BJJ zur Selbstverteidigung – Teil 1: Das Überbrücken der Distanz

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
„So weit wie nötig, so nah wie möglich“ EIn Grundprinzip des BJJ

Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war ein grauer Novembertag, 1993 oder 1994. Meine Mutter kam von der Post und hatte ein kleines Päckchen dabei, darin war eine Videokassette mit dem Titel „Gracie in Action 2“. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde, denn bis daher hatte ich über Brazilian Jiu Jitsu immer nur gelesen, aber in dem Moment, als ich die ersten bewegten Bilder sah, wusste ich, genau das will ich lernen.:-)

Zu sehen waren dort Vale Tudo Kämpfe, also die Vorläufer des modernen MMA. Außerdem gab es einige Straßenkämpfe, Herausforderungen in der Akademie und auch ein Kampf an der Copacabana war dabei. Alles in allem eine sehr beeindruckende Mischung, die sofort meine Faszination am BJJ weckte. BJJ bedeutet mehr oder weniger regelloses Kämpfen und Selbstverteidigung, so war mein erster Eindruck dieser Kampfkunst. Das BJJ auch noch eine sportliche Komponente hat, welche genauso süchtig machen kann, wurde mir erst einige Jahre später klar.:-)

Gut 25 Jahre später hat sich das Bild des BJJ, zumindest hier in Deutschland doch stark gewandelt. Brazilian Jiu Jitsu ist für viele ein Wettkampfsport, bei dem sich zwei Athleten gegenüber stehen oder auch sitzen und technisch hochkomplexe Bewegungen ausführen. BJJ hat keine Schlagtechniken und Techniken zur Selbstverteidigung und selbst der Durchschnittsanwender lernt schon vom ersten Tag an exotische Positionen und Techniken, die er dann im Wettkampf anwenden kann.

Gerade vor ein paar Tagen fragte jemand in einer Diskussion, über einen meiner Artikel, wie denn BJJ zur Selbstverteidigung überhaupt aussehen würde, da er sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Das hat mich verwundert, aber auch motiviert und genau deshalb schreibe ich jetzt diese neue Artikelserie. Ich möchte die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ genauer beleuchten und vorstellen, weil ich glaube, das BJJ ein hervorragendes SV System ist, welches viel mehr Menschen erreichen könnte, als es das bisher geschafft hat.

BJJ als SV ist einfach strukturiert, funktioniert auch für weniger athletische Menschen und lässt sich auch unter Stress und mit eingeschränkter Feinmotorik anwenden und doch ist es so fundamental anders wie viele andere Systeme. Was hat es also auf sich, mit der BJJ Selbstverteidigung?

Grundsätzlich besteht die Basisstrategie aus 3 Aspekten:

  • Dem Überbrücken der Schlag- und Trittdistanz
  • Der Clinch (Kontrolle, Submission und Würfe)
  • Der Bodenkampf (Kontrolle & Submissions)

Wir werden alle 3 Aspekte ausführlich analysieren und beginnen heute im ersten Teil, mit dem Kampf in der Schlag- und Trittdistanz.

Den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden
Wenn man die Kampfstrategie des BJJ für die Schlagdistanz mit einem Satz beschreiben müsste, dann wäre der obige Satz wohl die perfekte Wahl. Das Hauptziel im Brazilian Jiu Jitsu ist es, den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen und das unterscheidet es auch von vielen anderen Stilen.

Warum also, will man im BJJ keinen Austausch von Schlägen? Sind Schläge nicht effektiv?

Doch, Schläge sind in der Selbstverteidigung sehr effektiv. Ein gut gezielter Punch ist wahrscheinlich die schnellste uns eleganteste Art einen Kampf zu beenden, aber er erfordert eben ein Zusammenspiel vieler Faktoren und Fähigkeiten, die nicht immer gegeben sind. Im BJJ gehen wir davon aus, das ein Angreifer körperlich stärker und schwerer ist und über jede Menge Aggression und Schlagkraft verfügt. Vielleicht ist diese Vorstellung manchmal etwas übertrieben, aber wir sind lieber auf unseren schlimmsten Albtraum vorbereitet, als das wir jemanden unterschätzen und man sollte nie vergessen, ein Täter sucht sich ein vermeintlich schwaches Opfer und von daher wird er wohl selten jemanden angreifen, der ihm schon auf den ersten Blick körperlich überlegen ist.

Was also tun, wenn man jemanden gegenübersteht, der deutlich größer und schwerer ist und wild mit den Fäusten schwingend auf uns zugerannt kommt? Für uns ist das klar, wir versuchen uns so gut wie möglich zu schützen und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, denn dort hat der Angreifer nicht mehr die Distanz die er benötigt, um effektiv schlagen zu können. Aber dazu später mehr.

Haben sie schon einmal einen Boxkampf gesehen, in dem einer der Kontrahenten deutlich unterlegen ist? Der Unterlegene versucht dann sehr oft in den Clinch zu kommen, um den Angriffen seines Gegenübers zu entgehen, leider funkt dann immer der Ringrichter dazwischen und trennt die beiden wieder, denn er weiß, im Clinch sind kaum noch Boxtechniken und K.O.s möglich und das Publikum will schließlich „Action“ sehen.:-) Trotzdem ist der Clinch im Boxen eine bewährte Methode über die Zeit zu kommen, die schon immer genutzt wurde.

Everyone has a plan until he gets hit
Dieses Mike Tyson Zitat, trifft es eigentlich auf den Punkt. Kämpfen kann nämlich manchmal sehr einfach sein. Jeder hat einen Plan, eine Strategie, ein paar Techniken an die er glaubt, aber sobald ein Volltreffer einschlägt, verliert sich das alles in einer Mischung aus Panik und Benommenheit, die kein klares Denken mehr zulässt. Ein Volltreffer im Boxen ändert alles und selbst der bewährte Clinch ist dann oft keine Option mehr, weil der Körper einfach nicht mehr gehorcht und so kann nur noch der Ringrichter den angeschlagenen Boxer vor weiteren Schäden bewahren.

