Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 2: Der Clinch & das Messer in der Tasche

BJJ Messer
Körper- und Handkontrolle im Clinch

Nachdem ich ihnen im ersten Teil die SV Strategie des BJJ in der langen Distanz erläutert habe, kommen wir jetzt zu Teil 2, dem Clinch. Dieser ist für die SV wichtig, sehr wichtig und für mich ist er die Umsetzung der BJJ Bodenkampf Prinzipien in der Vertikalen. Was ist also die Funktion des Clinch? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus und welche Gefahren birgt er? Diese und viele weitere Fragen, werde ich in diesem Artikel beantworten.

Der Clinch als Schutzzone
Wie sie ja bereits aus Teil 1 wissen, ist eines der primären Ziele in der BJJ Selbstverteidigung, den Clinch zu erreichen, ohne dabei getroffen zu werden. Wenn man erst einmal die Distanz überwunden hat und nah am Gegner klebt, sind dessen Mittel relativ eingeschränkt. Sie kennen ja bereits meine Vergleiche mit dem Boxen, aus dem ersten Teil. Jeder angeschlagene Boxer weiß, im Clinch ist er erst einmal sicher und wird weniger oft und vor allem weniger hart getroffen. Der Ringrichter weiß das auch und trennt deshalb beide Kontrahenten, damit der Kampf wieder zurück in die schnelle und dynamische Boxdistanz findet.

Um die Schutzwirkung des Clinch zu verstehen, muss man die Mechanik eines harten Schlages verstehen. Ein harter Schlag braucht in der Regel Distanz und eine Beschleunigung, durch die Drehung der Hüfte. Je mehr Distanz vorhanden ist, desto mehr Schlagkraft kann man entwickeln. Als kurze Anmerkung möchte ich nur hinzufügen, das mir sehr wohl bewusst ist, das es andere Schlagmechaniken in den inneren Kampfkünsten gibt, aber 99,9% der Menschheit schlägt so, wie ich es gerade beschrieben habe. Durch die räumliche Nähe des eigenen Kopfes und Rumpfes zum Gegner, findet dieser nicht die Distanz, um hart zu Schlagen oder gar zu treten. Kopf- und Kniestöße sind eventuell noch möglich, aber selbst die können durch einen engen Clinch, stark in ihrer Funktion eingeschränkt werden.

Genau dieses Prinzip macht sich der BJJ Anwender zu nutze. Er geht in den Clinch, um den Kampf zu verlangsamen (nicht umsonst heißt meine SV Videoserie „Control the Chaos„;-)). Er bleibt eng, ist sicher vor den ballistischen Angriffen des Gegners und kann dessen Aggression, sich planlos aus dem Clinch zu befreien, gegen ihn einsetzen. Je wilder ein untrainierter Angreifer um sich schlägt, desto mehr verspannen sich seine Schultern. Je mehr sich seine Schultern verspannen, desto höher wird sein Körperschwerpunkt und je höher der Körperschwerpunkt, desto leichter ist es, ihn zu Boden zu werfen. Anstatt sich also auf einen wilden Schlagabtausch einzulassen und Teil des Chaos zu werden, unterbindet man die eher unkontrollierbaren Umstände, geht in den Clinch, ist vor harten Schlägen geschützt und kann dann in relativer Ruhe, die nächsten Schritte planen.

Der Clinch als Schnittstelle
Der Clinch ist die Schnittstelle zwischen dem Kampf im Stand und am Boden. Wer den Clinch kontrolliert, der kann die Richtung des Kampfes vorgeben, der kann taktische Vorgaben umsetzen und behält die Übersicht. Welche Optionen ergeben sich also aus dem Clinch?

  • Den Clinch zum Zeitgewinn nutzen
  • Wechsel vom Clinch in den Bodenkampf durch einen Wurf
  • Wechsel vom regulären Clinch in den Clinch an der Wand
  • Beenden des Kampfes durch einen Hebel- oder Würgegriff im Stand
  • Beenden des Kampfes durch ballistische Angriffe (Schläge, Kopfstöße, etc.)
  • Beenden des Kampfes durch taktisches Kuzushi (einfach gesagt, man schubst z.B. den Gegner eine Treppe hinunter)
  • Beenden des Kampfes durch die Anwendung von Kontroll- und Festnahmetechniken
  • Lösen aus der dem Clinch um Distanz zu schaffen (z.B. um an die eigene Waffe zu gelangen)

Der Clinch als Zeitgewinn
Beginnen wir also mit der banalsten und am wenigsten spektakulären Funktion des Clinch. Man wird plötzlich angegriffen, die Fäuste fliegen und man schützt sich durch das Überbrücken der Distanz und konsequentes Clinchen. Was kommt dann? Nun, als aller erstes Mal hat man einen gefährlichen und überraschenden Angriff, der zu schlimmen Gesichtsverletzungen oder einem Schädel-Hirn Trauma, hätte führen können abgewehrt. Das ist verdammt viel wert. Selbst wenn man über nur minimale Kenntnisse in der SV verfügt, kann man den Clinch nutzen, um Zeit zu gewinnen. Befindet man sich in der Öffentlichkeit, kann man dabei gezielt um Hilfe rufen und Passanten bitten einzugreifen. Auf Veranstaltungen gibt es vielleicht Sicherheitspersonal, etc. die die Situation beenden und den Angreifer zurückhalten können.

Ich weiß, das klingt jetzt nicht sonderlich heroisch, aber das ist die Realität und auch wenn man in seiner Vorstellung gerne den Gegner kampfunfähig macht, ist die Wirklichkeit dann eher ernüchternd, gerade wenn man eben noch nicht über ein jahrelanges Training verfügt. Aber genau das ist ja die Stärke der BJJ Selbstverteidigung, sie funktioniert auch dann , wenn man keine ausgebildete „Kampfmaschine“ ist. 😉

Der Wechsel in den Bodenkampf
Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf ist der klassischste aller Übergänge und wohl auch einer der sichersten, wenn man es mit „nur“ einem Gegner zu tun hat. Die Logik dahinter ist klar. Der Clinch im Stand funktioniert gut, allerdings gibt der freie Raum, dem Gegner immer wieder Möglichkeiten sich zu lösen, bzw. Distanz zu schaffen. Genau deshalb funktionieren z.B. Submissions, also Hebel- und Würgegriffe, im Stand weniger gut, als am Boden.

Wirft man also seinen Gegner zu Boden und erreicht idealerweise die obere Position, hat man seine Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt. Der normale Mensch ist darauf optimiert, der Schwerkraft im aufrechten Gang zu trotzen und von daher fehlen ihm im Bodenkampf meistens die Mittel, um effizient Platz zur Flucht zu generieren. Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf, ist also eine Fortsetzung der Kontrolle und führt den BJJ Anwender hin zu seinem ultimativen Ziel, dem Würgegriff und die temporäre Kampfunfähig des Gegners.

Der Clinch an der Wand

Der Clinch an der Wand
Der Clinch an der Wand stellt eine Verbesserung des regulären Clinchs da und macht somit alle bestehenden Möglichkeiten noch effektiver. Warum? Ganz einfach, weil die Wand, ähnlich wie der Boden, die Bewegungsfreiheit des Angreifers enorm einschränkt. Er kann seine Hüften nicht nach hinten wegbewegen und ist somit leichter und mit weniger Aufwand zu werfen, als im freien Raum. Generell kann man sagen, das sich das positionelle, eher langsame Spiel des BJJ, viel besser an der Wand, als im freien Raum umsetzen lässt, allerdings ist nicht immer solche eine räumliche Einschränkung (Wand, Ecke, Zaun, Auto, Hauseingang, etc. ) vorhanden. Von das muss der Clinch nicht nur an der Wand, sondern eben auch im freien Raum geübt werden.

Würge- und Hebeltechniken im Stand
Grundsätzlich hat man immer die Möglichkeit Würge- und Hebeltechniken auch im Stand anzubringen. Sie sind möglich, aber weniger wahrscheinlich. Dadurch das die Bewegungsfreiheit des Gegners nicht so stark eingeschränkt ist und die eigenen Möglichkeiten der Positionierung im Stand weniger umfangreich als am Boden sind, gehören diese Techniken eher als „Bonus“ dazu. Sie können sich jederzeit ergeben, aber man sollte nicht mit ihnen planen oder darauf vertrauen.
Die Chancen diese Techniken erfolgreich anwenden zu können steigen mit den eigenen BJJ Fähigkeiten und einer eventuellen, körperlichen Überlegenheit. Sind diese Faktoren nicht gegeben ist eine Transition in den Bodenkampf erfolgversprechender.

