BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslange;-) Teil 2: Die offene Guard

Das taktische Aufstehen aus der offenen Guard Position , wenn man die Distanz dazu hat. (Screenshot)

Nachdem ich im ersten Teil, die Funktion und Wirkungsweise der geschlossenen Guard erläutert habe, geht es heute um die offene Guard, d.h. ein Gegner steht etwas außerhalb meiner Reichweite, ich habe noch keinen, bzw. wenig physischen Kontakt zu ihm und der Kampf entwickelt sich von dort aus. Im sportlichen BJJ gab es in dieser Position in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung, aber ich will an der Stelle mehr auf die Anwendung der offenen Guard in der Selbstverteidigung, bzw. in Situationen in denen Schläge und Tritte erlaubt sind, eingehen.

Wie entsteht eine offene Guard Position in der Selbstverteidigung?
Grundsätzlich kann man sagen, das es kaum Situationen gibt, bei denen man sich freiwillig in die offene Guard Position begibt. Meistens läuft etwas suboptimal und man wird dazu gezwungen, sich in diese Position zu begeben. Der Klassiker überhaupt, ist das einfache Stolpern. Man befindet sich in einer körperlichen Auseinandersetzung, mitten im Chaos und plötzlich verliert man das Gleichgewicht und landet am Boden, während der Gegner stehen bleibt und schon findet man sich in der offenen Guard wieder.

Eine weitaus gefährlichere Situation ist gegeben, wenn der Gegner einen schweren Schlag landet und man durch die Schlagwirkung zu Boden geht, bzw. sich freiwillig hinsetzt, weil man merkt das man angeschlagen ist und die Verteidigung im Stand zu gefährlich wird. Diese Taktik wurde früher öfters in MMA Kämpfen angewendet und war auch erfolgreich. Allerdings wollten die Zuschauer lieber ein brutales K.O. sehen und so wird heute in der Regel der Kampf sehr schnell unterbrochen, wenn einer der beiden Kämpfe sich hinsetzt.

Vielleicht denken sie jetzt: Was? Warum sollte ich mich auf den Boden setzen, wenn ich schon angeschlagen bin? Das ist doch gefährlich. Meine Antwort, ja das ist gefährlich, aber angeschlagen stehen zu bleiben und weitere schwere eventuelle K.O. Treffer zu kassieren ist noch gefährlicher. Eine weitere Möglichkeit für die offene Guard ist eine Situation, in der sie sich schon am Boden befinden. Man sitzt im Freibad auf einer Wiese, oder man befindet sich schon in einer liegenden Position (gerade bei sexuellen Straftaten) und wird plötzlich angegriffen. Eine weitere Möglichkeit ist auch, das ihr Gegner aus ihrer geschlossenen Guard flüchtet (weil er zu stark ist oder sie einen Fehler gemacht haben) und somit Distanz aufbauen kann.

Was ist das Ziel der offenen Guard?
Grundsätzlich gibt es in der offenen Guard zwei Ziele, die auf den ersten Blick sehr gegensätzlich erscheinen, allerdings ergänzen sie sich bei genauerer Betrachtung sehr gut. Das erste Ziel ist natürlich die Verteidigung gegen Schläge und Tritte. Dadurch, das man in der offenen Guard oft keinen direkten Kontakt zu seinem Gegner hat, gleicht das Szenario dem Standkampf. Man ist außerhalb der gegnerischen Reichweite, muss sich vor den Angriffen des Gegners schützen und gleichzeitig einen Weg finden, die Distanz zu verkürzen.

Die klassische Situation in der SV ist wohl die, das der Gegner steht, während man selber am Boden liegt. Solange nur ein Angreifer im Spiel ist, ist diese Position gar nicht so schlecht(im Kontext der verschiedenen Guard Positionen). Wie schon weiter oben im Text erwähnt, gab es in den frühen MMA Kämpfen öfters solche Situationen und der stehende Gegner hat es dabei gar nicht so leicht und will deshalb oft gar nicht angreifen. Gerade wenn man keine Grappling Erfahrung hat, ist es nämlich gar nicht so einfach, an den gegnerischen Beinen vorbei zu kommen.

Das offensive Ziel ist natürlich die Kampfunfähigkeit des Gegners. Man hat die Möglichkeit eines gezielten „Up Kicks“ zum Gesicht, also einem Fußtritt aus der Rückenlage. Darüber hinaus gibt es Sweeps und auch einige Submissions (wobei gerade die Submissions eher etwas für fortgeschrittene BJJ Anwender sind) und natürlich gibt es die Chance, den Gegner in die geschlossene Guard zu ziehen. Dies ist wohl auch eine der sichersten Methoden überhaupt.

BJJ Selbstverteidigung
Die Füße zeigen immer zum Gegner (Screenshot)

Die Füße zeigen immer zum Gegner
Natürlich ist die offene Guard ein großes Thema, welches wir in seiner Komplexität nicht komplett behandeln können, aber es gibt einige grundsätzliche Prinzipien, die man immer nutzen sollte.

Grundsätzlich sollten die eigenen Fußsohlen, bzw. Fersen, immer zum Gegner zeigen. Man zielt quasi mit den Füßen, wie man auch mit einer Schusswaffe zielen würde und wenn der Gegner sich bewegt, dann bewegt man sich auch und folgt ihm. Man darf unter keinen Umständen zulassen, das der Gegner zur eigenen Flanke kommt, denn dort ist man für alle Angriffe, egal ob Schwitzkasten oder „Elfmeter Kick“ an den Kopf offen. Der Wechsel von der sitzenden in die liegende Position und die Nutzung der Schwungmasse des Körpers ist dabei enorm wichtig, um sich wirklich schnell und ohne viel Aufwand am Boden bewegen zu können.

Mein Systema Training unter Alex Kostic hat damals mein BJJ in diesem Bereich sehr bereichert und verändert und auch heute noch sind gerade beim fortgeschrittenen Training, viele Einflüsse dieser Kampfkunst mit drinnen.

Aufstehen, wenn es die Distanz zulässt.
Dieses Prinzip gilt natürlich nicht, wenn man sich z.B. nach einer Schlagwirkung in diese Position begeben hat, um weiteren Schlägen zu entgehen. Es ist eher für die Fälle gedacht, in denen man unfreiwillig am Boden gelandet ist, weil man z.B. ausgerutscht oder gestolpert ist, oder vielleicht vom Gegner am Boden überrascht wurde.

Grundsätzlich hält man seinen Gegner mit gezielten Kicks auf Distanz. Sobald dieser zu Nahe kommt, attackiert man seine Knie, weil diese meistens das naheliegendste Ziel sind. Durch das konsequente Attackieren der Knie, zwingt man den Gegner auf Distanz zu bleiben, was oft dazu führt, das er sich sogar weiter von einem entfernt, als es für ihn nötig wäre. Sobald der BJJ Anwender merkt, das sein Gegner weit genug weg ist und keinen Angriffsdruck nach vorne hat, kann er diese Lücke nutzen und aufstehen, um den Kampf im Stand weiter zu führen. Durch die Kombination aus aggressiven Kicks und konsequentem Aufstehen, kann man den Gegner sehr gut unter Druck setzen. Kommt er zu Nahe wird er getreten, geht er zu weit weg, steht man auf. Wie man aus dieser Position effektiv treten kann, zeige ich in diesem Video.

Natürlich ist dies noch nicht die perfekte Lösung, weil mein noch keine Kontrolle über den Gegner hat, aber es ist definitiv eine gute Strategie um eine relativ passive Position stark zu machen.

Der „Up-Kick“
Eine weitere konsequente Umsetzung unser Kick Strategie. Während die ersten Kicks meistens zu den Knien gehen, weil der Gegner relativ gerade vor uns steht, kann es im Verlauf des Kampfes passieren, das der Gegner sich nach vorne über beugt, um unsere Hose an den Knien, oder Fußgelenken zu greifen. Sollte dies der Fall sein, bringt er dadurch seinen Kopf in die Kick Distanz und dies kann der BJJ Anwender ausnutzen und mit einem „Up-Kick“ zum Gesicht angreifen. Diese Kicks sind sehr schwer zu erkennen und führen oft zu einem schnellen K.O. Wie gut sowas funktioniert, zeigt dieses Video von Renzo Gracie in seinem Kampf gegen Oleg Taktarov.