Wir im BJJ sind etwas paranoid.:-) Oder vielleicht haben wir auch einfach kein Selbstbewusstsein;-) Aber wir glauben eben, wie schon erwähnt, immer daran, das unser Gegner ein gefährlicher Puncher ist und deshalb wollen wir auf keinen Fall einen Volltreffer kassieren, weil wir wissen, das im Ernstfall kein Ringrichter da ist, der uns schützt.

Im BJJ hat man diese Erkenntnis schon vor vielen Jahrzehnten gewonnen und sie immer weiter verfeinert. Man hat ein System entwickelt mit dem man den Clinch mehr oder weniger erzwingen und das Risiko eines Volltreffers minimieren kann.

So nah wie möglich, so weit wie nötig
Genau das ist eine der Basisstrategien des BJJ Standkampfes und beschreibt das Mindset das wir dabei haben, eigentlich ganz gut. In einer Kampfsituation wollen wir uns immer ganz knapp außerhalb der Reichweite unseres Gegners befinden, um nicht getroffen zu werden. Die Betonung liegt auf „knapp“ denn gleichzeitig wollen wir ihm, so nah wie möglich sein, um einen kurzen Weg in den Clinch zu haben. Wir „tanzen“ also auf der Schwelle zur Schlagdistanz, locken den Gegner in einen überhasteten Angriff oder zerstören seine Struktur für einen kurzen Moment, um dadurch in den Clinch zu kommen.

Für den BJJ Anwender gibt es grundsätzlich nur zwei Distanzen. Entweder wie eben beschrieben außerhalb der Reichweite des Gegners, oder eben ganz nah im Clinch. Alles dazwischen bedeutet für Ihn eine unkalkulierbare Gefahr, die er vermeiden möchte.

Während im klassischen BJJ der Kampf meistens als Duell anfing, d.h. beide Kontrahenten standen sich mit Abstand gegenüber und wussten das der Kampf jetzt losgeht, spielt diese Situation in der modernen Selbstverteidigung eine eher untergeordnete Rolle, bzw. hat ihren sportlichen Nutzen.

In den modernen BJJ SV Konzepten geht es hauptsächlich darum, einen überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, oder von der Seite, etc. zu bewältigen. Die Grundprinzipien haben sich dadurch nicht geändert, es geht immer noch daran, durch ein geschicktes Spiel mit der Distanz so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, aber der Kontext und die Problematik ist ein wenig anders.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Eine der Vorkampf-Positionen in Anwendung

Während in der klassischen Duellsituation das Problem darin besteht, die lange Distanz zu überbrücken und den eigenen Eingang in den Clinch so gut wie möglich zu verschleiern, geht es bei einem überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, darum, durch bestimmte Vorkampf-Positionen besser auf plötzliche Angriffe reagieren zu können und dabei vorher trotzdem nicht aggressiv uns eskalierend zu wirken.

Wir nutzen dafür 3 grundlegende Positionen, bei denen wir mit unseren Händen unseren Körper, bzw. unser Gesicht schützen, ohne dabei aggressiv zu wirken. Sollte die Situation jedoch eskalieren, können wir von dort aus direkt mit viel Vorwärtsdruck und einer starken defensiven Verteidigungsstruktur in den Clinch gehen. Durch das gezielte und konsequente nach vorne gehen, brechen wir das Gleichgewicht des Gegners (Kuzushi) und nehmen ihm dadurch noch mehr die Möglichkeit, harte Schläge anzuwenden.

Das Training basiert darauf, aus den Kontrollpositionen, in eine defensive Verteidigungsstruktur (die oberflächlich Ähnlichkeit mit einer Doppeldeckung hat) zu gehen und dann geschützt in den Gegner zu „crashen“, um ihm das Gleichgewicht zu nehmen und den Clinch zu etablieren. Dies funktioniert mit dem entsprechenden Training auch für Menschen die keinerlei Erfahrung mit Schlägen, oder vielleicht sogar Angst vor Schlägen haben, sehr gut und zuverlässig.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Die defensive Verteidigungsstruktur in Anwendung

Was ist mit mehreren Angreifern?
Diese Frage höre ich öfters. Was ist wenn man mehreren Angreifern gegenübersteht und der Clinch keine Option ist. Ist es da nicht besser alle Angreifer mit Schlägen kampfunfähig zu machen?

Meine Antwort darauf ist einfach: Ja es wäre besser, aber die Realität ist leider nicht wie in Hollywood und wenn man im Zweikampf mit einem gefährlichen Angreifer schon K.O. gehen kann, dann ist das Risiko bei 2 oder 3 Angreifern noch um ein Vielfaches höher.

Natürlich gibt es Fälle in denen ein Mensch sich erfolgreich gegen 2 oder 3 Gegner gewehrt hat und alle K.O. geschlagen hat, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wird das ein trainierter Athlet gewesen sein, der körperlich, technisch und mental top fit war. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Schlagen und Treten und trainiere es regelmäßig. Für mich ist es auch ein Teil des fortgeschrittenen Jiu Jitsu. Aber nach 25 Jahren als Lehrer und Coach, weiß ich einfach das die meisten Menschen nicht die idealen Trainingsparameter haben, sondern eher die minimalen.

Der „normale“ BJJ Anwender, der an Selbstverteidigung interessiert ist, wird nicht mehr als 2-3 mal pro Woche trainieren, kann sich keine blutigen Nasen und blauen Augen leisten (beruflich, privat und gesundheitlich) und hat nicht die Zeit, ein Experte in allen Distanzen zu werden. Natürlich arbeite ich mit meinen jungen motivierten Schülern, die 5-6 mal pro Woche trainieren, viel mehr und auch in alle Distanzen, aber das sind eben die Ausnahmen und nicht der reguläre Schüler.

Der kleinste gemeinsame Nenner
Vom Wortsinn her nicht 100% korrekt, aber trotzdem drückt es genau das aus. Die Standkampf Strategie des BJJ, das Überbrücken der Distanz, das Vermeiden des offenen Schlagabtausch ist der kleinste gemeinsame Nenner von Trainingspensum und Effektivität. Diese Strategie ist für „normale“ Menschen, mit einem regulären Trainingspensum umsetzbar und gleichzeitig ist sie aber auch eine solide Basis für Menschen die darauf weiter aufbauen wollen.

Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, auch wenn ich gerne im Stand kämpfe, ist die BJJ Standkampf Taktik, mein sicherster und solidester Plan. Vieles funktioniert, wenn die Dinge perfekt laufen, aber es ist beruhigend zu wissen, das es auch etwas gibt was funktioniert, wenn in der Selbstverteidigung fast alles schief läuft.;-)

Ich hoffe ich konnte in diesem ersten Teil einen kleinen Einblick in die fundamentalen Kampfstrategien und SV Taktiken des BJJ geben. Im zweiten Teil, geht es darum wie man seinen Gegner im Clinch kontrolliert und ihn entweder zu Boden oder zur Aufgabe zwingen kann. Es gibt also zu schreiben, zum Thema BJJ und Selbstverteidigung.;-)

Braucht man die BJJ Guard Position für die Selbstverteidigung?

BJJ Selbstverteidigung
Die offene Guard gehen einen stehenden Gegner (Screenshot)

Brazilian Jiu Jitsu und sein Wert für die Selbstverteidigung, ist oft, ein heiß diskutiertes Thema. Gerade der Kampf aus der Rückenlage, also aus der Guard Position, hat manchmal den Ruf unrealistisch und wenig effektiv für die Verteidigung auf der Straße zu sein. Wer möchte schon mit dem Rücken auf hartem Asphalt, womöglich noch in Glasscherben liegen und sich verteidigen.

Wie sieht es also mit der Guard Position im Brazilian Jiu Jitsu aus? Ist es eine effektive Verteidigungsposition oder hat sie nur einen sportlichen Wert?

Meine Antwort dazu ist eigentlich ganz einfach. In einer perfekten Welt und einer perfekten Selbstverteidigungssituation ist die Guard überflüssig. Für alle anderen Szenarien hat sie ihren Wert und ihre Bedeutung.

Was meine ich damit? Ganz einfach, ich würde mich in einer Selbstverteidigungssituation fast nie freiwillig in die Rückenlage begeben, weil der Kampf im Clinch oder den oberen Bodenpositionen, wesentlich besser und risikoärmer ist. Allerdings laufen Selbstverteidigungssituation selten planmäßig ab und es können immer menschliche Fehler oder unvorhersehbare Überraschungen passieren, welche den Gameplan durcheinander bringen und den Kampf aus der Rückenlage erfordern. In solchen Situationen ist es dann gut einen Plan B zu haben, um damit umgehen zu können.

Aber fangen wir einfach ganz vorne an. Die grundlegende Selbstverteidigungsstrategie des Brazilian Jiu Jitsu, so wie ich sie auch in meinen Videoserien(https://fighterfitness.de/video-downloads/) beschrieben habe, basiert darauf den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und mehr oder weniger direkt in den Clinch zu kommen. Dort angekommen, arbeitet man aus bestimmten Kontrollpositionen, um die Handlungen des Gegners einzuschränken und ihn eventuell im Stand kampfunfähig zu machen. Ist dies nicht möglich, wirft man ihn zu Boden und beendet den Kampf aus einer der oberen Positionen, vorzugsweise mit einem Würgegriff.

Dieses Konzept funktioniert auch in Stresssituationen, dann wenn die motorischen Fähigkeiten durch Angst, Adrenalin, Erschöpfung, etc. enorm eingeschränkt sind. Der Kampf aus der Guard Position ist in dieser Strategie nicht vorgesehen, weil er viele verschiedene Nachteile hat:

Fehlende Mobilität
Wenn ich mich in der Rückenlage befinde und mein Gegner auf mir liegt, dann bin ich natürlich enorm in meinen Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt. Ich kann zwar meinen Gegner kontrollieren, aber kann nicht flüchten, oder z.B. aufstehen, wenn sich eine weitere Person in die Auseinandersetzung einmischt. Auch für jemanden der eine Schusswaffe trägt ist diese Position enorm unsicher, denn durch die fehlende Distanz wird er nicht nur Schwierigkeiten haben an die eigene Waffe zu kommen, es besteht auch die Möglichkeit, das der Angreifer sich die Waffe zu nutze machen kann, was natürlich das schlechteste Szenario überhaupt wäre.Dies ist einer Hauptgründe, warum die Guard Position für die Selbstverteidigung kein optimales Mittel ist.

Der Gegner hat gefährlichere Angriffe
Für einen sehr gut trainierten BJJ Anwender ist das vielleicht kein großes Problem, für den Durchschnittsanwender jedoch schon. Wenn ein untrainierter Angreifer erst einmal in der Rückenlage ist, hat er kaum noch Möglichkeiten effektiv anzugreifen. Dadurch das er keine Hüftrotation ausführen kann und er gegen die Schwerkraft ankämpfen muss, verlieren seine Schläge enorm an Kraft. Auch Kopfstöße oder Ellenbogenschläge sind wesentlich weniger wirksam, als aus der Oberlage. Wenn man also kein BJJ „Profi“ ist, sollte man die Guard Position vermeiden, denn auch wenn man weiß wie man die gegnerischen Schläge abfängt, kann doch immer mal wieder ein harter und im schlimmsten Fall kampfentscheidender Schlag durchkommen. Dies vermeidet man am Einfachsten, wenn man den anderen gar nicht erst nach oben kommen lässt.

Risikoärmere Submission
Auch das betrifft nicht die BJJ „Profis“, sondern denDurchschnittsanwender. Wenn ich z.B. aus der Mount Position einen Arm Triangle ansetze, oder aus der Back Mount Position einen Mata Leao, dann habe ich ein relativ geringes Risiko, auch wenn der Submission nicht, oder nicht gleich, funktioniert. Ich bin dann immer noch in der dominierenden Position und kann weiter versuchen anzugreifen.

Aus der Guard Position ist das vollkommen anders. Ein Triangle Choke der nicht perfekt sitzt, kann dazu führen das sich der Gegner befreit, die Guard passiert und dann eventuell in der Side Mount oder Mount Position landet. Das kann für den Anwender des Triangle Chokes verheerende Folgen haben. Das gleiche gilt auch für Armhebel oder bestimmte Sweeps. Klar „Profis“ können damit umgehen, aber Menschen die BJJ noch nicht so lange trainieren, haben aus den oberen Positionen, einfach die besseren Mittel.