Schläge aus dem Clinch
Der Kopfstoß aus dem Clinch ist einer meiner Favoriten.;-) Gerade als fortgeschrittener Anwender, kann man sehr gut Kontrolltechniken mit Kopfstößen, Kniestößen, etc. verbinden. Dies ist sehr effektiv, erfordert aber eine solide Grundlage und relativ viel Erfahrung. Das Spiel mit der Distanz und die gleichzeitige Kontrolle, benötigen ein gutes Körpergefühl, denn sonst kann der Gegner, die geschaffene Distanz nutzen, um selber zu zuschlagen, oder die Distanz zu vergrößern. Allerdings haben diese Techniken für fortgeschrittene Anwender viele Vorteile. Durch die Kontrolle des Gegners, kann man viel präziser angreifen und wirklich gezielte Treffer landen, ohne das die Extremitäten (gerade die Arme), Abwehrbewegungen machen können. Somit kann ein Kampf relativ schnell beendet werden, ohne das man dabei in den Bodenkampf muss.

Taktisches Kuzushi
Bad shit;-) Real bad shit;-) Was so harmlos klingt ist ziemlich gefährlich und kann von meiner Seite aus nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Taktisches Kuzushi bedeutet, den Clinch dazu zu nutzen, um den Gegner irgendwo hin zu schubsen. Man könnte ihn eine Treppe hinab schubsen, vor ein fahrendes Auto, gegen eine Wand, über einen Zaun oder in irgendwelche Gegenstände. Der Vorteil, solche Aktionen können den Kampf schnell beenden und Zeit zur Flucht geben. Der Nachteil, man kann die Konsequenzen nicht kalkulieren und eventuell, als nicht so geübter Anwender, mit dem Gegner zusammen stürzen.

Ich sage es ihnen ganz ehrlich, diese Option ist extrem heikel und hängt von vielen äußeren Umständen ab. Wenn ich in einer Bar jemanden in eine Tischgruppe schubse, um mir den Weg frei zur Flucht, oder zumindest zum Türsteher zu machen, ist das eine kalkulierbare Aktion. Wenn ich an einer Bushaltestelle angegriffen werde und den Angreifer vor den vorbeifahrenden Linienbus schubse, ist das alles andere als kalkulierbar. Und höchstwahrscheinlich nicht verhältnismäßig. In den letzten Jahren sind solche Dinge in Deutschland relativ oft passiert, gerade in Bahnhöfen und nicht als Akt der Selbstverteidigung, sondern als unmenschliche und menschenverachtende Kriminalität. Solche Sachen funktionieren, selbst für untrainierte Menschen und von daher sollte man diese Optionen kennen und können. Auch, um davor einen gewissen Schutz zu entwickeln. Ob wir solch finale Mittel jemals einsetzen sollten, ist ein anderes Thema, was nicht einfach zu beantworten ist.

Würgegriff im Stand

Kontroll- und Festnahmetechniken
Dieser Aspekt spielt für den normalen SV Anwender keine Rolle, aber eben für die Anwendung bei der Polizei, etc. Man kann aus dem Clinch direkt in verschiedene Festnahmetechniken wechseln, allerdings ist dies im Stand (ähnlich wie bei den Submissions) schwieriger als am Boden. Auch hier würde ich sagen, sollte man mit diesen Techniken nicht planen, aber man kann sie als „Add-on“ nutzen und einsetzten, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Schaffen von Distanz
Auch dies ein Thema was eher wieder für Polizei, etc. interessant ist, aber auch für „Normalbürger“ von nutzen sein kann. Wie ausführlich beschrieben, nutzen wir das Überbrücken der Distanz und den nachfolgenden Clinch dazu, auf eine spontane Aggression des Gegners zu antworten. Wenn uns ein Angreifer zum Beispiel in ein Gespräch verwickelt und plötzlich angreift, kontern wir das, durch ein schnelles Clinchen. Wenn ich jetzt aber wieder Distanz schaffen möchte, z.B. um zu flüchten, oder um an die eigene Waffe (sei es Pfefferspray, oder die Schusswaffe) zu gelangen, dann kann ich dies durch das gezielte Lösen aus dem Clinch erreichen. Man nutzt also den Clinch, um sich zu schützen und nutzt die Sicherheit des Clinch dann, um wieder Distanz zur Flucht, oder zum Einsatz von Waffen zu schaffen.

Ich hoffe ich konnte ihnen die Funktion des Clinch als Schnittstelle zwischen den verschiedenen anderen Bereichen einer körperlichen Auseinandersetzung ein wenig verdeutlichen. Nur wenn man über einen starken Clinch verfügt, kann man eben diese bewussten Entscheidungen treffen und gezielt den Kampf in bestimmte Bahnen lenken. Allerdings möchte ich auch noch einmal betonen das bei all der Vielfalt, für den regulären Durchschnittsanwender eine sehr einfache Strategie im Vordergrund steht:

Überbrücken der Distanz – Kontrolle im Clinch – Beenden des Kampfes am Boden

Das ist das Grundgerüst, die Basisstrategie und wenn man diese begriffen hat und umsetzen kann, öffnen sich die anderen obengenannten Wege Was also ist die Struktur des Clinches? Wie funktioniert er und gibt es Unterschiede zum Clinch im sportlichen Wettkampf?

Grundlegende Kontrollpositionen
Unser Clinch besteht aus zwei grundlegenden, primären Kontrollpositionen, welche durch weitere sekundäre Kontrollpositionen ergänzt werden. Grundsätzlich nutzen wir den Bodylock, d.h. wir greifen um den gegnerischen Rumpf herum und schließen die Hände. Natürlich gibt es viele effektive Clinch Positionen wie den Underhook, etc. aber diese sind eher etwas, für trainierte Athleten mit langjähriger Erfahrung. Für den Durchschnittsanwender ist es in einer Stresssituation meist einfacher um den Gegner herum zugreifen und die Hände ineinander geschlossen zu halten. Somit kann man mit relativ wenig Aufwand, einen hohen Kontrolleffekt erreichen.

Wir benutzen den Bodylock von vorne und von hinten, verbinden die beiden Positionen mit verschiedenen Übergangstechniken und natürlich Möglichkeiten der Handkontrolle. Das primäre Ziel im Clinch, ist erst einmal die Kontrolle, des gegnerischen Rumpfes, denn nur so kann der Angreifer daran gehindert werden, die Distanz wieder zu vergrößern. Man „klammert“ sich also an seinen Gegner und nimmt ihm damit jede Möglichkeit, effektive Schläge einzusetzen.

Handkontrolle
Dieser Punkt ist extrem wichtig und auch der große Unterschied zwischen sportlichen Clinch und dem Clinch für die SV. Wenn man in den Clinch geht, muss man immer davon ausgehen, das der Gegner ein Messer in der Tasche hat und es auch ziehen will, alles andere ist ein Glücksspiel. Der Clinch am Körper ist wichtig, um die Bewegungsfreiheit des Gegners einzuschränken, aber die Handkontrolle ist dafür verantwortlich, das er kein Messer, oder irgendetwas anderes aus der Tasche ziehen kann. Es gilt immer einen offenen Messerangriff zu vermeiden und gerade deshalb ist es wichtig, den Gegner daran zu hindern, das Messer aus der Tasche zu ziehen. Hat er es erst einmal draußen, wird die Situation um ein vielfaches gefährlicher. Umgekehrt sorgt die Handkontrolle auch dafür, das der Gegner nicht in die Taschen des Anwenders greifen kann, denn vielleicht hat der ja auch Waffen, etc. einstecken, die er unter seiner Kontrolle behalten muss. Der klassische, sportliche Clinch ist deshalb keine Option, denn dort wird die Handkontrolle (da sie nicht so extrem notwendig ist) oft vernachlässigt.

Das Ringen um die Waffe
Die Fortsetzung der obengenannten Thematik und hoffentlich etwas, was ihnen in der Realität nie passiert. Sollte der Angreifer im Clinch sein Messer gezogen haben, ist es enorm wichtig, Optionen zur Kontrolle des Waffenarms zu haben. Natürlich sind solche Dinge enorm risikoreich und es gibt keine sichere, waffenlose Messerabwehr, aber wer sich in den Clinch begibt, sollte trotzdem Möglichkeiten zur Verteidigung kennen und üben. Das Ringen um die Waffe ist manchmal kontraintuitiv, weil man sich in Positionen begibt, die man im waffenlosen Clinch nie einnehmen würde. Im Kampf um das Messer, machen diese Positionen jedoch Sinn.

Vielleicht noch eine kurze Anmerkung: „So manch ein Leser wird jetzt vielleicht sagen: Genau deshalb will ich nicht in den Clinch, ich will dem Gegner nicht so nah sein.“ Nachvollziehbar, aber was wenn man dem Angreifer einen Fußtritt aus langer Distanz verpasst, dieser einen Meter zurückgeschleudert wird und in seine Tasche greift? Dann ist man viel zu weit weg, um ihn daran zu hindern das Messer zu ziehen und man sieht sich einem wild fuchtelnden Angreifer gegenüber, was bestimmt nicht weniger gefährlich ist. Der Clinch bietet eine sehr gute Kontrolle und wenn man darauf trainiert ist, die Arme des Gegners ständig zu kontrollieren und zu beobachten, hat man gute Chancen den Gegner daran zu hindern irgendwelche überraschende Aktionen zu starten. Das Handfighting hat also gerade für die SV, einen sehr hohen Stellenwert.

