht wie BJJ im Kontext der SV funktioniert. Damit entwickelt er von Anfang an ein besseres und präziseres Verständnis für die von ihm praktizierte Kampfkunst. Auch wenn er danach vielleicht nur noch Interesse an den sportlichen Aspekten des BJJ hat, wird diese Anfangszeit ihn prägen und sein BJJ auf eine bestimmte Art und Weise definieren.

BJJ für alle Menschen
Nicht jeder Mensch hat Lust ein richtiger Athlet und Kämpfer zu werden und sich sportlich mit BJJ zu messen. Genau deshalb sind viele Menschen auch abgeschreckt. Die Vorstellung sich mit schwitzenden Menschen am Boden herum zu rollen und dabei gewürgt zu werden, ist für viele potentielle SV Interessenten unangenehm. Ja es ist realistisch, ja es gehört später im BJJ dazu und ja es macht auch die SV Fähigkeiten besser, aber Fakt ist nun einmal das viele Menschen so abgeschreckt sind, das sie diesen großen Schritt gar nicht erst wagen. Genau hier kommt das Selbstverteidigungstraining ins Spiel. Es bietet einen angenehmeren und einfacheren Rahmen, um mit dieser Kampfkunst anzufangen. Technische Abläufe und Simulationen sind besser skalierbar und bieten schnellere Erfolgserlebnisse.

In dieser Zeit lernt der Schüler BJJ besser kennen und kann langsam an die Realität des sportlichen Rollens herangeführt werden. Nicht alle werden es mögen, bzw. praktizieren, aber es werden mehr Menschen den Sprung schaffen, als ohne SV Training. Darüber hinaus können die Leute, die keine Ambitionen am sportlichen Zweikampf haben, weiter abwechslungsreich und realistisch trainieren und so dabei helfen, die Kampfkunst weiter zu verbreiten und wachsen zu lassen.

BJJ und die Rentabilität einer Schule
Wer eine Kampfkunstschule beruflich oder nebenberuflich betreibt, hat natürlich auch den finanziellen Erfolg im Sinn. Selbst wenn man ein „Hardcore Gym“ betreibt und nur Wettkämpfer ausbildet, muss die Miete und die anderen Kosten schließlich bezahlt werden und da die Unterrichtspreise im BJJ nur ein Viertel von denen in den USA betragen, braucht man dazu eben auch eine menge Schüler. Das BJJ Selbstverteidigungstraining ist, wie schon beschrieben, eine sinnvolle Ergänzung für fast alle Menschen und hat einen enormen Mehrwert. Während Sport BJJ meist nur etwas für einige wenige Enthusiasten ist, bietet die Selbstverteidigung ein breites Spektrum an Schülern, denn wie schon gesagt, kann es fast jeder gebrauchen und für sich nutzen. Ich vergleiche das SV Training gerne mit einem Trichter der viele Menschen in die eigene Schule führt, nicht alle werden bleiben und langfristig trainieren, aber es werden doch immer einige übrig bleiben und der „Trichter“ sorgt für immer neue Schüler.

Tradition bewahren und weiterentwickeln
BJJ ist aus Tradition Kampfkunst und Selbstverteidigung. Erst war das Kämpfen und viele Jahrzehnte später, erst der sportliche Wettkampf. Diese Tradition hat BJJ stark gemacht und über viele Jahre wachsen lassen. Selbst als Royce Gracie, 1993 den ersten UFC gewann, war BJJ in erster Linie eine Kampfkunst und kein Sport. Ich habe diese Tradition noch so erlebt, denn die Blackbelts und Meister in den Neunziger Jahren, waren nicht nur guter Sportler, sondern fast immer auch gute Kämpfer. Während sich das sportliche BJJ mit und ohne Gi immer weiter entwickelt und geradezu explodiert, fristet das BJJ zur SV doch eher ein Schattendasein. Dabei hat es ein riesiges Potential und ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Von daher gibt es hier die Chance nicht nur eine Tradition zu bewahren, sondern eine Kunst weiter zu entwickeln, die andernfalls in Vergessenheit geraten würde.

Bereit für den Ernstfall
Körperliche Gewalt kann jederzeit und überall passieren egal wie gut man das sportliche BJJ beherrscht, in Situationen voller Chaos, Aggression und Adrenalin, ist es wichtig sich auf wenige, einfache Techniken verlassen zu können. In einer perfekten SV Situation klappt vieles, aber leider sind die wenigsten SV Situationen perfekt und man wird überrascht und macht Fehler. Um in solch einer Situation handlungsfähig zu bleiben, ist es wichtig, starke Grundlagen zu haben, die man auch unter Stress durchziehen kann. Von daher hat das „einfache“ Selbstverteidigungs-BJJ auch seine Berechtigung für fortgeschrittene Anwender.

Eine Ode an den Sport
Bevor ich diesen Artikel beende, gibt es noch eine Ode an das No-Gi Sport BJJ. Ich liebe es.;-) Ich würde es nie missen wollen, aber ich würde auch nie den Bezug zur SV verlieren wollen.
Sportliches Rollen mit Leuten die genau wissen, wie man eine Technik kontert, ist eine ständige Herausforderungen und entwickelt das eigene BJJ auf ein extrem hohes Level. Es steigert die sportspezifische Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit und hilft dabei ein besserer Mensch zu werden. Wenn ich mit jemanden jahrelang trainiere und z.B. einen Würgegriff ansetzen will, dann weiß meiner Partner genau was ich von ihm will, er kennt meine Technik, hat einen Konter dafür und ist körperlich aufs BJJ eingestellt. Wenn das dann bei ihm klappt, dann klappt das gegen einen untrainierten Gegner auf der Straße erst recht.

Auf der anderen Seite, zieht mein Trainingspartner beim sportlichen Rollen auch nicht plötzlich ein Messer…..Sie merken, die Anforderungen und Ziele von Sport und SV haben ihre Schnittmenge, aber auch ihre Differenzen. Nur wenn man beide Aspekte versteht und trainiert, kann man seine optimale Leistung abrufen und ständig weiterentwickeln.

SV ist ernst, ohne Schnörkel, ein bisschen hart und gewalttätig. Sport BJJ ist kreativ, spielerisch, Futter für die Seele und für die Entwicklung des eigenen Nervensystems hin zu immer komplexeren Bewegungsabläufen. Beide Seiten sind für die Entwicklung eines Menschen wichtig. Es gibt Zeiten der Gewalt und Zeiten des Friedens, manchmal muss man kämpfen und manchmal Spielen. BJJ verbindet beides und genau das gibt dieser Kunst ihre Seele.

Zurück in die Vergangenheit – Teil 3: Vom Wolf zum Flow

Flow

Kampfkunst, die Kunst zu Kämpfen, der Weg ein Krieger zu sein. Mut, Tapferkeit, Stärke, Ehre, alles Attribute die man mit diesem Weg verbindet.

Auch wenn es heute keine Samurais mehr gibt und Kämpfe nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern wohl eher auf der Straße, Matte oder im Ring ausgetragen werden, ist der Wunsch nach Kampfkraft und Stärke, für viele Menschen immer noch die Triebfeder mit dem Training zu beginnen.

Die Welt ist schließlich schlecht, so scheint es, für Schwäche ist kein Platz und genau deshalb ist es so wichtig die richtige Wahl zu treffen. Kampfkunst ist heute mehr denn je, kein Platz zum Experimentieren, es geht um Funktion und Rationalität.

Alles ist erlaubt, es wird geschlagen, getreten, gewürgt und gebissen, selbst Waffen kommen zum Einsatz, denn der Mensch an sich ist schlecht, er ist ein wildes Raubtier und um zum Überleben, müssen wir zum Wolf werden, wir müssen kämpfen, auf Alles vorbereitet sein, wir sind keine Täter, aber noch weniger werden wir Opfer sein, das steht fest, dafür nehmen wir alles in kauf.

Vielleicht war es unsere eigene Unsicherheit, das Gefühl von Schwäche und Hilflosigkeit, das uns irgendwann als Kind oder auch später im Leben, den Weg des Kämpfers einschlagen hat lassen. Nie wieder, nie wieder würden wir dieses Gefühl einfach so zu lassen und deshalb wurde aus Angst, Wut und aus Wut wurde Aggression und um diese Aggression zu rechtfertigen und um damit leben zu können, mussten Feinde geschaffen werden, denn wenn es keinen Feind gibt, wozu dann der ganze Aufwand?

Der Weg des Kriegers ist kein einfacher Weg, denn zu viele Kampfkünste funktionieren nicht, leiten uns in die Irre, bringen uns von dem Weg ab. Wir brauchen das beste, das härteste, das kompromissloseste System und wenn es das nicht gibt, dann basteln wir uns es einfach, es braucht nicht viel, ein paar vage Ideen, einfache Bewegungsabläufe und viel Aggression.

Die Idee ist simpel, wir kämpfen überall, im Stehen, im Clinch, am Boden, mit Waffen, ohne Regeln, gegen mehrere Angreifer, im Käfig auf der Straße oder im Ring. Wo und wie auch immer, wir sind bereit, bereit weil wir Wölfe sind, oder bereit weil das kleine Kind in uns, niemals das Gefühl der Unsicherheit verloren hat.

Im Gegenteil, es ist noch viel unsicherer und gieriger geworden, fordert seinen Tribut. Wir müssen kämpfen, jeden Tag. Wir müssen uns beweisen, nichts ist wirklich sicher und nur wer vorbereitet ist, hat überhaupt eine Chance.

Vielleicht tut es manchmal weh, fühlt sich verloren an und wir fragen uns, ob das wirklich unser Leben sein soll, aber schnell werden wir zurück in die Realität geholt, zum Träumen ist kein Platz, nur Fakten zählen, also lecken wir unsere Wunden, beißen die Zähne zusammen, überwinden die Müdigkeit und machen weiter, nur als Wolf haben wir schließlich eine Chance und daran zu Zweifeln wäre töricht.

Nur wer kämpft, wer hart arbeitet, wer leidet und Opfer bringt, dem setzen wir ein Denkmal und ohne große Kämpfe, keine großen Helden und wenn wir keine Helden sind, dann sind wir Opfer und das darf nicht sein, dafür sorgt das kleine, unsichere Kind in uns, jeden Tag mehr.

Freude weicht Pragmatismus, unsere Kreativität ist versteinert. Freisein bedeutet dem Leben Vertrauen und das können wir nicht tun, dafür ist die Welt zu schlecht und deshalb sind wir niemals mehr frei, lassen nicht los, sind Opfer unserer Gedanken und bleiben auf ewig das ängstliche, kleine Kind, unsicher und voller Misstrauen.

Die letzte Schlacht des Kriegers beginnt, wenn wir uns stellen. Wenn wir aufhören das ängstliche Kind in uns zu füttern. Wenn wir still werden und akzeptieren.

Dieser Kampf ist nicht leicht, wir spüren das er uns alles nimmt was wir bisher geliebt haben, unsere Identität, unsere Werte, unseren Platz in der Illusion die wir Realität nennen, alles steht auf dem Spiel. Nichts ist mehr sicher und doch wissen wir, das dahinter eine Freiheit wartet, die soviel mehr ist, als das, was wir bisher erlebt und zugelassen haben.

Wir sind Wölfe, irgendwo in dieser Hierarchie haben wir unseren Platz und dafür haben wir schließlich auch geblutet, geschwitzt und geweint und jetzt……..jetzt lassen wir das alles los. Angst trifft uns, sind wir verrückt, ist das der falsche Weg, verlieren wir jetzt alles, für das wir solange gearbeitet haben? Haben wir uns verirrt, hat uns unsere eigene Schwäche zu solchen Gefühlen verführt?

Unsicherheit, die Schwester der Angst, greift uns an. Ein letztes Mal, mit all ihrer Gewalt, all ihrer Verzweiflung, denn dem Wolf sind schon Flügel gewachsen und wir spüren die Großartigkeit dieser Veränderung.

Wir schauen in den Spiegel, wer sind wir? Was passiert gerade und plötzlich erkennen wir, dass wir kein W O L F mehr sind. Alles hat sich verändert, nichts ist wie es war und plötzlich spüren wir den F L O W. wir fließen mit dem Leben, halten uns nicht mehr fest, lassen los und haben Vertrauen.

Alles fühlt sich leicht an, selbst wenn wir Kämpfen, tun wir nichts, sondern sind einfach nur. Kein Gedanke, keine Angst, keine Emotion die das JETZT verschleiert. Wir sind frei, wir kämpfen nicht einmal, wir stehen im Auge des Orkans, ohne von seiner Wucht getroffen zu werden.

Es stellt sich keine Frage nach Effizienz, nach Technik und Strategie, wir schließen die Lücke zwischen UNS und dem JETZT, wir SIND.

Unsere eigene Identität, löst sich auf und wir sind eins mit unserem Gegner, eins mit diesem Moment, es gibt nichts was dieser Einheit entgegensteht, was sie angreifen könnte. Die Frage nach Sieg und Niederlage stellt sich nicht, rationale Gedanken verlieren ihre Bedeutung, alles löst sich auf im kosmischen Ozean der Unendlichkeit und wir spüren plötzlich wieder das Kind in uns.

In diesem Augenblick fühlen wir, was uns all die Jahre gefehlt hat. Wir wollten niemals kämpfen, wir wollten keine Krieger werden, wir waren auf der Suche nach diesem wunderbaren Gefühl der Unendlichkeit. Nach dieser bedingungslosen Liebe, nach dieser großen Stille, die uns mit Allem verbindet, die nichts ausschließt und uns erfüllt.

Die Reise vom Wolf zum Flow, war nicht umsonst, sie war nicht unnötig, oder hätte vermieden werden können, sie war perfekt, so perfekt wie jeder Moment in diesem Leben. Wir haben gekämpft, gewonnen und verloren. Gut und Böse, der Kontrast dieser Welt, zeugte unsere Wünsche. Geboren durch die Stille, Erfahren durch uns.

Zurück in die Vergangenheit – Teil 1: Wie Street ist mein Jiu Jitsu

Street Jiu Jitsu
Oldschool BJJ mit Rickson Gracie im November 2012

Anmerkung: An dieser Stelle möchte ich einmal einige Artikel aus den Jahren 2006-2012 veröffentlichen. Nicht alles was ich damals geschrieben habe, hat heute noch Bestand, aber es gibt doch erstaunliche Parallelen zu meinen aktuellen Texten. Den Anfang macht „Wie Street ist mein Jiu Jitsu – 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte“, ein Artikel aus dem Jahr 2012, einer Zeit in der ich sehr stark dem „Oldschool BJJ“ verbunden war.

Wie Street ist mein Jiu Jitsu – oder 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte

Die guten alten Neunziger. Im Radio lief Jam and Spoon, Brazilian Jiu Jitsu war fast vollkommen unbekannt und die Leute die es kannten, wussten das Royce Gracie „The baddest man on the planet“ war….

BJJ war für uns damals eine Form der Selbstverteidigung. Royce ging in den Käfig, es gab nahezu keine Regeln und er besiegte jeden seiner Gegner, mal mit Leichtigkeit und mal mit viel Dramatik. Submission Wrestling oder Sport BJJ war für uns überhaupt nicht existent und ich denke das es nicht vor 97 oder 98 war, das wir das erste Mal davon hörten. Jiu Jitsu war Kampf, es war die sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und genau das hat uns so daran fasziniert. Knapp 20 Jahre später ist alles anders. Grappling boomt, wenn auch nicht in Deutschland, so zumindest in den USA und es gibt eine riesige Wettkampfszene, die dazu beigetragen hat, das das sportliche Grappling Quantensprünge gemacht hat.

Für uns war Submission Wrestling immer eher ein Trainingstool, mit dem wir bestimmte Fähigkeiten des Kämpfens verbessern wollten. Es war nur Mittel zum Zweck und kaum einer meiner Schüler (inkl. mir), kannte sich mit der Punktevergabe und den Regeln aus. Das lag vielleicht auch daran, das in dieser Zeit sowieso fast alles erlaubt war, was irgendwie aus dem BJJ, Judo oder Grappling stammte. Der Trend zum sportlichen Grappling ist nicht uneingeschränkt schlecht, er hat viele Vorteile, aber wer BJJ zum Kämpfen nutzen möchte, der sollte sich ein paar Fragen ehrlich beantworten.