Diese drei Beispiele zeigen deutlich warum, man den Kampf aus der Rückenlage in der Selbstverteidigung vermeiden sollte, allerdings gibt es, wie schon erwähnt, Situationen, in denen die Guard Position ein Lebensretter sein kann und diese stelle ich ihnen jetzt vor.

Der Gegner ist körperlich einfach viel stärker
Das klingt vielleicht zu einfach, ist aber sehr oft der Fall. Warum sollte ein Angreifer sich ein Opfer suchen, welches ihm körperlich überlegen ist? In der Regel sucht er sich ein Opfer, das ihm zumindest optisch körperlich unterlegen ist und ein geringes Risiko für Gegenwehr darstellt. Wenn man also jemanden zu Boden bringt, der 30 Kilo schwerer und kräftig gebaut ist, dann landet man vielleicht in der Mount Position, nur um wenige Sekunden später, per „Bankdrücken“ wieder aus ihr heraus befördert zu werden.;-) Kraft und Gewicht spielen immer eine Rolle und auch wenn Technik viel erreichen kann, kann rohe Kraft dazwischen funken.

Wenn man also gegen einen körperlich starken und schweren Gegner kämpft, muss man immer einkalkulieren, in der Rückenlage zu landen. Wenn man dann die Erfahrung hat, aus der Guard die Angriffe des Gegners zu kontrollieren und eigene Angriffe zu starten, ist das von sehr großem Wert. Die Alternative dazu wäre nämlich das man hilflos und hektisch umher rudert und keinerlei sinnvolle Antworten auf die Angriffe des Gegners finden würde.

Man wird angeknockt
Ich sage immer: Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood und es können immer Situationen entstehen, die man so nicht eingeplant hat. Auch wenn wir den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden wollen, kann es doch immer sein, das wir von einem Schlag getroffen und angeknockt werden. Solche Situationen entwickeln sich extrem schnell und erfordern ein sofortiges Handeln. Das das Denken dabei oft nur noch sehr eingeschränkt möglich ist, sollte jedem klar sein. Natürlich kann man versuchen weiter in den Clinch zu kommen, um sich dort zu schützen, aber jeder kennt die Szene, wenn ein angeschlagener Boxer versucht sich im Clinch über die Zeit zu retten. Manchmal klappt es, aber viel zu oft, wird er wieder und wieder von schweren Schlägen getroffen und geht irgendwann vollends K.O.

Von daher ist das direkte hinlegen und das Spiel mit der offenen Guard (wenn man diese Position so nennen will) eine mögliche Strategie, gegen einen einzelnen Angreifer. Ich weiß, viele Menschen sind von dieser Methode nicht begeistert, aber ich kann jedem der Zweifel an dieser Technik hat, nur empfehlen sich alte MMA Kämpfe aus den Neunziger Jahren anzuschauen. Dort passierte so etwas häufiger und der stehende Gegner, war gegen den liegenden Kämpfer meist im Nachteil und konnte nicht viel Schaden anrichten. Bestes Beispiel dafür ist der Kampf von BJJ Legende Murilo Bustamente gegen den 40 Kilo schwereren weltklasse Ringer Tom Erikson. Murilo konnte zwar nicht gewinnen, überstand aber die gesamte Kampfzeit von über 40 Minuten ohne von Erikson besiegt zu werden.

Wie schon gesagt, natürlich ist das nicht meine erste Strategie, aber wenn ich einem stärkeren und schwereren Gegner gegenüberstehe und angenockt werde, dann ist ein guter Plan B sehr viel Wert, auch wenn er von seiner Optik her, nicht für Hollywood geeignet ist.:-)

Man macht einen Fehler
Niemand ist perfekt und in einer überraschenden Selbstverteidigungssituation, kann es schnell passieren, das man einen Fehler macht, das Gleichgewicht verliert, stolpert, etc. und schon befindet man sich in der Rückenlage. Jeder BJJ Anwender kennt solche Situationen aus dem eigenen Training und eigentlich sind sie kein Problem, weil man eben weiß wie man aus der Rückenlage kämpft. Das Paradoxe beim Kämpfen ist oft, das genau das passiert, was man am meisten fürchtet und wenn man weiß das man aus der Rückenlage relativ hilflos ist und man davor Angst hat, dann wird ganz oft, genau das eintreten. Je besser man aus der Guard (und auch den anderen Positionen auf dem Rücken) kämpfen kann, desto selbstbewusster und stärker wird auch das Spiel in den oberen Positionen.

Die äußeren Umstände
Auch ein wichtiger Punkt, wir kämpfen nicht immer auf rutschfesten Matten.;-) SV Situationen finden in den unterschiedlichsten Umgebungen bei Tag und bei Nacht, Sonne oder Regen statt.
Man kann auf nassem oder glatten Boden ausrutschen, in der Dunkelheit über etwas stolpern, oder durch andere äußere Umstände zu Fall kommen. Auch hier wäre es ignorant nicht aus der Rückenlage kämpfen zu können.

Man befindet sich schon auf dem Rücken.
Vielleicht wird man im Schwimmbad beim Sonnenbaden, oder Nachts im eigenen Bett überrascht, auch bei sexueller Gewalt durch Bekannte oder Familienmitglieder kann es sein, das man sich zur Zeit eines Angriffs, schon in liegender Position befindet. Auch sitzende Situationen im Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln sind möglich und auch da, kann es nicht Schaden eine starke Guard zu haben.

Sie merken also, die Guard im BJJ ist durchaus für die Selbstverteidigung relevant. Sie ist nicht die Ideallösung, nicht meine erste Wahl, aber es gibt genügend Szenarien, in denen es sinnvoll oder sogar lebenswichtig ist, aus der Rückenlage kämpfen zu können. Oft geht es ja auch nicht darum aus der Guard zu gewinnen, sondern diese Position zu nutzen, um wieder schnell in eine stehende Position zu kommen. Das ist eine oft lebenswichtige Fähigkeit und eine gut entwickelte Guard hilft dabei enorm. In meinem BJJ Blaugurtprogramm, welches 12 Seminare umfasste, habe ich immer gesagt. Die perfekte BJJ Kampfstrategie ist nach dem ersten Seminar vermittelt. Die anderen 11 Seminare sind nur für Situationen in denen etwas schief läuft.;-) Vielleicht ist das ein wenig übertrieben, aber es hat durchaus einen wahren Kern.