Das Beißen
Auch ein wichtiges Thema, welches natürlich keine Beachtung bei der sportlichen Anwendung findet. Ein Angreifer, der plötzlich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, kann schnell in Panik verfallen und absolut unkontrolliert und unberechenbar reagieren. Ich habe einige Schüler die beruflich Erfahrung mit Bissen gemacht haben und so etwas ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann zu gefährlichen Infektionen führen. Aus diesen Grund ist das Verständnis für die Möglichkeiten des Beißens und ihre Vermeidung durch eine kluge Positionierung sehr wichtig.

Der Übergang zum Bodenkampf
Würfe aus dem Clinch müssen nicht spektakulär aussehen, sie müssen funktionieren und dürfen kein unnötiges Risiko bieten. Grundsätzlich bedeutet das, das wir Würfe nutzen, bei denen wir kontrolliert auf dem Gegner landen und kein anderes Körperteil als unsere Fußsohlen den Boden berührt. Anders gesagt, der doppelte Beinangriff aus dem Ringen ist ein perfekter Wurf für das No-Gi Sport BJJ, aber würde uns in der SV, auf hartem Asphalt die Knie kaputt machen. Der einzelne Beinangriff (Single Leg Takedown) hingegen, ist eine gute Möglichkeit einen Gegner in der SV zu Boden zu bringen, ohne dabei ein unnötiges Risiko einzugehen. Selbst wenn die Technik nicht funktioniert, kann man wieder zurück in den Bodylock wechseln und von dort aus weiter arbeiten.

Die Gefahren des Clinches
Welche Nachteile hat der Clinch? Warum sollte er vermieden werden und welche besseren Optionen gibt es? Die Frage kann ich eigentlich ganz leicht beantworten. Die beste Alternative zum Clinch ist ein schneller und gezielter K.O. Schlag, der den Kampf sofort beendet. Gibt es so etwas? Manchmal schon. Ist es die Regel, ich würde sagen nein und je weniger athletisch und kampferfahren ein Mensch ist, desto niedriger seine Chancen auf ein schnelles K.O. Von daher ist der Clinch definitiv die verlässlichere Variante für die meisten „Durchschnittsanwender“.

Hat der Clinch Nachteile? Ja, er funktioniert nur wirklich gut gegen einen Angreifer und auch wenn es Möglichkeiten gibt, einen Angreifer im Clinch als „Schutzschild“ gegen andere Angreifer zu nutzen, sind diese sehr begrenzt und stark abhängig von den eigenen körperlichen Fähigkeiten. Wenn ich mich auf einen Angreifer fixiere, bin ich offen für die Aktionen eines zweiten oder dritten Angreifers, aber dies gilt halt nicht nur für den Clinch, sondern für jede Aktion die mit eingeschränkten Fokus geführt wird. Auch wenn man sich in der Schlagdistanz zu sehr auf einen Gegner konzentriert, verliert man die Aufmerksamkeit für einen eventuellen zweiten Gegner. Dies ist also ein grundlegendes Problem und hat nicht unbedingt etwas mit dem Clinch zu tun. Der Kampf gegen mehrere Gegner ist immer ein Glücksspiel, aber der Clinch sorgt dafür, das der Kampf gegen einen Gegner nicht auch zu einem wird.

Das ist also der Clinch in der Brazilian Jiu Jitsu Selbstverteidigung. Ein großes Thema, aber ich hoffe ich konnte Ihnen die praktische Anwendung dieser Position näherbringen und ihnen verdeutlichen, wie funktionell sie genutzt werden kann. Clinch bedeutet nicht einfach nur sinnloses Festhalten, sondern bewusste Kontrolle über den Gegner. Wie schon gesagt ist es das Äquivalent des Bodenkampfes in der Vertikalen und sollte mit dem entsprechenden Stellenwert praktiziert werden.

Im dritten und letzten Teil, geht es dann um die Bodenkampf Konzepte, in der BJJ Selbstverteidigung und auch da gibt es wieder einiges zu schreiben. 🙂

BJJ zur Selbstverteidigung – Teil 1: Das Überbrücken der Distanz

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
„So weit wie nötig, so nah wie möglich“ EIn Grundprinzip des BJJ

Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war ein grauer Novembertag, 1993 oder 1994. Meine Mutter kam von der Post und hatte ein kleines Päckchen dabei, darin war eine Videokassette mit dem Titel „Gracie in Action 2“. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde, denn bis daher hatte ich über Brazilian Jiu Jitsu immer nur gelesen, aber in dem Moment, als ich die ersten bewegten Bilder sah, wusste ich, genau das will ich lernen.:-)

Zu sehen waren dort Vale Tudo Kämpfe, also die Vorläufer des modernen MMA. Außerdem gab es einige Straßenkämpfe, Herausforderungen in der Akademie und auch ein Kampf an der Copacabana war dabei. Alles in allem eine sehr beeindruckende Mischung, die sofort meine Faszination am BJJ weckte. BJJ bedeutet mehr oder weniger regelloses Kämpfen und Selbstverteidigung, so war mein erster Eindruck dieser Kampfkunst. Das BJJ auch noch eine sportliche Komponente hat, welche genauso süchtig machen kann, wurde mir erst einige Jahre später klar.:-)

Gut 25 Jahre später hat sich das Bild des BJJ, zumindest hier in Deutschland doch stark gewandelt. Brazilian Jiu Jitsu ist für viele ein Wettkampfsport, bei dem sich zwei Athleten gegenüber stehen oder auch sitzen und technisch hochkomplexe Bewegungen ausführen. BJJ hat keine Schlagtechniken und Techniken zur Selbstverteidigung und selbst der Durchschnittsanwender lernt schon vom ersten Tag an exotische Positionen und Techniken, die er dann im Wettkampf anwenden kann.

Gerade vor ein paar Tagen fragte jemand in einer Diskussion, über einen meiner Artikel, wie denn BJJ zur Selbstverteidigung überhaupt aussehen würde, da er sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Das hat mich verwundert, aber auch motiviert und genau deshalb schreibe ich jetzt diese neue Artikelserie. Ich möchte die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ genauer beleuchten und vorstellen, weil ich glaube, das BJJ ein hervorragendes SV System ist, welches viel mehr Menschen erreichen könnte, als es das bisher geschafft hat.

BJJ als SV ist einfach strukturiert, funktioniert auch für weniger athletische Menschen und lässt sich auch unter Stress und mit eingeschränkter Feinmotorik anwenden und doch ist es so fundamental anders wie viele andere Systeme. Was hat es also auf sich, mit der BJJ Selbstverteidigung?

Grundsätzlich besteht die Basisstrategie aus 3 Aspekten:

  • Dem Überbrücken der Schlag- und Trittdistanz
  • Der Clinch (Kontrolle, Submission und Würfe)
  • Der Bodenkampf (Kontrolle & Submissions)

Wir werden alle 3 Aspekte ausführlich analysieren und beginnen heute im ersten Teil, mit dem Kampf in der Schlag- und Trittdistanz.

Den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden
Wenn man die Kampfstrategie des BJJ für die Schlagdistanz mit einem Satz beschreiben müsste, dann wäre der obige Satz wohl die perfekte Wahl. Das Hauptziel im Brazilian Jiu Jitsu ist es, den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen und das unterscheidet es auch von vielen anderen Stilen.

Warum also, will man im BJJ keinen Austausch von Schlägen? Sind Schläge nicht effektiv?

Doch, Schläge sind in der Selbstverteidigung sehr effektiv. Ein gut gezielter Punch ist wahrscheinlich die schnellste uns eleganteste Art einen Kampf zu beenden, aber er erfordert eben ein Zusammenspiel vieler Faktoren und Fähigkeiten, die nicht immer gegeben sind. Im BJJ gehen wir davon aus, das ein Angreifer körperlich stärker und schwerer ist und über jede Menge Aggression und Schlagkraft verfügt. Vielleicht ist diese Vorstellung manchmal etwas übertrieben, aber wir sind lieber auf unseren schlimmsten Albtraum vorbereitet, als das wir jemanden unterschätzen und man sollte nie vergessen, ein Täter sucht sich ein vermeintlich schwaches Opfer und von daher wird er wohl selten jemanden angreifen, der ihm schon auf den ersten Blick körperlich überlegen ist.

Was also tun, wenn man jemanden gegenübersteht, der deutlich größer und schwerer ist und wild mit den Fäusten schwingend auf uns zugerannt kommt? Für uns ist das klar, wir versuchen uns so gut wie möglich zu schützen und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, denn dort hat der Angreifer nicht mehr die Distanz die er benötigt, um effektiv schlagen zu können. Aber dazu später mehr.