1. Hab ich Angst vor Schlägen und Tritten, bzw. kann ich sie abwehren?
Auch wenn viele Kämpfe am Boden enden, sie beginnen meistens im Stand und zwar in einer Distanz, in der man getreten oder geschlagen werden kann. Diesem Stress muss man sich im Training stellen, um sich daran zu gewöhnen und das richtige Timing für seine Würfe zu entwickeln. Einfaches nach vorne Stürmen, ist keine Lösung und hält so manch böse Überraschung bereit. Es geht nicht darum, selber ein guter Boxer oder Kicker zu sein (das ist ein völlig anderes Timing), sondern ein Gefühl für das Clinchen zu bekommen. Dieses Gefühl ist eine Eigenart des alten BJJ und macht es so wirksam, denn egal wie gut man am Boden ist, wenn man im Stand hart getroffen wird, endet man vielleicht gar nicht mehr in seiner Lieblingsdistanz.

2. Kann ich meine Würfe auch ohne weiche Matte ausführen?
Grundsätzlich kann man jeden Wurf ohne Matte ausführen, zumindest einmal. Wenn man jedoch Wert auf die eigene Gesundheit legt, sollte man seinen Gegner auf der Straße nicht unbedingt mit einem tiefen doppelten Beinangriff von den Beinen holen, weil sich sonst die eigene Kniescheibe und was sonst noch dazu gehört beschweren könnte. Auch das in die Guard springen oder sich auf den Hintern setzen und den Gegner zu Boden locken, sind keine geeigneten Strategien, Jiu Jitsu im Straßenkampf umzusetzen. Im Gegenteil, es sind fast schon Garantien dafür, das man den Kampf verliert. Sie brauchen einfache aber gute Würfe aus dem Clinch, dazu gehören abgewandelte Versionen von Judo Würfen und Techniken aus dem Greco-Roman Wrestling. Allerdings immer unter der Beachtung, das der Gegner schlagen oder mit dem Kopf stoßen kann und der Boden im Ernstfall sehr oft, sehr hart ist.

Um wirklich effektiv Kämpfen zu können benötigt man darüber hinaus auch die Fähigkeit, im Clinch Schläge und Stöße zu vermeiden und den Gegner zu kontrollieren. Nur so bieten sich dann die Möglichkeiten für Wurftechniken. Die Fähigkeit einen Angreifer gezielt werfen zu können, spielt gerade auch beim Kampf gegen mehrere Gegner eine große Rolle. Je schneller man jemanden zu Boden wirft, desto mehr Zeit hat man für Gegenangriffe, denn es gibt kaum eine Position die den Gegner so immobilisiert wie in die Bodenlage. Dies kann man nutzen um z.B. gezielte Stampftritte anzuwenden. Ein Wurf selber kann auch anders als Waffe eingesetzt werden, nämlich indem man einen Angreifer gezielt vor ein Auto, aus einem Fenster, oder auf einen Zaun wirft, um den Kampf schnell zu entscheiden.

Das solche Techniken nur im absoluten Notfall zur Anwendung kommen sollten, versteht sich von selber

3. Habe ich ein starkes Top Game?
Clinch – Takedown – Submission. So einfach kann das Leben sein, wenn man weiß welche Strategie für den regellosen Kampf geeignet ist. Anders als beim sportlichen Grappling, ist die Guard in einem echten Kampf nur die zweite Wahl. Ziel ist es immer die Mount, bzw. Back-Mount Position zu erreichen, den Angreifer mit Schlägen und guter Kontrolle dazu zu bringen einen Fehler zu machen und ihn dann zur Aufgabe zu zwingen. Genau deshalb ist es wichtig, ein stabiles Top Game zu haben. Keine Twister Rollen aus Side Mount, oder Triangles aus der Mount Position. Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle und danach Bent Armlock, Pillow Choke oder Mata Leao. Wenn das alles nichts hilft dann kommen zusätzlich noch Kopf- und Ellenbogenstöße ins Spiel, um den Kampf mit unschönen Mitteln zu entscheiden. Außerdem kann man vom Top Game auch, leicht aufstehen, Stampftritte ausführen, oder sich um andere Angreifer kümmern. Von daher ist „Guard Pulling“ keine Option für straßentaugliches Jiu Jitsu.

4. Habe ich eine „schlagfeste“ Guard
X-Guard, Turtle Guard, Half Guard, usw. alles schöne Positionen um im sportlichen Wettkampf zu bestehen und den Gegner mit ringerischen Mitteln zur Aufgabe zu zwingen, aber wenn Schläge erlaubt sind, verlieren diese Techniken ihren Sinn. Eine schlagfeste Guard, besteht aus einer starken geschlossenen Guard und einer sehr engen offenen, bzw. Spider Guard. Die Kontrolle der gegnerischen Arme und des Kopfes (Kopfstoß Gefahr) hat oberste Priorität. Gerade Kopfstöße sind in der Guard, von dem Gegner in Oberlage, sehr leicht auszuführen. Was ist mit Knien in die Oberschenkel, bzw. das Becken? Was mit Biss-Attacken? Man sollte auf all diese Dinge vorbereitet sein. Auch die eigenen Schlagtechniken aus der Guard sollte man nicht unterschätzen. Fersen Kicks in die Nieren. Ellebogen auf den Hinterkopf, Handflächenschläge auf Schläfe und Ohr, alles legitime Jiu Jitsu Techniken aus der Guard. Allerdings nur dann, wenn man sie auch regelmäßig trainiert.

5. Bin ich körperlich fit?
Jiu Jitsu ist ein schöner Sport und gibt dem Anwender viele technische Vorteile, aber egal wie technisch man ist, in einem Kampf in dem alles erlaubt ist, braucht man mehr als nur Jiu Jitsu. Man braucht jeden Vorteil den man kriegen kann und körperliche Fitness, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, usw. sind immer von Vorteil. Gerade die Ausdauer und Kraftausdauer spielen eine wichtige Rolle im Grappling und man sollte zusätzlich zu seinem regulären Training, noch ein funktionelles Fitness Training ausführen. Fighter-Fitness, z.B. wäre eine gute Option. In einem echten Kampf weiß man nie wie lange man bis zum Sieg kämpfen muss. Wenn man beim Joggen, mitten im Wald angegriffen wird und der 30 Kilo schwerere Angreifer liegt auf einem, dann gibt es keinen Ringrichter. Man muss den Gegner müde machen, ihn systematisch zerstören und schließlich entweder die Knochen brechen, ihn ohnmächtig würgen, oder ihn aus der Mount Position mit Schlagtechniken K.O. schlagen und dafür braucht man Ausdauer.;-)

6. Bin ich vom Gi abhängig?
Wird man häufiger von Menschen in langen Hosen und Jacken, bzw. Pullovern angegriffen oder eher von verschwitzten Männern in Badehosen? Das hängt zu einem Großteil davon ab, wo man seine Freizeit verbringt und ich will mir auch darüber keinerlei Gedanken machen müssen. Ein guter Kämpfer nutzt das was er hat, er nimmt das Rever des Gegners wenn gerade eines da ist, oder er würgt den gegnerischen Hals mit bloßen Händen. Entscheidend ist, das man auf alles vorbereitet und nicht abhängig davon ist, welche Kleidung ein Angreifer trägt. Friedrich Jiu Jitsu basiert auf No-Gi Training, aber wir arbeiten auch regelmäßig mit dem Gi als Hilfsmittel, bzw. Variable im realen Zweikampf.

7. Habe ich gute Submissions?
Es gibt keinen Punktsieg auf der Straße, alles was zählt, ist es den Kampf unbeschadet zu überstehen und den Gegner kampfunfähig zu machen. Aggressive Submissions sind von daher mehr als notwendig, wenn man sich erfolgreich verteidigen will. Wer also sein Jiu Jitsu auf Punkten aufgebaut hat, oder gerne auf Zeit spielt, sollte sich klar machen, das er damit im vollkommenen Gegensatz zur Philosophie des Oldschool BJJ steht. Das Ziel im Jiu Jitsu ist immer, den Gegner zur Aufgabe zu zwingen, bzw. ihm so zu verletzen, das er den Kampf nicht mehr weiterführen kann und will. Jede Position ist also nicht einfach nur zum Selbstzweck geschaffen worden, sondern stellt eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Endziel da: Den Gegner kampfunfähig zu machen.

8. Habe ich die richtige mentale Einstellung?
Jiu Jitsu ist kein Sport, wenn jemand versucht Kopfstöße und Schläge anzubringen, Blut fließt und man mit ungezügelter menschlicher Gewalt konfrontiert wird, braucht man eine klare mentale Einstellung. Jede Emotion, egal ob Angst, Wut, Aggression, usw. verklärt die eigene Entscheidungsfähigkeit, körperlich und auch mental.
Weder Mitleid noch Selbstmitleid sind in diesem Moment gefragt, es ist wichtig das mam eine distanzierte Haltung zur Situation entwickelt und vollkommen ohne Emotionen reagiert. Man versucht weder den Gegner zu schonen, noch ihn unnötig zu verletzen, das Ziel ist ganz klar. Die bedrohliche Situation aufzulösen und dabei unnötigen Schaden an sich selber und auch am Angreifer zu vermeiden. Bei aller Gewalt sollte man nämlich eines nie vergessen: Jiu Jitsu bietet eine sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und schützt so nicht nur den eigenen Körper, sondern auch die eigene Psyche und den Charakter.

Der Weg zum Mata Leao – „Die Zwangsjacke“

Heute gibt es zur Abwechslung mal ein Video. Der Weg zum Mata Leao, eine Variation der klassischen „Straight Jacket“ Kontrolle, aus der Back Mount Position. Ich habe diese Position für mich entwickelt, weil man dafür relativ wenig Flexibilität benötigt und die Position selber, relativ „unauffällig“ ist. Der Partner merkt erst recht spät das seine Hand kontrolliert sind.

Dieses Video behandelt nur eine Position, aber grundsätzlich gibt es ein komplettes System an Positionen und Möglichkeiten, mit dieser Form der Kontrolle. Für mich eine sehr gute Position, weil sie universell, also im sportlichen Rahmen, aber auch in der Selbstverteidigung, effektiv eingesetzt werden kann. Der Mata Leao gehört zu den zuverlässigsten Würgegriffen überhaupt und diese Form Kontrolle, macht seine Anwendung noch effektiver.

Bodenkampf, Soccer Kicks & Dirty Tricks

Dirty Tricks

Wenn es um Bodenkampf und Selbstverteidigung geht, dann gibt es eine Aussage die früher oder später immer fällt: „Auf der Straße gibt es keine Regeln, da kann ich am Boden auch Beißen, in die Augen greifen und andere „Dirty Tricks“ anwenden, wozu also Brazilian Jiu Jitsu lernen?“ Genau deshalb möchte ich heute das Thema „Dirty Tricks“ genauer Beleuchten und der Frage nachgehen, ob Beißen, Fingerstiche und Co., das BJJ oder Grappling Training komplett ersetzen können. Bevor wir aber in das Für und Wieder einsteigen, möchte ich erst einmal definieren, was genau „Dirty Tricks“ sind und wie man sie verwenden kann.

Beißen
Beißen, ein Klassiker über den ich schon in einem meiner ersten Artikel ausführlich geschrieben habe. Ja, Beißen im Nahkampf und am Boden ist eine Option, es tut weh, hinterlässt Spuren und kann eventuell auch zu gefährlichen Infektionen führen. Auf der anderen Seite kann auch der Beißende selber, potentiell infektiöses Blut in den Mund bekommen. Sie merken schon, Beißen ist an sich keine schöne Sache.;-) Da wir keine Raubtiere sind und auch nicht über deren Gebiss und Instinkt verfügen, hat der Biss eines Menschen in der Regel eine viel geringere Wirkung, als z.B. die eines großen Hundes. Hauptsächlich löst so ein menschlicher Biss Schmerzen aus und sorgt dafür das wir das gebissene Körperteil schnell wegziehen. Diesen Reflex machen wir uns auch im Brazilian Jiu Jitsu zu nutze, wenn wir taktische Bisse anwenden.

Fingerstiche in die Augen
Auch dies ein beliebter schmutziger Trick, der gerne propagiert wird. Natürlich kann man in einer sehr engen Clinch oder Bodenkampf Situation auch die Augen des Gegners mit den eigenen Fingern angreifen. Ob so etwas moralisch und juristisch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Fingerstiche lösen immer eine sehr starke Reaktion beim Gegner aus und reichen vom weg ziehen des Kopfes bis hin zum schnellen Entfernen aus der Kampfsituation. Je nachdem wie stark der Angriff ausgeführt wurde.

Kratzen
Mit Ausnahme von den Augen, dürften Kratzer, gerade am Körper, kaum eine große Wirkung erzielen. Ja so etwas ist unangenehm und tut vielleicht auch weh, aber hey, manche Menschen zahlen sogar Geld dafür, nur um gekratzt zu werden.;-) Von daher würde ich Kratzen als wenig effektiv einschätzen.

Griffe in den Unterleib
Auch dafür zahlen manche Menschen Geld, aber ich will nicht vom Thema abschweifen.;-) Angriffe auf den Unterleib sind immer sehr schmerzhaft und haben eine gewisse Schockwirkung. Je nachdem wie heftig man sie ausführt, können sie auch eine mannstoppende Wirkung haben. Das Problem beim Bodenkampf jedoch ist, das stabile und passgenaue Hosen, wie z.B. Jeans es oft sehr schwer machen, den Unterleib direkt anzugreifen. Sobald der Stoff im Schritt etwas gespannt ist, bietet er einen guten Schutz vor Griffen und auch Schläge aus naher Distanz, kommen nicht so optimal durch. Von daher sind Angriffe gegen den Unterleib zwar grundsätzlich wirksam, aber eben nicht immer optimal einsetzbar.

Spucken
Vielleicht hat Spucken in der momentanen Situation für manche Menschen eine gewisse Schockwirkung, aber grundsätzlich wird sich davon kaum jemand groß beeindrucken lassen. Glauben Sie mir, sie werden sich ihren Weg, nicht aus der Mount Position frei spucken, dafür fehlt es einfach an der Wirkung ihrer Spucke.;-)

Soccer und Stomp Kicks
„Elfmeter Kicks“ und Stampftritte zum Kopf, eines am Boden liegenden Gegners, sind auf zwei Arten extrem effektiv. Erstens wird der Gegner sehr schnell, sehr starke Verletzungen davon tragen und zweitens werden sie dafür wahrscheinlich juristisch auch sehr hart bestraft werden. Wenn ich einen Favorit bei den „Dirty Tricks“ habe, dann sind es diese Kicks, weil sie das Potential haben, einen Kampf in wenigen Sekunden komplett zu beenden. ABER und das ist das große aber, diese Techniken können tödlich sein und extreme moralische und juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Von daher möchte ich davon abraten, seinem angetrunken Schwager, der bei der goldenen Hochzeit der Eltern, einen über den Durst getrunken hat, mit einem Soccer Kick „Manieren beizubringen“.;-) Das könnte üble Folgen haben.

Oil Check
Das beste zum Schluß. 😉 Der berühmt-berüchtigte „Oil Check“ ,also das Einführen des eigenen Daumens in das gegnerische Rektum, kommt ja aus dem Ringen und wird dort öfters eingesetzt. Grundsätzlich ist das bestimmt nicht angenehm, aber auch kein Grund den Kampf aufzugeben. Außerdem gilt hier das Gleiche, wie den Angriffen zum Unterleib, eine relativ enge, stabile Hose bietet dagegen ausreichend Schutz. Von daher würde ich den „Oil Check“ zwar als gute Kontrolltechnik, aber nicht als Aktion zum beenden eines Kampfes einstufen.