BJJ ist eine Kampfkunst die sich sehr viel mit suboptimalen Szenarien beschäftigt und genau das, macht es so sinnvoll für die SV. Perfekte Lösungen gibt es viele, aber oft sind die Lösungen gefragt, die funktionieren wenn ein oder mehrere Sachen nicht funktionieren. Genau da kommt das BJJ ins Spiel, es hilft uns dabei, aus schlechten Positionen herauszukommen und sie für uns zu nutzen. Es lehrt uns perfekt mit nicht-perfekten Situationen umzugehen und dafür ist die Guard Position ein wichtiges Tool.

Das wirft die Frage auf, wie muss eine realistische Guard Position im BJJ strukturiert sein? Ein Thema was ich definitiv demnächst einmal in einem Artikel behandeln werde.:-)

Aufwandsloses BJJ – Jiu Jitsu für die Ewigkeit

Brazilian Jiu Jitsu um 2003

Kampfkunst muss ohne Kraft funktionieren, Kampfkunst muss weich sein, Brazilian Jiu Jitsu bedeutet übersetzt die „Sanfte Kunst“……Blah, Blah, Blah, alles Marketing, am Ende rauft man wild am Boden und nix ist mehr übrig von der vielgepriesenen Kraftlosigkeit.

Zugegeben das obige Szenario hab ich auch schon erlebt und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb bin ich überzeugt, ich würde sagen fast schon besessen, von einem Brazilian Jiu Jitsu welches mit so wenig wie möglich Kraft auskommt. Meine komplettes Training geht in diese Richtung und mein Brazilian Jiu Jitsu definiert sich in seiner Zielsetzung, möglichst aufwandslos zu funktionieren. Der Grund dafür ist einfach und hat weniger mit philosophischen, als mit rein praktischen Gesichtspunkten zu tun:

Wir werden jeden Tag älter

O.k. so manch ein jugendlicher Leser rollt jetzt mit den Augen und klickt mein Blog weg, aber auch wenn das älter werden noch in weiter Ferne ist, so lohnt es sich doch weiterzulesen, denn das hier ist keine Ode ans Älterwerden, sondern eine Diskussion um das Thema Effizienz vs. Effektivität. Fangen wir also ganz von vorne an, mit einer sehr guten Nachricht: Brazilian Jiu Jitsu muss nicht kompliziert sein, man kann es ganz schnell lernen und man kann in kürzester Zeit Wettkämpfe gewinnen, alles was man tun muss, ist effektiv zu kämpfen. Man muss seine Techniken schneller, kraftvoller, zwingender und ausdauernder durchziehen als seine Gegner und schon hat man die Effektivität seines Stils unter Beweis gestellt.

Das Brazilian Jiu Jitsu selber unterscheidet niemals zwischen Effektivität und Effizienz, was am Ende zählt ist das Ergebnis. Was meine ich damit konkret? Ich gebe mal einfaches Beispiel. Siegfried ist 18 Jahre alt, in einem seiner früheren Leben war er Drachentöter, doch jetzt im Jahr 2020 hat er sich dazu entschieden BJJ Weltmeister oder ADCC Champion zu werden. Siegfried hat reiche Eltern und braucht nicht arbeiten zu gehen, seine Eltern sind froh das er endlich etwas gefunden hat, das ihm Spaß macht und unterstützen ihn gerne.

Siegfried ist ein natürlicher Athlet, er ist kräftig, explosiv, hat gute Reflexe und ist ein visueller Lerner. Er schaut sich eine Technik an und macht sie dann einfach nach. Darüber hinaus ist er mental abgeklärt. Nach seinem früheren Leben als Drachentöter, bekommt er bei BJJ Wettkämpfen keine Adrenalinschübe mehr, sondern tappt seine Gegner ganz entspannt.

Siegfried liebt das Gewinnen und Brazilian Jiu Jitsu ist für ihn eher ein Mittel zum Zweck. Ihn interessieren nicht die Feinheiten, er will rollen und Leute tappen, ob er dafür viel oder wenig Kraft braucht, ist ihm eigentlich egal, weil er sowieso genug davon hat und die wenigsten Gegner so fit sind wie er.

Das er 6 Tage die Woche, zweimal am Tag trainieren kann und dies auch tut, macht die Sache für Ihn noch einfacher.

Wenn unser Held also an einem Wettkampf teilnimmt, dann weiß er ganz genau:

  • Wann der Wettkampf stattfindet
  • Das er Gegner hat die genauso viel wiegen wie er
  • Das er jung ist und damit genauso fit wie seine Gegner
  • Wie lange ein Kampf maximal dauert
  • Wie er einen Kampf gewinnen kann

Schauen wir uns diese Vorgaben doch einmal genauer an. Wenn er weiß wann ein Wettkampf stattfindet, ist dies ein riesiger Vorteil, denn er kann seine körperliche Kraft und Fitness so trainieren, dass er an diesem Tag in Topform ist. Er erreicht sein Peak, welches er so nicht das ganze Jahr über halten könnte.

Genauso kann er „Gewicht machen“ und dafür sorgen das er so leicht wie möglich ist, um in der niedrigsten, möglichen Gewichtsklasse zu kämpfen, was ihm ein Kraftvorteil gegenüber den Leuten gibt, die das nicht machen.

Dadurch das es Gewichtsklassen gibt, weiß Siegfried ja sowieso, das seine Gegner ungefähr das gleiche Gewicht haben werden. Wenn er also körperlich top fit ist, wird er selten auf Gegner treffen, die viel stärker sind als er, gerade wenn er noch „Gewicht gemacht“ hat.

Das gleiche gilt für sein Alter. Er will ja nicht mit 40 oder 50 gewinnen, sondern alle Wettkämpfe in den nächsten 5 Jahren und da er in dieser Zeit definitiv in seinem athletischen Peak ist, wird er auch da selten auf jemanden treffen der signifikant fitter ist.