Offene Guard
Einarmige Kontrolle, der erste Schritt zum „2 on 1“ (Screenshot)

Die Extremitäten kontrollieren
Wie im Stand auch, kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Gegner kontrollieren und in seinen Bewegungen einschränken kann. Allerdings kann man diesen nicht so aktiv suchen wie im Stand, weil man eben am Boden sitzt oder liegt. Kommt der Gegner jedoch so nahe,das man seine Fußgelenke, bzw. Handgelenke greifen kann, beginnt eine neue Phase der offenen Guard. Jetzt kann der BJJ Anwender selber damit beginnen Druck aufzubauen. Mit Kontrolle der Fußgelenke ergeben sich verschiedene Möglichkeiten für Sweeps und wenn der BJJ Anwender die Handgelenke kontrolliert, kann er z.B. mit einer „2 on 1“ Kontrolle, eine sehr starke Zugbewegung aufbauen, während er mit den Füßen an den Hüften Druck nach vorne ausübt. Dadurch entsteht ein Schereneffekt, welcher den Gegner mit seinem Körper parallel zum Boden zwingt und ihm somit die Möglichkeiten für sinnvolle Angriffe nimmt.

Zu diesem Zeitpunkt kann den BJJ Anwender seinen Gegner auch vom Stand in eine kniende Position zwingen und ihn dort weiter angreifen. Gerade Triangle Chokes, also Würgegriffe mit den Beinen, funktionieren in diesem Szenario sehr gut. Durch die starke „2 on 1“ Kontrolle der Arme, ist auch ein starker Übergang in die geschlossene Guard möglich, um den Kampf von dort aus weiter zu führen.

Die umgekehrte Strategie
Die von mir beschriebene Strategie funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wenn also jemand die geschlossene Guard des BJJ Anwenders aufbricht, dann lässt dieser ihn nicht einfach aufstehen und Distanz aufbauen. Er kontrolliert über den „2 on 1“ und den Füßen an der Hüfte, wenn das nicht mehr funktioniert, kontrolliert er zumindest die Füße des Gegners, um Sweeps ansetzen zu können und wenn auch diese Strategie nicht mehr aufgeht, dann bringt er zumindest seine Füße in Position zum Gegner, um die offene Guard zu verteidigen und den Gegner nicht an die eigene Flanke kommen zu lassen. Grundsätzlich kann man sagen, das die Kontrolle der offenen Guard immer stärker wird, je näher man der geschlossenen Guard kommt. Je weiter sich der Gegner von der geschlossenen Guard entfernt, desto schlechter ist auch die Kontrolle.

Aus meiner fortgeschrittenen Perspektive empfehle ich deshalb immer eine starke Closed Guard. Es macht für mich wenig Sinn den Gegner aufstehen zu lassen, ohne dabei eine starke Kontrolle auf Ihn ausüben zu können.

Dies ist auch ein wichtiger Unterschied zum sportlichen BJJ. Dort geht man halt oft davon aus, das beide Anwender in einer bestimmten Situation am Boden bleiben, bzw. zumindest Kontakt halten wollen. Dadurch sind sehr viel komplexere Bewegungen möglich. Ich habe dazu eine etwas andere Einstellung. Für mich muss eine Position zwingend sein. D.h. sie muss den Gegner wirklich in seinen Bewegungen einschränken, gerade dann, wenn es eine Position aus der Rückenlage, also irgendeine Form von Guard ist. Durch die verschiedenen Druck und Zugbewegungen versuche ich immer Schereneffekte entstehen zu lassen und mein Gewicht an den Gegner zu hängen, um Druck auszuüben. Das Video welches ich dazu in meinem letzten Artikel gepostet habe, ist nur ein Beispiel, man kann diese Effekte aus den verschiedensten Positionen erreichen.

Für mich ist die Open Guard ein notwendiges Übel. Eine Position die sehr oft vorkommt, die man braucht, die man oft trainieren muss, aber die eben meistens nur ein Übergang in die geschlossene Guard darstellt. Im sportlichen Training spielt die offene Guard eine noch viel größere Rolle, aber auch dort ist sie für mich eher Mittel zum Zweck. Ein Übergang zur geschlossenen Guard. Natürlich können von dort aus effektive Leglocks, Sweeps, Back Takes und Submissions passieren, aber die sind nur die „Kür“. Die können passieren, aber das Hauptziel bleibt für mich der Übergang in die geschlossene Guard.

Allerdings muss man auch sagen, das gerade im sportlichen Bereich eine gute Closed Guard nur durch eine gute offene Guard ermöglicht wird. Während vor 20 Jahren, manch ein Gegner noch freiwillig in die geschlossene Guard gegangen ist, um sie dann zu passieren, geschieht dies im Jahr 2020 wohl nicht mehr. Kein Gegner schenkt die geschlossene Guard, sondern wird von Anfang an versuchen an den Beinen des BJJ Anwenders vorbeizukommen. Wenn man da keine gute offene Guard hat, wird man schnell passiert werden und sich in der Side Mount Position am Rücken wiederfinden.

Aus diesem Grund bilden Open und Closed Guard eine Symbiose welche immer die maximale Kontrolle des Gegners zum Ziel hat.

Ich hoffe Ich konnte ihnen das Wesen einer „straßentauglichen“ Guard etwas näher bringen und auch wenn der Fokus in diesem Artikel auf der SV lag, nutze ich diese Form der Guard auch im sportlichen Bereich, bei dem keine Schläge erlaubt sind. Der Grund dafür ist einfach. Je besser ich einen Angreifer in seinen Bewegungen einschränken kann, desto langsamer wird das „Spiel“ und je langsamer das „Spiel“ desto weniger kann mein Gegner die Attribute der Jugend (Schnelligkeit, Explosivität, etc.) einsetzen. Von daher ist das für mich die passende Strategie für ein zeitloses und aufwandsloses BJJ.

Wer also jenseits der 25 oder sogar 35 ist und immer noch, oder gerade deshalb, ein effizientes BJJ Game haben möchte, findet mit diesem Approach einen sehr interessanten Ansatz. Wer mehr darüber erfahren möchte, warum man die Guard überhaupt in der SV einsetzt, findet meinen Artikel dazu <<HIER>>

BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslage;-) Teil 1: Die Closed Guard

BJJ Selbstverteidigung aus der Rückenlage
Eine starke Kopfkontrolle, von der aus, man in verschiedene, andere Kontrollpositionen, wechseln kann

Wenn ich mir aus der Rücklage eine Position aussuchen dürfte, aus der ich einen Kampf beginnen will, dann würde ich die Closed Guard wählen. Keine andere Position gibt mir diese aggressive Form der Kontrolle und des „Pressure.“, in Kombination mit Submissions, Sweeps und Back Takes.

In einem meiner letzten Artikel ging es ja darum, ob die Guard eine Berechtigung für die Selbstverteidigung hat und nachdem ich diese Frage mit einem relativ ausführlichen „Ja“ beantwortet habe, möchte ich heute einmal auf die konkreten Prinzipien und Strategien der Guard Position eingehen und erläutern wie eine Guard funktionieren muss, damit sie gut in der Selbstverteidigung funktioniert. Da dies ein sehr komplexes Thema ist, werde ich auch hier mehr als einen Artikel verfassen. Beginnen möchte ich aber heute mit dem absoluten Klassiker, der Closed Guard, also der geschlossenen Guard. Wie keine andere Position, hat die Closed Guard das Bild des BJJ im MMA (bzw. damals noch Vale Tudo) geprägt und es hat Jahre gedauert bis wir überhaupt realisierten, das es auch noch viele andere Guard Positionen gibt.

Für mich ist die Closed Guard, die erste Guard, die ein Schüler lernen sollte, weil sie eine sehr starke Kontrollposition ist und in den verschiedenen Szenarien (SV, Gi, No-Gi, MMA) gut funktioniert. Darüber hinaus bietet sie, wie schon erwähnt, extrem effektive Übergänge in andere Positionen, wie die Mount oder Back Mount Position und auch klassische Submissions wir der Triangle Choke, der gestreckte Armhebel oder der Oma Plata sind aus der geschlossenen Guard sehr gut auszuführen. Die Art und Weise wie ich die Closed Guard für mich nutze macht eigentlich keinen Unterschied, was das Szenario betrifft. Ich arbeite sehr eng und kontrolliere die Extremitäten meines Gegners, egal ob wir mit oder ohne Schläge kämpfen. Das macht es für mich als Lehrer auch einfach, diese Position uneingeschränkt zu empfehlen. Was sind also die Prinzipien einer effektiven Guard, die auf der Straße und auf der Matte funktioniert?