Waffen

Waffen sind ein eigenes Thema, welches ich hier jetzt einmal ausklammere. In diesem Artikel geht es wirklich nur um die klassischen „Dirty Tricks“ und ihre Anwendung in einer SV Situation

Welchen Vorteil haben „Dirty Tricks“?
Meiner Meinung nach haben diese Techniken nur einen Vorteil, sie können einen Kampf relativ schnell beenden. Allerdings beschränkt sich das, auf die „Soccer Kicks“ und gut ausgeführte Fingerstiche, bzw. Angriffe auf den Unterleib. Die restlichen Tricks kann man sich eigentlich sparen, weil sie keine mannstoppende Wirkung erzielen werden. Beißen kann zwar taktisch eingesetzt werden, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, aber Beißen alleine, wird auch selten einen Kampf beenden.

Wie Anwendbar sind „Dirty Tricks“?
Genau jetzt kommen wir zu dem vielleicht wichtigsten Punkt, wie anwendbar sind „Dirty Tricks“, wenn man keine Erfahrung im BJJ oder einem anderen Grappling Stil hat? Kann man sich alleine nur mit diesen Tricks befreien, oder einen Angreifer sogar kampfunfähig machen?

Schauen wir uns einfach mal die drei wichtigsten Tricks an. Beginnen wir mit den „Soccer Kicks“ und Stampftritten. Wie effektiv kann man diese ohne Grappling Erfahrung einsetzen? Im Grunde ist das ganz leicht zu beantworten. Diese Techniken funktionieren nur, wenn der Gegner am Boden liegt und man selber steht. Grundsätzlich braucht man dafür also Wurftechniken und Erfahrung im Clinch, um einen Angreifer zu Boden zu werfen. Hat man diese nicht, sind die Fußtritte nicht anwendbar. Fazit: Während ein erfahrener BJJ Anwender mit diesen Techniken großen Schaden anrichten kann, sind sie für den Laien komplett wirkungslos und nicht anwendbar.

Was ist mit den Fingerstichen in die Augen? Das Problem dabei ist, das die positionelle Hierarchie des BJJ so aufgebaut ist, das man immer erst eine gute Position erreichen will, um dann anzugreifen. Wer also in der Mount Position auf seinem Gegner sitzt, kann alles besser. Er kann besser Würgen, Hebeln, Schlagen, oder eben Fingerstiche in die Augen ansetzen. Wer also aus der unteren Position der Mount Position anfangen würde Fingerstiche auszuführen, hätte damit relativ wenig Erfolg und würde seinen Gegner noch daran „erinnern“ das er dies ja aus der oberen Position viel besser machen kann. Dadurch würde es zu einem ungleichen Vergleich der Fingerstiche kommen, den in den meisten Fällen, der Anwender aus der Oberlage gewinnen würde, ganz einfach, weil er sich in der besseren Position befindet. Fazit: Wenn gleich diese Techniken mit viel Glück gegen einen ungeübten Angreifer funktionieren könnten, würden sie in Kombination mit grundlegenden BJJ oder Grappling Techniken viel besser und vor allem zuverlässiger funktionieren. Meiner Meinung nach bieten diese Tricks alleine, keinen sicheren Schutz in einer SV Situation am Boden, weil ein ungeübter Anwender kein Verständnis für die verschiedenen Bodenpositionen und den Befreiungen daraus hat.

Für die Angriffe auf den Unterleib gilt das Gleiche. Je schlechter die Position in der ich mich befinde, desto schwieriger wird es, diese Angriffe auszuführen. Ein starker Gegner kann einen untrainierten Anwender dieser Techniken einfach festhalten, klammern, schlagen, etc. ohne das dieser Antworten darauf hat und meistens in Hektik verfällt. Ist erst einmal Panik ausgebrochen, fehlt die Konzentration und Übersicht diese Techniken anzuwenden. Deshalb ist die Kombination, bzw. das Verständnis für die grundlegenden Prinzipien des BJJ so wichtig. BJJ, bzw. Grappling bietet die Basis, auf der man verschiedene Werkzeuge einsetzen kann. Weitere Infos dazu gibt es auch in meinem letzten Artikel.

Abschließende moralische und juristische Überlegungen
Ich weiß, „Dirty Tricks“ sind beliebt. Je brutaler desto besser, so zumindest in der Theorie, aber wir sollten nie vergessen, Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood. Wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin und ein betrunkener Jugendlicher will sich vor seinen Freunden beweisen und ich trete ihm dann vor meiner Frau und meinem kleinen Sohn, den Kopf mit einem Socker Kick weg, dann kann das traumatische Wirkung für mich und meine Familie haben. Es kann schwerwiegende juristische Folgen haben und es ist fraglich ob ich jemanden aus einem relativ nichtigen Anlass, sein Leben so zerstören muss.

Natürlich, auch solche Situationen können eskalieren, der Jugendliche könnte ein Messer ziehen, usw. aber ich denke wir sollten auch in der Selbstverteidigung versuchen ein gewisses Maß an Menschlichkeit zu wahren. Ja ich möchte mich verteidigen und ich bin auch bereit das in aller Konsequenz zu tun, aber ich muss nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und BJJ gibt mir eben genug Möglichkeiten, solche Sachen relativ menschlich zu lösen. Ein Würgegriff, der Junge schläft ein, wacht ein paar Sekunden später wieder auf und hat eine Lektion fürs Leben gelernt. Keine Spätfolgen, keine Rache, und wahrscheinlich auch keine traumatisierte Familie.

Von daher. „Dirty Tricks“ sollte man kennen, man sollte wissen welche funktionieren und wie man sie anwendet, aber man sollte sich eben auch bewusst sein, das für ein Großteil der SV Situationen, ein konsequentes, aber weniger brutales Vorgehen besser geeignet ist.

Die wahre Stärke des Brazilian Jiu Jitsu

Brazilian Jiu Jitsu  Stärke

Brazilian Jiu Jitsu ist für mich eine effektive und vor allem rudimentäre Form der Selbstverteidigung, die mit relativ wenig Trainingsaufwand funktioniert. Wie genau, das habe ich ja bereits in einigen Artikeln beschrieben und deshalb geht es heute auch weniger um die technischen Aspekte dieser Kampfkunst, sondern eher um einen fundamentalen Aspekt, der für mich in der Anwendung, gerade bei der SV, eine enorm wichtige Rolle spielt.

Ja BJJ funktioniert in allen waffenlosen Kampfdistanzen, ja es ist stark im Nahkampf und natürlich noch stärker am Boden, aber das sind alles technische und taktische Ausprägungen. Es gibt jedoch einen Aspekt, der hinter alle dem steht und der Quasi die Ursprungsenergie des BJJ ist. Es ist ein Aspekt der alles im BJJ definiert, es in Relation setzt und den Kontext für diese Kampfkunst vor gibt. Wenn sie diesen grundlegenden Aspekt verstanden haben, werden Sie ihn in jeder BJJ Technik wiedererkennen und die Technik viel bewusster ausführen.

Hab ich ihr Interesse geweckt? Wollen Sie wissen, was genau hinter diesem geheimnisvollen Aspekt des BJJ steckt? Ich werde es ihnen sagen, es geht um die bewusste Kontrolle der Distanz. Im BJJ dreht sich alles darum, die Distanz entweder gezielt zu verkürzen, oder eben mehr Platz zum Gegner zu schaffen. Egal ob in der Schlagdistanz, im Clinch oder am Boden, es geht immer darum, die Distanz so zu manipulieren, das der BJJ Anwender davon einen Vorteil hat. Genau das macht BJJ für die Selbstverteidigung so attraktiv, denn in praktische Worte gefasst, bedeutet das, das BJJ die Kontrolle des Gegners genauso lehrt, wie die Befreiung und Flucht vor dem Gegner.

Der BJJ Anwender lernt also die bewusste Navigation durch die verschiedenen Kampfdistanzen und dies eben auch in beide Richtungen. Diese Fähigkeit ist extrem wichtig und kann über Stilgrenzen hinweg eingesetzt werden.

Distanzkontrolle in der Schlagdistanz
Fangen wir mit dem Distanzgefühl in der Schlagdistanz an. Ein BJJ Anwender lernt, sich immer außerhalb der Schlagdistanz eines Angreifers zu positionieren, bzw. diese schnell zu unterlaufen, wenn er überraschend angegriffen wird. Diese Fähigkeit ist universell einsetzbar. Ein trainierter Anwender, kann bewusster die Gesprächsdistanz wählen, und kann die Distanz im Gespräch vergrößern, wenn er sich unwohl fühlt. Er kann auch einen Angriff schnell unterbinden, indem er nicht geschockt stehen bleibt, sondern direkt in den Clinch geht.

Distanzgefühl bedeutet Übersicht, man lernt aus der Distanz rauszugehen, z.B. um zu Flüchten, oder eine Waffe einzusetzen. Genauso lernt man, sich einer Person so zu nähern, das man zwar selber noch in sicherer Distanz ist, aber diese sehr schnell überbrücken kann, um die Person zu kontrollieren. Der Anwender lernt also sehr bewusst mit diesem Thema umzugehen und schon in der Phase vor dem ersten physischen Kontakt, die Kontrolle zu übernehmen. Um es noch einmal praktisch und prägnant zu formulieren, der BJJ Anwender steht immer nah genug um die Distanz zu überbrücken und weit genug weg, um weg zu laufen. Darüber hinaus hat er gelernt, diese Fähigkeit in einer dynamischen Situation aufrecht erhalten.

Distanzkontrolle im Clinch
Auch hier gilt das gleiche Prinzip. Der BJJ Anwender kann die Distanz verkürzen, als auch erweitern und genau das macht ja eine gute Navigation aus. Man kann also einen wild prügelnden Angreifer kontrollieren, indem man in den Clinch geht, kann ihn festhalten, an die Wand drücken, oder zu Boden werfen, je nachdem welche taktischen Vorgaben man hat.

Genauso kann man sich aber auch, aus einer eventuellen Umklammerung befreien und Distanz schaffen um zu flüchten, oder eine Schusswaffe, Pfefferspray, etc. einzusetzen. Auch hier besteht die Kontrolle der Distanz in beide Richtungen und das macht sie eben so vielseitig. Für eine Frau, die vielleicht in der dunklen Ecke eines Clubs angegriffen und umklammert wird, ist die Flucht und das vergrößern der Distanz lebenswichtig, um Öffentlichkeit herzustellen und so einen Angriff abzuwenden. Ein Polizist der vielleicht eine Prügelei zwischen zwei Besoffenen schlichten will, braucht die Fähigkeit der Kontrolle, um die Situation zu deeskalieren. So oder so, die Kontrolle der Distanz ist enorm wichtig, um auf die verschiedensten Szenarien reagieren zu können und BJJ basiert ja genau auf diesen zwei grundlegenden Fähigkeiten.

Glauben Sie nicht? Ich gebe ihnen ein klassisches Beispiel. Wenn sich der BJJ Anwender in der Mount Position, oben auf seinem Gegner befindet, was macht er da? Ganz einfach, er bleibt so eng es geht auf seinem Gegner sitzen, nimmt jegliche Distanz weg und klebt regelrecht auf seinem Gegenüber. Er kontrolliert ihn, indem er ihm den Raum zur Flucht nimmt.

Was macht der BJJ Anwender, wenn er sich unten in der Mount Position befindet und sein Gegner auf ihm sitzt? Er schafft Platz, nutzt seine Hüften, um die Distanz zum Gegner zu vergrößern und sich dann zu befreien. Beide Fähigkeiten finden sich also in dieser, aber auch in vielen anderen fundamentalen Positionen des BJJ wieder. Wenn fortgeschrittene BJJ Anwender Sparring machen, dann ist es quasi ein ständiger Kampf um den Raum, bzw. um das verkleinern und vergrößern der Distanz zum Gegner.

Distanzkontrolle am Boden
Wie schon eben beschrieben, geht es auch am Boden immer um die Distanz. Hat ein BJJ Anwender einen aggressiven und kräftigen Gegner auf den Boden geworfen, will dieser wieder aufstehen, um besser seine Kraft einsetzen zu können. Deshalb spielt hier die Verkürzung der Distanz eine große Rolle, um die dominante Position am Boden nicht zu verlieren. Wird man von einem starken Gegner zu Boden geworfen, kann es aber genauso wichtig sein, die Fähigkeit zu besitzen, Distanz zu schaffen, um aufzustehen. So kann man dann flüchten, oder aus der Distanz eventuelle Waffen einsetzen. Auch hier wieder das praktische Beispiel, der Polizist der einen prügelnden Angreifer zu Boden bringen muss, um ihn festzunehmen braucht die Fähigkeit der Kontrolle.

Der gleiche Polizist der von einem durchgeknallten Gewalttäter alleine überrascht und zu Boden geworfen wurde, braucht jetzt die Fähigkeit die Distanz zu vergrößern und aufzustehen. Beide Fähigkeiten lehrt das BJJ. Die Fähigkeit sich aus einer Umklammerung befreien zu können, spielt auch im Kampf gegen mehrere Angreifer eine große Rolle. Denn sollte man in so einer Situation von einem der Angreifer zu Boden gerissen werden, kann die Fähigkeit sich zu Befreien, aufzustehen und zu Flüchten, überlebenswichtig sein.

Sie merken schon, BJJ ist nicht nur einfach Raufen, keine Ansammlung von verschiedenen Tricks und Griffen, sondern ein System, dessen Schwerpunkt die Kontrolle der Distanz ist.

Brazilian Jiu Jitsu Stärke
Hier sieht man eine starke Barriere, die mit Kopf, Unterarm und Oberarm gebildet wird und hohen Kräften standhält.

Gerade im Clinch und am Boden, spielt die Positionierung des Körpers und besonders der Arme und des Kopfes, eine enorm wichtige Rolle. Der BJJ Anwender schafft strukturelle Barrieren, um einen Angreifer auflaufen zu lassen und seine Kraft zu neutralisieren. Dies gibt ihm die Zeit und die Übersicht, bewusst mit Umklammerungen umzugehen, diese zu vermeiden, oder für eigene Zwecke zu nutzen. Im Umkehrschluss übt der BJJ Anwender seine eigene Kraft, immer mit einem idealen Hebelverhältnis aus, so das eventuelle „Barrieren“ des Gegners leicht eingeknickt, oder umgangen werden können. Diese beiden Fähigkeiten sind essentiell, wenn es darum geht, die Distanz in die eine oder andere Richtung zu kontrollieren. Sie können klassisch in Kombination mit Hebel- und Würgegriffen genutzt werden, oder eben zu taktisch anderen Zwecken, wie ich das oben schon beschrieben habe.

Zum Vergleich, hier eine schwache Barriere, welche nur durch die Muskulatur des Armes stabilisiert wird
und deshalb sehr schwach ist

An dieser Stelle eine kleine Anmerkung zum Thema Sport BJJ. Ich persönlich mag ja die BJJ SV, aber genauso mag ich auch das sportliche BJJ. Das oben beschriebene System der Distanzkontrolle ist universell und kann sowohl sportlich als auch im SV Kontext eingesetzt werden. Trainiert man es im sportlichen Rahmen, gegen andere trainierte BJJ Anwender, entwickelt man zwangsläufig noch viel bessere Fähigkeiten, weil man sich ja ständig gegenseitig weiterentwickelt und neutralisiert. Von daher ist es auf jeden Fall von Vorteil, wenn man nach seinem grundlegenden SV Training, auch das sportliche Rollen betreibt, um stärkere sportspezifische Eigenschaften zu entwickeln. Vorausgesetzt man hat die Zeit und die körperliche Fitness dafür. Zu diesem Thema wird es aber von mir noch ein extra Artikel geben,

Hier eine effiziente Form, die Barriere des Gegners, durch die Drehung der eigenen Hüften zu überwinden.

