Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 2: Strategie & Mechanik des Heel Hook

Bevor ich die Funktionsweise und die positionelle Hierarchie des Heel Hook genauer erläutern werde, möchte ich noch ein wenig auf die strategischen Aspekte dieser Technik eingehen. Wie also fügen sich Heel Hooks in die Gesamtstruktur des BJJ ein?

Grundsätzlich kann man die Anwendung von Beinhebel in drei große Bereiche unterteilen.

  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)
  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)
  • Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)

Leglocks die aus den verschiedenen sitzenden oder liegenden Guard Positionen ausgeführt werden, machen den Haupteil des modernen Leglock Games aus. Der Grund dafür dürfte recht einfach sein, es macht das Spiel aggressiver und der Anwender der in der Unterlage ist, hat eben nicht nur Sweeps, sondern direkte und gefährliche Angriffe.

Wenn man sich die Entwicklung einmal anschaut, dann wird man feststellen, das in den Neunziger Jahren das Passieren der Guard auf den Knien sehr häufig war. Dadurch konnte der Kämpfer aus der Rückenlage die klassischen BJJ Techniken wie Straight Armbar, Triangle Choke, etc. erfolgreich einsetzen. Später änderte sich das Verhalten beim Passieren der Guard und die Leute begannen im Stehen zu Passieren. Dies hatte den Vorteil das Armhebel und Würgegriffe kaum noch anwendbar waren, bzw. ihre Effektivität stark zurück ging. Nur wenige Athleten, die über eine wirklich gute Closed Guard verfügten, konnten diese klassischen BJJ Techniken erfolgreich anwenden.

Beim stehenden Passieren, besteht zwar die Gefahr eines Sweeps, aber nur selten führte dieser direkt in eine dominante Position, wie z.B. Side Mount oder Mount. Gute Athleten konnten sich oft abfangen und es kam häufig zu Scramble Situationen, in denen keiner einen Vorteil erlangen konnte.

Dieses Problem wurde durch das moderne Leglock Game mehr oder weniger gelöst. Die „Leglocker“ waren fähig aus den verschiedensten Guard Positionen heraus, ein Bein zu isolieren und sich in eine sehr dominante Position zu befördern. Die sogenannte Saddle oder 411 Position, ist das, was im Kampf um den Oberkörper, die Back Mount Position ist. Die Kämpfer waren also plötzlich fähig aus einer relativ neutralen Guard Position, direkt in die sehr dominante Saddle Position zu kommen. Um die vergleichbare Back Mount Position zu bekommen, wäre der lange Weg über den Sweep, das passieren der Guard, usw. nötig und so stellt dieser neue Ansatz einen sehr effektiven „Pfad“ innerhalb des BJJ Gameplans da. Im BJJ mit Gi entwickelte sich übrigens ein ähnlicher Trend, allerdings nicht mit Leglocks, sondern Techniken wie dem Berimbolo und dem Kiss of the Dragon.

Klassische Positionen wie die Single Leg X Guard, X Guard oder (Reverse) De La Riva Guard werden als Eingänge zu den verschiedenen Heel Hook Angriffen genutzt und somit ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Eingängen in die verschiedenen Beinhebel. Als Coach ermutige ich jeden fortgeschrittenen Schüler sein eigenes Spiel zu entwickeln, denn auch wenn das Endresultat, also der Hebel selber, immer gleich ist, sind die Wege dorthin doch sehr unterschiedlich und Abhängig von Körpertyp, Stil, usw. Einige meiner Schüler haben einen sehr flexiblen Stil, während mein eigener Stil eher einfach und direkt gehalten ist.

Grundsätzlich machen Leglocks aus der Rückenlage auch am meisten Sinn, weil man eben keine Posiiton aufgibt und nur gewinnen kann. Darüber hinaus bieten sich sehr viele Eingänge in den Saddle, was wie schon erwähnt eine sehr dominante Position darstellt.