Die Kontrolle des Oberkörpers
Einer der wichtigsten Punkte überhaupt, ist die Kontrolle des Oberkörpers, oder einfacher gesagt, solange der Kopf meines Gegners, auf meiner Brust klebt, wird es schwer für Ihn, mich K.O. zu schlagen, oder meine Guard zu passieren (wobei ich selber gerne die Guard passiere und meinen Kopf auf der Brust meines Gegners habe, aber das ist halt die Ausnahme;-)).

Je mehr sich ein Gegner in der Guard aufrichten kann, desto mehr Distanz hat er, um seine Schläge zu beschleunigen und das kann dann sehr gefährlich werden. Ähnlich wie im Standkampf auch, wollen wir keinen Kampf in der „Halbdistanz“. Entweder wir sind sehr weit weg, oder eben sehr nah am Mann dran. Wenn wir also den gegnerischen Kopf auf unserer Brust, oder manchmal auch Bauch, kontrollieren, sind wir in einer engen „Clinch Position“ und dadurch relativ sicher und vor harten Schlägen geschützt. Würde man jetzt mit Gi trainieren und wäre auf eine klassische Collar & Sleeve Kontrolle fixiert, also auf ein Griff am Ärmel und ein Griff am Revers, dann wäre dies zwar effektiv für den Kampf ohne Schläge, mit Schlägen, wäre dies jedoch genau die Halbdistanz, die es zu vermeiden gilt, um nicht Schläge und Kopfstöße zu kassieren.

Da wir innerhalb unserer Schule allerdings sowieso nur No-Gi trainieren, haben wir ausschließlich enge, körpernahe Methoden der Kontrolle und so spielt es in der Closed Guard eine eher untergeordnete Rolle, ob der Gegner schlägt oder nicht. Die Kontrolle des Oberkörpers ist allerdings nicht einfach ein einzelner Griff, sondern ein System aus verschiedenen Kontrollpositionen und Übergängen die die Positionen miteinander verbinden.

Die wichtigsten Positionen in unserem System sind:

  • Overhook & Kopfkontrolle (2 Versionen)
  • High Guard
  • Head & Arm Kontrolle
  • Side Guard
  • Williams Guard
  • No-Gi Spider Guard

Die Rubber Guard wäre eine weitere Option, aber auch wenn ich Eddie Bravo wirklich mag und schätze und einige seiner Entwicklungen wirklich gut finde, kann ich mit dieser Position als Athlet und auch als Coach nichts anfangen, da sie meiner Meinung nach nicht nur eine extreme Flexibilität voraussetzt, sondern auch sehr viel Stress im unteren Rücken, den Hüften und Kniegelenken verursacht.

Die 45 Grad Regel
Idealerweise befindet sich der Kopf eines Angreifers flach auf der Brust des BJJ Anwenders, oder maximal in einem Winkel von 45 Grad über ihm. Von 0 – 45 Grad lässt sich ein Gegner relativ gut am Kopf kontrollieren,. Bewegt sich der gegnerische Oberkörper schon in einem Winkel von 45-90 Grad über dem Körper des BJJ Anwenders, muss dieser auf andere Kontrollmechanismen zurück greifen. Eine geschlossene Guard, ist dann, gerade auch wenn Schläge erlaubt und zu erwarten sind, nur schwer möglich. Wobei ich mich da korrigieren muss, möglich ist sie, sie wird ja auch oft genauso unterrichtet, aber funktionieren tut sie in diesem Kontext nur selten, gerade wenn der Angreifer physisch stark und aggressiv ist.

Raum nehmen und Raum schaffen
Einfach abgekürzt beschreibt dieser Satz die Idee der geschlossenen Guard. Man nimmt dem Angreifer jeglichen Platz für seine Angriffe (egal ob Grappling Techniken oder Schläge) und kontrolliert so seine Haltung und Körperstruktur. Aus dieser, für ihn schlechten Position heraus, schafft man wiederum Platz, um eigene Angriffe zu starten. Grundsätzlich ist das Spiel der Guard, also immer ein Spiel zwischen Raum wegnehmen und Raum neu erschaffen, um anzugreifen. Das macht die Guard auch relativ schwierig und ich würde jedem Anfänger empfehlen, in einem echten Kampf , immer aus den oberen Positionen zu kämpfen. Später relativiert sich das etwas, aber in der ersten Zeit, ist der Kampf aus der Oberlage einfach sicherer und erfolgversprechender.

Die Kontrolle mit dem Overhook
Der Overhook in Anwendung

Overhook & Kopfkontrolle
Die wohl klassischste aller Closed Guard Kontrollen und auch die erste die ich meinen Schülern unterrichte. Man kontrolliert den gegnerischen Kopf auf seiner eigenen Brust, indem man ihn so umklammert, das die eigene Armbeuge genau am Nacken aufliegt, quasi so als würde man einen Mata Leao auf der falschen Halsseite ausführen. Der freie Arm umklammert den Arm des Gegners entweder komplett, so das ein Overhook entsteht, oder man legt nur den Ellenbogen über den Arm des Gegners und presst ihn so in die eigene Armbeuge. Der Overhook hat einen größeren Kontrolleffekt, aber die zweite Version, ist ein wenig mobiler und Übergänge fallen mit ihr leichter. Der Nachteil dieser Position liegt darin, das man nicht ganz so leicht die nötige Distanz für die verschiedenen Angriffe schaffen kann. Mit der nötigen Hüftbewegung ist dies zwar möglich, aber man buhst auch etwas Kontrolle dabei ein.

Für die Selbstverteidigung ist diese Position allerdings sehr einfach und effektiv einzusetzen, da die wenigsten untrainierten Menschen, wissen, wie sie die strukturellen Schwachpunkte dieser Position ausnutzen können und sich viele Möglichkeiten für Triangle Chokes, gestreckte Armhebel und Oma Platas ergeben. Auch Schläge auf den Hinterkopf, sowie Fersenschläge in die Nieren, bzw. Oberschenkel sind sehr gut möglich.

High Guard in der Selbstverteidigung
Die High Guard in Anwendung

Die High Guard
Dies ist meistens die zweite Kontrollposition, die ich am Anfang unterrichte und sie ergibt sich meistens, aus der Verteidigung, gegen die erste Position. Warum? Ganz einfach, für den Overhook und die Kopfkontrolle, brauch man einen Arm des Gegners am Boden. Ein Overhook ist nur dann möglich, wenn die gegnerische Hand den Boden berührt und aus diesem Grund legen geübte Angreifer die Hände auf den Oberkörper des Anwenders und halten dabei ihre eigenen Ellenbogen eng. Mit dieser Taktik lässt sich ein Overhook vermeiden, aber er gibt dem BJJ Anwender die Möglichkeit für einen Übergang in die High Guard. In der High Guard klettert man mit den Beinen am Gegner nach oben in Richtung des Kopfes und hält die Guard dort fest, indem man ein Bein hinter und das andere Bein über der Schulter platziert und die Füße dann kreuzt. Dadurch bricht man die Struktur der Schultern und kontrolliert den Oberkörper, am Ende der Wirbelsäule. Man maximiert also den Hebel. Man kann in dieser Position sein ganzes Gewicht auf den Gegner legen und hat auch hier wieder die „Klassischen 3“ also Triangle Choke, gestreckter Armbar und Oma Plata als Submission Möglichkeit. Darüber hinaus hat man in dieser Position die Hände frei und kann sehr schmerzhafte Ellenbogen Schläge von oben auf den Scheitel des Gegners ausführen. Auch Fausthiebe ins Gesicht sind sehr gut möglich, ohne dabei selber ein großes Risiko von Gegentreffern einzugehen.

Closed Guard
Head & Arm Kontrolle in Anwendung

Die Head & Arm Kontrolle
Auch wenn man aus dieser Position wenige Submissions zur Verfügung hat, ist sie doch eine sehr starke Kontrollposition und bietet gute Möglichkeiten den Gegner zu sweepen, bzw. auf seinen Rücken zu klettern. Wir nutzen die Head & Arm Kontrolle nicht nur am Boden, sondern auch im Stand als sekundäre Kontrollposition im Clinch. Man klammert also den Kopf, ähnlich wie in der ersten Kontrollposition und macht dann keinen Overhook, sondern greift unter der Achsel des Gegners hindurch, um die Hände zu schließen. So hat man eine extrem starke Kontrolle des Oberkörpers und kann sehr gut, unter dem Gegnerischen Arm zum Rücken des Gegners klettern. Durch die Positionierung am Ende der Wirbelsäule, wird der Hebel maximiert und es entsteht ein starker Druck auf der Halswirbelsäule, welche den Gegner in seinen Handlungsmöglichkeiten stark einschränkt. Auch Wechsel in andere Guard Positionen, wie die Butterfly Guard, sind aus dieser Position möglich, für die SV aber eher selten notwendig.