Auch der nächste Punkt ist sehr wichtig. Er weiß wie lange ein Kampf dauert und wie viele Kämpfe er ungefähr an einem Tag hat. Damit kann er sein spezifisches Tempo, bzw. seine Ausdauer so entwickeln, das er für 5 oder 10 Minuten, nonstop arbeiten kann. Er weiß ja das er sich nichts aufsparen braucht, weil der Kampf so oder so, nach einer bestimmten Zeit vorbei ist.

Schließlich weiß Siegfried auch, wie er die Kämpfe gewinnen kann. Er muss keinen Submission erzielen, er kann auch über Takedowns oder positionelle Vorteile (das erreichen einer bestimmten Position, z.B. die Mount Position) Punkte machen.

Dieses Wissen hilft ihm dabei volle Geschwindigkeit zu gehen und gezielt die Wege zzu nutzen, die ihm entweder einen Submission, oder eben Punkte bringen und da seine Zeit begrenzt ist, weiß er, das er seinem Gegner, seinen Stil aufzwingen muss, um zu gewinnen.

Ich fasse es einfach mal kurz zusammen. Siegfried hat ein skalierbares Szenario, welches er über seine athletischen Fähigkeiten sehr gut kontrollieren kann. Natürlich braucht er auch Jiu Jitsu Technik, aber er ist nicht auf eine perfekte Ausführung angewiesen, weil er die körperlichen Voraussetzungen hat, die Techniken kraftvoll, explosiv und ausdauernd einzusetzen.
Mit anderen Worten, auch wenn sein BJJ vielleicht durchschnittlich ist, ist er erfolgreich, weil er ein sehr guter Athlet ist.

Jeder von uns war mal mehr oder weniger wie Siegfried und ich kann mich noch gut an mein Tagesablauf Ende der Neunziger Jahre erinnern. Aufstehen, Laufen, Frühstücken, BJJ, Mittagessen, ausruhen und Abends entweder BJJ oder Krafttraining.

Ich will gar nicht zu viel darüber schreiben, sonst werde ich wehmütig;-), aber der Punkt ist einfach, das wir alle älter werden. Irgendwann mit Mitte 20 haben wir unseren physischen Peak erreicht, den können wir dann ein paar Jahre halten und dann geht es irgendwann langsam aber sicher Berg ab.;-)

Das gute daran ist, das Kraft und Ausdauer mit dem entsprechenden Training, lange aufrecht erhalten werden können, wir können also auch noch lange nach unserem physischen Peak intensiv trainieren.

Es gibt nur eine Sache die uns davon abhält.

Verletzungen

Ein explosiver und kraftvoller Kampfstil führt zu vielen kleinen und manchmal auch großen Verletzungen und wer mit 40 noch genauso „sprintet“ wie mit 20, der wird ständig irgendwo Verletzungen haben.

Diese Erfahrung konnte ich nicht nur selber machen, sondern durfte sie auch als Trainer immer wieder erleben. Die explosivsten Athleten, haben die meisten Verletzungen.

Genau deshalb muss mein Brazilian Jiu Jitsu aufwandslos sein

Vergleichen wir das doch mal mit einer Maschine, je perfekter die Maschine gebaut ist, je „runder“ sie läuft, desto weniger nutzt sie sich ab und desto länger kann man sie benutzen. Genau das Gleiche gilt für unseren Körper. Je weniger Kraft unsere Techniken in der Ausführung benötigen, desto weniger verbraucht sich unser Körper, speziell unsere Gelenke.

Wenn ich also mit 40 noch so trainiere wie Siegfried, kann das im Einzelfall noch funktionieren (wir alle kennen diese Ausnahmen), aber in der Regel wird die eigene Leistung schlechter, weil Verletzungen und Verschleiß dazu führen, das wir nicht mehr so explodieren können.

Diese Erkenntnis kam mir zum Glück nicht erst mit 40, sondern schon mit Ende 20 und so begann ich vor langer Zeit darüber nachzudenken und aktiv daran zu arbeiten mein Brazilian Jiu Jitsu entspannter zu gestalten. Mein Lehrer Roy Harris war mir da ein großes Vorbild, weil er mir immer wieder eindrucksvoll gezeigt hat, wie man mit wenig Bewegung, maximale Effekte erreicht.

Aber was genau bedeutet aufwandsloses Jiu Jitsu und wie erreicht man es? Grundsätzlich gibt es da verschiedene Aspekte, welche ich so zusammenfassen würde:

  • Maximierung der Hebelkräfte bei der Ausführung der Techniken
  • Aufmerksamkeit und Timing
  • Gute defensive Positionierung
  • Die Fähigkeit sich zu „Pacen“ & die richtige Atmung
  • Pressure – Die Fähigkeit das eigene Körpergewicht einzusetzen
  • Physische Fitness
  • Innere Kraft & Körpermechanik

Maximierung der Hebelkräfte
Grundsätzlich geht es im Jiu Jitsu immer um Kraft. Wie kann ich Kraft erzeugen und wie gehe ich mit der Kraft um, die mein Gegner erzeugt. Egal ob ich mich aus der Mount Position befreien oder einen Armhebel ansetzen will, diese beiden Faktoren spielen beide je nach Technik eine mehr oder weniger ausgeprägte Rolle.

Die Dreidimensionalität des menschlichen Körpers macht diese Maximierung der Hebelkräfte oft sehr komplex, aber genau darin besteht die hohe Schule des BJJ. Solche Situationen in Worte zu Fassen ist oft nicht ganz leicht und so möchte ich einige plastische Beispiele benutzen, die nicht unbedingt direkt etwas mit dem Brazilian Jiu Jitsu zu tun haben.