Zusammengefasst kann man sagen, Brazilian Jiu Jitsu funktioniert auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite ist es ein Selbstverteidigungssystem, mit einer bewährten und einfachen Kampfstrategie, welches mit relativ wenig Trainingsaufwand erlernbar ist und auf der anderen Seite ist es ein System zur Distanzkontrolle, welches mit den unterschiedlichsten taktischen Vorgaben und SV-Möglichkeiten kombiniert werden kann.

BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslange;-) Teil 2: Die offene Guard

Das taktische Aufstehen aus der offenen Guard Position , wenn man die Distanz dazu hat. (Screenshot)

Nachdem ich im ersten Teil, die Funktion und Wirkungsweise der geschlossenen Guard erläutert habe, geht es heute um die offene Guard, d.h. ein Gegner steht etwas außerhalb meiner Reichweite, ich habe noch keinen, bzw. wenig physischen Kontakt zu ihm und der Kampf entwickelt sich von dort aus. Im sportlichen BJJ gab es in dieser Position in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung, aber ich will an der Stelle mehr auf die Anwendung der offenen Guard in der Selbstverteidigung, bzw. in Situationen in denen Schläge und Tritte erlaubt sind, eingehen.

Wie entsteht eine offene Guard Position in der Selbstverteidigung?
Grundsätzlich kann man sagen, das es kaum Situationen gibt, bei denen man sich freiwillig in die offene Guard Position begibt. Meistens läuft etwas suboptimal und man wird dazu gezwungen, sich in diese Position zu begeben. Der Klassiker überhaupt, ist das einfache Stolpern. Man befindet sich in einer körperlichen Auseinandersetzung, mitten im Chaos und plötzlich verliert man das Gleichgewicht und landet am Boden, während der Gegner stehen bleibt und schon findet man sich in der offenen Guard wieder.

Eine weitaus gefährlichere Situation ist gegeben, wenn der Gegner einen schweren Schlag landet und man durch die Schlagwirkung zu Boden geht, bzw. sich freiwillig hinsetzt, weil man merkt das man angeschlagen ist und die Verteidigung im Stand zu gefährlich wird. Diese Taktik wurde früher öfters in MMA Kämpfen angewendet und war auch erfolgreich. Allerdings wollten die Zuschauer lieber ein brutales K.O. sehen und so wird heute in der Regel der Kampf sehr schnell unterbrochen, wenn einer der beiden Kämpfe sich hinsetzt.

Vielleicht denken sie jetzt: Was? Warum sollte ich mich auf den Boden setzen, wenn ich schon angeschlagen bin? Das ist doch gefährlich. Meine Antwort, ja das ist gefährlich, aber angeschlagen stehen zu bleiben und weitere schwere eventuelle K.O. Treffer zu kassieren ist noch gefährlicher. Eine weitere Möglichkeit für die offene Guard ist eine Situation, in der sie sich schon am Boden befinden. Man sitzt im Freibad auf einer Wiese, oder man befindet sich schon in einer liegenden Position (gerade bei sexuellen Straftaten) und wird plötzlich angegriffen. Eine weitere Möglichkeit ist auch, das ihr Gegner aus ihrer geschlossenen Guard flüchtet (weil er zu stark ist oder sie einen Fehler gemacht haben) und somit Distanz aufbauen kann.

Was ist das Ziel der offenen Guard?
Grundsätzlich gibt es in der offenen Guard zwei Ziele, die auf den ersten Blick sehr gegensätzlich erscheinen, allerdings ergänzen sie sich bei genauerer Betrachtung sehr gut. Das erste Ziel ist natürlich die Verteidigung gegen Schläge und Tritte. Dadurch, das man in der offenen Guard oft keinen direkten Kontakt zu seinem Gegner hat, gleicht das Szenario dem Standkampf. Man ist außerhalb der gegnerischen Reichweite, muss sich vor den Angriffen des Gegners schützen und gleichzeitig einen Weg finden, die Distanz zu verkürzen.

Die klassische Situation in der SV ist wohl die, das der Gegner steht, während man selber am Boden liegt. Solange nur ein Angreifer im Spiel ist, ist diese Position gar nicht so schlecht(im Kontext der verschiedenen Guard Positionen). Wie schon weiter oben im Text erwähnt, gab es in den frühen MMA Kämpfen öfters solche Situationen und der stehende Gegner hat es dabei gar nicht so leicht und will deshalb oft gar nicht angreifen. Gerade wenn man keine Grappling Erfahrung hat, ist es nämlich gar nicht so einfach, an den gegnerischen Beinen vorbei zu kommen.

Das offensive Ziel ist natürlich die Kampfunfähigkeit des Gegners. Man hat die Möglichkeit eines gezielten „Up Kicks“ zum Gesicht, also einem Fußtritt aus der Rückenlage. Darüber hinaus gibt es Sweeps und auch einige Submissions (wobei gerade die Submissions eher etwas für fortgeschrittene BJJ Anwender sind) und natürlich gibt es die Chance, den Gegner in die geschlossene Guard zu ziehen. Dies ist wohl auch eine der sichersten Methoden überhaupt.

BJJ Selbstverteidigung
Die Füße zeigen immer zum Gegner (Screenshot)

Die Füße zeigen immer zum Gegner
Natürlich ist die offene Guard ein großes Thema, welches wir in seiner Komplexität nicht komplett behandeln können, aber es gibt einige grundsätzliche Prinzipien, die man immer nutzen sollte.

Grundsätzlich sollten die eigenen Fußsohlen, bzw. Fersen, immer zum Gegner zeigen. Man zielt quasi mit den Füßen, wie man auch mit einer Schusswaffe zielen würde und wenn der Gegner sich bewegt, dann bewegt man sich auch und folgt ihm. Man darf unter keinen Umständen zulassen, das der Gegner zur eigenen Flanke kommt, denn dort ist man für alle Angriffe, egal ob Schwitzkasten oder „Elfmeter Kick“ an den Kopf offen. Der Wechsel von der sitzenden in die liegende Position und die Nutzung der Schwungmasse des Körpers ist dabei enorm wichtig, um sich wirklich schnell und ohne viel Aufwand am Boden bewegen zu können.

Mein Systema Training unter Alex Kostic hat damals mein BJJ in diesem Bereich sehr bereichert und verändert und auch heute noch sind gerade beim fortgeschrittenen Training, viele Einflüsse dieser Kampfkunst mit drinnen.

Aufstehen, wenn es die Distanz zulässt.
Dieses Prinzip gilt natürlich nicht, wenn man sich z.B. nach einer Schlagwirkung in diese Position begeben hat, um weiteren Schlägen zu entgehen. Es ist eher für die Fälle gedacht, in denen man unfreiwillig am Boden gelandet ist, weil man z.B. ausgerutscht oder gestolpert ist, oder vielleicht vom Gegner am Boden überrascht wurde.

Grundsätzlich hält man seinen Gegner mit gezielten Kicks auf Distanz. Sobald dieser zu Nahe kommt, attackiert man seine Knie, weil diese meistens das naheliegendste Ziel sind. Durch das konsequente Attackieren der Knie, zwingt man den Gegner auf Distanz zu bleiben, was oft dazu führt, das er sich sogar weiter von einem entfernt, als es für ihn nötig wäre. Sobald der BJJ Anwender merkt, das sein Gegner weit genug weg ist und keinen Angriffsdruck nach vorne hat, kann er diese Lücke nutzen und aufstehen, um den Kampf im Stand weiter zu führen. Durch die Kombination aus aggressiven Kicks und konsequentem Aufstehen, kann man den Gegner sehr gut unter Druck setzen. Kommt er zu Nahe wird er getreten, geht er zu weit weg, steht man auf. Wie man aus dieser Position effektiv treten kann, zeige ich in diesem Video.

Natürlich ist dies noch nicht die perfekte Lösung, weil mein noch keine Kontrolle über den Gegner hat, aber es ist definitiv eine gute Strategie um eine relativ passive Position stark zu machen.

Der „Up-Kick“
Eine weitere konsequente Umsetzung unser Kick Strategie. Während die ersten Kicks meistens zu den Knien gehen, weil der Gegner relativ gerade vor uns steht, kann es im Verlauf des Kampfes passieren, das der Gegner sich nach vorne über beugt, um unsere Hose an den Knien, oder Fußgelenken zu greifen. Sollte dies der Fall sein, bringt er dadurch seinen Kopf in die Kick Distanz und dies kann der BJJ Anwender ausnutzen und mit einem „Up-Kick“ zum Gesicht angreifen. Diese Kicks sind sehr schwer zu erkennen und führen oft zu einem schnellen K.O. Wie gut sowas funktioniert, zeigt dieses Video von Renzo Gracie in seinem Kampf gegen Oleg Taktarov.

Offene Guard
Einarmige Kontrolle, der erste Schritt zum „2 on 1“ (Screenshot)

Die Extremitäten kontrollieren
Wie im Stand auch, kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Gegner kontrollieren und in seinen Bewegungen einschränken kann. Allerdings kann man diesen nicht so aktiv suchen wie im Stand, weil man eben am Boden sitzt oder liegt. Kommt der Gegner jedoch so nahe,das man seine Fußgelenke, bzw. Handgelenke greifen kann, beginnt eine neue Phase der offenen Guard. Jetzt kann der BJJ Anwender selber damit beginnen Druck aufzubauen. Mit Kontrolle der Fußgelenke ergeben sich verschiedene Möglichkeiten für Sweeps und wenn der BJJ Anwender die Handgelenke kontrolliert, kann er z.B. mit einer „2 on 1“ Kontrolle, eine sehr starke Zugbewegung aufbauen, während er mit den Füßen an den Hüften Druck nach vorne ausübt. Dadurch entsteht ein Schereneffekt, welcher den Gegner mit seinem Körper parallel zum Boden zwingt und ihm somit die Möglichkeiten für sinnvolle Angriffe nimmt.

Zu diesem Zeitpunkt kann den BJJ Anwender seinen Gegner auch vom Stand in eine kniende Position zwingen und ihn dort weiter angreifen. Gerade Triangle Chokes, also Würgegriffe mit den Beinen, funktionieren in diesem Szenario sehr gut. Durch die starke „2 on 1“ Kontrolle der Arme, ist auch ein starker Übergang in die geschlossene Guard möglich, um den Kampf von dort aus weiter zu führen.

Die umgekehrte Strategie
Die von mir beschriebene Strategie funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wenn also jemand die geschlossene Guard des BJJ Anwenders aufbricht, dann lässt dieser ihn nicht einfach aufstehen und Distanz aufbauen. Er kontrolliert über den „2 on 1“ und den Füßen an der Hüfte, wenn das nicht mehr funktioniert, kontrolliert er zumindest die Füße des Gegners, um Sweeps ansetzen zu können und wenn auch diese Strategie nicht mehr aufgeht, dann bringt er zumindest seine Füße in Position zum Gegner, um die offene Guard zu verteidigen und den Gegner nicht an die eigene Flanke kommen zu lassen. Grundsätzlich kann man sagen, das die Kontrolle der offenen Guard immer stärker wird, je näher man der geschlossenen Guard kommt. Je weiter sich der Gegner von der geschlossenen Guard entfernt, desto schlechter ist auch die Kontrolle.

Aus meiner fortgeschrittenen Perspektive empfehle ich deshalb immer eine starke Closed Guard. Es macht für mich wenig Sinn den Gegner aufstehen zu lassen, ohne dabei eine starke Kontrolle auf Ihn ausüben zu können.

Dies ist auch ein wichtiger Unterschied zum sportlichen BJJ. Dort geht man halt oft davon aus, das beide Anwender in einer bestimmten Situation am Boden bleiben, bzw. zumindest Kontakt halten wollen. Dadurch sind sehr viel komplexere Bewegungen möglich. Ich habe dazu eine etwas andere Einstellung. Für mich muss eine Position zwingend sein. D.h. sie muss den Gegner wirklich in seinen Bewegungen einschränken, gerade dann, wenn es eine Position aus der Rückenlage, also irgendeine Form von Guard ist. Durch die verschiedenen Druck und Zugbewegungen versuche ich immer Schereneffekte entstehen zu lassen und mein Gewicht an den Gegner zu hängen, um Druck auszuüben. Das Video welches ich dazu in meinem letzten Artikel gepostet habe, ist nur ein Beispiel, man kann diese Effekte aus den verschiedensten Positionen erreichen.

Für mich ist die Open Guard ein notwendiges Übel. Eine Position die sehr oft vorkommt, die man braucht, die man oft trainieren muss, aber die eben meistens nur ein Übergang in die geschlossene Guard darstellt. Im sportlichen Training spielt die offene Guard eine noch viel größere Rolle, aber auch dort ist sie für mich eher Mittel zum Zweck. Ein Übergang zur geschlossenen Guard. Natürlich können von dort aus effektive Leglocks, Sweeps, Back Takes und Submissions passieren, aber die sind nur die „Kür“. Die können passieren, aber das Hauptziel bleibt für mich der Übergang in die geschlossene Guard.

Allerdings muss man auch sagen, das gerade im sportlichen Bereich eine gute Closed Guard nur durch eine gute offene Guard ermöglicht wird. Während vor 20 Jahren, manch ein Gegner noch freiwillig in die geschlossene Guard gegangen ist, um sie dann zu passieren, geschieht dies im Jahr 2020 wohl nicht mehr. Kein Gegner schenkt die geschlossene Guard, sondern wird von Anfang an versuchen an den Beinen des BJJ Anwenders vorbeizukommen. Wenn man da keine gute offene Guard hat, wird man schnell passiert werden und sich in der Side Mount Position am Rücken wiederfinden.

Aus diesem Grund bilden Open und Closed Guard eine Symbiose welche immer die maximale Kontrolle des Gegners zum Ziel hat.

Ich hoffe Ich konnte ihnen das Wesen einer „straßentauglichen“ Guard etwas näher bringen und auch wenn der Fokus in diesem Artikel auf der SV lag, nutze ich diese Form der Guard auch im sportlichen Bereich, bei dem keine Schläge erlaubt sind. Der Grund dafür ist einfach. Je besser ich einen Angreifer in seinen Bewegungen einschränken kann, desto langsamer wird das „Spiel“ und je langsamer das „Spiel“ desto weniger kann mein Gegner die Attribute der Jugend (Schnelligkeit, Explosivität, etc.) einsetzen. Von daher ist das für mich die passende Strategie für ein zeitloses und aufwandsloses BJJ.

Wer also jenseits der 25 oder sogar 35 ist und immer noch, oder gerade deshalb, ein effizientes BJJ Game haben möchte, findet mit diesem Approach einen sehr interessanten Ansatz. Wer mehr darüber erfahren möchte, warum man die Guard überhaupt in der SV einsetzt, findet meinen Artikel dazu <<HIER>>

BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslage;-) Teil 1: Die Closed Guard

BJJ Selbstverteidigung aus der Rückenlage
Eine starke Kopfkontrolle, von der aus, man in verschiedene, andere Kontrollpositionen, wechseln kann

Wenn ich mir aus der Rücklage eine Position aussuchen dürfte, aus der ich einen Kampf beginnen will, dann würde ich die Closed Guard wählen. Keine andere Position gibt mir diese aggressive Form der Kontrolle und des „Pressure.“, in Kombination mit Submissions, Sweeps und Back Takes.

In einem meiner letzten Artikel ging es ja darum, ob die Guard eine Berechtigung für die Selbstverteidigung hat und nachdem ich diese Frage mit einem relativ ausführlichen „Ja“ beantwortet habe, möchte ich heute einmal auf die konkreten Prinzipien und Strategien der Guard Position eingehen und erläutern wie eine Guard funktionieren muss, damit sie gut in der Selbstverteidigung funktioniert. Da dies ein sehr komplexes Thema ist, werde ich auch hier mehr als einen Artikel verfassen. Beginnen möchte ich aber heute mit dem absoluten Klassiker, der Closed Guard, also der geschlossenen Guard. Wie keine andere Position, hat die Closed Guard das Bild des BJJ im MMA (bzw. damals noch Vale Tudo) geprägt und es hat Jahre gedauert bis wir überhaupt realisierten, das es auch noch viele andere Guard Positionen gibt.