Die Side Guard
Die Side Guard in Anwendung

Die Side Guard
Meine absolute Lieblingskontrolle in der Guard. Die Side Guard, ist extrem effektiv und führt direkt zur Back Mount oder Mount Position. Darüber hinaus sind starke Übergänge in den gestreckten Armhebel und in den Kimura möglich. Für mich ist diese Kontrollposition die Position, in der ich am meisten Druck aufbauen und meinen Gegner nach unten ziehen kann, von daher ist es meine „Go-To Position“ wenn ich in der geschlossenen Guard lande. Bei der Side Guard liegt man etwas seitlich zum Gegner und hat die gegnerischen Arme auf einer Seite festgelegt. Dabei kontrolliert man den Kopf und Latissimus des Gegners, um ihn daran zu hindern diese Position zu verlassen. Auch hier sind Fersen- und Ellenbogenschläge möglich, gerade der Rücken und Hinterkopf bieten gute Angriffsziele.

Williams Guard
Auf dem Weg in die Williams Guard

Die Williams Guard
Gehört jetzt nicht zu meinen Favoriten, ist aber eine sehr gute und vor allem auch einfache Kontrollposition. Auf den ersten Blick ähnelt sie zwar der Rubber Guard, aber dies ist nicht der Fall. Man braucht keinerlei große Beweglichkeit, um die Williams Guard umzusetzen. Man greift dabei einfach unter dem eigenen Bein hindurch und sichert sich einen Underhook an der gegnerischen Schulter. Der freie Unterarm presst dabei gegen den Hals des Gegners und schafft somit eine gewisse Distanz, während der Underhook eine Zugbewegung ausführt. Dies ist nicht nur unangenehm, sondern auch eine sehr gute Kontrolle, die dem Gegner kaum eine Möglichkeit des Schlagens oder Passierens der Guard bietet. Darüber hinaus sind auch hier wieder die „Klassischen 3“ möglich.

Closed Guard
Die No-Gi Spider Guard in Anwendung

Die No-Gi Spider Guard
Diese Position würde ich eher als Notlösung ansehen und weniger als stabile Kontrollposition. Die No-Gi Spider Guard entsteht, wenn sich der Gegner etwas Platz mit seinem Oberkörper verschaffen kann und sich ungefähr 45 Grad aufrichtet. Um weiterhin Kontrolle zu haben, bzw. Schläge zu vermeiden, bringt man die Knie von der Innenseite der Arme gegen die Bizeps des Gegners. Gleichzeitig greift man seine Handgelenke oder Trizeps (Ich bevorzuge letzteres). Durch das Drücken der Knie und Ziehen der Arme entsteht ein gewisser Schereneffekt, der den Gegner daran hindert, frei zu schlagen. Allerdings ist die Kontrolle nicht ganz so gut, weil man den gegnerischen Kopf nicht unter Kontrolle hat. Ein Aufstehen, bzw. zurückweichen nach hinten, kann nur schwer verhindert werden. Von daher eignet sich diese Guard zwar gut gegen einen aggressiven Angreifer, der nach vorne stürmt, aber weniger gut gegen einen defensiven Gegner, der versucht aufzustehen. Der Triangle Choke lässt sich aus dieser Position relativ gut ansetzen und auch Kicks zum Gesicht, sind von da aus sehr gefährlich und schnell anwendbar.

Pressure & Die Rolle der Beine
Neben der Kontrolle des Oberkörpers, geht es in der gschlossenen Guard vor allem darum, das eigene Gewicht auf den Gegner zu projizieren, so das dieser eine zusätzliche Belastung hat. Dies ist sehr effizient, aber gerade für Anfänger eher schwierig umzusetzen. Grundsätzlich geht es darum, den Gegner so parallel zum Fußboden zu positionieren, wie möglich. Je gerade der Gegner sitzt, desto weniger Kontrolle hat man über Ihn.
Während die obengenannten Kontrollpositionen eher einen Zugeffekt haben (man zieht den Gegner parallel zum Fußboden), machen die Beine das Gegenteil. Sie bauen einen Gegendruck in die andere Richtung auf, was dafür sorgt das oft ein Schereneffekt entsteht, der auf die Wirbelsäule des Gegners wirkt. Dadurch wird jede Bewegung und gerade das Aufrichten enorm schwierig und kostet jede Menge Kraft. Genau das ist der Kernpunkt der Kontrolle innerhalb der Guard. Es geht nicht darum den Gegner zusammen zu quetschen, sondern ihn mehr oder weniger langzuziehen, um ihm so seine Kraft zu nehmen und ihn zu ermüden. Die Funktionsweise der Beine in Worte zu fassen ist sehr schwierig, Es gibt jedoch ein Video von mir, in dem ich genau diese Mechanik ausführlich erläutere.

Die Guard im MMA
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: wenn die Guard so gut funktioniert, warum sieht man dann nur noch sehr selten Submissions aus der Guard in MMA Kämpfen, bei denen ja Schläge erlaubt sind. Die Frage ist berechtigt und ich werde Sie ihnen beantworten,

Nackter Oberkörper, Vaseline und Schweiß
Alles was ich eben beschrieben habe, funktioniert nur, wenn man eine gewisse Reibung zwischen sich und dem Gegner aufbauen kann und dafür bedarf es Kleidung. Mit kurzen Hosen, Vaseline und Schweiß gibt es keine Kontrollmöglichkeiten und Schlagen ist die einzige Option. Dies geht dann ohne Frage viel besser aus der Oberlage. BJJ braucht keinen Gi, aber lange Hosen und T-Shirt und Verbot von Vaseline würden die Situation aus der Guard deutlich verändern.

MMA Handschuhe & Bandagen
Auch das, ein relativ einfaches Problem, Handschuhe und Bandagen schränken die Geschicklichkeit der Hand extrem ein und erlauben viele Griffmöglichkeiten nicht. Auch das wirkt sich negativ auf die Guard Kontrolle aus.

Schläge auf den Hinterkopf
Fast alle Schläge aus der Guard (zumindest die wirklich effektiven),zielen auf den Hinterkopf, dies ist im MMA fast überall verboten. Es gibt noch alte Aufnahmen die einige eindrucksvolle Anwendungen dieser Techniken zeigen, die sehr oft zu einem schnellen K.O. geführt haben,

Athlet vs. Athlet
In der SV kämpft man mit Technik gegen einen meistens untrainierten Angreifer, der keine Ahnung vom Grappling hat. Im MMA kämpfen zwei Athleten gegeneinander ,die alle Aspekte des Kämpfens verstehen und mehr oder weniger beherrschen. Es gibt keinen Überraschungseffekt und Dinge müssen hart erarbeitet. Kommt dazu jetzt noch Schweiß, Vaseline und nur Fight Shorts, ist die Chance auf eine effektive Guard Kontrolle sehr gering. Sie merken schon, all das sind Umstände, die ihnen so auf der Straße eher selten begegnen.

Messer & Beißen
Die Frage die ich ja auch schon ausführlich in meiner letzten Artikelserie behandelt habe. Natürlich sind die Spielregeln auf der Straße anders. Sie müssen eher selten damit rechnen, das ein Angreifer ihren Triangle Choke kontert, aber sie müssen darauf gefasst sein, das er ein Messer aus seiner Tasche holt und sie damit am Boden überrascht. Aus diesem Grund ist auch die Handkontrolle ein wichtiges Tool, was immer wieder Verwendung findet. Ähnlich wie im Clinch müssen Sie die Hände beobachten und ihre Kontrollpositionen eventuell so anpassen, das ihr Gegner daran gehindert wird, in ihre oder seine Taschen zu greifen. Auch das Beißen ist möglich und auch hier ist eine gute Kopfkontrolle und eine bewusste Achtsamkeit, ein wichtiger Punkt. Aufgrund der enge am Boden gibt es aus der Rückenlage keine perfekte Position, in der ein Angreifer nichts mehr machen kann. Die Sicherheit kann nur durch einen ständigen, angepassten Wechsel von Kontrollpositionen passieren und natürlich sollte man dabei auch eines nicht vergessen, wir wollen nicht minutenlang am Boden herum rollen und dabei schon gar nicht am Rücken liegen. Sobald sich eine Option auf Sweep oder Submission ergibt nutzen wir diese und führen den Kampf in der Oberlage weiter. Wir sind schließlich nicht in der Guard weil wir wollen, sondern weil wir aus irgendwelchen ungünstigen Umständen dazu gezwungen wurden. In einem perfekten Kampf, sind wir definitiv nicht in der Guard, auch nicht in der Closed Guard.