Um eine ideale Kraftübertragung bei einer Technik zu ermöglichen, muss der Spielraum in unserem , bzw. im Körper unserer Gegners so gering wie möglich sein. Nehmen wir folgendes Beispiel:

Ein Auto ist stehen geblieben und soll mit Hilfe eines Abschleppseils abgeschleppt werden. Das Seil wird zwischen den beiden Autos befestigt, hat aber Spielraum, bzw. hängt locker durch und berührt den Boden. Das vordere Auto wird nun gestartet und fährt zügig los. Was passiert? Wahrscheinlich wird das Seil straff gezogen und dann zerreißen, oder die Befestigungen für das Seil an den Wagen, reißt ab. Die Verbindung zwischen den Autos war also suboptimal. Hätte man das Auto erst einmal langsam nach vorne bewegt, bis das Seil straff gespannt gewesen wäre und hätte mit dieser „Verbindung“ das hintere Auto abgeschleppt, hätte es wohl wesentlich besser funktioniert.

Genau diese Situation entsteht im BJJ ständig. Wir müssen unseren Körper mit dem Körper des Gegners verbinden, um eine Kraft zu übertragen. Ist die Verbindung dafür nicht optimal, geht viel Kraft verloren und die Hebelverhältnisse sind nicht optimal.

Hier ein einfacher Selbsttest:
Legen Sie sich flach auf den Rücken und lassen Sie ihren Partner in die Mount Position. Jetzt kontrollieren Sie auf irgendeine Art und Weise seinen Arm, klammern ein Bein und bereiten ihre Upa, als Brücke vor. Führen Sie sie aber nicht komplett aus, sondern bewegen Sie sich nur minimal. Führen Sie langsam die ersten 1-2 Sekunden der Übung aus und achten Sie darauf was passiert. Wenn Ihr Körper sich bewegt, dann muss sich auch zeitgleich der Körper ihres Partners bewegen. Wenn dies nicht der Fall ist, zeigt es, das keine optimale Kraftübertragung stattfindet und irgendwo ein „Leck“ ist, aus dem die Kraft entweicht.

Ich wiederhole das noch einmal weil es so wichtig ist. Wenn die Verbindung zu Ihrem Partner korrekt ist und Sie beginnen mit der Brücke, dann müsste sich sofort und zeitgleich auch der Körper ihres Partners bewegen. Wenn Sie sich erst einmal 5 oder 10 Zentimeter bewegen müssen, bis etwas ankommt, ist das ein Zeichen für eine suboptimale Nutzung der Hebelkräfte.

Es gibt noch unzählige weitere Aspekte, wenn es um die Optimierung der Hebelkräfte geht, aber da es in diesem Artikel ja auch noch um andere Dinge geht, halte ich mich kurz und werde in Zukunft noch ausführlicher darüber schreiben.

Aufmerksamkeit und Timing
Das Attribut der Meister und auch etwas, über das ich eigene Artikel schreiben könnte, weil es so umfangreich ist. Aber halten wir es einfach. Aufmerksamkeit und Timing sind eng miteinander verbunden, denn nur wer eine bewusste Wahrnehmung für sich und seinen Gegner hat, kann das Verhältnis und den Abstand dazwischen präzise wahrnehmen.

Aufmerksamkeit ist also das mentale Element, die körperliche Reaktion in der richtigen Geschwindigkeit, die physische Komponente. Wenn beides zusammenkommt, entsteht daraus gutes Timing.

Eine entspannte Geisteshaltung während des Kampfes ist daher von Vorteil, denn gutes Timing, erfordert einen Geist der beobachtet und nicht verurteilt. Timing bedeutet das Ganze wahrzunehmen, während der Gegner nur auf Fragmente fixiert ist. Von daher ist Timing auch oft mit der Mentaliät des „Counter Punchers“ gekoppelt. Man lässt den anderen Angreifen und nutzt dessen (vielleicht jugendlichen) Leichtsinn, um die eigenen Konter vorzubereiten. Damit dieser aber funktioniert benötigen wir auf jeden Fall den nächsten Punkt, nur so haben wir die Übersicht, für unsere Aktionen.

Gute defensive Positionierung
Was hatten alle guten Counter Puncher im Boxen und MMA gemeinsam? Sie waren schwer zu treffen und hatten eine fast übermenschliche Defensive. Egal ob Muhammad Ali, Roy Jones Jr. Oder Anderson Silva. In ihrer Prime waren sie kaum zu treffen und hatten unglaubliche Konter.

Während im Boxen und MMA dafür sehr schnelle Reflexe nötig sind, geht es im Brazilian Jiu Jitsu eher um das richtige Positionieren des Körpers. Wir müssen die Räume eng machen und vermeiden, das unser Gegner die Positionen bekommt, die er benötigt um uns zu kontrollieren. Wenn ich also in der Side Mount Position unten liege und mein Gegner hat mich flach auf dem Rücken gepinnt und drückt mir seine Schulter in mein Hals bzw. Unterkiefer, habe ich definitiv keine gute Übersicht für irgendwelche Konter.

Hat mein Gegner mich jedoch in der gleichen Position, ohne mich dabei auf dem Rücken gepinnt zu haben und ohne mir seine Schulter in den Kiefer zu drücken, bin ich frei genug, um eventuelle Fehler auszunutzen und Konter vorzubereiten. Defensive Positionierungen gibt es in jeder der klassischen BJJ Positionen, egal ob Mount, Side Mount, Back Mount oder Guard, es gibt Dinge die man in diesen Positionen von Anfang an nicht zulassen darf, um die eigene Bewegungsfreiheit nicht zu verlieren.

Diese Defensive Positionierung ist auch eine physische Komponente des Timings und sorgt dafür das man die Bewegungsfreiheit besitzt, um dem mentalen Impuls auch körperlich zu folgen.

Die Fähigkeit sich zu „Pacen“ & die richtige Atmung
Diese Fähigkeit ist extrem wichtig denn sie entscheidet oft über Sieg oder Niederlage. Meine Prüfungen dauern oft sehr lange. Die Blaugurtprüfung dauert in der Regel 4 Stunden und jeder Schüler muss nicht nur 2 Stunden Techniken zeigen, sondern eben auch 2 Stunden verschiedene kämpferische Aufgaben erledigen. Ein Grundsatz meiner Prüfungen ist dabei, jeder Schüler kann tappen, also abklopfen, so oft er will, aber wenn er sich überpaced, keine Luft mehr hat und nicht mehr weitermachen kann, ist er durchgefallen.