Für mich ist die Closed Guard, die erste Guard, die ein Schüler lernen sollte, weil sie eine sehr starke Kontrollposition ist und in den verschiedenen Szenarien (SV, Gi, No-Gi, MMA) gut funktioniert. Darüber hinaus bietet sie, wie schon erwähnt, extrem effektive Übergänge in andere Positionen, wie die Mount oder Back Mount Position und auch klassische Submissions wir der Triangle Choke, der gestreckte Armhebel oder der Oma Plata sind aus der geschlossenen Guard sehr gut auszuführen. Die Art und Weise wie ich die Closed Guard für mich nutze macht eigentlich keinen Unterschied, was das Szenario betrifft. Ich arbeite sehr eng und kontrolliere die Extremitäten meines Gegners, egal ob wir mit oder ohne Schläge kämpfen. Das macht es für mich als Lehrer auch einfach, diese Position uneingeschränkt zu empfehlen. Was sind also die Prinzipien einer effektiven Guard, die auf der Straße und auf der Matte funktioniert?

Die Kontrolle des Oberkörpers
Einer der wichtigsten Punkte überhaupt, ist die Kontrolle des Oberkörpers, oder einfacher gesagt, solange der Kopf meines Gegners, auf meiner Brust klebt, wird es schwer für Ihn, mich K.O. zu schlagen, oder meine Guard zu passieren (wobei ich selber gerne die Guard passiere und meinen Kopf auf der Brust meines Gegners habe, aber das ist halt die Ausnahme;-)).

Je mehr sich ein Gegner in der Guard aufrichten kann, desto mehr Distanz hat er, um seine Schläge zu beschleunigen und das kann dann sehr gefährlich werden. Ähnlich wie im Standkampf auch, wollen wir keinen Kampf in der „Halbdistanz“. Entweder wir sind sehr weit weg, oder eben sehr nah am Mann dran. Wenn wir also den gegnerischen Kopf auf unserer Brust, oder manchmal auch Bauch, kontrollieren, sind wir in einer engen „Clinch Position“ und dadurch relativ sicher und vor harten Schlägen geschützt. Würde man jetzt mit Gi trainieren und wäre auf eine klassische Collar & Sleeve Kontrolle fixiert, also auf ein Griff am Ärmel und ein Griff am Revers, dann wäre dies zwar effektiv für den Kampf ohne Schläge, mit Schlägen, wäre dies jedoch genau die Halbdistanz, die es zu vermeiden gilt, um nicht Schläge und Kopfstöße zu kassieren.

Da wir innerhalb unserer Schule allerdings sowieso nur No-Gi trainieren, haben wir ausschließlich enge, körpernahe Methoden der Kontrolle und so spielt es in der Closed Guard eine eher untergeordnete Rolle, ob der Gegner schlägt oder nicht. Die Kontrolle des Oberkörpers ist allerdings nicht einfach ein einzelner Griff, sondern ein System aus verschiedenen Kontrollpositionen und Übergängen die die Positionen miteinander verbinden.

Die wichtigsten Positionen in unserem System sind:

  • Overhook & Kopfkontrolle (2 Versionen)
  • High Guard
  • Head & Arm Kontrolle
  • Side Guard
  • Williams Guard
  • No-Gi Spider Guard

Die Rubber Guard wäre eine weitere Option, aber auch wenn ich Eddie Bravo wirklich mag und schätze und einige seiner Entwicklungen wirklich gut finde, kann ich mit dieser Position als Athlet und auch als Coach nichts anfangen, da sie meiner Meinung nach nicht nur eine extreme Flexibilität voraussetzt, sondern auch sehr viel Stress im unteren Rücken, den Hüften und Kniegelenken verursacht.

Die 45 Grad Regel
Idealerweise befindet sich der Kopf eines Angreifers flach auf der Brust des BJJ Anwenders, oder maximal in einem Winkel von 45 Grad über ihm. Von 0 – 45 Grad lässt sich ein Gegner relativ gut am Kopf kontrollieren,. Bewegt sich der gegnerische Oberkörper schon in einem Winkel von 45-90 Grad über dem Körper des BJJ Anwenders, muss dieser auf andere Kontrollmechanismen zurück greifen. Eine geschlossene Guard, ist dann, gerade auch wenn Schläge erlaubt und zu erwarten sind, nur schwer möglich. Wobei ich mich da korrigieren muss, möglich ist sie, sie wird ja auch oft genauso unterrichtet, aber funktionieren tut sie in diesem Kontext nur selten, gerade wenn der Angreifer physisch stark und aggressiv ist.

Raum nehmen und Raum schaffen
Einfach abgekürzt beschreibt dieser Satz die Idee der geschlossenen Guard. Man nimmt dem Angreifer jeglichen Platz für seine Angriffe (egal ob Grappling Techniken oder Schläge) und kontrolliert so seine Haltung und Körperstruktur. Aus dieser, für ihn schlechten Position heraus, schafft man wiederum Platz, um eigene Angriffe zu starten. Grundsätzlich ist das Spiel der Guard, also immer ein Spiel zwischen Raum wegnehmen und Raum neu erschaffen, um anzugreifen. Das macht die Guard auch relativ schwierig und ich würde jedem Anfänger empfehlen, in einem echten Kampf , immer aus den oberen Positionen zu kämpfen. Später relativiert sich das etwas, aber in der ersten Zeit, ist der Kampf aus der Oberlage einfach sicherer und erfolgversprechender.

Die Kontrolle mit dem Overhook
Der Overhook in Anwendung

Overhook & Kopfkontrolle
Die wohl klassischste aller Closed Guard Kontrollen und auch die erste die ich meinen Schülern unterrichte. Man kontrolliert den gegnerischen Kopf auf seiner eigenen Brust, indem man ihn so umklammert, das die eigene Armbeuge genau am Nacken aufliegt, quasi so als würde man einen Mata Leao auf der falschen Halsseite ausführen. Der freie Arm umklammert den Arm des Gegners entweder komplett, so das ein Overhook entsteht, oder man legt nur den Ellenbogen über den Arm des Gegners und presst ihn so in die eigene Armbeuge. Der Overhook hat einen größeren Kontrolleffekt, aber die zweite Version, ist ein wenig mobiler und Übergänge fallen mit ihr leichter. Der Nachteil dieser Position liegt darin, das man nicht ganz so leicht die nötige Distanz für die verschiedenen Angriffe schaffen kann. Mit der nötigen Hüftbewegung ist dies zwar möglich, aber man buhst auch etwas Kontrolle dabei ein.

Für die Selbstverteidigung ist diese Position allerdings sehr einfach und effektiv einzusetzen, da die wenigsten untrainierten Menschen, wissen, wie sie die strukturellen Schwachpunkte dieser Position ausnutzen können und sich viele Möglichkeiten für Triangle Chokes, gestreckte Armhebel und Oma Platas ergeben. Auch Schläge auf den Hinterkopf, sowie Fersenschläge in die Nieren, bzw. Oberschenkel sind sehr gut möglich.

High Guard in der Selbstverteidigung
Die High Guard in Anwendung

Die High Guard
Dies ist meistens die zweite Kontrollposition, die ich am Anfang unterrichte und sie ergibt sich meistens, aus der Verteidigung, gegen die erste Position. Warum? Ganz einfach, für den Overhook und die Kopfkontrolle, brauch man einen Arm des Gegners am Boden. Ein Overhook ist nur dann möglich, wenn die gegnerische Hand den Boden berührt und aus diesem Grund legen geübte Angreifer die Hände auf den Oberkörper des Anwenders und halten dabei ihre eigenen Ellenbogen eng. Mit dieser Taktik lässt sich ein Overhook vermeiden, aber er gibt dem BJJ Anwender die Möglichkeit für einen Übergang in die High Guard. In der High Guard klettert man mit den Beinen am Gegner nach oben in Richtung des Kopfes und hält die Guard dort fest, indem man ein Bein hinter und das andere Bein über der Schulter platziert und die Füße dann kreuzt. Dadurch bricht man die Struktur der Schultern und kontrolliert den Oberkörper, am Ende der Wirbelsäule. Man maximiert also den Hebel. Man kann in dieser Position sein ganzes Gewicht auf den Gegner legen und hat auch hier wieder die „Klassischen 3“ also Triangle Choke, gestreckter Armbar und Oma Plata als Submission Möglichkeit. Darüber hinaus hat man in dieser Position die Hände frei und kann sehr schmerzhafte Ellenbogen Schläge von oben auf den Scheitel des Gegners ausführen. Auch Fausthiebe ins Gesicht sind sehr gut möglich, ohne dabei selber ein großes Risiko von Gegentreffern einzugehen.

Closed Guard
Head & Arm Kontrolle in Anwendung

Die Head & Arm Kontrolle
Auch wenn man aus dieser Position wenige Submissions zur Verfügung hat, ist sie doch eine sehr starke Kontrollposition und bietet gute Möglichkeiten den Gegner zu sweepen, bzw. auf seinen Rücken zu klettern. Wir nutzen die Head & Arm Kontrolle nicht nur am Boden, sondern auch im Stand als sekundäre Kontrollposition im Clinch. Man klammert also den Kopf, ähnlich wie in der ersten Kontrollposition und macht dann keinen Overhook, sondern greift unter der Achsel des Gegners hindurch, um die Hände zu schließen. So hat man eine extrem starke Kontrolle des Oberkörpers und kann sehr gut, unter dem Gegnerischen Arm zum Rücken des Gegners klettern. Durch die Positionierung am Ende der Wirbelsäule, wird der Hebel maximiert und es entsteht ein starker Druck auf der Halswirbelsäule, welche den Gegner in seinen Handlungsmöglichkeiten stark einschränkt. Auch Wechsel in andere Guard Positionen, wie die Butterfly Guard, sind aus dieser Position möglich, für die SV aber eher selten notwendig.

Die Side Guard
Die Side Guard in Anwendung

Die Side Guard
Meine absolute Lieblingskontrolle in der Guard. Die Side Guard, ist extrem effektiv und führt direkt zur Back Mount oder Mount Position. Darüber hinaus sind starke Übergänge in den gestreckten Armhebel und in den Kimura möglich. Für mich ist diese Kontrollposition die Position, in der ich am meisten Druck aufbauen und meinen Gegner nach unten ziehen kann, von daher ist es meine „Go-To Position“ wenn ich in der geschlossenen Guard lande. Bei der Side Guard liegt man etwas seitlich zum Gegner und hat die gegnerischen Arme auf einer Seite festgelegt. Dabei kontrolliert man den Kopf und Latissimus des Gegners, um ihn daran zu hindern diese Position zu verlassen. Auch hier sind Fersen- und Ellenbogenschläge möglich, gerade der Rücken und Hinterkopf bieten gute Angriffsziele.

Williams Guard
Auf dem Weg in die Williams Guard

Die Williams Guard
Gehört jetzt nicht zu meinen Favoriten, ist aber eine sehr gute und vor allem auch einfache Kontrollposition. Auf den ersten Blick ähnelt sie zwar der Rubber Guard, aber dies ist nicht der Fall. Man braucht keinerlei große Beweglichkeit, um die Williams Guard umzusetzen. Man greift dabei einfach unter dem eigenen Bein hindurch und sichert sich einen Underhook an der gegnerischen Schulter. Der freie Unterarm presst dabei gegen den Hals des Gegners und schafft somit eine gewisse Distanz, während der Underhook eine Zugbewegung ausführt. Dies ist nicht nur unangenehm, sondern auch eine sehr gute Kontrolle, die dem Gegner kaum eine Möglichkeit des Schlagens oder Passierens der Guard bietet. Darüber hinaus sind auch hier wieder die „Klassischen 3“ möglich.

Closed Guard
Die No-Gi Spider Guard in Anwendung

Die No-Gi Spider Guard
Diese Position würde ich eher als Notlösung ansehen und weniger als stabile Kontrollposition. Die No-Gi Spider Guard entsteht, wenn sich der Gegner etwas Platz mit seinem Oberkörper verschaffen kann und sich ungefähr 45 Grad aufrichtet. Um weiterhin Kontrolle zu haben, bzw. Schläge zu vermeiden, bringt man die Knie von der Innenseite der Arme gegen die Bizeps des Gegners. Gleichzeitig greift man seine Handgelenke oder Trizeps (Ich bevorzuge letzteres). Durch das Drücken der Knie und Ziehen der Arme entsteht ein gewisser Schereneffekt, der den Gegner daran hindert, frei zu schlagen. Allerdings ist die Kontrolle nicht ganz so gut, weil man den gegnerischen Kopf nicht unter Kontrolle hat. Ein Aufstehen, bzw. zurückweichen nach hinten, kann nur schwer verhindert werden. Von daher eignet sich diese Guard zwar gut gegen einen aggressiven Angreifer, der nach vorne stürmt, aber weniger gut gegen einen defensiven Gegner, der versucht aufzustehen. Der Triangle Choke lässt sich aus dieser Position relativ gut ansetzen und auch Kicks zum Gesicht, sind von da aus sehr gefährlich und schnell anwendbar.

Pressure & Die Rolle der Beine
Neben der Kontrolle des Oberkörpers, geht es in der gschlossenen Guard vor allem darum, das eigene Gewicht auf den Gegner zu projizieren, so das dieser eine zusätzliche Belastung hat. Dies ist sehr effizient, aber gerade für Anfänger eher schwierig umzusetzen. Grundsätzlich geht es darum, den Gegner so parallel zum Fußboden zu positionieren, wie möglich. Je gerade der Gegner sitzt, desto weniger Kontrolle hat man über Ihn.
Während die obengenannten Kontrollpositionen eher einen Zugeffekt haben (man zieht den Gegner parallel zum Fußboden), machen die Beine das Gegenteil. Sie bauen einen Gegendruck in die andere Richtung auf, was dafür sorgt das oft ein Schereneffekt entsteht, der auf die Wirbelsäule des Gegners wirkt. Dadurch wird jede Bewegung und gerade das Aufrichten enorm schwierig und kostet jede Menge Kraft. Genau das ist der Kernpunkt der Kontrolle innerhalb der Guard. Es geht nicht darum den Gegner zusammen zu quetschen, sondern ihn mehr oder weniger langzuziehen, um ihm so seine Kraft zu nehmen und ihn zu ermüden. Die Funktionsweise der Beine in Worte zu fassen ist sehr schwierig, Es gibt jedoch ein Video von mir, in dem ich genau diese Mechanik ausführlich erläutere.

Die Guard im MMA
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: wenn die Guard so gut funktioniert, warum sieht man dann nur noch sehr selten Submissions aus der Guard in MMA Kämpfen, bei denen ja Schläge erlaubt sind. Die Frage ist berechtigt und ich werde Sie ihnen beantworten,

Nackter Oberkörper, Vaseline und Schweiß
Alles was ich eben beschrieben habe, funktioniert nur, wenn man eine gewisse Reibung zwischen sich und dem Gegner aufbauen kann und dafür bedarf es Kleidung. Mit kurzen Hosen, Vaseline und Schweiß gibt es keine Kontrollmöglichkeiten und Schlagen ist die einzige Option. Dies geht dann ohne Frage viel besser aus der Oberlage. BJJ braucht keinen Gi, aber lange Hosen und T-Shirt und Verbot von Vaseline würden die Situation aus der Guard deutlich verändern.

MMA Handschuhe & Bandagen
Auch das, ein relativ einfaches Problem, Handschuhe und Bandagen schränken die Geschicklichkeit der Hand extrem ein und erlauben viele Griffmöglichkeiten nicht. Auch das wirkt sich negativ auf die Guard Kontrolle aus.