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)

Die Eingänge aus der Oberlage gehören zu den klassischen Techniken aus den Neunziger Jahren. Damals wurde die Guard nicht passiert, sondern eben direkt mit Beinhebeln angegriffen. Grundsätzlich sind diese Techniken von ihrer technischen Ausführung her, meistens wesentlich einfacher anzuwenden.

Diese Techniken kommen allerdings heute eher selten zum Einsatz und der Grund dafür ist einfach. Warum die obere Position aufgeben, wenn man doch die Guard auch passieren könnte? Wie ich im ersten Teil der Serie schon beschrieben habe, stürzen sich viele Leglock Anfänger regelrecht auf jeden Submission, aber die erfahrenen Anwender wissen genau, wie wichtig ein komplettes positionelles Spiel ist und das die Oberlage defintiv kampfentscheidend sein kann.

Eine Ausnahme hierbei stellt der Backstep da. Diese Technik, die eigentlich zum passieren der Guard gedacht war, wird heute so angewendet, das man direkt in der Saddle Position landet und maximale Kontrolle hat. Bei den klassischen Eingängen aus den Neunziger Jahren, endet man hingegen in weniger dominanten Leglock Positionen, was das Risiko die Position zu verlieren, noch erhöht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Beinangriffe aus der Oberlage wirklich nur einen kleinen Teil der Leglocks ausmacht und ich anderen Techniken dort den Vorzug gebe.

Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Die Domäne der Jugend und der Athleten. Eingesprungene Heel Hooks, Befreiungen aus der Mount direkt in einen Heel Hook, oder die Back Mount Escape die wiederum zu einem Beinhebel führt. Leglocks haben das Potential aus vielen verschiedenen Situationen heraus, überraschend und dynamisch ausgeführt zu werden. Garry Tonon vom Danaher Dead Squad ist dafür z.B. ein sehr gutes Beispiel. Auch wenn er über ein gutes positionelles Spiel verfügt, hat er unglaubliche Fähigkeiten zu improvisieren und überraschende Beinangriffe, aus den unterschiedlichsten Szenarien zu starten. Auch dieses Spiel ist wiederum sehr individuell und jeder Anwender hat dort seine eigenen Favoriten. Wer ein gutes Takedown Game hat, kann dort Verknüpfungen zwischen Takedowns und Leglocks entwickeln, ich finde die Kombination von Back Mount Escapes und Heel Hooks sehr effektiv, die Möglichkeiten sind vielfältig und es macht durchaus Sinn, in einer schlechten Position, eine Leglock Offensive zu starten, um die Karten neu zu mischen.

Ich sage immer, gute Leglocker sind wie Boxer mit einem K.O. Punch. Egal wie viel Runden sie verloren haben, sie bleiben bis zum Schluss gefährlich.

Nachdem ich jetzt so viel über die Geschichte und Funktionsweise von Beinhebeln erläutert habe, werde ich nun die Techniken selber beleuchten. Ich werde mich dabei auf die zwei häufigsten Heel Hooks, den Inside und den Outside Heel Hook beschränken. Es gibt natürlich noch viele weitere Beinhebel, aber diese beiden Techniken gehören zu den erfolgreichsten Techniken überhaupt und das sogar auf höchstem Niveau. Das gesamte moderne Leglock Game, ist mehr oder weniger auf diesen beiden Submissions aufgebaut.

Wenn man sich die Statistiken der amerikanischen ADCC Trials im letzten Jahr anschaut, wird man feststellen, das 50% aller Submissions dort, mit nur 3 Techniken erzielt wurden. 26,1% mit dem Mata Leao (Rear Naked Choke) und 27% mit Heel Hooks (11,3 Inside Heel Hook & 15,7 % Outside Heel Hook).

Natürlich kann man sich jetzt fragen ob diese Techniken so oft genutzt werden, weil sie gerade im Trend liegen, oder ob sie im Trend liegen, weil sie so effektiv sind. Ich denke die Wahrheit liegt dabei irgendwo in der Mitte, aber so oder so, man kann das Thema Beinhebel nicht ignorieren, ohne dabei einen großen Aspekt des BJJ zu vernachlässigen.

