Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 3: Die 8 Kontrollpositionen, 411 & Co.

Die Beinkontrolle

Die systematische Kontrolle des Unterkörpers, ist das, was das moderne Leglock Game von den Beinhebeln der Neunziger Jahre komplett unterscheidet. Es gibt sehr viele verschiedene Positionen, aber ich werde mich hier in diesem Artikel auf die 8 Hauptpositionen (jeweils 4 pro Sub-System) beschränken und deren Wesen, bzw. Wirkungsweise erläutern. Diese Positionen sind das Herzstück des Systems und die Übergänge und der Flow dazwischen, erschaffen den eigentlichen Kontrolleffekt. Nur wenn man versteht, wann und warum die einzelnen Kontrollpositionen angewendet werden, kann man die Heel Hooks auch wirklich effektiv und kontrolliert einsetzen.

Irimi Ashi Garami
Die klassische Eingangsposition in das Leglock Spiel. Gerade wenn man aus der Single Leg X Guard (in der Rückenlage) arbeitet, kommt man öfters in diese Position. Sie stellt quasi die erste Leitersprosse in der positionellen Hierarchie da. Die Kontrolle in dieser Position ist temporär ganz gut und es ist auch ein Outside Heel Hook möglich, allerdings nutzt man diese Position doch meistens eher zum Übergang in andere, stärkere Positionen, um eine noch bessere Kontrolle und eventuell auch die Chance auf den gefährlicheren Inside Heel Hook zu haben. Das besondere in dieser Position ist, das man die Beine nicht komplett geschlossen hat (es entsteht kein Triangle). Deshalb sind die Befreiungen aus dieser Position etwas einfacher, allerdings bietet das Knie in der Mitte, eine gute Möglichkeit die Distanz zu kontrollieren, was ein großer Vorteil sein kann.

Irimi Ashi Garami
Die Irimi Ashi Garami Position

Reaping Position
Die berühmt-berüchtigte „Reaping“ Position ist eine klassische Leglock Position, die schon immer genutzt wurde. Bekannt wurde sie, als die IBJJF, der größte internationale BJJ Verband, diese Technik in allen Gürtelklassen aufgrund ihrer angeblichen Verletzungsgefahr verboten hat. Der Vorteil der Reaping Position, liegt darin, das man eine Innenrotation an der gegnerischen Hüfte erreicht und somit die Ferse exponiert. Die Ferse liegt dann nicht mehr am Körper an, sondern kann leicht mit dem Arm kontrolliert werden. Darüber hinaus wird in dieser Position auch sehr gut die Hüfte des Gegners fixiert und er daran gehindert sich weiter in die Druckrichtung des Hebels mitzudrehen. Von daher kann man aus dieser Position sehr gut einen Outside Heel Hook anwenden, darüber hinaus ist aber auch wieder ein Übergang in eine noch stabilere Position möglich.

Knee Reaping
Die Reaping Position

Saddle / 411 Position
Das wäre dann die Saddle Position. Diese Position, kann entweder über die Reaping Position erreicht werden, oder direkt über zahlreiche Eingänge in der Ober- sowie der Unterlage. Diese Position ist eine der stärksten Positionen des gesamten Systems. Dadurch, das man beide Beine kontrolliert und die Möglichkeit für einen starken Inside Heel Hook (sowie andere Beinhebel) hat, ist der Gegner in seiner Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt und läuft ständig Gefahr in einen Heel Hook zu laufen. Wenn ich mir eine Position aussuchen dürfte, in der ich meinen Gegner mit einem Beinhebel zur Aufgaben bringen muss, würde ich definitiv die 411 /Saddle Position wählen. Während in vielen Positionen, auch die eigenen Füße zumindest ein Stück weit angreifbar sind, sind sie im 411 relativ gut geschützt. Ein weiterer Vorteil dieser starken Position. Man kann sagen, die Saddle Position, definiert das moderne Leglock Spiel und gibt den Gameplan vor, nachdem sich die verschiedenen Positionen anordnen.

Saddle / 411 Position
Die Sadle / 411 Position

Outside Ashi Garami
Diese Position stellt gewissermaßen einen Sonderweg in der positionellen Hierarchie des Spiels da. Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese Position zu erreichen, aber häufig wechselt man von Irimi Ashi Garami in die Outside Ashi Garami Position, um mehr Kontrolle über das Bein, bzw. den Körper des Gegners zu erlangen. Durch die Triangle Position am gegnerischen Bein, hat man eine sehr gute Kontrolle, allerdings ist die Kontrolle der Distanz weniger effektiv als beim Irimi Ashi Garami oder den anderen Positionen. Aus diesem Grund nutze ich z.B. die Position nur, wenn ich vorher schon, in einer anderen Position, die gegnerische Ferse exponiert und kontrolliert habe. Wenn dies der Fall ist, kann ich sicher in die Outside Ashi Garami Position wechseln, um den Kampf zu beenden. Auch aus dieser Position sind natürlich Transitions möglich. Will man im „Saddle System“ bleiben, wechselt man in die 411 / Saddle Position, man kann aber auch bewusst in ein weiteres Sub-System, die 50/50 Position wechseln und von dort weiterarbeiten.

Outside Ashi Garami
Die Outside Ashi Garami Position

Diese 4 Positionen, bilden quasi das Grundgerüst des modernen Leglock Games. Man isoliert ein Bein, kontrolliert den Körper, exponiert die Ferse und setzt dann schließlich den Heel Hook an. All dies geschieht in einer Progression, die die 411/Saddle Position als ultimatives Ziel der Kontrolle hat. Neben diesem System, gibt es aber auch noch ein weiteres System, welches zwar Schnittstellen zum „411 System“ hat, aber trotzdem komplett eigenständig funktioniert. Ich persönlich mag beide Systeme und kombiniere die Positionen fließend miteinander. Wenn man versteht, was die Vor- und Nachteile der jeweiligen Positionen sind, kann man für jede Situation die passenden Lösungen finden.