Haben sie schon einmal einen Boxkampf gesehen, in dem einer der Kontrahenten deutlich unterlegen ist? Der Unterlegene versucht dann sehr oft in den Clinch zu kommen, um den Angriffen seines Gegenübers zu entgehen, leider funkt dann immer der Ringrichter dazwischen und trennt die beiden wieder, denn er weiß, im Clinch sind kaum noch Boxtechniken und K.O.s möglich und das Publikum will schließlich „Action“ sehen.:-) Trotzdem ist der Clinch im Boxen eine bewährte Methode über die Zeit zu kommen, die schon immer genutzt wurde.

Everyone has a plan until he gets hit
Dieses Mike Tyson Zitat, trifft es eigentlich auf den Punkt. Kämpfen kann nämlich manchmal sehr einfach sein. Jeder hat einen Plan, eine Strategie, ein paar Techniken an die er glaubt, aber sobald ein Volltreffer einschlägt, verliert sich das alles in einer Mischung aus Panik und Benommenheit, die kein klares Denken mehr zulässt. Ein Volltreffer im Boxen ändert alles und selbst der bewährte Clinch ist dann oft keine Option mehr, weil der Körper einfach nicht mehr gehorcht und so kann nur noch der Ringrichter den angeschlagenen Boxer vor weiteren Schäden bewahren.

Wir im BJJ sind etwas paranoid.:-) Oder vielleicht haben wir auch einfach kein Selbstbewusstsein;-) Aber wir glauben eben, wie schon erwähnt, immer daran, das unser Gegner ein gefährlicher Puncher ist und deshalb wollen wir auf keinen Fall einen Volltreffer kassieren, weil wir wissen, das im Ernstfall kein Ringrichter da ist, der uns schützt.

Im BJJ hat man diese Erkenntnis schon vor vielen Jahrzehnten gewonnen und sie immer weiter verfeinert. Man hat ein System entwickelt mit dem man den Clinch mehr oder weniger erzwingen und das Risiko eines Volltreffers minimieren kann.

So nah wie möglich, so weit wie nötig
Genau das ist eine der Basisstrategien des BJJ Standkampfes und beschreibt das Mindset das wir dabei haben, eigentlich ganz gut. In einer Kampfsituation wollen wir uns immer ganz knapp außerhalb der Reichweite unseres Gegners befinden, um nicht getroffen zu werden. Die Betonung liegt auf „knapp“ denn gleichzeitig wollen wir ihm, so nah wie möglich sein, um einen kurzen Weg in den Clinch zu haben. Wir „tanzen“ also auf der Schwelle zur Schlagdistanz, locken den Gegner in einen überhasteten Angriff oder zerstören seine Struktur für einen kurzen Moment, um dadurch in den Clinch zu kommen.

Für den BJJ Anwender gibt es grundsätzlich nur zwei Distanzen. Entweder wie eben beschrieben außerhalb der Reichweite des Gegners, oder eben ganz nah im Clinch. Alles dazwischen bedeutet für Ihn eine unkalkulierbare Gefahr, die er vermeiden möchte.

Während im klassischen BJJ der Kampf meistens als Duell anfing, d.h. beide Kontrahenten standen sich mit Abstand gegenüber und wussten das der Kampf jetzt losgeht, spielt diese Situation in der modernen Selbstverteidigung eine eher untergeordnete Rolle, bzw. hat ihren sportlichen Nutzen.

In den modernen BJJ SV Konzepten geht es hauptsächlich darum, einen überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, oder von der Seite, etc. zu bewältigen. Die Grundprinzipien haben sich dadurch nicht geändert, es geht immer noch daran, durch ein geschicktes Spiel mit der Distanz so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, aber der Kontext und die Problematik ist ein wenig anders.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Eine der Vorkampf-Positionen in Anwendung

Während in der klassischen Duellsituation das Problem darin besteht, die lange Distanz zu überbrücken und den eigenen Eingang in den Clinch so gut wie möglich zu verschleiern, geht es bei einem überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, darum, durch bestimmte Vorkampf-Positionen besser auf plötzliche Angriffe reagieren zu können und dabei vorher trotzdem nicht aggressiv uns eskalierend zu wirken.

Wir nutzen dafür 3 grundlegende Positionen, bei denen wir mit unseren Händen unseren Körper, bzw. unser Gesicht schützen, ohne dabei aggressiv zu wirken. Sollte die Situation jedoch eskalieren, können wir von dort aus direkt mit viel Vorwärtsdruck und einer starken defensiven Verteidigungsstruktur in den Clinch gehen. Durch das gezielte und konsequente nach vorne gehen, brechen wir das Gleichgewicht des Gegners (Kuzushi) und nehmen ihm dadurch noch mehr die Möglichkeit, harte Schläge anzuwenden.

Das Training basiert darauf, aus den Kontrollpositionen, in eine defensive Verteidigungsstruktur (die oberflächlich Ähnlichkeit mit einer Doppeldeckung hat) zu gehen und dann geschützt in den Gegner zu „crashen“, um ihm das Gleichgewicht zu nehmen und den Clinch zu etablieren. Dies funktioniert mit dem entsprechenden Training auch für Menschen die keinerlei Erfahrung mit Schlägen, oder vielleicht sogar Angst vor Schlägen haben, sehr gut und zuverlässig.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Die defensive Verteidigungsstruktur in Anwendung

Was ist mit mehreren Angreifern?
Diese Frage höre ich öfters. Was ist wenn man mehreren Angreifern gegenübersteht und der Clinch keine Option ist. Ist es da nicht besser alle Angreifer mit Schlägen kampfunfähig zu machen?

Meine Antwort darauf ist einfach: Ja es wäre besser, aber die Realität ist leider nicht wie in Hollywood und wenn man im Zweikampf mit einem gefährlichen Angreifer schon K.O. gehen kann, dann ist das Risiko bei 2 oder 3 Angreifern noch um ein Vielfaches höher.

Natürlich gibt es Fälle in denen ein Mensch sich erfolgreich gegen 2 oder 3 Gegner gewehrt hat und alle K.O. geschlagen hat, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wird das ein trainierter Athlet gewesen sein, der körperlich, technisch und mental top fit war. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Schlagen und Treten und trainiere es regelmäßig. Für mich ist es auch ein Teil des fortgeschrittenen Jiu Jitsu. Aber nach 25 Jahren als Lehrer und Coach, weiß ich einfach das die meisten Menschen nicht die idealen Trainingsparameter haben, sondern eher die minimalen.

Der „normale“ BJJ Anwender, der an Selbstverteidigung interessiert ist, wird nicht mehr als 2-3 mal pro Woche trainieren, kann sich keine blutigen Nasen und blauen Augen leisten (beruflich, privat und gesundheitlich) und hat nicht die Zeit, ein Experte in allen Distanzen zu werden. Natürlich arbeite ich mit meinen jungen motivierten Schülern, die 5-6 mal pro Woche trainieren, viel mehr und auch in alle Distanzen, aber das sind eben die Ausnahmen und nicht der reguläre Schüler.

Der kleinste gemeinsame Nenner
Vom Wortsinn her nicht 100% korrekt, aber trotzdem drückt es genau das aus. Die Standkampf Strategie des BJJ, das Überbrücken der Distanz, das Vermeiden des offenen Schlagabtausch ist der kleinste gemeinsame Nenner von Trainingspensum und Effektivität. Diese Strategie ist für „normale“ Menschen, mit einem regulären Trainingspensum umsetzbar und gleichzeitig ist sie aber auch eine solide Basis für Menschen die darauf weiter aufbauen wollen.

Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, auch wenn ich gerne im Stand kämpfe, ist die BJJ Standkampf Taktik, mein sicherster und solidester Plan. Vieles funktioniert, wenn die Dinge perfekt laufen, aber es ist beruhigend zu wissen, das es auch etwas gibt was funktioniert, wenn in der Selbstverteidigung fast alles schief läuft.;-)

Ich hoffe ich konnte in diesem ersten Teil einen kleinen Einblick in die fundamentalen Kampfstrategien und SV Taktiken des BJJ geben. Im zweiten Teil, geht es darum wie man seinen Gegner im Clinch kontrolliert und ihn entweder zu Boden oder zur Aufgabe zwingen kann. Es gibt also zu schreiben, zum Thema BJJ und Selbstverteidigung.;-)

Braucht man die BJJ Guard Position für die Selbstverteidigung?

BJJ Selbstverteidigung
Die offene Guard gehen einen stehenden Gegner (Screenshot)

Brazilian Jiu Jitsu und sein Wert für die Selbstverteidigung, ist oft, ein heiß diskutiertes Thema. Gerade der Kampf aus der Rückenlage, also aus der Guard Position, hat manchmal den Ruf unrealistisch und wenig effektiv für die Verteidigung auf der Straße zu sein. Wer möchte schon mit dem Rücken auf hartem Asphalt, womöglich noch in Glasscherben liegen und sich verteidigen.