Heel Hooks
Heel Hooks sind Techniken, bei denen der Oberkörper, bzw. Oberschenkel fixiert wird, um dann den Unterschenkel mit Hilfe des Fußes (der als Hebel eingesetzt wird) zu rotieren. Diese Rotation sorgt dann für Verletzungen im Fuß, bzw. Kniegelenk. Ich sage bewusst Verletzungen, denn wie schon im ersten Teil erwähnt, ist der Heel Hook keine schmerzhafte Technik. Der Schmerz entsteht erst, wenn die Verletzung schon entstanden ist. Diesem Umstand gilt es beim Training besondere Bedeutung zuzumessen und rechtzeitig abzuklopfen.

Die verschiedenen Heel Hook Varianten setzen sich aus dem eigentlichen Hebel und einer bestimmten Kontrollposition zusammen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen:

Outside & Inside Heel Hook

Outside Heel Hook
Diese Technik ist die „harmlosere“ Heel Hook Variante und führt meistens zu weniger schweren Verletzungen (wenn zu spät abgeklopft wird). Ich habe das Wort Harmlos, in Anführungszeichen gesetzt, denn auch diese Technik kann das Kniegelenk verletzen. Allerdings kann das Fußgelenk etwas mehr nachgeben und die Rotation besser kompensieren, als beim Inside Heel Hook. Es kann also sein das erst die Bänder im Fuß verletzt werden und nicht die Bänder im Knie.

Beim Outside Heel Hook befindet sich die Innenseite des gegnerischen Fußes an unserer Hüfte und wir führen eine Innenrotation der Hüfte aus, indem wird die Ferse mit Hilfe unserer Arme kontrollieren und dann eine Körperdrehung ausführen.

Outside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position
Ein Inside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position

Inside Heel Hook
Das ist der große Bruder vom Outside Heel Hook. Er ist wesentlich gefährlicher und Verletzungen der Kreuzbänder und Menisken sind definitiv zu erwarten, wenn man nicht rechtzeitig abklopft. Es gibt keine Möglichkeit den „Schmerz auszuhalten“, die Technik führt sofort zu schweren Verletzungen. Beim Inside Heel Hook, führt man eine Außenrotation an der gegnerischen Hüfte aus und da der Fuß, wenn man ihn in diese Richtung rotiert, weniger nachgibt, entsteht sofort mehr Druck am Knie. Im schlimmsten Fall reißen die Kreuzbänder, der Innenmeniskus nimmt schaden und es kann auch zu einem Knochenbruch am Fußgelenk kommen.

Inside Heel Hook aus der Backside 50/50 Position
Ein Inside Heel Hook aus der Backside 50 / 50 Position

Die Fußkontrolle
Die Fußkontrolle ist der Namensgeber dieser Techniken, denn man hakt quasi mit seinem Arm die Ferse des Gegners und rotiert dann den Fuß. Grundsätzlich gibt es da verschiedene Griffvarianten, wichtig ist jedoch immer, das man eben nicht nur die Ferse rotiert, weil dies zu einem sehr schwachen Hebel führen würde. Ein wirklicher starker Hebel entsteht nur, wenn man den Fuß so fixiert, das die Kraftübertragung über den Spann, bzw. die Fußzehen geschieht. Dadurch das der Fuß als Hebel genutzt wird, hat man ungefähr den Effekt einer Ratsche. Dreht man nur die Ferse, ist der Effekt eher wie bei einem Schraubenzieher. Das Gefühl dafür zu entwickeln ist nicht ganz einfach, aber essentiell wichtig, um bei erfahrenen Gegnern eine Drohkulisse aufzubauen, die merken nämlich recht schnell, ob der Hebel wirklich sitzt, oder man einfach nur die Ferse klammert.

Nahaufnahme eines Inside Heel Hook
Nahaufnahme der Fußkontrolle

Das war der zweite Teil meiner Artikelserie: Leglocks – Verdammt, gehasst, vergöttert. Im dritten Teil werde ich die zwei Kontrollsysteme und die 8 grundlegenden Kontrollpositionen dieser Systeme erläutern. Seit gespannt.:-)

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