Schläge auf den Hinterkopf
Fast alle Schläge aus der Guard (zumindest die wirklich effektiven),zielen auf den Hinterkopf, dies ist im MMA fast überall verboten. Es gibt noch alte Aufnahmen die einige eindrucksvolle Anwendungen dieser Techniken zeigen, die sehr oft zu einem schnellen K.O. geführt haben,

Athlet vs. Athlet
In der SV kämpft man mit Technik gegen einen meistens untrainierten Angreifer, der keine Ahnung vom Grappling hat. Im MMA kämpfen zwei Athleten gegeneinander ,die alle Aspekte des Kämpfens verstehen und mehr oder weniger beherrschen. Es gibt keinen Überraschungseffekt und Dinge müssen hart erarbeitet. Kommt dazu jetzt noch Schweiß, Vaseline und nur Fight Shorts, ist die Chance auf eine effektive Guard Kontrolle sehr gering. Sie merken schon, all das sind Umstände, die ihnen so auf der Straße eher selten begegnen.

Messer & Beißen
Die Frage die ich ja auch schon ausführlich in meiner letzten Artikelserie behandelt habe. Natürlich sind die Spielregeln auf der Straße anders. Sie müssen eher selten damit rechnen, das ein Angreifer ihren Triangle Choke kontert, aber sie müssen darauf gefasst sein, das er ein Messer aus seiner Tasche holt und sie damit am Boden überrascht. Aus diesem Grund ist auch die Handkontrolle ein wichtiges Tool, was immer wieder Verwendung findet. Ähnlich wie im Clinch müssen Sie die Hände beobachten und ihre Kontrollpositionen eventuell so anpassen, das ihr Gegner daran gehindert wird, in ihre oder seine Taschen zu greifen. Auch das Beißen ist möglich und auch hier ist eine gute Kopfkontrolle und eine bewusste Achtsamkeit, ein wichtiger Punkt. Aufgrund der enge am Boden gibt es aus der Rückenlage keine perfekte Position, in der ein Angreifer nichts mehr machen kann. Die Sicherheit kann nur durch einen ständigen, angepassten Wechsel von Kontrollpositionen passieren und natürlich sollte man dabei auch eines nicht vergessen, wir wollen nicht minutenlang am Boden herum rollen und dabei schon gar nicht am Rücken liegen. Sobald sich eine Option auf Sweep oder Submission ergibt nutzen wir diese und führen den Kampf in der Oberlage weiter. Wir sind schließlich nicht in der Guard weil wir wollen, sondern weil wir aus irgendwelchen ungünstigen Umständen dazu gezwungen wurden. In einem perfekten Kampf, sind wir definitiv nicht in der Guard, auch nicht in der Closed Guard.

Das war Teil 1, im nächsten Teil wird es um die offene Guard Position gehen, auch dies ist eine interessante Position.

Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 3: Der Bodenkampf auf der Straße

Bodenkampf Selbstverteidigung

The Ground is my Ocean
I´am the Shark
and most People don´t even know how to swim

Dieses Zitat von Rickson Gracie, spiegelt wunderbar die Stärke des BJJ wieder. Der Bodenkampf ist das Markenzeichen dieser Kampfkunst und viele Menschen assoziieren auch nichts anderes mit BJJ. Aber warum ist das so? Warum ist das Brazilian Jiu Jitsu so auf den Bodenkampf fixiert? Was sind die Vorteile und wo liegen die Nachteile? Gibt es einen Unterschied zwischen Bodenkampf für die SV und sportlichen Bodenkampf? Diese und noch einige weitere Fragen werde ich versuchen in diesem Artikel zu klären.

Fangen wir also an? Warum Bodenkampf? Die Idee jemanden zu Boden zu werfen und den Kampf dort gezielt zu beenden, ist zwar nicht neu, war aber vor dem ersten UFC 1993 kaum verbreitet. In den 70er Jahren war es Bruce Lee mit seinem Kung Fu und in den Achtzigern, kamen Jean Claude van Damme, Chuck Norris und viele andere Schauspieler, die den Kampf im Stehen, durch ihre Hollywood Filme propagierten. Judo und Ringen waren zwar olympische Sportarten, aber auch da war der Wurf wichtiger als der Bodenkampf, wahrscheinlich weil er optisch einfach spektakulärer war. Der Bodenkampf führte ein Schattendasein und der Masse fehlte das Verständnis für diesen Aspekt der Kampfkunst und Selbstverteidigung.

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Warum Bodenkampf? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Der Bodenkampf ist die Kampfdistanz, in der man einen Menschen am besten mit ringerischen Mitteln kontrollieren kann. Ich hatte in meinem letzten Artikel ja ausführlich über den Clinch an der Wand geschrieben. Die Kontrolle an der Wand ist wesentlich besser als im freien Raum, aber die Kontrolle am Boden, ist noch viel besser. Der Grund dafür ist einfach. Der Mensch ist durch die Evolution darauf optimiert, sich auf zwei Beinen fortzubewegen und so der Schwerkraft zu trotzen. Wenn er geht, ist er im Gleichgewicht und hat die meiste Effizienz, Mobilität und Geschwindigkeit, wenn er flüchten möchte. Glauben Sie nicht? Dann Fragen sie doch mal einen Polizisten, wo es am leichtesten ist, einem Menschen, der sich wehrt, Handschellen anzulegen.

Im freien Raum?

An der Wand?

Am Boden?

Sie können das ganze auch abkürzen und ein paar Youtube Videos schauen, dann klärt sich diese Frage in wenigen Minuten. Es ist einfach so, das sich gerade ein untrainierter Mensch, am Boden relativ langsam und ungeschickt bewegt. Darüber hinaus sorgen einige seiner typischen Fluchtbewegungen, wie z.B. sich auf den Bauch zu drehen, die Arme strecken, etc. dafür, das er sich direkt für typische Jiu Jitsu Angriffe öffnet.

Auch wenn man den Vergleich nicht 1 zu 1 übernehmen kann, sieht man in der Tierwelt oft die gleichen Muster. Ein Raubtier reißt sein Opfer erst zu Boden. Warum tötet er es nicht im freien Lauf? Weil auch ein Raubtier mit Jagdinstinkt, ohne Kontrolle nur selten den perfekten Biss setzen kann.

Der wichtigste Grund für den Kampf auf dem Boden, ist also die bestmögliche Kontrolle über einen Angreifer zu haben. Aber es gibt auch noch einen zweiten Aspekt. Wenn ich z.B. jemanden an die Wand drücke, habe ich auch eine sehr gute Kontrolle, aber mein Körper ist komplett „beschäftigt“. Meine Arme halten ihn fest, meine Beine drücken sich in den Boden und mein Rumpf stabilisiert das Ganze, damit ich die Spannung aufrecht erhalten kann. Dadurch bleibt meine Mobilität auf der Strecke. Ja ich kann Schläge, Kopfstöße, etc. anwenden, aber ich kann meinen Körper nicht in bestimmte Positionen manövrieren. Im Bodenkampf ist das komplett anders. Ich kann mich freier Bewegen, kann um meinen Gegner herum klettern und mich so gezielt in Position für einige Aufgabegriffe bringen. Das ist ein Vorteil, den mir nur der Bodenkampf gibt.

Halten wir also fest, am Boden kann man einen untrainierten Gegner sehr leicht kontrollieren und hat gleichzeitig die Mobilität, in verschiedene Hebel- und Würgegriffe zu gehen. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der den Bodenkampf effektiv und vor allem sicher macht. Ähnlich wie im Clinch, fehlt dem Angreifer die Distanz, um schwere Schläge und Wirkungstreffer zu landen. Gerade wenn er am Rücken liegt, hat er weder die Schwerkraft, noch die Beschleunigung der Hüften auf seiner Seite und kann nur sehr limitiert schlagen. Dies sieht man auch eindrucksvoll daran, das 99% aller K.O.s im MMA aus den oberen Bodenkampf Positionen passieren. Eine Ausnahme bilden Kicks aus der Guard zum Kopf. Diese sind allerdings im MMA gegen kniende Gegner nicht erlaubt und sind auch von untrainierten Angreifern nicht zu erwarten.

Der sicherste Platz in einer Auseinandersetzung mit einem größeren und Stärkeren Gegner, ist also eine, der dominanten oberen Positionen ( Mount, Back Mount, Side Control, etc.). Natürlich bieten auch diese Positionen keinen 100 prozentigen Schutz, aber sie geben einem Anwender die besten Chancen, den Angreifer kampfunfähig zu machen.

Die Nachteile des Bodenkampfes
Bei all den Vorteilen, wo liegen die Nachteile des Bodenkampfes, denn schließlich hört man gerade in SV Stilen häufig den Grundsatz: Niemals auf den Boden gehen. Steckt da ein wahrer Kern dahinter oder ist das nur Gehässigkeit gegenüber dem BJJ? Ja es steckt ein wahrer Kern dahinter, aber diese Aussage ist nicht ganz einfach zu bewerten. Ich versuche es trotzdem einmal.:-)

Wie ich schon im ersten Artikel geschrieben habe, in einer perfekten Welt, ist der Kampf mit einem gut gezielten Schlag, bzw. Aktion vorbei. Geringer Aufwand, große Wirkung. Das ist auch mein perfektes Ziel und ich hoffe das ich das irgendwann, in 20 oder 30 Jahren erreicht zu haben.;-) Der legendäre Daito Ryu Meister Yukiyoshi Sagawa, hatte nach eigenen Angaben erst mit über 70 sein besten Fähigkeiten. Aber zurück zum Thema.

Wenn ich ein guter Striker bin, Vollkontakt Erfahrung habe und regelmäßig Leute K.O. Schlage und auch mal K.O. geschlagen werde, dann brauch ich in den seltensten Fällen auf den Boden. Ein Punch ein Kick, eine Serie und alles ist vorbei. Die wenigsten untrainierten Angreifer können da was entgegen setzen. Wenn ich allerdings eher der normale Anwender bin, der nicht viel Kampferfahrung hat und ich auch beruflich keine Ohrfeigen verteile, dann wird es schon schwieriger eine SV Situation „perfekt“ mit nur einem oder zwei Schlägen zu beenden.

Grundsätzlich muss ich auch sagen, das die Kampfunfähigkeit des Angreifers zwar das Idealziel einer guten SV darstellt, wir uns aber eher an dem Minimalziel orientieren sollten. Das Minimalziel ist die Vermeidung von eigenen Verletzungen, bzw. die Schadensbegrenzung. Wenn ich also durch meine Aktionen Öffentlichkeit herstellen, bzw. Zeit zur Flucht gewinnen kann und dabei keine schweren Verletzungen erleide, ist das zwar kein Sieg für Hollywood, aber definitiv ein Sieg in der Realität. Schnelle Lösungen sind für die Selbstverteidigung immer gut und die BJJ Lösung mit Clinch und Bodenkampf ist definitiv nicht so schnell wie eine Lösung mit Schlägen, aber sie ist meiner Meinung nach weniger risikoreich und das ist der große Vorteil, auch wenn es eben manchmal ein Nachteil sein kann. Wobei man das auch nicht pauschal sagen kann, denn es gab schon minutenlange Schlägereien im Stand und Kämpfe die am Boden nach 10 Sekunden durch einen erfolgreichen Würgegriff beendet wurden.

Ein weiterer Nachteil des Bodenkampfes ist die mangelnde Übersicht und Mobilität. Wer kennt nicht die Youtube Videos, in denen jemand auf seinem Gegner hockt oder kniet und plötzlich kommt jemand von der Seite mit einem „Soccer Kick“ und beendet den Kampf ziemlich unerwartet. Zumindest aus der Perspektive des Getroffenen. Ja so etwas kann passieren, aber ich habe auch schon in meinem letzten Artikel geschrieben, das solche Sachen auch in der Schlagdistanz passieren können. Der unerwartete, zweite Mann von der Seite, ist immer ein Problem, egal in welcher Distanz.

Das führt eigentlich auch zum letzten Nachteil, am Boden kann man sich nur gegen einen Angreifer verteidigen. Korrekt, aber zwei oder drei Angreifer sind in jeder Distanz ein Problem. Klar ein Bas Rutten, wird auch 3 betrunkene Angreifer in einer Bar mit Low Kicks und Leberhaken ausnocken können, aber der normale Anwender ist da sehr begrenzt. Der Kampf gegen mehrere Angreifer ist immer ein Glücksspiel und hängt zu einem großen Teil auch von der eigenen Physis (ein guter Athlet ist immer im Vorteil) und Psyche ab. Außerdem sollte man nie vergessen, das man auch sehr schnell am Boden landen kann, wenn die zwei oder drei Angreifer darauf fixiert sind, den Kampf dorthin zu verlagern.

Bodenkampf Selbstverteidigung

Die Strategie des Bodenkampfes
Jetzt wo sie also wissen warum sie in den Bodenkampf gehen, bzw. warum es manchmal besser ist, ihn zu vermeiden, kommen wir zur Strategie und Funktionsweise dieser Distanz. Dafür gehen wir zurück in den Clinch, denn ein guter Bodenkampf beginnt schon im Stehen. Sie haben also die Distanz überbrückt, kontrollieren den Kampf im Clinch und merken nach der 25. Kopfnuss, das ihr Gegner immer noch steht und sie einen Plan B brauchen.;-);-) Was tun? Sie nutzen einen Wurf aus dem Clinch, kleben eng an ihrem Gegner und transferieren so den Kampf in die Bodenlage. Idealweise landen sie in der Mount Position. Sie kontrollieren die Arme ihres Gegners, lassen ihn „auspowern“ und beenden den Kampf mit einem Würgegriff aus der Back Mount Position, der in 3 Sekunden das schafft, was ihre 25 Kopfnüsse nicht geschafft haben, der Gegner ist kampfunfähig.

Das Konzept der positionellen Dominanz
Der bewusste Übergang vom Stand in den Bodenkampf sorgt dafür, das die Kontrolle nicht verloren geht. Man sichert die Clinch Position und bewegt sich direkt in die Mount Position, ohne dabei Raum zur Flucht zu geben. Für die SV, gegen im BJJ untrainierte Angreifer unterrichte ich sehr gerne direkte Übergänge von Takedowns in die Mount, bzw. Back Mount Position. Dies hat den Vorteil, das man wenig Raum verschenkt und dem Gegner keine Distanz zur Flucht, bzw. zur Anwendung harter Schläge gibt. Natürlich funktionieren solche Übergänge im Kampf zwischen zwei trainierten Grapplern nicht so einfach, aber für die SV gegen im Grappling untrainierte Angreifer, sind sie perfekt, weil sie ohne viel Risiko funktionieren und sehr schnell und direkt sind.

Sobald der BJJ Anwender am Boden angekommen ist, beginnt die positionelle Kontrolle, d.h. man kontrolliert den Rumpf des Gegners und isoliert dann die Extremitäten (meist die Arme) um ihn weiterhin in seinen Handlungsmöglichkeiten einzuschränken. Soweit so gut, aber jetzt kommt eine Fähigkeit ins Spiel die im sportlichen Kontext kaum eine Rolle spielt und deshalb in der SV oft vergessen wird


Das Messer vermeiden – Handkontrolle am Boden
Genau wie im Clinch auch, muss der BJJ Anwender die Arme seines Gegners beobachten und gegebenenfalls kontrollieren, um den Angreifer daran zu hindern, in seine Taschen zu greifen, um ein eventuelles Messer, etc. zu ziehen. Wer diesen Umstand missachtet geht ein gefährliches Risiko ein, denn ist ein Messer in dieser kurzen Distanz erst einmal gezogen, hat sich die Gefahr, ähnlich wie im Clinch, vervielfacht.

Die Kontrolle des Messerarms
Ähnlich wie im Clinch auch, spielt die Kontrolle des Messerarms eine große Rolle. Auch wenn man dieses Szenario unter allen Umständen vermeiden sollte, kann man es leider nicht ausschließen. Während im klassischen BJJ der Fokus mehr auf dem Rumpf liegt, muss man in der SV Situation mental und körperlich umschalten können. Wenn der Angreifer plötzlich ein Messer, Schraubenzieher, etc. in der Hand hat, muss der Fokus auf dem Kampf um den Arm, bzw. die Entwaffnung liegen, alles andere kann lebensgefährlich werden.

