Braucht man die BJJ Guard Position für die Selbstverteidigung?

BJJ Selbstverteidigung
Die offene Guard gehen einen stehenden Gegner (Screenshot)

Brazilian Jiu Jitsu und sein Wert für die Selbstverteidigung, ist oft, ein heiß diskutiertes Thema. Gerade der Kampf aus der Rückenlage, also aus der Guard Position, hat manchmal den Ruf unrealistisch und wenig effektiv für die Verteidigung auf der Straße zu sein. Wer möchte schon mit dem Rücken auf hartem Asphalt, womöglich noch in Glasscherben liegen und sich verteidigen.

Wie sieht es also mit der Guard Position im Brazilian Jiu Jitsu aus? Ist es eine effektive Verteidigungsposition oder hat sie nur einen sportlichen Wert?

Meine Antwort dazu ist eigentlich ganz einfach. In einer perfekten Welt und einer perfekten Selbstverteidigungssituation ist die Guard überflüssig. Für alle anderen Szenarien hat sie ihren Wert und ihre Bedeutung.

Was meine ich damit? Ganz einfach, ich würde mich in einer Selbstverteidigungssituation fast nie freiwillig in die Rückenlage begeben, weil der Kampf im Clinch oder den oberen Bodenpositionen, wesentlich besser und risikoärmer ist. Allerdings laufen Selbstverteidigungssituation selten planmäßig ab und es können immer menschliche Fehler oder unvorhersehbare Überraschungen passieren, welche den Gameplan durcheinander bringen und den Kampf aus der Rückenlage erfordern. In solchen Situationen ist es dann gut einen Plan B zu haben, um damit umgehen zu können.

Aber fangen wir einfach ganz vorne an. Die grundlegende Selbstverteidigungsstrategie des Brazilian Jiu Jitsu, so wie ich sie auch in meinen Videoserien(https://fighterfitness.de/video-downloads/) beschrieben habe, basiert darauf den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und mehr oder weniger direkt in den Clinch zu kommen. Dort angekommen, arbeitet man aus bestimmten Kontrollpositionen, um die Handlungen des Gegners einzuschränken und ihn eventuell im Stand kampfunfähig zu machen. Ist dies nicht möglich, wirft man ihn zu Boden und beendet den Kampf aus einer der oberen Positionen, vorzugsweise mit einem Würgegriff.

Dieses Konzept funktioniert auch in Stresssituationen, dann wenn die motorischen Fähigkeiten durch Angst, Adrenalin, Erschöpfung, etc. enorm eingeschränkt sind. Der Kampf aus der Guard Position ist in dieser Strategie nicht vorgesehen, weil er viele verschiedene Nachteile hat:

Fehlende Mobilität
Wenn ich mich in der Rückenlage befinde und mein Gegner auf mir liegt, dann bin ich natürlich enorm in meinen Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt. Ich kann zwar meinen Gegner kontrollieren, aber kann nicht flüchten, oder z.B. aufstehen, wenn sich eine weitere Person in die Auseinandersetzung einmischt. Auch für jemanden der eine Schusswaffe trägt ist diese Position enorm unsicher, denn durch die fehlende Distanz wird er nicht nur Schwierigkeiten haben an die eigene Waffe zu kommen, es besteht auch die Möglichkeit, das der Angreifer sich die Waffe zu nutze machen kann, was natürlich das schlechteste Szenario überhaupt wäre.Dies ist einer Hauptgründe, warum die Guard Position für die Selbstverteidigung kein optimales Mittel ist.

Der Gegner hat gefährlichere Angriffe
Für einen sehr gut trainierten BJJ Anwender ist das vielleicht kein großes Problem, für den Durchschnittsanwender jedoch schon. Wenn ein untrainierter Angreifer erst einmal in der Rückenlage ist, hat er kaum noch Möglichkeiten effektiv anzugreifen. Dadurch das er keine Hüftrotation ausführen kann und er gegen die Schwerkraft ankämpfen muss, verlieren seine Schläge enorm an Kraft. Auch Kopfstöße oder Ellenbogenschläge sind wesentlich weniger wirksam, als aus der Oberlage. Wenn man also kein BJJ „Profi“ ist, sollte man die Guard Position vermeiden, denn auch wenn man weiß wie man die gegnerischen Schläge abfängt, kann doch immer mal wieder ein harter und im schlimmsten Fall kampfentscheidender Schlag durchkommen. Dies vermeidet man am Einfachsten, wenn man den anderen gar nicht erst nach oben kommen lässt.