Wie sieht es also mit der Guard Position im Brazilian Jiu Jitsu aus? Ist es eine effektive Verteidigungsposition oder hat sie nur einen sportlichen Wert?

Meine Antwort dazu ist eigentlich ganz einfach. In einer perfekten Welt und einer perfekten Selbstverteidigungssituation ist die Guard überflüssig. Für alle anderen Szenarien hat sie ihren Wert und ihre Bedeutung.

Was meine ich damit? Ganz einfach, ich würde mich in einer Selbstverteidigungssituation fast nie freiwillig in die Rückenlage begeben, weil der Kampf im Clinch oder den oberen Bodenpositionen, wesentlich besser und risikoärmer ist. Allerdings laufen Selbstverteidigungssituation selten planmäßig ab und es können immer menschliche Fehler oder unvorhersehbare Überraschungen passieren, welche den Gameplan durcheinander bringen und den Kampf aus der Rückenlage erfordern. In solchen Situationen ist es dann gut einen Plan B zu haben, um damit umgehen zu können.

Aber fangen wir einfach ganz vorne an. Die grundlegende Selbstverteidigungsstrategie des Brazilian Jiu Jitsu, so wie ich sie auch in meinen Videoserien(https://fighterfitness.de/video-downloads/) beschrieben habe, basiert darauf den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und mehr oder weniger direkt in den Clinch zu kommen. Dort angekommen, arbeitet man aus bestimmten Kontrollpositionen, um die Handlungen des Gegners einzuschränken und ihn eventuell im Stand kampfunfähig zu machen. Ist dies nicht möglich, wirft man ihn zu Boden und beendet den Kampf aus einer der oberen Positionen, vorzugsweise mit einem Würgegriff.

Dieses Konzept funktioniert auch in Stresssituationen, dann wenn die motorischen Fähigkeiten durch Angst, Adrenalin, Erschöpfung, etc. enorm eingeschränkt sind. Der Kampf aus der Guard Position ist in dieser Strategie nicht vorgesehen, weil er viele verschiedene Nachteile hat:

Fehlende Mobilität
Wenn ich mich in der Rückenlage befinde und mein Gegner auf mir liegt, dann bin ich natürlich enorm in meinen Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt. Ich kann zwar meinen Gegner kontrollieren, aber kann nicht flüchten, oder z.B. aufstehen, wenn sich eine weitere Person in die Auseinandersetzung einmischt. Auch für jemanden der eine Schusswaffe trägt ist diese Position enorm unsicher, denn durch die fehlende Distanz wird er nicht nur Schwierigkeiten haben an die eigene Waffe zu kommen, es besteht auch die Möglichkeit, das der Angreifer sich die Waffe zu nutze machen kann, was natürlich das schlechteste Szenario überhaupt wäre.Dies ist einer Hauptgründe, warum die Guard Position für die Selbstverteidigung kein optimales Mittel ist.

Der Gegner hat gefährlichere Angriffe
Für einen sehr gut trainierten BJJ Anwender ist das vielleicht kein großes Problem, für den Durchschnittsanwender jedoch schon. Wenn ein untrainierter Angreifer erst einmal in der Rückenlage ist, hat er kaum noch Möglichkeiten effektiv anzugreifen. Dadurch das er keine Hüftrotation ausführen kann und er gegen die Schwerkraft ankämpfen muss, verlieren seine Schläge enorm an Kraft. Auch Kopfstöße oder Ellenbogenschläge sind wesentlich weniger wirksam, als aus der Oberlage. Wenn man also kein BJJ „Profi“ ist, sollte man die Guard Position vermeiden, denn auch wenn man weiß wie man die gegnerischen Schläge abfängt, kann doch immer mal wieder ein harter und im schlimmsten Fall kampfentscheidender Schlag durchkommen. Dies vermeidet man am Einfachsten, wenn man den anderen gar nicht erst nach oben kommen lässt.

Risikoärmere Submission
Auch das betrifft nicht die BJJ „Profis“, sondern denDurchschnittsanwender. Wenn ich z.B. aus der Mount Position einen Arm Triangle ansetze, oder aus der Back Mount Position einen Mata Leao, dann habe ich ein relativ geringes Risiko, auch wenn der Submission nicht, oder nicht gleich, funktioniert. Ich bin dann immer noch in der dominierenden Position und kann weiter versuchen anzugreifen.

Aus der Guard Position ist das vollkommen anders. Ein Triangle Choke der nicht perfekt sitzt, kann dazu führen das sich der Gegner befreit, die Guard passiert und dann eventuell in der Side Mount oder Mount Position landet. Das kann für den Anwender des Triangle Chokes verheerende Folgen haben. Das gleiche gilt auch für Armhebel oder bestimmte Sweeps. Klar „Profis“ können damit umgehen, aber Menschen die BJJ noch nicht so lange trainieren, haben aus den oberen Positionen, einfach die besseren Mittel.

Diese drei Beispiele zeigen deutlich warum, man den Kampf aus der Rückenlage in der Selbstverteidigung vermeiden sollte, allerdings gibt es, wie schon erwähnt, Situationen, in denen die Guard Position ein Lebensretter sein kann und diese stelle ich ihnen jetzt vor.

Der Gegner ist körperlich einfach viel stärker
Das klingt vielleicht zu einfach, ist aber sehr oft der Fall. Warum sollte ein Angreifer sich ein Opfer suchen, welches ihm körperlich überlegen ist? In der Regel sucht er sich ein Opfer, das ihm zumindest optisch körperlich unterlegen ist und ein geringes Risiko für Gegenwehr darstellt. Wenn man also jemanden zu Boden bringt, der 30 Kilo schwerer und kräftig gebaut ist, dann landet man vielleicht in der Mount Position, nur um wenige Sekunden später, per „Bankdrücken“ wieder aus ihr heraus befördert zu werden.;-) Kraft und Gewicht spielen immer eine Rolle und auch wenn Technik viel erreichen kann, kann rohe Kraft dazwischen funken.

Wenn man also gegen einen körperlich starken und schweren Gegner kämpft, muss man immer einkalkulieren, in der Rückenlage zu landen. Wenn man dann die Erfahrung hat, aus der Guard die Angriffe des Gegners zu kontrollieren und eigene Angriffe zu starten, ist das von sehr großem Wert. Die Alternative dazu wäre nämlich das man hilflos und hektisch umher rudert und keinerlei sinnvolle Antworten auf die Angriffe des Gegners finden würde.

Man wird angeknockt
Ich sage immer: Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood und es können immer Situationen entstehen, die man so nicht eingeplant hat. Auch wenn wir den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden wollen, kann es doch immer sein, das wir von einem Schlag getroffen und angeknockt werden. Solche Situationen entwickeln sich extrem schnell und erfordern ein sofortiges Handeln. Das das Denken dabei oft nur noch sehr eingeschränkt möglich ist, sollte jedem klar sein. Natürlich kann man versuchen weiter in den Clinch zu kommen, um sich dort zu schützen, aber jeder kennt die Szene, wenn ein angeschlagener Boxer versucht sich im Clinch über die Zeit zu retten. Manchmal klappt es, aber viel zu oft, wird er wieder und wieder von schweren Schlägen getroffen und geht irgendwann vollends K.O.

Von daher ist das direkte hinlegen und das Spiel mit der offenen Guard (wenn man diese Position so nennen will) eine mögliche Strategie, gegen einen einzelnen Angreifer. Ich weiß, viele Menschen sind von dieser Methode nicht begeistert, aber ich kann jedem der Zweifel an dieser Technik hat, nur empfehlen sich alte MMA Kämpfe aus den Neunziger Jahren anzuschauen. Dort passierte so etwas häufiger und der stehende Gegner, war gegen den liegenden Kämpfer meist im Nachteil und konnte nicht viel Schaden anrichten. Bestes Beispiel dafür ist der Kampf von BJJ Legende Murilo Bustamente gegen den 40 Kilo schwereren weltklasse Ringer Tom Erikson. Murilo konnte zwar nicht gewinnen, überstand aber die gesamte Kampfzeit von über 40 Minuten ohne von Erikson besiegt zu werden.

Wie schon gesagt, natürlich ist das nicht meine erste Strategie, aber wenn ich einem stärkeren und schwereren Gegner gegenüberstehe und angenockt werde, dann ist ein guter Plan B sehr viel Wert, auch wenn er von seiner Optik her, nicht für Hollywood geeignet ist.:-)

Man macht einen Fehler
Niemand ist perfekt und in einer überraschenden Selbstverteidigungssituation, kann es schnell passieren, das man einen Fehler macht, das Gleichgewicht verliert, stolpert, etc. und schon befindet man sich in der Rückenlage. Jeder BJJ Anwender kennt solche Situationen aus dem eigenen Training und eigentlich sind sie kein Problem, weil man eben weiß wie man aus der Rückenlage kämpft. Das Paradoxe beim Kämpfen ist oft, das genau das passiert, was man am meisten fürchtet und wenn man weiß das man aus der Rückenlage relativ hilflos ist und man davor Angst hat, dann wird ganz oft, genau das eintreten. Je besser man aus der Guard (und auch den anderen Positionen auf dem Rücken) kämpfen kann, desto selbstbewusster und stärker wird auch das Spiel in den oberen Positionen.