Die Vermeidung von Bissen
Wie schon im Clinch beschrieben, hat der Angreifer die Möglichkeit, in der nahen Distanz des Bodenkampfes zu beißen, was nicht nur schmerzhaft, sondern eben auch gefährlich sein kann, wenn es zu Infektionen, etc. kommt. Von daher ist Kopfkontrolle ein wichtiges Thema, um Bisse so gut es geht zu vermeiden. Ich möchte hier kurz Anmerken, das wir als BJJ Anwender auch Beißen können. Allerdings kommt dem eher eine taktische Rolle zu. Mit gezielten Bissen, können wir dafür sorgen das der Gegner reflexartig Distanz schafft und wir diesen Raum, dann für unsere Befreiung nutzen können. Dies gehört aber eher in den Bereich der BJJ Befreiungstechniken und ist ein „Add-on“ zu den grundlegenden Basistechniken.

Der Boden als Waffe
Auch dies ist ein Aspekt, der in der sportlichen Anwendung keine Rolle spielt. Wenn man sich in einer SV Situation auf hartem Boden befindet, kann man diesen, bewusst als Waffe einsetzen und den gegnerischen Kopf auf den Boden schlagen, um eine Trefferwirkung zu erzielen. Allerdings ist diese Option auch wieder recht unkalkulierbar und kann zu schweren Verletzungen führen. Von daher kann ich sie nicht uneingeschränkt empfehlen, es hängt immer von den äußeren Umständen des Angriffs ab, ob solche Dinge gerechtfertigt sind.

Bodenkampf Selbstverteidigung

Hebel- und Würgegriffe
Wie schon erwähnt ist das Hauptziel des Bodenkampfes, die schnelle Kampfunfähigkeit des Gegners und Hebel- bzw. hauptsächlich Würgegriffe, spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Der Grund warum wir für die Selbstverteidigung Würgegriffe bevorzugen ist einfach, ein Würgegriff beendet den Kampf, schnell und ist nicht abhängig vom subjektiven Schmerzempfinden des Gegners. Außerdem kann ein Würgegriff den Angreifer kampfunfähig machen, ohne das es dabei zu schweren Verletzungen kommt.

Nehmen wir mal ein Beispiel. Ein BJJ Anwender sitzt in einer SV Situation in der Mount Position und will den Kampf so schnell wie möglich beenden. Dazu setzt er einen klassischen Americano Armhebel (Ude Garami / Beugehebel) an. Was passiert? Das ist die falsche Frage, besser wäre, wann hört man mit dem Hebel auf? Der Anwender zieht den Hebel kontrolliert an, Schmerz entsteht, der Angreifer schreit, klopft, bittet los zu lassen. Was tun? Ihn aufstehen lassen und darauf vertrauen das er nichts mehr macht? Vielleicht klappt es, vielleicht nutzt er aber auch die Gutmütigkeit des BJJ Anwenders aus, um direkt ein Messer zu ziehen.

O.k. zweite Möglichkeit, man ignoriert das Geschrei und bricht dem Gegner gnadenlos den Arm. In der Regel führt ein Americano der durchgezogen wird zu schweren Verletzungen an Ellenbogen und Schulter. Wahrscheinlich wird der Gegner von der traumatischen Wirkung des Hebels jegliche Kampfeslust verloren haben, aber ob so eine Aktion verhältnismäßig war, müssen dann wahrscheinlich die Gerichte klären. Vielleicht ist der Angreifer auch einfach „eine harte Sau“, bzw. steht unter dem Einfluss von Drogen und kämpft einfach weiter, weil er nichts von den Schmerzen merkt. Sie merken schon, der Hebel ist keine befriedigende Option für die SV. Es gibt zu viele Unbekannte und die Wirkung ist Abhängig von der Verfassung ihres Gegenübers.

Was ist also die bessere Wahl? Ganz einfach, der Würgegriff. Der BJJ Anwender befindet sich in der Mount, wechselt zum sogenannten „Gift Wrap“ und bringt seinen Gegner in die Back Mount Position. Dort angekommen, setzt er einen Mata Leao Würgegriff an und innerhalb von 3 Sekunden ist der Gegner eingeschlafen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle ob der Gegner schwer, athletisch, „hart“ oder voller Adrenalin oder Drogen ist, solange er ein menschliche Anatomie besitzt wird er ohnmächtig werden. Es gibt keine Möglichkeit den Würgegriff einfach „auszuhalten“ und dann weiter zu machen, sobald die Blutzufuhr zum Gehirn und auch zurück vom Gehirn zum Herz unterbrochen wird, wird ein Mensch innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verlieren. Der Kampf ist dann definitiv beendet und der Gegner stellt keine Gefahr mehr da.

Ist das nicht auch gefährlich oder gar tödlich?
Durch den Tod von George Floyd in den USA, der durch einen Würgegriff bei seiner Festnahme durch die Polizei starb, ist zum ersten Mal eine Diskussion in der breiten Öffentlichkeit darüber entbrannt, wie gefährlich Würgegriffe sind. Von daher hier meine Einschätzung, basierend auf dem was die Medizin darüber sagt.

Wird ein Würgegriff „sauber“ angesetzt, kommt es zu keinerlei Verletzungen des Kehlkopfes, etc., sondern es entsteht nur ein Druck auf der Halsvene, Halsschlagader und dem Plexus Cervicalis, dem Nervengeflecht am Hals. Wenn man die Technik für 3-10 Sekunden ansetzt, führt sie zu einer kurzen Ohnmacht, die in der Regel ohne Folgeschäden bleibt. Hält man den Griff allerdings länger als 60 Sekunden, kann dies zu schweren Folgeschäden. bzw. zum Tod des Angreifers führen.

Eine weitere, wenn auch relativ geringe, Gefahr, besteht darin, das sich durch den Druck auf die Schlagader, sich Plaque ( also Ablagerungen) lösen kann. Einmal losgelöst, kann diese dann zu Schlaganfall, bzw. Infarkten führen. Wie schon gesagt, passiert so etwas nicht sehr häufig, es gibt aber einige Berichte aus den USA (wo die BJJ Community größer ist), wo dies beim Training oder Wettkampf der Fall war und zu solchen Verletzungen geführt hat. Das Risiko für den Angreifer steigt natürlich mit dem Alter und eventuellen Vorerkrankungen und auch wenn ich jetzt dazu keine Statistik habe, glaube ich das wir eher von 15-45 Jahre alten Menschen angriffen werden und eher selten von der Altersklasse 60+.

Vielleicht sind sie jetzt etwas erschreckt, weil ich auf der einen Seite Würgegriffe empfehle und dann auf die schlimmen Folgeschäden hinweise. Sie sollten aber eines nicht vergessen, Folgeschäden kann es überall geben und die Folgeschäden bei Schlägen und Tritten gegen den Kopf und dem danach vielleicht folgenden Aufschlag auf dem Asphalt sind wesentlich wahrscheinlicher und man liest sehr oft von Todesfällen die dadurch ausgelöst werden, das jemand nach einem Schlag zu Boden fällt und dort mit dem Kopf voll aufschlägt. Dabei kann nicht nur das Gehirn, sondern auch die Wirbelsäule geschädigt werden. Natürlich, im Ernstfall steht die eigene Unversehrtheit an erster Stelle, aber trotzdem sollte jeder Mensch, der sich mit dem Thema Selbstverteidigung beschäftigt, auch einmal klar machen, welche Konsequenzen sein Handeln haben kann. Vor dem Hintergrund der Risikobewertung, bin ich aber überzeugt davon, das ein gut ausgeführter Würgegriff, die bessere und humanere Wahl ist, die ein sehr geringes Risiko für Folgeschäden hat.

Schläge im Bodenkampf
Wenn ich an Schläge aus der Mount denke, muss ich immer an den Kampf zwischen Pat Smith und Scott Morris denken. Dieser Kampf fand vor 26 Jahren bei der zweiten UFC Veranstaltung statt und ist heute noch bei Youtube zu finden (https://youtu.be/ms7CF2xZ61c). Beide Kämpfer waren eigentlich Standkämpfer aber Patrick Smith hatte wohl etwas mehr Bodenkampf Erfahrung. Als Smith in der Mount Position landete, feuerte er eine regelrechte Tirade an Schlägen und Ellenbogenstößen ab und beendete den Kampf innerhalb weniger Sekunden. Sein Gegner wurde so brutal zerstört, das mir der Kampf bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Auch Rickson Gracie hat in seinen Kämpfen immer wieder gezielte Schläge aus der Mount Position angesetzt, um den Kampf zu beenden. Es ist also definitiv eine gute Option für den BJJ Anwender in einer SV Situation.

Der untrainierte Gegner, wird den Schlägen aus der Mount Position nichts entgegen zu setzen haben und entweder wild mit den Händen herumfuchteln, oder sich auf den Bauch drehen. Beides gute Optionen, um einen Würgegriff anzuwenden. Da man in der SV jedoch keine MMA Handschuhe trägt, würde ich Schläge mit der offenen Hand empfehlen, um sich nicht die Hand zu brechen, bzw. an den Zähnen des Gegners zu verletzen. Allerdings sollte man beachten, das der Kopf des Gegners in dieser Position fast schon am Boden fixiert ist, Schläge führen dazu, das der Hinterkopf auf den Asphalt aufschlägt und das kann eben schwere Verletzungen bedeuten. Ein Würgegriff wäre auch hier wieder die humanere Wahl, aber man kann auch relativ leichte Schläge und Ohrfeigen dazu nutzen, den Gegner in einen Würgegriff zu manövrieren.

Das war er, mein kleiner Einblick in die SV Strategie des BJJ, oder sollte ich vielleicht sagen in das „A-Game“. Das was ich in den letzten 3 Artikeln beschrieben habe, ist der ideale Kampfablauf. Man überbrückt die Distanz, kontrolliert den Clinch und beendet den Kampf aus den oberen Positionen am Boden. Allerdings gibt es auch noch eine ganz andere Welt im BJJ, die mindestens genauso groß ist. Die Welt der Fehler und des Chaos. Was wenn alles schief läuft? Wenn der Gegner mich in die Ecke drängt, zu Boden wirft und auf mich einschlägt? Was wenn er mich überraschend von hinten würgt oder in den Schwitzkasten nimmt?

Für all diese Fragen hat das BJJ Antworten und welche das sind, werde ich demnächst hier erläutern.:-)


Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 2: Der Clinch & das Messer in der Tasche

BJJ Messer
Körper- und Handkontrolle im Clinch

Nachdem ich ihnen im ersten Teil die SV Strategie des BJJ in der langen Distanz erläutert habe, kommen wir jetzt zu Teil 2, dem Clinch. Dieser ist für die SV wichtig, sehr wichtig und für mich ist er die Umsetzung der BJJ Bodenkampf Prinzipien in der Vertikalen. Was ist also die Funktion des Clinch? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus und welche Gefahren birgt er? Diese und viele weitere Fragen, werde ich in diesem Artikel beantworten.

Der Clinch als Schutzzone
Wie sie ja bereits aus Teil 1 wissen, ist eines der primären Ziele in der BJJ Selbstverteidigung, den Clinch zu erreichen, ohne dabei getroffen zu werden. Wenn man erst einmal die Distanz überwunden hat und nah am Gegner klebt, sind dessen Mittel relativ eingeschränkt. Sie kennen ja bereits meine Vergleiche mit dem Boxen, aus dem ersten Teil. Jeder angeschlagene Boxer weiß, im Clinch ist er erst einmal sicher und wird weniger oft und vor allem weniger hart getroffen. Der Ringrichter weiß das auch und trennt deshalb beide Kontrahenten, damit der Kampf wieder zurück in die schnelle und dynamische Boxdistanz findet.

Um die Schutzwirkung des Clinch zu verstehen, muss man die Mechanik eines harten Schlages verstehen. Ein harter Schlag braucht in der Regel Distanz und eine Beschleunigung, durch die Drehung der Hüfte. Je mehr Distanz vorhanden ist, desto mehr Schlagkraft kann man entwickeln. Als kurze Anmerkung möchte ich nur hinzufügen, das mir sehr wohl bewusst ist, das es andere Schlagmechaniken in den inneren Kampfkünsten gibt, aber 99,9% der Menschheit schlägt so, wie ich es gerade beschrieben habe. Durch die räumliche Nähe des eigenen Kopfes und Rumpfes zum Gegner, findet dieser nicht die Distanz, um hart zu Schlagen oder gar zu treten. Kopf- und Kniestöße sind eventuell noch möglich, aber selbst die können durch einen engen Clinch, stark in ihrer Funktion eingeschränkt werden.

Genau dieses Prinzip macht sich der BJJ Anwender zu nutze. Er geht in den Clinch, um den Kampf zu verlangsamen (nicht umsonst heißt meine SV Videoserie „Control the Chaos„;-)). Er bleibt eng, ist sicher vor den ballistischen Angriffen des Gegners und kann dessen Aggression, sich planlos aus dem Clinch zu befreien, gegen ihn einsetzen. Je wilder ein untrainierter Angreifer um sich schlägt, desto mehr verspannen sich seine Schultern. Je mehr sich seine Schultern verspannen, desto höher wird sein Körperschwerpunkt und je höher der Körperschwerpunkt, desto leichter ist es, ihn zu Boden zu werfen. Anstatt sich also auf einen wilden Schlagabtausch einzulassen und Teil des Chaos zu werden, unterbindet man die eher unkontrollierbaren Umstände, geht in den Clinch, ist vor harten Schlägen geschützt und kann dann in relativer Ruhe, die nächsten Schritte planen.

Der Clinch als Schnittstelle
Der Clinch ist die Schnittstelle zwischen dem Kampf im Stand und am Boden. Wer den Clinch kontrolliert, der kann die Richtung des Kampfes vorgeben, der kann taktische Vorgaben umsetzen und behält die Übersicht. Welche Optionen ergeben sich also aus dem Clinch?

  • Den Clinch zum Zeitgewinn nutzen
  • Wechsel vom Clinch in den Bodenkampf durch einen Wurf
  • Wechsel vom regulären Clinch in den Clinch an der Wand
  • Beenden des Kampfes durch einen Hebel- oder Würgegriff im Stand
  • Beenden des Kampfes durch ballistische Angriffe (Schläge, Kopfstöße, etc.)
  • Beenden des Kampfes durch taktisches Kuzushi (einfach gesagt, man schubst z.B. den Gegner eine Treppe hinunter)
  • Beenden des Kampfes durch die Anwendung von Kontroll- und Festnahmetechniken
  • Lösen aus der dem Clinch um Distanz zu schaffen (z.B. um an die eigene Waffe zu gelangen)

Der Clinch als Zeitgewinn
Beginnen wir also mit der banalsten und am wenigsten spektakulären Funktion des Clinch. Man wird plötzlich angegriffen, die Fäuste fliegen und man schützt sich durch das Überbrücken der Distanz und konsequentes Clinchen. Was kommt dann? Nun, als aller erstes Mal hat man einen gefährlichen und überraschenden Angriff, der zu schlimmen Gesichtsverletzungen oder einem Schädel-Hirn Trauma, hätte führen können abgewehrt. Das ist verdammt viel wert. Selbst wenn man über nur minimale Kenntnisse in der SV verfügt, kann man den Clinch nutzen, um Zeit zu gewinnen. Befindet man sich in der Öffentlichkeit, kann man dabei gezielt um Hilfe rufen und Passanten bitten einzugreifen. Auf Veranstaltungen gibt es vielleicht Sicherheitspersonal, etc. die die Situation beenden und den Angreifer zurückhalten können.

Ich weiß, das klingt jetzt nicht sonderlich heroisch, aber das ist die Realität und auch wenn man in seiner Vorstellung gerne den Gegner kampfunfähig macht, ist die Wirklichkeit dann eher ernüchternd, gerade wenn man eben noch nicht über ein jahrelanges Training verfügt. Aber genau das ist ja die Stärke der BJJ Selbstverteidigung, sie funktioniert auch dann , wenn man keine ausgebildete „Kampfmaschine“ ist. 😉

Der Wechsel in den Bodenkampf
Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf ist der klassischste aller Übergänge und wohl auch einer der sichersten, wenn man es mit „nur“ einem Gegner zu tun hat. Die Logik dahinter ist klar. Der Clinch im Stand funktioniert gut, allerdings gibt der freie Raum, dem Gegner immer wieder Möglichkeiten sich zu lösen, bzw. Distanz zu schaffen. Genau deshalb funktionieren z.B. Submissions, also Hebel- und Würgegriffe, im Stand weniger gut, als am Boden.