Das war Teil 1, im nächsten Teil wird es um die offene Guard Position gehen, auch dies ist eine interessante Position.

Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 3: Der Bodenkampf auf der Straße

Bodenkampf Selbstverteidigung

The Ground is my Ocean
I´am the Shark
and most People don´t even know how to swim

Dieses Zitat von Rickson Gracie, spiegelt wunderbar die Stärke des BJJ wieder. Der Bodenkampf ist das Markenzeichen dieser Kampfkunst und viele Menschen assoziieren auch nichts anderes mit BJJ. Aber warum ist das so? Warum ist das Brazilian Jiu Jitsu so auf den Bodenkampf fixiert? Was sind die Vorteile und wo liegen die Nachteile? Gibt es einen Unterschied zwischen Bodenkampf für die SV und sportlichen Bodenkampf? Diese und noch einige weitere Fragen werde ich versuchen in diesem Artikel zu klären.

Fangen wir also an? Warum Bodenkampf? Die Idee jemanden zu Boden zu werfen und den Kampf dort gezielt zu beenden, ist zwar nicht neu, war aber vor dem ersten UFC 1993 kaum verbreitet. In den 70er Jahren war es Bruce Lee mit seinem Kung Fu und in den Achtzigern, kamen Jean Claude van Damme, Chuck Norris und viele andere Schauspieler, die den Kampf im Stehen, durch ihre Hollywood Filme propagierten. Judo und Ringen waren zwar olympische Sportarten, aber auch da war der Wurf wichtiger als der Bodenkampf, wahrscheinlich weil er optisch einfach spektakulärer war. Der Bodenkampf führte ein Schattendasein und der Masse fehlte das Verständnis für diesen Aspekt der Kampfkunst und Selbstverteidigung.

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Warum Bodenkampf? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Der Bodenkampf ist die Kampfdistanz, in der man einen Menschen am besten mit ringerischen Mitteln kontrollieren kann. Ich hatte in meinem letzten Artikel ja ausführlich über den Clinch an der Wand geschrieben. Die Kontrolle an der Wand ist wesentlich besser als im freien Raum, aber die Kontrolle am Boden, ist noch viel besser. Der Grund dafür ist einfach. Der Mensch ist durch die Evolution darauf optimiert, sich auf zwei Beinen fortzubewegen und so der Schwerkraft zu trotzen. Wenn er geht, ist er im Gleichgewicht und hat die meiste Effizienz, Mobilität und Geschwindigkeit, wenn er flüchten möchte. Glauben Sie nicht? Dann Fragen sie doch mal einen Polizisten, wo es am leichtesten ist, einem Menschen, der sich wehrt, Handschellen anzulegen.

Im freien Raum?

An der Wand?

Am Boden?

Sie können das ganze auch abkürzen und ein paar Youtube Videos schauen, dann klärt sich diese Frage in wenigen Minuten. Es ist einfach so, das sich gerade ein untrainierter Mensch, am Boden relativ langsam und ungeschickt bewegt. Darüber hinaus sorgen einige seiner typischen Fluchtbewegungen, wie z.B. sich auf den Bauch zu drehen, die Arme strecken, etc. dafür, das er sich direkt für typische Jiu Jitsu Angriffe öffnet.

Auch wenn man den Vergleich nicht 1 zu 1 übernehmen kann, sieht man in der Tierwelt oft die gleichen Muster. Ein Raubtier reißt sein Opfer erst zu Boden. Warum tötet er es nicht im freien Lauf? Weil auch ein Raubtier mit Jagdinstinkt, ohne Kontrolle nur selten den perfekten Biss setzen kann.

Der wichtigste Grund für den Kampf auf dem Boden, ist also die bestmögliche Kontrolle über einen Angreifer zu haben. Aber es gibt auch noch einen zweiten Aspekt. Wenn ich z.B. jemanden an die Wand drücke, habe ich auch eine sehr gute Kontrolle, aber mein Körper ist komplett „beschäftigt“. Meine Arme halten ihn fest, meine Beine drücken sich in den Boden und mein Rumpf stabilisiert das Ganze, damit ich die Spannung aufrecht erhalten kann. Dadurch bleibt meine Mobilität auf der Strecke. Ja ich kann Schläge, Kopfstöße, etc. anwenden, aber ich kann meinen Körper nicht in bestimmte Positionen manövrieren. Im Bodenkampf ist das komplett anders. Ich kann mich freier Bewegen, kann um meinen Gegner herum klettern und mich so gezielt in Position für einige Aufgabegriffe bringen. Das ist ein Vorteil, den mir nur der Bodenkampf gibt.

Halten wir also fest, am Boden kann man einen untrainierten Gegner sehr leicht kontrollieren und hat gleichzeitig die Mobilität, in verschiedene Hebel- und Würgegriffe zu gehen. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der den Bodenkampf effektiv und vor allem sicher macht. Ähnlich wie im Clinch, fehlt dem Angreifer die Distanz, um schwere Schläge und Wirkungstreffer zu landen. Gerade wenn er am Rücken liegt, hat er weder die Schwerkraft, noch die Beschleunigung der Hüften auf seiner Seite und kann nur sehr limitiert schlagen. Dies sieht man auch eindrucksvoll daran, das 99% aller K.O.s im MMA aus den oberen Bodenkampf Positionen passieren. Eine Ausnahme bilden Kicks aus der Guard zum Kopf. Diese sind allerdings im MMA gegen kniende Gegner nicht erlaubt und sind auch von untrainierten Angreifern nicht zu erwarten.

Der sicherste Platz in einer Auseinandersetzung mit einem größeren und Stärkeren Gegner, ist also eine, der dominanten oberen Positionen ( Mount, Back Mount, Side Control, etc.). Natürlich bieten auch diese Positionen keinen 100 prozentigen Schutz, aber sie geben einem Anwender die besten Chancen, den Angreifer kampfunfähig zu machen.

Die Nachteile des Bodenkampfes
Bei all den Vorteilen, wo liegen die Nachteile des Bodenkampfes, denn schließlich hört man gerade in SV Stilen häufig den Grundsatz: Niemals auf den Boden gehen. Steckt da ein wahrer Kern dahinter oder ist das nur Gehässigkeit gegenüber dem BJJ? Ja es steckt ein wahrer Kern dahinter, aber diese Aussage ist nicht ganz einfach zu bewerten. Ich versuche es trotzdem einmal.:-)

Wie ich schon im ersten Artikel geschrieben habe, in einer perfekten Welt, ist der Kampf mit einem gut gezielten Schlag, bzw. Aktion vorbei. Geringer Aufwand, große Wirkung. Das ist auch mein perfektes Ziel und ich hoffe das ich das irgendwann, in 20 oder 30 Jahren erreicht zu haben.;-) Der legendäre Daito Ryu Meister Yukiyoshi Sagawa, hatte nach eigenen Angaben erst mit über 70 sein besten Fähigkeiten. Aber zurück zum Thema.

Wenn ich ein guter Striker bin, Vollkontakt Erfahrung habe und regelmäßig Leute K.O. Schlage und auch mal K.O. geschlagen werde, dann brauch ich in den seltensten Fällen auf den Boden. Ein Punch ein Kick, eine Serie und alles ist vorbei. Die wenigsten untrainierten Angreifer können da was entgegen setzen. Wenn ich allerdings eher der normale Anwender bin, der nicht viel Kampferfahrung hat und ich auch beruflich keine Ohrfeigen verteile, dann wird es schon schwieriger eine SV Situation „perfekt“ mit nur einem oder zwei Schlägen zu beenden.