Die äußeren Umstände
Auch ein wichtiger Punkt, wir kämpfen nicht immer auf rutschfesten Matten.;-) SV Situationen finden in den unterschiedlichsten Umgebungen bei Tag und bei Nacht, Sonne oder Regen statt.
Man kann auf nassem oder glatten Boden ausrutschen, in der Dunkelheit über etwas stolpern, oder durch andere äußere Umstände zu Fall kommen. Auch hier wäre es ignorant nicht aus der Rückenlage kämpfen zu können.

Man befindet sich schon auf dem Rücken.
Vielleicht wird man im Schwimmbad beim Sonnenbaden, oder Nachts im eigenen Bett überrascht, auch bei sexueller Gewalt durch Bekannte oder Familienmitglieder kann es sein, das man sich zur Zeit eines Angriffs, schon in liegender Position befindet. Auch sitzende Situationen im Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln sind möglich und auch da, kann es nicht Schaden eine starke Guard zu haben.

Sie merken also, die Guard im BJJ ist durchaus für die Selbstverteidigung relevant. Sie ist nicht die Ideallösung, nicht meine erste Wahl, aber es gibt genügend Szenarien, in denen es sinnvoll oder sogar lebenswichtig ist, aus der Rückenlage kämpfen zu können. Oft geht es ja auch nicht darum aus der Guard zu gewinnen, sondern diese Position zu nutzen, um wieder schnell in eine stehende Position zu kommen. Das ist eine oft lebenswichtige Fähigkeit und eine gut entwickelte Guard hilft dabei enorm. In meinem BJJ Blaugurtprogramm, welches 12 Seminare umfasste, habe ich immer gesagt. Die perfekte BJJ Kampfstrategie ist nach dem ersten Seminar vermittelt. Die anderen 11 Seminare sind nur für Situationen in denen etwas schief läuft.;-) Vielleicht ist das ein wenig übertrieben, aber es hat durchaus einen wahren Kern.

BJJ ist eine Kampfkunst die sich sehr viel mit suboptimalen Szenarien beschäftigt und genau das, macht es so sinnvoll für die SV. Perfekte Lösungen gibt es viele, aber oft sind die Lösungen gefragt, die funktionieren wenn ein oder mehrere Sachen nicht funktionieren. Genau da kommt das BJJ ins Spiel, es hilft uns dabei, aus schlechten Positionen herauszukommen und sie für uns zu nutzen. Es lehrt uns perfekt mit nicht-perfekten Situationen umzugehen und dafür ist die Guard Position ein wichtiges Tool.

Das wirft die Frage auf, wie muss eine realistische Guard Position im BJJ strukturiert sein? Ein Thema was ich definitiv demnächst einmal in einem Artikel behandeln werde.:-)

Aufwandsloses BJJ – Jiu Jitsu für die Ewigkeit

Brazilian Jiu Jitsu um 2003

Kampfkunst muss ohne Kraft funktionieren, Kampfkunst muss weich sein, Brazilian Jiu Jitsu bedeutet übersetzt die „Sanfte Kunst“……Blah, Blah, Blah, alles Marketing, am Ende rauft man wild am Boden und nix ist mehr übrig von der vielgepriesenen Kraftlosigkeit.

Zugegeben das obige Szenario hab ich auch schon erlebt und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb bin ich überzeugt, ich würde sagen fast schon besessen, von einem Brazilian Jiu Jitsu welches mit so wenig wie möglich Kraft auskommt. Meine komplettes Training geht in diese Richtung und mein Brazilian Jiu Jitsu definiert sich in seiner Zielsetzung, möglichst aufwandslos zu funktionieren. Der Grund dafür ist einfach und hat weniger mit philosophischen, als mit rein praktischen Gesichtspunkten zu tun:

Wir werden jeden Tag älter

O.k. so manch ein jugendlicher Leser rollt jetzt mit den Augen und klickt mein Blog weg, aber auch wenn das älter werden noch in weiter Ferne ist, so lohnt es sich doch weiterzulesen, denn das hier ist keine Ode ans Älterwerden, sondern eine Diskussion um das Thema Effizienz vs. Effektivität. Fangen wir also ganz von vorne an, mit einer sehr guten Nachricht: Brazilian Jiu Jitsu muss nicht kompliziert sein, man kann es ganz schnell lernen und man kann in kürzester Zeit Wettkämpfe gewinnen, alles was man tun muss, ist effektiv zu kämpfen. Man muss seine Techniken schneller, kraftvoller, zwingender und ausdauernder durchziehen als seine Gegner und schon hat man die Effektivität seines Stils unter Beweis gestellt.

Das Brazilian Jiu Jitsu selber unterscheidet niemals zwischen Effektivität und Effizienz, was am Ende zählt ist das Ergebnis. Was meine ich damit konkret? Ich gebe mal einfaches Beispiel. Siegfried ist 18 Jahre alt, in einem seiner früheren Leben war er Drachentöter, doch jetzt im Jahr 2020 hat er sich dazu entschieden BJJ Weltmeister oder ADCC Champion zu werden. Siegfried hat reiche Eltern und braucht nicht arbeiten zu gehen, seine Eltern sind froh das er endlich etwas gefunden hat, das ihm Spaß macht und unterstützen ihn gerne.

Siegfried ist ein natürlicher Athlet, er ist kräftig, explosiv, hat gute Reflexe und ist ein visueller Lerner. Er schaut sich eine Technik an und macht sie dann einfach nach. Darüber hinaus ist er mental abgeklärt. Nach seinem früheren Leben als Drachentöter, bekommt er bei BJJ Wettkämpfen keine Adrenalinschübe mehr, sondern tappt seine Gegner ganz entspannt.

Siegfried liebt das Gewinnen und Brazilian Jiu Jitsu ist für ihn eher ein Mittel zum Zweck. Ihn interessieren nicht die Feinheiten, er will rollen und Leute tappen, ob er dafür viel oder wenig Kraft braucht, ist ihm eigentlich egal, weil er sowieso genug davon hat und die wenigsten Gegner so fit sind wie er.

Das er 6 Tage die Woche, zweimal am Tag trainieren kann und dies auch tut, macht die Sache für Ihn noch einfacher.

Wenn unser Held also an einem Wettkampf teilnimmt, dann weiß er ganz genau:

  • Wann der Wettkampf stattfindet
  • Das er Gegner hat die genauso viel wiegen wie er
  • Das er jung ist und damit genauso fit wie seine Gegner
  • Wie lange ein Kampf maximal dauert
  • Wie er einen Kampf gewinnen kann

Schauen wir uns diese Vorgaben doch einmal genauer an. Wenn er weiß wann ein Wettkampf stattfindet, ist dies ein riesiger Vorteil, denn er kann seine körperliche Kraft und Fitness so trainieren, dass er an diesem Tag in Topform ist. Er erreicht sein Peak, welches er so nicht das ganze Jahr über halten könnte.

Genauso kann er „Gewicht machen“ und dafür sorgen das er so leicht wie möglich ist, um in der niedrigsten, möglichen Gewichtsklasse zu kämpfen, was ihm ein Kraftvorteil gegenüber den Leuten gibt, die das nicht machen.

Dadurch das es Gewichtsklassen gibt, weiß Siegfried ja sowieso, das seine Gegner ungefähr das gleiche Gewicht haben werden. Wenn er also körperlich top fit ist, wird er selten auf Gegner treffen, die viel stärker sind als er, gerade wenn er noch „Gewicht gemacht“ hat.

Das gleiche gilt für sein Alter. Er will ja nicht mit 40 oder 50 gewinnen, sondern alle Wettkämpfe in den nächsten 5 Jahren und da er in dieser Zeit definitiv in seinem athletischen Peak ist, wird er auch da selten auf jemanden treffen der signifikant fitter ist.

Auch der nächste Punkt ist sehr wichtig. Er weiß wie lange ein Kampf dauert und wie viele Kämpfe er ungefähr an einem Tag hat. Damit kann er sein spezifisches Tempo, bzw. seine Ausdauer so entwickeln, das er für 5 oder 10 Minuten, nonstop arbeiten kann. Er weiß ja das er sich nichts aufsparen braucht, weil der Kampf so oder so, nach einer bestimmten Zeit vorbei ist.