Risikoärmere Submission
Auch das betrifft nicht die BJJ „Profis“, sondern denDurchschnittsanwender. Wenn ich z.B. aus der Mount Position einen Arm Triangle ansetze, oder aus der Back Mount Position einen Mata Leao, dann habe ich ein relativ geringes Risiko, auch wenn der Submission nicht, oder nicht gleich, funktioniert. Ich bin dann immer noch in der dominierenden Position und kann weiter versuchen anzugreifen.

Aus der Guard Position ist das vollkommen anders. Ein Triangle Choke der nicht perfekt sitzt, kann dazu führen das sich der Gegner befreit, die Guard passiert und dann eventuell in der Side Mount oder Mount Position landet. Das kann für den Anwender des Triangle Chokes verheerende Folgen haben. Das gleiche gilt auch für Armhebel oder bestimmte Sweeps. Klar „Profis“ können damit umgehen, aber Menschen die BJJ noch nicht so lange trainieren, haben aus den oberen Positionen, einfach die besseren Mittel.

Diese drei Beispiele zeigen deutlich warum, man den Kampf aus der Rückenlage in der Selbstverteidigung vermeiden sollte, allerdings gibt es, wie schon erwähnt, Situationen, in denen die Guard Position ein Lebensretter sein kann und diese stelle ich ihnen jetzt vor.

Der Gegner ist körperlich einfach viel stärker
Das klingt vielleicht zu einfach, ist aber sehr oft der Fall. Warum sollte ein Angreifer sich ein Opfer suchen, welches ihm körperlich überlegen ist? In der Regel sucht er sich ein Opfer, das ihm zumindest optisch körperlich unterlegen ist und ein geringes Risiko für Gegenwehr darstellt. Wenn man also jemanden zu Boden bringt, der 30 Kilo schwerer und kräftig gebaut ist, dann landet man vielleicht in der Mount Position, nur um wenige Sekunden später, per „Bankdrücken“ wieder aus ihr heraus befördert zu werden.;-) Kraft und Gewicht spielen immer eine Rolle und auch wenn Technik viel erreichen kann, kann rohe Kraft dazwischen funken.

Wenn man also gegen einen körperlich starken und schweren Gegner kämpft, muss man immer einkalkulieren, in der Rückenlage zu landen. Wenn man dann die Erfahrung hat, aus der Guard die Angriffe des Gegners zu kontrollieren und eigene Angriffe zu starten, ist das von sehr großem Wert. Die Alternative dazu wäre nämlich das man hilflos und hektisch umher rudert und keinerlei sinnvolle Antworten auf die Angriffe des Gegners finden würde.

Man wird angeknockt
Ich sage immer: Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood und es können immer Situationen entstehen, die man so nicht eingeplant hat. Auch wenn wir den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden wollen, kann es doch immer sein, das wir von einem Schlag getroffen und angeknockt werden. Solche Situationen entwickeln sich extrem schnell und erfordern ein sofortiges Handeln. Das das Denken dabei oft nur noch sehr eingeschränkt möglich ist, sollte jedem klar sein. Natürlich kann man versuchen weiter in den Clinch zu kommen, um sich dort zu schützen, aber jeder kennt die Szene, wenn ein angeschlagener Boxer versucht sich im Clinch über die Zeit zu retten. Manchmal klappt es, aber viel zu oft, wird er wieder und wieder von schweren Schlägen getroffen und geht irgendwann vollends K.O.

Von daher ist das direkte hinlegen und das Spiel mit der offenen Guard (wenn man diese Position so nennen will) eine mögliche Strategie, gegen einen einzelnen Angreifer. Ich weiß, viele Menschen sind von dieser Methode nicht begeistert, aber ich kann jedem der Zweifel an dieser Technik hat, nur empfehlen sich alte MMA Kämpfe aus den Neunziger Jahren anzuschauen. Dort passierte so etwas häufiger und der stehende Gegner, war gegen den liegenden Kämpfer meist im Nachteil und konnte nicht viel Schaden anrichten. Bestes Beispiel dafür ist der Kampf von BJJ Legende Murilo Bustamente gegen den 40 Kilo schwereren weltklasse Ringer Tom Erikson. Murilo konnte zwar nicht gewinnen, überstand aber die gesamte Kampfzeit von über 40 Minuten ohne von Erikson besiegt zu werden.