Grundsätzlich muss ich auch sagen, das die Kampfunfähigkeit des Angreifers zwar das Idealziel einer guten SV darstellt, wir uns aber eher an dem Minimalziel orientieren sollten. Das Minimalziel ist die Vermeidung von eigenen Verletzungen, bzw. die Schadensbegrenzung. Wenn ich also durch meine Aktionen Öffentlichkeit herstellen, bzw. Zeit zur Flucht gewinnen kann und dabei keine schweren Verletzungen erleide, ist das zwar kein Sieg für Hollywood, aber definitiv ein Sieg in der Realität. Schnelle Lösungen sind für die Selbstverteidigung immer gut und die BJJ Lösung mit Clinch und Bodenkampf ist definitiv nicht so schnell wie eine Lösung mit Schlägen, aber sie ist meiner Meinung nach weniger risikoreich und das ist der große Vorteil, auch wenn es eben manchmal ein Nachteil sein kann. Wobei man das auch nicht pauschal sagen kann, denn es gab schon minutenlange Schlägereien im Stand und Kämpfe die am Boden nach 10 Sekunden durch einen erfolgreichen Würgegriff beendet wurden.

Ein weiterer Nachteil des Bodenkampfes ist die mangelnde Übersicht und Mobilität. Wer kennt nicht die Youtube Videos, in denen jemand auf seinem Gegner hockt oder kniet und plötzlich kommt jemand von der Seite mit einem „Soccer Kick“ und beendet den Kampf ziemlich unerwartet. Zumindest aus der Perspektive des Getroffenen. Ja so etwas kann passieren, aber ich habe auch schon in meinem letzten Artikel geschrieben, das solche Sachen auch in der Schlagdistanz passieren können. Der unerwartete, zweite Mann von der Seite, ist immer ein Problem, egal in welcher Distanz.

Das führt eigentlich auch zum letzten Nachteil, am Boden kann man sich nur gegen einen Angreifer verteidigen. Korrekt, aber zwei oder drei Angreifer sind in jeder Distanz ein Problem. Klar ein Bas Rutten, wird auch 3 betrunkene Angreifer in einer Bar mit Low Kicks und Leberhaken ausnocken können, aber der normale Anwender ist da sehr begrenzt. Der Kampf gegen mehrere Angreifer ist immer ein Glücksspiel und hängt zu einem großen Teil auch von der eigenen Physis (ein guter Athlet ist immer im Vorteil) und Psyche ab. Außerdem sollte man nie vergessen, das man auch sehr schnell am Boden landen kann, wenn die zwei oder drei Angreifer darauf fixiert sind, den Kampf dorthin zu verlagern.

Bodenkampf Selbstverteidigung

Die Strategie des Bodenkampfes
Jetzt wo sie also wissen warum sie in den Bodenkampf gehen, bzw. warum es manchmal besser ist, ihn zu vermeiden, kommen wir zur Strategie und Funktionsweise dieser Distanz. Dafür gehen wir zurück in den Clinch, denn ein guter Bodenkampf beginnt schon im Stehen. Sie haben also die Distanz überbrückt, kontrollieren den Kampf im Clinch und merken nach der 25. Kopfnuss, das ihr Gegner immer noch steht und sie einen Plan B brauchen.;-);-) Was tun? Sie nutzen einen Wurf aus dem Clinch, kleben eng an ihrem Gegner und transferieren so den Kampf in die Bodenlage. Idealweise landen sie in der Mount Position. Sie kontrollieren die Arme ihres Gegners, lassen ihn „auspowern“ und beenden den Kampf mit einem Würgegriff aus der Back Mount Position, der in 3 Sekunden das schafft, was ihre 25 Kopfnüsse nicht geschafft haben, der Gegner ist kampfunfähig.

Das Konzept der positionellen Dominanz
Der bewusste Übergang vom Stand in den Bodenkampf sorgt dafür, das die Kontrolle nicht verloren geht. Man sichert die Clinch Position und bewegt sich direkt in die Mount Position, ohne dabei Raum zur Flucht zu geben. Für die SV, gegen im BJJ untrainierte Angreifer unterrichte ich sehr gerne direkte Übergänge von Takedowns in die Mount, bzw. Back Mount Position. Dies hat den Vorteil, das man wenig Raum verschenkt und dem Gegner keine Distanz zur Flucht, bzw. zur Anwendung harter Schläge gibt. Natürlich funktionieren solche Übergänge im Kampf zwischen zwei trainierten Grapplern nicht so einfach, aber für die SV gegen im Grappling untrainierte Angreifer, sind sie perfekt, weil sie ohne viel Risiko funktionieren und sehr schnell und direkt sind.

Sobald der BJJ Anwender am Boden angekommen ist, beginnt die positionelle Kontrolle, d.h. man kontrolliert den Rumpf des Gegners und isoliert dann die Extremitäten (meist die Arme) um ihn weiterhin in seinen Handlungsmöglichkeiten einzuschränken. Soweit so gut, aber jetzt kommt eine Fähigkeit ins Spiel die im sportlichen Kontext kaum eine Rolle spielt und deshalb in der SV oft vergessen wird


Das Messer vermeiden – Handkontrolle am Boden
Genau wie im Clinch auch, muss der BJJ Anwender die Arme seines Gegners beobachten und gegebenenfalls kontrollieren, um den Angreifer daran zu hindern, in seine Taschen zu greifen, um ein eventuelles Messer, etc. zu ziehen. Wer diesen Umstand missachtet geht ein gefährliches Risiko ein, denn ist ein Messer in dieser kurzen Distanz erst einmal gezogen, hat sich die Gefahr, ähnlich wie im Clinch, vervielfacht.

Die Kontrolle des Messerarms
Ähnlich wie im Clinch auch, spielt die Kontrolle des Messerarms eine große Rolle. Auch wenn man dieses Szenario unter allen Umständen vermeiden sollte, kann man es leider nicht ausschließen. Während im klassischen BJJ der Fokus mehr auf dem Rumpf liegt, muss man in der SV Situation mental und körperlich umschalten können. Wenn der Angreifer plötzlich ein Messer, Schraubenzieher, etc. in der Hand hat, muss der Fokus auf dem Kampf um den Arm, bzw. die Entwaffnung liegen, alles andere kann lebensgefährlich werden.

Die Vermeidung von Bissen
Wie schon im Clinch beschrieben, hat der Angreifer die Möglichkeit, in der nahen Distanz des Bodenkampfes zu beißen, was nicht nur schmerzhaft, sondern eben auch gefährlich sein kann, wenn es zu Infektionen, etc. kommt. Von daher ist Kopfkontrolle ein wichtiges Thema, um Bisse so gut es geht zu vermeiden. Ich möchte hier kurz Anmerken, das wir als BJJ Anwender auch Beißen können. Allerdings kommt dem eher eine taktische Rolle zu. Mit gezielten Bissen, können wir dafür sorgen das der Gegner reflexartig Distanz schafft und wir diesen Raum, dann für unsere Befreiung nutzen können. Dies gehört aber eher in den Bereich der BJJ Befreiungstechniken und ist ein „Add-on“ zu den grundlegenden Basistechniken.

Der Boden als Waffe
Auch dies ist ein Aspekt, der in der sportlichen Anwendung keine Rolle spielt. Wenn man sich in einer SV Situation auf hartem Boden befindet, kann man diesen, bewusst als Waffe einsetzen und den gegnerischen Kopf auf den Boden schlagen, um eine Trefferwirkung zu erzielen. Allerdings ist diese Option auch wieder recht unkalkulierbar und kann zu schweren Verletzungen führen. Von daher kann ich sie nicht uneingeschränkt empfehlen, es hängt immer von den äußeren Umständen des Angriffs ab, ob solche Dinge gerechtfertigt sind.

Bodenkampf Selbstverteidigung

Hebel- und Würgegriffe
Wie schon erwähnt ist das Hauptziel des Bodenkampfes, die schnelle Kampfunfähigkeit des Gegners und Hebel- bzw. hauptsächlich Würgegriffe, spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Der Grund warum wir für die Selbstverteidigung Würgegriffe bevorzugen ist einfach, ein Würgegriff beendet den Kampf, schnell und ist nicht abhängig vom subjektiven Schmerzempfinden des Gegners. Außerdem kann ein Würgegriff den Angreifer kampfunfähig machen, ohne das es dabei zu schweren Verletzungen kommt.

Nehmen wir mal ein Beispiel. Ein BJJ Anwender sitzt in einer SV Situation in der Mount Position und will den Kampf so schnell wie möglich beenden. Dazu setzt er einen klassischen Americano Armhebel (Ude Garami / Beugehebel) an. Was passiert? Das ist die falsche Frage, besser wäre, wann hört man mit dem Hebel auf? Der Anwender zieht den Hebel kontrolliert an, Schmerz entsteht, der Angreifer schreit, klopft, bittet los zu lassen. Was tun? Ihn aufstehen lassen und darauf vertrauen das er nichts mehr macht? Vielleicht klappt es, vielleicht nutzt er aber auch die Gutmütigkeit des BJJ Anwenders aus, um direkt ein Messer zu ziehen.