Schließlich weiß Siegfried auch, wie er die Kämpfe gewinnen kann. Er muss keinen Submission erzielen, er kann auch über Takedowns oder positionelle Vorteile (das erreichen einer bestimmten Position, z.B. die Mount Position) Punkte machen.

Dieses Wissen hilft ihm dabei volle Geschwindigkeit zu gehen und gezielt die Wege zzu nutzen, die ihm entweder einen Submission, oder eben Punkte bringen und da seine Zeit begrenzt ist, weiß er, das er seinem Gegner, seinen Stil aufzwingen muss, um zu gewinnen.

Ich fasse es einfach mal kurz zusammen. Siegfried hat ein skalierbares Szenario, welches er über seine athletischen Fähigkeiten sehr gut kontrollieren kann. Natürlich braucht er auch Jiu Jitsu Technik, aber er ist nicht auf eine perfekte Ausführung angewiesen, weil er die körperlichen Voraussetzungen hat, die Techniken kraftvoll, explosiv und ausdauernd einzusetzen.
Mit anderen Worten, auch wenn sein BJJ vielleicht durchschnittlich ist, ist er erfolgreich, weil er ein sehr guter Athlet ist.

Jeder von uns war mal mehr oder weniger wie Siegfried und ich kann mich noch gut an mein Tagesablauf Ende der Neunziger Jahre erinnern. Aufstehen, Laufen, Frühstücken, BJJ, Mittagessen, ausruhen und Abends entweder BJJ oder Krafttraining.

Ich will gar nicht zu viel darüber schreiben, sonst werde ich wehmütig;-), aber der Punkt ist einfach, das wir alle älter werden. Irgendwann mit Mitte 20 haben wir unseren physischen Peak erreicht, den können wir dann ein paar Jahre halten und dann geht es irgendwann langsam aber sicher Berg ab.;-)

Das gute daran ist, das Kraft und Ausdauer mit dem entsprechenden Training, lange aufrecht erhalten werden können, wir können also auch noch lange nach unserem physischen Peak intensiv trainieren.

Es gibt nur eine Sache die uns davon abhält.

Verletzungen

Ein explosiver und kraftvoller Kampfstil führt zu vielen kleinen und manchmal auch großen Verletzungen und wer mit 40 noch genauso „sprintet“ wie mit 20, der wird ständig irgendwo Verletzungen haben.

Diese Erfahrung konnte ich nicht nur selber machen, sondern durfte sie auch als Trainer immer wieder erleben. Die explosivsten Athleten, haben die meisten Verletzungen.

Genau deshalb muss mein Brazilian Jiu Jitsu aufwandslos sein

Vergleichen wir das doch mal mit einer Maschine, je perfekter die Maschine gebaut ist, je „runder“ sie läuft, desto weniger nutzt sie sich ab und desto länger kann man sie benutzen. Genau das Gleiche gilt für unseren Körper. Je weniger Kraft unsere Techniken in der Ausführung benötigen, desto weniger verbraucht sich unser Körper, speziell unsere Gelenke.

Wenn ich also mit 40 noch so trainiere wie Siegfried, kann das im Einzelfall noch funktionieren (wir alle kennen diese Ausnahmen), aber in der Regel wird die eigene Leistung schlechter, weil Verletzungen und Verschleiß dazu führen, das wir nicht mehr so explodieren können.

Diese Erkenntnis kam mir zum Glück nicht erst mit 40, sondern schon mit Ende 20 und so begann ich vor langer Zeit darüber nachzudenken und aktiv daran zu arbeiten mein Brazilian Jiu Jitsu entspannter zu gestalten. Mein Lehrer Roy Harris war mir da ein großes Vorbild, weil er mir immer wieder eindrucksvoll gezeigt hat, wie man mit wenig Bewegung, maximale Effekte erreicht.

Aber was genau bedeutet aufwandsloses Jiu Jitsu und wie erreicht man es? Grundsätzlich gibt es da verschiedene Aspekte, welche ich so zusammenfassen würde:

  • Maximierung der Hebelkräfte bei der Ausführung der Techniken
  • Aufmerksamkeit und Timing
  • Gute defensive Positionierung
  • Die Fähigkeit sich zu „Pacen“ & die richtige Atmung
  • Pressure – Die Fähigkeit das eigene Körpergewicht einzusetzen
  • Physische Fitness
  • Innere Kraft & Körpermechanik

Maximierung der Hebelkräfte
Grundsätzlich geht es im Jiu Jitsu immer um Kraft. Wie kann ich Kraft erzeugen und wie gehe ich mit der Kraft um, die mein Gegner erzeugt. Egal ob ich mich aus der Mount Position befreien oder einen Armhebel ansetzen will, diese beiden Faktoren spielen beide je nach Technik eine mehr oder weniger ausgeprägte Rolle.

Die Dreidimensionalität des menschlichen Körpers macht diese Maximierung der Hebelkräfte oft sehr komplex, aber genau darin besteht die hohe Schule des BJJ. Solche Situationen in Worte zu Fassen ist oft nicht ganz leicht und so möchte ich einige plastische Beispiele benutzen, die nicht unbedingt direkt etwas mit dem Brazilian Jiu Jitsu zu tun haben.

Um eine ideale Kraftübertragung bei einer Technik zu ermöglichen, muss der Spielraum in unserem , bzw. im Körper unserer Gegners so gering wie möglich sein. Nehmen wir folgendes Beispiel:

Ein Auto ist stehen geblieben und soll mit Hilfe eines Abschleppseils abgeschleppt werden. Das Seil wird zwischen den beiden Autos befestigt, hat aber Spielraum, bzw. hängt locker durch und berührt den Boden. Das vordere Auto wird nun gestartet und fährt zügig los. Was passiert? Wahrscheinlich wird das Seil straff gezogen und dann zerreißen, oder die Befestigungen für das Seil an den Wagen, reißt ab. Die Verbindung zwischen den Autos war also suboptimal. Hätte man das Auto erst einmal langsam nach vorne bewegt, bis das Seil straff gespannt gewesen wäre und hätte mit dieser „Verbindung“ das hintere Auto abgeschleppt, hätte es wohl wesentlich besser funktioniert.

Genau diese Situation entsteht im BJJ ständig. Wir müssen unseren Körper mit dem Körper des Gegners verbinden, um eine Kraft zu übertragen. Ist die Verbindung dafür nicht optimal, geht viel Kraft verloren und die Hebelverhältnisse sind nicht optimal.

Hier ein einfacher Selbsttest:
Legen Sie sich flach auf den Rücken und lassen Sie ihren Partner in die Mount Position. Jetzt kontrollieren Sie auf irgendeine Art und Weise seinen Arm, klammern ein Bein und bereiten ihre Upa, als Brücke vor. Führen Sie sie aber nicht komplett aus, sondern bewegen Sie sich nur minimal. Führen Sie langsam die ersten 1-2 Sekunden der Übung aus und achten Sie darauf was passiert. Wenn Ihr Körper sich bewegt, dann muss sich auch zeitgleich der Körper ihres Partners bewegen. Wenn dies nicht der Fall ist, zeigt es, das keine optimale Kraftübertragung stattfindet und irgendwo ein „Leck“ ist, aus dem die Kraft entweicht.

Ich wiederhole das noch einmal weil es so wichtig ist. Wenn die Verbindung zu Ihrem Partner korrekt ist und Sie beginnen mit der Brücke, dann müsste sich sofort und zeitgleich auch der Körper ihres Partners bewegen. Wenn Sie sich erst einmal 5 oder 10 Zentimeter bewegen müssen, bis etwas ankommt, ist das ein Zeichen für eine suboptimale Nutzung der Hebelkräfte.

Es gibt noch unzählige weitere Aspekte, wenn es um die Optimierung der Hebelkräfte geht, aber da es in diesem Artikel ja auch noch um andere Dinge geht, halte ich mich kurz und werde in Zukunft noch ausführlicher darüber schreiben.

Aufmerksamkeit und Timing
Das Attribut der Meister und auch etwas, über das ich eigene Artikel schreiben könnte, weil es so umfangreich ist. Aber halten wir es einfach. Aufmerksamkeit und Timing sind eng miteinander verbunden, denn nur wer eine bewusste Wahrnehmung für sich und seinen Gegner hat, kann das Verhältnis und den Abstand dazwischen präzise wahrnehmen.

Aufmerksamkeit ist also das mentale Element, die körperliche Reaktion in der richtigen Geschwindigkeit, die physische Komponente. Wenn beides zusammenkommt, entsteht daraus gutes Timing.

Eine entspannte Geisteshaltung während des Kampfes ist daher von Vorteil, denn gutes Timing, erfordert einen Geist der beobachtet und nicht verurteilt. Timing bedeutet das Ganze wahrzunehmen, während der Gegner nur auf Fragmente fixiert ist. Von daher ist Timing auch oft mit der Mentaliät des „Counter Punchers“ gekoppelt. Man lässt den anderen Angreifen und nutzt dessen (vielleicht jugendlichen) Leichtsinn, um die eigenen Konter vorzubereiten. Damit dieser aber funktioniert benötigen wir auf jeden Fall den nächsten Punkt, nur so haben wir die Übersicht, für unsere Aktionen.