Wirft man also seinen Gegner zu Boden und erreicht idealerweise die obere Position, hat man seine Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt. Der normale Mensch ist darauf optimiert, der Schwerkraft im aufrechten Gang zu trotzen und von daher fehlen ihm im Bodenkampf meistens die Mittel, um effizient Platz zur Flucht zu generieren. Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf, ist also eine Fortsetzung der Kontrolle und führt den BJJ Anwender hin zu seinem ultimativen Ziel, dem Würgegriff und die temporäre Kampfunfähig des Gegners.

Der Clinch an der Wand

Der Clinch an der Wand
Der Clinch an der Wand stellt eine Verbesserung des regulären Clinchs da und macht somit alle bestehenden Möglichkeiten noch effektiver. Warum? Ganz einfach, weil die Wand, ähnlich wie der Boden, die Bewegungsfreiheit des Angreifers enorm einschränkt. Er kann seine Hüften nicht nach hinten wegbewegen und ist somit leichter und mit weniger Aufwand zu werfen, als im freien Raum. Generell kann man sagen, das sich das positionelle, eher langsame Spiel des BJJ, viel besser an der Wand, als im freien Raum umsetzen lässt, allerdings ist nicht immer solche eine räumliche Einschränkung (Wand, Ecke, Zaun, Auto, Hauseingang, etc. ) vorhanden. Von das muss der Clinch nicht nur an der Wand, sondern eben auch im freien Raum geübt werden.

Würge- und Hebeltechniken im Stand
Grundsätzlich hat man immer die Möglichkeit Würge- und Hebeltechniken auch im Stand anzubringen. Sie sind möglich, aber weniger wahrscheinlich. Dadurch das die Bewegungsfreiheit des Gegners nicht so stark eingeschränkt ist und die eigenen Möglichkeiten der Positionierung im Stand weniger umfangreich als am Boden sind, gehören diese Techniken eher als „Bonus“ dazu. Sie können sich jederzeit ergeben, aber man sollte nicht mit ihnen planen oder darauf vertrauen.
Die Chancen diese Techniken erfolgreich anwenden zu können steigen mit den eigenen BJJ Fähigkeiten und einer eventuellen, körperlichen Überlegenheit. Sind diese Faktoren nicht gegeben ist eine Transition in den Bodenkampf erfolgversprechender.

Schläge aus dem Clinch
Der Kopfstoß aus dem Clinch ist einer meiner Favoriten.;-) Gerade als fortgeschrittener Anwender, kann man sehr gut Kontrolltechniken mit Kopfstößen, Kniestößen, etc. verbinden. Dies ist sehr effektiv, erfordert aber eine solide Grundlage und relativ viel Erfahrung. Das Spiel mit der Distanz und die gleichzeitige Kontrolle, benötigen ein gutes Körpergefühl, denn sonst kann der Gegner, die geschaffene Distanz nutzen, um selber zu zuschlagen, oder die Distanz zu vergrößern. Allerdings haben diese Techniken für fortgeschrittene Anwender viele Vorteile. Durch die Kontrolle des Gegners, kann man viel präziser angreifen und wirklich gezielte Treffer landen, ohne das die Extremitäten (gerade die Arme), Abwehrbewegungen machen können. Somit kann ein Kampf relativ schnell beendet werden, ohne das man dabei in den Bodenkampf muss.

Taktisches Kuzushi
Bad shit;-) Real bad shit;-) Was so harmlos klingt ist ziemlich gefährlich und kann von meiner Seite aus nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Taktisches Kuzushi bedeutet, den Clinch dazu zu nutzen, um den Gegner irgendwo hin zu schubsen. Man könnte ihn eine Treppe hinab schubsen, vor ein fahrendes Auto, gegen eine Wand, über einen Zaun oder in irgendwelche Gegenstände. Der Vorteil, solche Aktionen können den Kampf schnell beenden und Zeit zur Flucht geben. Der Nachteil, man kann die Konsequenzen nicht kalkulieren und eventuell, als nicht so geübter Anwender, mit dem Gegner zusammen stürzen.

Ich sage es ihnen ganz ehrlich, diese Option ist extrem heikel und hängt von vielen äußeren Umständen ab. Wenn ich in einer Bar jemanden in eine Tischgruppe schubse, um mir den Weg frei zur Flucht, oder zumindest zum Türsteher zu machen, ist das eine kalkulierbare Aktion. Wenn ich an einer Bushaltestelle angegriffen werde und den Angreifer vor den vorbeifahrenden Linienbus schubse, ist das alles andere als kalkulierbar. Und höchstwahrscheinlich nicht verhältnismäßig. In den letzten Jahren sind solche Dinge in Deutschland relativ oft passiert, gerade in Bahnhöfen und nicht als Akt der Selbstverteidigung, sondern als unmenschliche und menschenverachtende Kriminalität. Solche Sachen funktionieren, selbst für untrainierte Menschen und von daher sollte man diese Optionen kennen und können. Auch, um davor einen gewissen Schutz zu entwickeln. Ob wir solch finale Mittel jemals einsetzen sollten, ist ein anderes Thema, was nicht einfach zu beantworten ist.

Würgegriff im Stand

Kontroll- und Festnahmetechniken
Dieser Aspekt spielt für den normalen SV Anwender keine Rolle, aber eben für die Anwendung bei der Polizei, etc. Man kann aus dem Clinch direkt in verschiedene Festnahmetechniken wechseln, allerdings ist dies im Stand (ähnlich wie bei den Submissions) schwieriger als am Boden. Auch hier würde ich sagen, sollte man mit diesen Techniken nicht planen, aber man kann sie als „Add-on“ nutzen und einsetzten, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Schaffen von Distanz
Auch dies ein Thema was eher wieder für Polizei, etc. interessant ist, aber auch für „Normalbürger“ von nutzen sein kann. Wie ausführlich beschrieben, nutzen wir das Überbrücken der Distanz und den nachfolgenden Clinch dazu, auf eine spontane Aggression des Gegners zu antworten. Wenn uns ein Angreifer zum Beispiel in ein Gespräch verwickelt und plötzlich angreift, kontern wir das, durch ein schnelles Clinchen. Wenn ich jetzt aber wieder Distanz schaffen möchte, z.B. um zu flüchten, oder um an die eigene Waffe (sei es Pfefferspray, oder die Schusswaffe) zu gelangen, dann kann ich dies durch das gezielte Lösen aus dem Clinch erreichen. Man nutzt also den Clinch, um sich zu schützen und nutzt die Sicherheit des Clinch dann, um wieder Distanz zur Flucht, oder zum Einsatz von Waffen zu schaffen.

Ich hoffe ich konnte ihnen die Funktion des Clinch als Schnittstelle zwischen den verschiedenen anderen Bereichen einer körperlichen Auseinandersetzung ein wenig verdeutlichen. Nur wenn man über einen starken Clinch verfügt, kann man eben diese bewussten Entscheidungen treffen und gezielt den Kampf in bestimmte Bahnen lenken. Allerdings möchte ich auch noch einmal betonen das bei all der Vielfalt, für den regulären Durchschnittsanwender eine sehr einfache Strategie im Vordergrund steht:

Überbrücken der Distanz – Kontrolle im Clinch – Beenden des Kampfes am Boden

Das ist das Grundgerüst, die Basisstrategie und wenn man diese begriffen hat und umsetzen kann, öffnen sich die anderen obengenannten Wege Was also ist die Struktur des Clinches? Wie funktioniert er und gibt es Unterschiede zum Clinch im sportlichen Wettkampf?

Grundlegende Kontrollpositionen
Unser Clinch besteht aus zwei grundlegenden, primären Kontrollpositionen, welche durch weitere sekundäre Kontrollpositionen ergänzt werden. Grundsätzlich nutzen wir den Bodylock, d.h. wir greifen um den gegnerischen Rumpf herum und schließen die Hände. Natürlich gibt es viele effektive Clinch Positionen wie den Underhook, etc. aber diese sind eher etwas, für trainierte Athleten mit langjähriger Erfahrung. Für den Durchschnittsanwender ist es in einer Stresssituation meist einfacher um den Gegner herum zugreifen und die Hände ineinander geschlossen zu halten. Somit kann man mit relativ wenig Aufwand, einen hohen Kontrolleffekt erreichen.

Wir benutzen den Bodylock von vorne und von hinten, verbinden die beiden Positionen mit verschiedenen Übergangstechniken und natürlich Möglichkeiten der Handkontrolle. Das primäre Ziel im Clinch, ist erst einmal die Kontrolle, des gegnerischen Rumpfes, denn nur so kann der Angreifer daran gehindert werden, die Distanz wieder zu vergrößern. Man „klammert“ sich also an seinen Gegner und nimmt ihm damit jede Möglichkeit, effektive Schläge einzusetzen.

Handkontrolle
Dieser Punkt ist extrem wichtig und auch der große Unterschied zwischen sportlichen Clinch und dem Clinch für die SV. Wenn man in den Clinch geht, muss man immer davon ausgehen, das der Gegner ein Messer in der Tasche hat und es auch ziehen will, alles andere ist ein Glücksspiel. Der Clinch am Körper ist wichtig, um die Bewegungsfreiheit des Gegners einzuschränken, aber die Handkontrolle ist dafür verantwortlich, das er kein Messer, oder irgendetwas anderes aus der Tasche ziehen kann. Es gilt immer einen offenen Messerangriff zu vermeiden und gerade deshalb ist es wichtig, den Gegner daran zu hindern, das Messer aus der Tasche zu ziehen. Hat er es erst einmal draußen, wird die Situation um ein vielfaches gefährlicher. Umgekehrt sorgt die Handkontrolle auch dafür, das der Gegner nicht in die Taschen des Anwenders greifen kann, denn vielleicht hat der ja auch Waffen, etc. einstecken, die er unter seiner Kontrolle behalten muss. Der klassische, sportliche Clinch ist deshalb keine Option, denn dort wird die Handkontrolle (da sie nicht so extrem notwendig ist) oft vernachlässigt.

Das Ringen um die Waffe
Die Fortsetzung der obengenannten Thematik und hoffentlich etwas, was ihnen in der Realität nie passiert. Sollte der Angreifer im Clinch sein Messer gezogen haben, ist es enorm wichtig, Optionen zur Kontrolle des Waffenarms zu haben. Natürlich sind solche Dinge enorm risikoreich und es gibt keine sichere, waffenlose Messerabwehr, aber wer sich in den Clinch begibt, sollte trotzdem Möglichkeiten zur Verteidigung kennen und üben. Das Ringen um die Waffe ist manchmal kontraintuitiv, weil man sich in Positionen begibt, die man im waffenlosen Clinch nie einnehmen würde. Im Kampf um das Messer, machen diese Positionen jedoch Sinn.

Vielleicht noch eine kurze Anmerkung: „So manch ein Leser wird jetzt vielleicht sagen: Genau deshalb will ich nicht in den Clinch, ich will dem Gegner nicht so nah sein.“ Nachvollziehbar, aber was wenn man dem Angreifer einen Fußtritt aus langer Distanz verpasst, dieser einen Meter zurückgeschleudert wird und in seine Tasche greift? Dann ist man viel zu weit weg, um ihn daran zu hindern das Messer zu ziehen und man sieht sich einem wild fuchtelnden Angreifer gegenüber, was bestimmt nicht weniger gefährlich ist. Der Clinch bietet eine sehr gute Kontrolle und wenn man darauf trainiert ist, die Arme des Gegners ständig zu kontrollieren und zu beobachten, hat man gute Chancen den Gegner daran zu hindern irgendwelche überraschende Aktionen zu starten. Das Handfighting hat also gerade für die SV, einen sehr hohen Stellenwert.

Das Beißen
Auch ein wichtiges Thema, welches natürlich keine Beachtung bei der sportlichen Anwendung findet. Ein Angreifer, der plötzlich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, kann schnell in Panik verfallen und absolut unkontrolliert und unberechenbar reagieren. Ich habe einige Schüler die beruflich Erfahrung mit Bissen gemacht haben und so etwas ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann zu gefährlichen Infektionen führen. Aus diesen Grund ist das Verständnis für die Möglichkeiten des Beißens und ihre Vermeidung durch eine kluge Positionierung sehr wichtig.

Der Übergang zum Bodenkampf
Würfe aus dem Clinch müssen nicht spektakulär aussehen, sie müssen funktionieren und dürfen kein unnötiges Risiko bieten. Grundsätzlich bedeutet das, das wir Würfe nutzen, bei denen wir kontrolliert auf dem Gegner landen und kein anderes Körperteil als unsere Fußsohlen den Boden berührt. Anders gesagt, der doppelte Beinangriff aus dem Ringen ist ein perfekter Wurf für das No-Gi Sport BJJ, aber würde uns in der SV, auf hartem Asphalt die Knie kaputt machen. Der einzelne Beinangriff (Single Leg Takedown) hingegen, ist eine gute Möglichkeit einen Gegner in der SV zu Boden zu bringen, ohne dabei ein unnötiges Risiko einzugehen. Selbst wenn die Technik nicht funktioniert, kann man wieder zurück in den Bodylock wechseln und von dort aus weiter arbeiten.

Die Gefahren des Clinches
Welche Nachteile hat der Clinch? Warum sollte er vermieden werden und welche besseren Optionen gibt es? Die Frage kann ich eigentlich ganz leicht beantworten. Die beste Alternative zum Clinch ist ein schneller und gezielter K.O. Schlag, der den Kampf sofort beendet. Gibt es so etwas? Manchmal schon. Ist es die Regel, ich würde sagen nein und je weniger athletisch und kampferfahren ein Mensch ist, desto niedriger seine Chancen auf ein schnelles K.O. Von daher ist der Clinch definitiv die verlässlichere Variante für die meisten „Durchschnittsanwender“.

Hat der Clinch Nachteile? Ja, er funktioniert nur wirklich gut gegen einen Angreifer und auch wenn es Möglichkeiten gibt, einen Angreifer im Clinch als „Schutzschild“ gegen andere Angreifer zu nutzen, sind diese sehr begrenzt und stark abhängig von den eigenen körperlichen Fähigkeiten. Wenn ich mich auf einen Angreifer fixiere, bin ich offen für die Aktionen eines zweiten oder dritten Angreifers, aber dies gilt halt nicht nur für den Clinch, sondern für jede Aktion die mit eingeschränkten Fokus geführt wird. Auch wenn man sich in der Schlagdistanz zu sehr auf einen Gegner konzentriert, verliert man die Aufmerksamkeit für einen eventuellen zweiten Gegner. Dies ist also ein grundlegendes Problem und hat nicht unbedingt etwas mit dem Clinch zu tun. Der Kampf gegen mehrere Gegner ist immer ein Glücksspiel, aber der Clinch sorgt dafür, das der Kampf gegen einen Gegner nicht auch zu einem wird.

Das ist also der Clinch in der Brazilian Jiu Jitsu Selbstverteidigung. Ein großes Thema, aber ich hoffe ich konnte Ihnen die praktische Anwendung dieser Position näherbringen und ihnen verdeutlichen, wie funktionell sie genutzt werden kann. Clinch bedeutet nicht einfach nur sinnloses Festhalten, sondern bewusste Kontrolle über den Gegner. Wie schon gesagt ist es das Äquivalent des Bodenkampfes in der Vertikalen und sollte mit dem entsprechenden Stellenwert praktiziert werden.

Im dritten und letzten Teil, geht es dann um die Bodenkampf Konzepte, in der BJJ Selbstverteidigung und auch da gibt es wieder einiges zu schreiben. 🙂

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