O.k. zweite Möglichkeit, man ignoriert das Geschrei und bricht dem Gegner gnadenlos den Arm. In der Regel führt ein Americano der durchgezogen wird zu schweren Verletzungen an Ellenbogen und Schulter. Wahrscheinlich wird der Gegner von der traumatischen Wirkung des Hebels jegliche Kampfeslust verloren haben, aber ob so eine Aktion verhältnismäßig war, müssen dann wahrscheinlich die Gerichte klären. Vielleicht ist der Angreifer auch einfach „eine harte Sau“, bzw. steht unter dem Einfluss von Drogen und kämpft einfach weiter, weil er nichts von den Schmerzen merkt. Sie merken schon, der Hebel ist keine befriedigende Option für die SV. Es gibt zu viele Unbekannte und die Wirkung ist Abhängig von der Verfassung ihres Gegenübers.

Was ist also die bessere Wahl? Ganz einfach, der Würgegriff. Der BJJ Anwender befindet sich in der Mount, wechselt zum sogenannten „Gift Wrap“ und bringt seinen Gegner in die Back Mount Position. Dort angekommen, setzt er einen Mata Leao Würgegriff an und innerhalb von 3 Sekunden ist der Gegner eingeschlafen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle ob der Gegner schwer, athletisch, „hart“ oder voller Adrenalin oder Drogen ist, solange er ein menschliche Anatomie besitzt wird er ohnmächtig werden. Es gibt keine Möglichkeit den Würgegriff einfach „auszuhalten“ und dann weiter zu machen, sobald die Blutzufuhr zum Gehirn und auch zurück vom Gehirn zum Herz unterbrochen wird, wird ein Mensch innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verlieren. Der Kampf ist dann definitiv beendet und der Gegner stellt keine Gefahr mehr da.

Ist das nicht auch gefährlich oder gar tödlich?
Durch den Tod von George Floyd in den USA, der durch einen Würgegriff bei seiner Festnahme durch die Polizei starb, ist zum ersten Mal eine Diskussion in der breiten Öffentlichkeit darüber entbrannt, wie gefährlich Würgegriffe sind. Von daher hier meine Einschätzung, basierend auf dem was die Medizin darüber sagt.

Wird ein Würgegriff „sauber“ angesetzt, kommt es zu keinerlei Verletzungen des Kehlkopfes, etc., sondern es entsteht nur ein Druck auf der Halsvene, Halsschlagader und dem Plexus Cervicalis, dem Nervengeflecht am Hals. Wenn man die Technik für 3-10 Sekunden ansetzt, führt sie zu einer kurzen Ohnmacht, die in der Regel ohne Folgeschäden bleibt. Hält man den Griff allerdings länger als 60 Sekunden, kann dies zu schweren Folgeschäden. bzw. zum Tod des Angreifers führen.

Eine weitere, wenn auch relativ geringe, Gefahr, besteht darin, das sich durch den Druck auf die Schlagader, sich Plaque ( also Ablagerungen) lösen kann. Einmal losgelöst, kann diese dann zu Schlaganfall, bzw. Infarkten führen. Wie schon gesagt, passiert so etwas nicht sehr häufig, es gibt aber einige Berichte aus den USA (wo die BJJ Community größer ist), wo dies beim Training oder Wettkampf der Fall war und zu solchen Verletzungen geführt hat. Das Risiko für den Angreifer steigt natürlich mit dem Alter und eventuellen Vorerkrankungen und auch wenn ich jetzt dazu keine Statistik habe, glaube ich das wir eher von 15-45 Jahre alten Menschen angriffen werden und eher selten von der Altersklasse 60+.

Vielleicht sind sie jetzt etwas erschreckt, weil ich auf der einen Seite Würgegriffe empfehle und dann auf die schlimmen Folgeschäden hinweise. Sie sollten aber eines nicht vergessen, Folgeschäden kann es überall geben und die Folgeschäden bei Schlägen und Tritten gegen den Kopf und dem danach vielleicht folgenden Aufschlag auf dem Asphalt sind wesentlich wahrscheinlicher und man liest sehr oft von Todesfällen die dadurch ausgelöst werden, das jemand nach einem Schlag zu Boden fällt und dort mit dem Kopf voll aufschlägt. Dabei kann nicht nur das Gehirn, sondern auch die Wirbelsäule geschädigt werden. Natürlich, im Ernstfall steht die eigene Unversehrtheit an erster Stelle, aber trotzdem sollte jeder Mensch, der sich mit dem Thema Selbstverteidigung beschäftigt, auch einmal klar machen, welche Konsequenzen sein Handeln haben kann. Vor dem Hintergrund der Risikobewertung, bin ich aber überzeugt davon, das ein gut ausgeführter Würgegriff, die bessere und humanere Wahl ist, die ein sehr geringes Risiko für Folgeschäden hat.

Schläge im Bodenkampf
Wenn ich an Schläge aus der Mount denke, muss ich immer an den Kampf zwischen Pat Smith und Scott Morris denken. Dieser Kampf fand vor 26 Jahren bei der zweiten UFC Veranstaltung statt und ist heute noch bei Youtube zu finden (https://youtu.be/ms7CF2xZ61c). Beide Kämpfer waren eigentlich Standkämpfer aber Patrick Smith hatte wohl etwas mehr Bodenkampf Erfahrung. Als Smith in der Mount Position landete, feuerte er eine regelrechte Tirade an Schlägen und Ellenbogenstößen ab und beendete den Kampf innerhalb weniger Sekunden. Sein Gegner wurde so brutal zerstört, das mir der Kampf bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Auch Rickson Gracie hat in seinen Kämpfen immer wieder gezielte Schläge aus der Mount Position angesetzt, um den Kampf zu beenden. Es ist also definitiv eine gute Option für den BJJ Anwender in einer SV Situation.

Der untrainierte Gegner, wird den Schlägen aus der Mount Position nichts entgegen zu setzen haben und entweder wild mit den Händen herumfuchteln, oder sich auf den Bauch drehen. Beides gute Optionen, um einen Würgegriff anzuwenden. Da man in der SV jedoch keine MMA Handschuhe trägt, würde ich Schläge mit der offenen Hand empfehlen, um sich nicht die Hand zu brechen, bzw. an den Zähnen des Gegners zu verletzen. Allerdings sollte man beachten, das der Kopf des Gegners in dieser Position fast schon am Boden fixiert ist, Schläge führen dazu, das der Hinterkopf auf den Asphalt aufschlägt und das kann eben schwere Verletzungen bedeuten. Ein Würgegriff wäre auch hier wieder die humanere Wahl, aber man kann auch relativ leichte Schläge und Ohrfeigen dazu nutzen, den Gegner in einen Würgegriff zu manövrieren.

Das war er, mein kleiner Einblick in die SV Strategie des BJJ, oder sollte ich vielleicht sagen in das „A-Game“. Das was ich in den letzten 3 Artikeln beschrieben habe, ist der ideale Kampfablauf. Man überbrückt die Distanz, kontrolliert den Clinch und beendet den Kampf aus den oberen Positionen am Boden. Allerdings gibt es auch noch eine ganz andere Welt im BJJ, die mindestens genauso groß ist. Die Welt der Fehler und des Chaos. Was wenn alles schief läuft? Wenn der Gegner mich in die Ecke drängt, zu Boden wirft und auf mich einschlägt? Was wenn er mich überraschend von hinten würgt oder in den Schwitzkasten nimmt?

Für all diese Fragen hat das BJJ Antworten und welche das sind, werde ich demnächst hier erläutern.:-)


Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 2: Der Clinch & das Messer in der Tasche

BJJ Messer
Körper- und Handkontrolle im Clinch

Nachdem ich ihnen im ersten Teil die SV Strategie des BJJ in der langen Distanz erläutert habe, kommen wir jetzt zu Teil 2, dem Clinch. Dieser ist für die SV wichtig, sehr wichtig und für mich ist er die Umsetzung der BJJ Bodenkampf Prinzipien in der Vertikalen. Was ist also die Funktion des Clinch? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus und welche Gefahren birgt er? Diese und viele weitere Fragen, werde ich in diesem Artikel beantworten.