Gute defensive Positionierung
Was hatten alle guten Counter Puncher im Boxen und MMA gemeinsam? Sie waren schwer zu treffen und hatten eine fast übermenschliche Defensive. Egal ob Muhammad Ali, Roy Jones Jr. Oder Anderson Silva. In ihrer Prime waren sie kaum zu treffen und hatten unglaubliche Konter.

Während im Boxen und MMA dafür sehr schnelle Reflexe nötig sind, geht es im Brazilian Jiu Jitsu eher um das richtige Positionieren des Körpers. Wir müssen die Räume eng machen und vermeiden, das unser Gegner die Positionen bekommt, die er benötigt um uns zu kontrollieren. Wenn ich also in der Side Mount Position unten liege und mein Gegner hat mich flach auf dem Rücken gepinnt und drückt mir seine Schulter in mein Hals bzw. Unterkiefer, habe ich definitiv keine gute Übersicht für irgendwelche Konter.

Hat mein Gegner mich jedoch in der gleichen Position, ohne mich dabei auf dem Rücken gepinnt zu haben und ohne mir seine Schulter in den Kiefer zu drücken, bin ich frei genug, um eventuelle Fehler auszunutzen und Konter vorzubereiten. Defensive Positionierungen gibt es in jeder der klassischen BJJ Positionen, egal ob Mount, Side Mount, Back Mount oder Guard, es gibt Dinge die man in diesen Positionen von Anfang an nicht zulassen darf, um die eigene Bewegungsfreiheit nicht zu verlieren.

Diese Defensive Positionierung ist auch eine physische Komponente des Timings und sorgt dafür das man die Bewegungsfreiheit besitzt, um dem mentalen Impuls auch körperlich zu folgen.

Die Fähigkeit sich zu „Pacen“ & die richtige Atmung
Diese Fähigkeit ist extrem wichtig denn sie entscheidet oft über Sieg oder Niederlage. Meine Prüfungen dauern oft sehr lange. Die Blaugurtprüfung dauert in der Regel 4 Stunden und jeder Schüler muss nicht nur 2 Stunden Techniken zeigen, sondern eben auch 2 Stunden verschiedene kämpferische Aufgaben erledigen. Ein Grundsatz meiner Prüfungen ist dabei, jeder Schüler kann tappen, also abklopfen, so oft er will, aber wenn er sich überpaced, keine Luft mehr hat und nicht mehr weitermachen kann, ist er durchgefallen.

Ausdauer ist oft ein Thema welches gerade im Brazilian Jiu Jitsu oft falsch eingeschätzt wird. Das Problem mit der Ausdauer ist nämlich oft überhaupt kein Problem der körperlichen Fitness, sondern ein mentales Problem des Pacens. Jeder Mensch hat seine persönliche Geschwindigkeit wenn er rollt und sobald er diese überschreitet, beginnt eine Abwärtsspirale die schlussendlich im temporären Verlust der Feinmotorik und totaler körperlicher Erschöpfung endet.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Halbmarathon erinnern. Ich bin schon immer gerne gelaufen, locker, entspannt, easy, für die Regeneration und eine aerobe Basis, aber nie auf Zeit, nie um zu gewinnen oder mich mit anderen zu messen. Irgendwann hatte ich dann die Idee zu meinem ersten Halbmarathon und als der Startschuss fiel, wollte ich laufen. Ich war jung und hatte immer die Wettkampfmentalität in mir und so wollte ich auch da gewinnen, obwohl ich nicht die geringste Chance hatte.;-)

Zum Glück hatte ich einen Pulsmesser, ich lief und lief und konnte die ersten Meter mit den besten Mithalten, aber während diese Wettkampfläufer effizient waren und das ihr vollkommen normales Tempo war , war ich einfach nur effektiv. Der Athlet in mir rannte, aber mein Pulsmesser zeigte mir das ich mit knapp 200 Puls keinen Halbmarathon schaffen werde;-);-);-). Schweren Herzens lies ich die Jungs ziehen und blieb in meinem eigenen Tempo, um schließlich irgendwann ins Ziel zu kommen. Ich kam aber nur ins Ziel, weil ich mich rechtzeitig gepaced hatte.

Im BJJ ist es genauso. Mann muss in seiner Geschwindigkeit rollen, muss lernen den Puls als Indikator zu nutzen und versuchen ihn so niedrig wie möglich zu halten. Eine bewusste und entspannte Atmung, ist dabei natürlich auch sehr zuträglich und auch zu diesem Thema wird es irgendwann noch einen Artikel geben.

Wer mit wenig Aufwand kämpfen möchte, der muss lernen seinen eigenen Aufwand gering zu halten, denn wenn der Puls erst einmal die rote Linie überschritten hat und das Adrenalin unseren Körper flutet, dann ist die Feinmotorik weg und mit ihr auch unsere technischen Fähigkeiten. Gerade beim Rollen oder Kämpfen ohne Zeitlimit ist dies ein kritischer Faktor.

Pressure
Muss man einfach gefühlt haben. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch zwischen Roy Harris und mir erinnern. Ich fragte Roy über seine Zeit mit Rickson Gracie und wie dieser sich beim rollen so anfühlt und Roy packte mein Handgelenk, drücke es fest zusammen und sagte: So fühlt er sich an, auch wenn du in der oberen Position bist.

Wer jemals mit Roy gerollt und diesen unmenschlichen Druck erlebt hat, der weiß von was ich rede. Die Fähigkeit das eigene Körpergewicht gezielt einzusetzen und damit den Gegner zu ermüden ist von unschätzbaren Wert, denn auch wenn die Attribute der Jugend im Alter langsam verschwinden, das Körpergewicht bleibt in der Regel vorhanden oder wird sogar noch mehr.:-)

Pressure kann vieles, er kann den Gegner zur Aufgabe zwingen, kann seine Aktionen zu Nichte machen, oder ihn ermüden, all das ohne das man sich dabei selber verausgabt, oder Kraft unnötig verschwendet.

Physische Fitness
Alter ist kein Grund faul oder schwach zu werden und der Sixpack muss auch nicht dem One-Pack weichen.:-) Für mich ich Fitness, gesunde Fitness immer noch ein Muss. Es gibt keinen Grund seinen Körper zu vernachlässigen, oder ihn schwach werden zu lassen, allerdings sollte Fitness immer nur Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck sein.

Wenn mein Fitnesstraining so anstrengend ist, das ich danach 3 Tage Regeneration benötige und kein BJJ machen kann, dann ist es das falsche Fitness-Training zumindest, wenn ich meine Fähigkeiten im Jiu Jitsu verbessern möchte.

Für mich ist physische Fitness wie ein Sparbuch. Ich habe sie, ich möchte sie ihm Kampf so wenig wie möglich nutzen, aber wenn die Dinge schief laufen und nur noch Ausdauer und Willenskraft den Sieg ermöglichen können, dann bin ich froh sie zu haben.

Fitness soll mir Energie geben, meinen Körper und meine Gelenke „polstern“ und mir (Willens)kraft für den Notfall geben. Das alles mit einer minimalen Regenerationszeit.

Innere Kraft
Innere Kraft ist das was in den japanischen Kampfkünsten Aiki genannt wird und hat trotz oft gegenteiliger Meinungen nix mit Esoterik oder kosmischen Energien zu tun. Ich würde sagen, es ist eine Rückbesinnung zu den Bewegungen die unserer Natur entsprechen und mit denen wir unser Potential voll ausschöpfen können. Innere Kraft gibt uns viele interessante Effekte die wir innerhalb des BJJ einsetzen können und ihre Entwicklung gehört für mich neben der technischen Entwicklung der Kunst, zu meinen Prioritäten. Aber dieses Thema ist so umfangreich, das ich sicher auch darüber noch mal einen extra Artikel machen werde.

Das war´s.:-) Der erste Artikel ist fertig und er wurde doch länger und ausführlicher als ich gedachte habe. Zum Glück konnte ich mich etwas pacen.;-), sonst wäre es sicher noch viel länger geworden.

Effortless Jiu Jitsu, aufwandsloses Jiu Jitsu, das ist mein Mindset, das ist meine Motivation und von dieser Warte aus, betrachte ich das Phänomen Jiu Jitsu, bzw. alle Kampfkünste.

Lebenslanges Lernen, Verbesserung Wachstum, all das ist für mich damit verbunden. Ich will meine Fähigkeiten nicht erhalten, nicht verwalten, ich will immer besser werden und der einzige Weg mit dem Alter besser zu werden, ist die Dinge mit immer weniger Aufwand zu erreichen.

Das ist der Weg, das ist das Experiment, ich freue mich auf weitere Artikel.:-)

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