Wie schon gesagt, natürlich ist das nicht meine erste Strategie, aber wenn ich einem stärkeren und schwereren Gegner gegenüberstehe und angenockt werde, dann ist ein guter Plan B sehr viel Wert, auch wenn er von seiner Optik her, nicht für Hollywood geeignet ist.:-)

Man macht einen Fehler
Niemand ist perfekt und in einer überraschenden Selbstverteidigungssituation, kann es schnell passieren, das man einen Fehler macht, das Gleichgewicht verliert, stolpert, etc. und schon befindet man sich in der Rückenlage. Jeder BJJ Anwender kennt solche Situationen aus dem eigenen Training und eigentlich sind sie kein Problem, weil man eben weiß wie man aus der Rückenlage kämpft. Das Paradoxe beim Kämpfen ist oft, das genau das passiert, was man am meisten fürchtet und wenn man weiß das man aus der Rückenlage relativ hilflos ist und man davor Angst hat, dann wird ganz oft, genau das eintreten. Je besser man aus der Guard (und auch den anderen Positionen auf dem Rücken) kämpfen kann, desto selbstbewusster und stärker wird auch das Spiel in den oberen Positionen.

Die äußeren Umstände
Auch ein wichtiger Punkt, wir kämpfen nicht immer auf rutschfesten Matten.;-) SV Situationen finden in den unterschiedlichsten Umgebungen bei Tag und bei Nacht, Sonne oder Regen statt.
Man kann auf nassem oder glatten Boden ausrutschen, in der Dunkelheit über etwas stolpern, oder durch andere äußere Umstände zu Fall kommen. Auch hier wäre es ignorant nicht aus der Rückenlage kämpfen zu können.

Man befindet sich schon auf dem Rücken.
Vielleicht wird man im Schwimmbad beim Sonnenbaden, oder Nachts im eigenen Bett überrascht, auch bei sexueller Gewalt durch Bekannte oder Familienmitglieder kann es sein, das man sich zur Zeit eines Angriffs, schon in liegender Position befindet. Auch sitzende Situationen im Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln sind möglich und auch da, kann es nicht Schaden eine starke Guard zu haben.

Sie merken also, die Guard im BJJ ist durchaus für die Selbstverteidigung relevant. Sie ist nicht die Ideallösung, nicht meine erste Wahl, aber es gibt genügend Szenarien, in denen es sinnvoll oder sogar lebenswichtig ist, aus der Rückenlage kämpfen zu können. Oft geht es ja auch nicht darum aus der Guard zu gewinnen, sondern diese Position zu nutzen, um wieder schnell in eine stehende Position zu kommen. Das ist eine oft lebenswichtige Fähigkeit und eine gut entwickelte Guard hilft dabei enorm. In meinem BJJ Blaugurtprogramm, welches 12 Seminare umfasste, habe ich immer gesagt. Die perfekte BJJ Kampfstrategie ist nach dem ersten Seminar vermittelt. Die anderen 11 Seminare sind nur für Situationen in denen etwas schief läuft.;-) Vielleicht ist das ein wenig übertrieben, aber es hat durchaus einen wahren Kern.

BJJ ist eine Kampfkunst die sich sehr viel mit suboptimalen Szenarien beschäftigt und genau das, macht es so sinnvoll für die SV. Perfekte Lösungen gibt es viele, aber oft sind die Lösungen gefragt, die funktionieren wenn ein oder mehrere Sachen nicht funktionieren. Genau da kommt das BJJ ins Spiel, es hilft uns dabei, aus schlechten Positionen herauszukommen und sie für uns zu nutzen. Es lehrt uns perfekt mit nicht-perfekten Situationen umzugehen und dafür ist die Guard Position ein wichtiges Tool.

Das wirft die Frage auf, wie muss eine realistische Guard Position im BJJ strukturiert sein? Ein Thema was ich definitiv demnächst einmal in einem Artikel behandeln werde.:-)

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