Ausdauer ist oft ein Thema welches gerade im Brazilian Jiu Jitsu oft falsch eingeschätzt wird. Das Problem mit der Ausdauer ist nämlich oft überhaupt kein Problem der körperlichen Fitness, sondern ein mentales Problem des Pacens. Jeder Mensch hat seine persönliche Geschwindigkeit wenn er rollt und sobald er diese überschreitet, beginnt eine Abwärtsspirale die schlussendlich im temporären Verlust der Feinmotorik und totaler körperlicher Erschöpfung endet.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Halbmarathon erinnern. Ich bin schon immer gerne gelaufen, locker, entspannt, easy, für die Regeneration und eine aerobe Basis, aber nie auf Zeit, nie um zu gewinnen oder mich mit anderen zu messen. Irgendwann hatte ich dann die Idee zu meinem ersten Halbmarathon und als der Startschuss fiel, wollte ich laufen. Ich war jung und hatte immer die Wettkampfmentalität in mir und so wollte ich auch da gewinnen, obwohl ich nicht die geringste Chance hatte.;-)

Zum Glück hatte ich einen Pulsmesser, ich lief und lief und konnte die ersten Meter mit den besten Mithalten, aber während diese Wettkampfläufer effizient waren und das ihr vollkommen normales Tempo war , war ich einfach nur effektiv. Der Athlet in mir rannte, aber mein Pulsmesser zeigte mir das ich mit knapp 200 Puls keinen Halbmarathon schaffen werde;-);-);-). Schweren Herzens lies ich die Jungs ziehen und blieb in meinem eigenen Tempo, um schließlich irgendwann ins Ziel zu kommen. Ich kam aber nur ins Ziel, weil ich mich rechtzeitig gepaced hatte.

Im BJJ ist es genauso. Mann muss in seiner Geschwindigkeit rollen, muss lernen den Puls als Indikator zu nutzen und versuchen ihn so niedrig wie möglich zu halten. Eine bewusste und entspannte Atmung, ist dabei natürlich auch sehr zuträglich und auch zu diesem Thema wird es irgendwann noch einen Artikel geben.

Wer mit wenig Aufwand kämpfen möchte, der muss lernen seinen eigenen Aufwand gering zu halten, denn wenn der Puls erst einmal die rote Linie überschritten hat und das Adrenalin unseren Körper flutet, dann ist die Feinmotorik weg und mit ihr auch unsere technischen Fähigkeiten. Gerade beim Rollen oder Kämpfen ohne Zeitlimit ist dies ein kritischer Faktor.

Pressure
Muss man einfach gefühlt haben. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch zwischen Roy Harris und mir erinnern. Ich fragte Roy über seine Zeit mit Rickson Gracie und wie dieser sich beim rollen so anfühlt und Roy packte mein Handgelenk, drücke es fest zusammen und sagte: So fühlt er sich an, auch wenn du in der oberen Position bist.

Wer jemals mit Roy gerollt und diesen unmenschlichen Druck erlebt hat, der weiß von was ich rede. Die Fähigkeit das eigene Körpergewicht gezielt einzusetzen und damit den Gegner zu ermüden ist von unschätzbaren Wert, denn auch wenn die Attribute der Jugend im Alter langsam verschwinden, das Körpergewicht bleibt in der Regel vorhanden oder wird sogar noch mehr.:-)

Pressure kann vieles, er kann den Gegner zur Aufgabe zwingen, kann seine Aktionen zu Nichte machen, oder ihn ermüden, all das ohne das man sich dabei selber verausgabt, oder Kraft unnötig verschwendet.

Physische Fitness
Alter ist kein Grund faul oder schwach zu werden und der Sixpack muss auch nicht dem One-Pack weichen.:-) Für mich ich Fitness, gesunde Fitness immer noch ein Muss. Es gibt keinen Grund seinen Körper zu vernachlässigen, oder ihn schwach werden zu lassen, allerdings sollte Fitness immer nur Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck sein.

Wenn mein Fitnesstraining so anstrengend ist, das ich danach 3 Tage Regeneration benötige und kein BJJ machen kann, dann ist es das falsche Fitness-Training zumindest, wenn ich meine Fähigkeiten im Jiu Jitsu verbessern möchte.

Für mich ist physische Fitness wie ein Sparbuch. Ich habe sie, ich möchte sie ihm Kampf so wenig wie möglich nutzen, aber wenn die Dinge schief laufen und nur noch Ausdauer und Willenskraft den Sieg ermöglichen können, dann bin ich froh sie zu haben.

Fitness soll mir Energie geben, meinen Körper und meine Gelenke „polstern“ und mir (Willens)kraft für den Notfall geben. Das alles mit einer minimalen Regenerationszeit.

Innere Kraft
Innere Kraft ist das was in den japanischen Kampfkünsten Aiki genannt wird und hat trotz oft gegenteiliger Meinungen nix mit Esoterik oder kosmischen Energien zu tun. Ich würde sagen, es ist eine Rückbesinnung zu den Bewegungen die unserer Natur entsprechen und mit denen wir unser Potential voll ausschöpfen können. Innere Kraft gibt uns viele interessante Effekte die wir innerhalb des BJJ einsetzen können und ihre Entwicklung gehört für mich neben der technischen Entwicklung der Kunst, zu meinen Prioritäten. Aber dieses Thema ist so umfangreich, das ich sicher auch darüber noch mal einen extra Artikel machen werde.

Das war´s.:-) Der erste Artikel ist fertig und er wurde doch länger und ausführlicher als ich gedachte habe. Zum Glück konnte ich mich etwas pacen.;-), sonst wäre es sicher noch viel länger geworden.

Effortless Jiu Jitsu, aufwandsloses Jiu Jitsu, das ist mein Mindset, das ist meine Motivation und von dieser Warte aus, betrachte ich das Phänomen Jiu Jitsu, bzw. alle Kampfkünste.

Lebenslanges Lernen, Verbesserung Wachstum, all das ist für mich damit verbunden. Ich will meine Fähigkeiten nicht erhalten, nicht verwalten, ich will immer besser werden und der einzige Weg mit dem Alter besser zu werden, ist die Dinge mit immer weniger Aufwand zu erreichen.

Das ist der Weg, das ist das Experiment, ich freue mich auf weitere Artikel.:-)

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