50 / 50 Position
Das charakteristische an dieser Position ist, wie der Name schon sagt, das beide Kämpfer die gleiche Position haben. Beide können einen Inside Heel Hook ansetzen, müssen sich aber auch dementsprechend gegen den Inside Heel-Hook Ihres Gegners verteidigen.

50 / 50 Position
Die 50 / 50 Position

Grundsätzlich könnte man fragen, warum man eine Position nutzt, die keinerlei positionellen Vorteile bringt und diese Frage ist auch berechtigt. Um das zu verstehen, muss man die Struktur der 50/50 Position kennen. Durch die Triangle Position der Beine und dem gekreuztem gegnerischen Bein, entsteht eine unglaubliche Stabilität und Kontrolle. Diese Technik ist auch im BJJ mit Gi erlaubt (ohne Heel Hooks) und da kommt es oft zu endlos langen 50/50 Duellen, aus denen sich keiner befreien, oder ein Vorteil ziehen kann.

Wenn Heel Hooks erlaubt sind, entsteht diese Passivität nicht, aber der Kontrolleffekt ist immer noch da und genau darin liegt der Sinn dieser Position. Wenn ich in der 50/50 Position besser als mein Gegner bin, d.h. besser meine Fersen verstecken kann, besser im Handfighting bin und stärkere Heel Hooks habe, dann kann ich diese starke Kontrolle nutzen und den Kampf von dort aus beenden. Ja theoretisc ist es eine 50/50 Position, aber praktisch gewinnt der, der die meiste technische und kämpferische Erfahrung in dieser Position hat.

Es gibt verschiedene Takedowns die direkt in die 50/50 bzw. Reverse 50/50 Position führen, aber natürlich kann man auch sehr gut aus Outside Ashi Garami, oder dem 411 in diese Position wechseln. Ich würde sagen die 50/50 Position ist sehr weit fortgeschritten und erfordert eine extrem gute Körperwahrnehmung. Es geht nämlich weniger darum die Beine fest zu verknoten. Der Erfolg in dieser Position basiert auf einer Mischung aus Kontrolle der gegnerischen Arme, dem verstecken der eigenen Ferse und dem positionieren des eigenen Körpers. Wie keine andere der Leglock Positionen erfordert sie komplexe Fähigkeiten, um wirklich sicher und strukturiert arbeiten zu können.

80/20 Position
Diese Position entsteht, wenn man sich aus der 50/50 Position so zum Gegner dreht, das das eigene Bein aus der Knielinie rutscht und frei ist, während das gegnerische Bein noch in der Knielinie gefangen ist. Dadurch schafft man einen positionellen Vorteil und kann einen Outside Heel Hook ansetzen, ohne das dabei die eigenen Beine in Gefahr sind. Die 80/20 Position eignet sich weniger zum kontrollieren, sondern eher zum beenden eines erfolgreichen Heel Hooks.

Die 80 / 20 Position
Die 80/20 Position

Outside Sankaku
Diese Position stellt quasi noch ein Upgrade der 80/20 Position da und erlaubt eine starke Kontrolle und einen gefährlichen Outside Ashi Garami. Ich persönlich nutze diese Position eher selten, aber sie stellt definitiv eine wichtige Position im 50/50 Sub-System da.

Outside Sankaku Position

Backside 50/50 Position
Diese Position stellt das Pendant zum 411 im 50/50 System dar. Man kann aus verschiedenen Positionen direkt in diese Position kommen und hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Ein Grund warum diese Position so gut funktioniert, ist der, das sie sich überhaupt nicht bedrohlich anfühlt. Wenn man sich mit dieser Position nicht auskennt, denkt man, man kann sich ganz einfach herausdrehen. Dies geht allerdings nicht, sondern führt direkt zu einem Inside Heel Hook.
Ryan Hall hat dies in seinem UFC Kampf gegen BJ Penn eindrucksvoll bewiesen. Hall ging direkt per Takedown in die Backside 50/50 Position und BJ Penn wollte sich reflexartig herausdrehen, was aber in dieser Position nicht funktioniert. Dadurch hat er sich direkt am Knie verletzt und der Kampf war vorbei. Der einzige Nachteil, wenn man ihn denn so nennen kann, ist das ein erfahrener Gegner sich relativ gut in die 50/50 Position retten kann, d.h. sollte man die Ferse nicht direkt isolieren können, wird ein Übergang von der Backside 50/50 Position, in die reguläre 50/50 Position passieren.

Backside 50 / 50 Position

Das sind sie also. Die 8 Grundlegenden Positionen im modernen Leglock Spiel. Die ersten 4 sind eher auf das Spiel mit dem 411 zugeschnitten, während die zweiten 4 einen alternativen Weg darstellen. In meiner Schule praktizieren und kombinieren wir beide Systeme, darüber hinaus gibt es auch noch viele Schnittstellen, mit klassischen Fuß und Kniehebeln, dich ich jetzt hier nicht beschrieben habe.

Leglocks sind ein komplexes Thema, welches sich nur schwer auf Papier erklären lässt. Ich hoffe jedoch das ich die Thematik ein wenig entzerren und erläutern konnte, damit der geneigte Leser ein besseres Verständnis für diesen Aspekt des BJJ bekommt.