Der Clinch als Schutzzone
Wie sie ja bereits aus Teil 1 wissen, ist eines der primären Ziele in der BJJ Selbstverteidigung, den Clinch zu erreichen, ohne dabei getroffen zu werden. Wenn man erst einmal die Distanz überwunden hat und nah am Gegner klebt, sind dessen Mittel relativ eingeschränkt. Sie kennen ja bereits meine Vergleiche mit dem Boxen, aus dem ersten Teil. Jeder angeschlagene Boxer weiß, im Clinch ist er erst einmal sicher und wird weniger oft und vor allem weniger hart getroffen. Der Ringrichter weiß das auch und trennt deshalb beide Kontrahenten, damit der Kampf wieder zurück in die schnelle und dynamische Boxdistanz findet.

Um die Schutzwirkung des Clinch zu verstehen, muss man die Mechanik eines harten Schlages verstehen. Ein harter Schlag braucht in der Regel Distanz und eine Beschleunigung, durch die Drehung der Hüfte. Je mehr Distanz vorhanden ist, desto mehr Schlagkraft kann man entwickeln. Als kurze Anmerkung möchte ich nur hinzufügen, das mir sehr wohl bewusst ist, das es andere Schlagmechaniken in den inneren Kampfkünsten gibt, aber 99,9% der Menschheit schlägt so, wie ich es gerade beschrieben habe. Durch die räumliche Nähe des eigenen Kopfes und Rumpfes zum Gegner, findet dieser nicht die Distanz, um hart zu Schlagen oder gar zu treten. Kopf- und Kniestöße sind eventuell noch möglich, aber selbst die können durch einen engen Clinch, stark in ihrer Funktion eingeschränkt werden.

Genau dieses Prinzip macht sich der BJJ Anwender zu nutze. Er geht in den Clinch, um den Kampf zu verlangsamen (nicht umsonst heißt meine SV Videoserie „Control the Chaos„;-)). Er bleibt eng, ist sicher vor den ballistischen Angriffen des Gegners und kann dessen Aggression, sich planlos aus dem Clinch zu befreien, gegen ihn einsetzen. Je wilder ein untrainierter Angreifer um sich schlägt, desto mehr verspannen sich seine Schultern. Je mehr sich seine Schultern verspannen, desto höher wird sein Körperschwerpunkt und je höher der Körperschwerpunkt, desto leichter ist es, ihn zu Boden zu werfen. Anstatt sich also auf einen wilden Schlagabtausch einzulassen und Teil des Chaos zu werden, unterbindet man die eher unkontrollierbaren Umstände, geht in den Clinch, ist vor harten Schlägen geschützt und kann dann in relativer Ruhe, die nächsten Schritte planen.

Der Clinch als Schnittstelle
Der Clinch ist die Schnittstelle zwischen dem Kampf im Stand und am Boden. Wer den Clinch kontrolliert, der kann die Richtung des Kampfes vorgeben, der kann taktische Vorgaben umsetzen und behält die Übersicht. Welche Optionen ergeben sich also aus dem Clinch?

  • Den Clinch zum Zeitgewinn nutzen
  • Wechsel vom Clinch in den Bodenkampf durch einen Wurf
  • Wechsel vom regulären Clinch in den Clinch an der Wand
  • Beenden des Kampfes durch einen Hebel- oder Würgegriff im Stand
  • Beenden des Kampfes durch ballistische Angriffe (Schläge, Kopfstöße, etc.)
  • Beenden des Kampfes durch taktisches Kuzushi (einfach gesagt, man schubst z.B. den Gegner eine Treppe hinunter)
  • Beenden des Kampfes durch die Anwendung von Kontroll- und Festnahmetechniken
  • Lösen aus der dem Clinch um Distanz zu schaffen (z.B. um an die eigene Waffe zu gelangen)

Der Clinch als Zeitgewinn
Beginnen wir also mit der banalsten und am wenigsten spektakulären Funktion des Clinch. Man wird plötzlich angegriffen, die Fäuste fliegen und man schützt sich durch das Überbrücken der Distanz und konsequentes Clinchen. Was kommt dann? Nun, als aller erstes Mal hat man einen gefährlichen und überraschenden Angriff, der zu schlimmen Gesichtsverletzungen oder einem Schädel-Hirn Trauma, hätte führen können abgewehrt. Das ist verdammt viel wert. Selbst wenn man über nur minimale Kenntnisse in der SV verfügt, kann man den Clinch nutzen, um Zeit zu gewinnen. Befindet man sich in der Öffentlichkeit, kann man dabei gezielt um Hilfe rufen und Passanten bitten einzugreifen. Auf Veranstaltungen gibt es vielleicht Sicherheitspersonal, etc. die die Situation beenden und den Angreifer zurückhalten können.

Ich weiß, das klingt jetzt nicht sonderlich heroisch, aber das ist die Realität und auch wenn man in seiner Vorstellung gerne den Gegner kampfunfähig macht, ist die Wirklichkeit dann eher ernüchternd, gerade wenn man eben noch nicht über ein jahrelanges Training verfügt. Aber genau das ist ja die Stärke der BJJ Selbstverteidigung, sie funktioniert auch dann , wenn man keine ausgebildete „Kampfmaschine“ ist. 😉

Der Wechsel in den Bodenkampf
Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf ist der klassischste aller Übergänge und wohl auch einer der sichersten, wenn man es mit „nur“ einem Gegner zu tun hat. Die Logik dahinter ist klar. Der Clinch im Stand funktioniert gut, allerdings gibt der freie Raum, dem Gegner immer wieder Möglichkeiten sich zu lösen, bzw. Distanz zu schaffen. Genau deshalb funktionieren z.B. Submissions, also Hebel- und Würgegriffe, im Stand weniger gut, als am Boden.

Wirft man also seinen Gegner zu Boden und erreicht idealerweise die obere Position, hat man seine Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt. Der normale Mensch ist darauf optimiert, der Schwerkraft im aufrechten Gang zu trotzen und von daher fehlen ihm im Bodenkampf meistens die Mittel, um effizient Platz zur Flucht zu generieren. Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf, ist also eine Fortsetzung der Kontrolle und führt den BJJ Anwender hin zu seinem ultimativen Ziel, dem Würgegriff und die temporäre Kampfunfähig des Gegners.

Der Clinch an der Wand

Der Clinch an der Wand
Der Clinch an der Wand stellt eine Verbesserung des regulären Clinchs da und macht somit alle bestehenden Möglichkeiten noch effektiver. Warum? Ganz einfach, weil die Wand, ähnlich wie der Boden, die Bewegungsfreiheit des Angreifers enorm einschränkt. Er kann seine Hüften nicht nach hinten wegbewegen und ist somit leichter und mit weniger Aufwand zu werfen, als im freien Raum. Generell kann man sagen, das sich das positionelle, eher langsame Spiel des BJJ, viel besser an der Wand, als im freien Raum umsetzen lässt, allerdings ist nicht immer solche eine räumliche Einschränkung (Wand, Ecke, Zaun, Auto, Hauseingang, etc. ) vorhanden. Von das muss der Clinch nicht nur an der Wand, sondern eben auch im freien Raum geübt werden.

Würge- und Hebeltechniken im Stand
Grundsätzlich hat man immer die Möglichkeit Würge- und Hebeltechniken auch im Stand anzubringen. Sie sind möglich, aber weniger wahrscheinlich. Dadurch das die Bewegungsfreiheit des Gegners nicht so stark eingeschränkt ist und die eigenen Möglichkeiten der Positionierung im Stand weniger umfangreich als am Boden sind, gehören diese Techniken eher als „Bonus“ dazu. Sie können sich jederzeit ergeben, aber man sollte nicht mit ihnen planen oder darauf vertrauen.
Die Chancen diese Techniken erfolgreich anwenden zu können steigen mit den eigenen BJJ Fähigkeiten und einer eventuellen, körperlichen Überlegenheit. Sind diese Faktoren nicht gegeben ist eine Transition in den Bodenkampf erfolgversprechender.

Schläge aus dem Clinch
Der Kopfstoß aus dem Clinch ist einer meiner Favoriten.;-) Gerade als fortgeschrittener Anwender, kann man sehr gut Kontrolltechniken mit Kopfstößen, Kniestößen, etc. verbinden. Dies ist sehr effektiv, erfordert aber eine solide Grundlage und relativ viel Erfahrung. Das Spiel mit der Distanz und die gleichzeitige Kontrolle, benötigen ein gutes Körpergefühl, denn sonst kann der Gegner, die geschaffene Distanz nutzen, um selber zu zuschlagen, oder die Distanz zu vergrößern. Allerdings haben diese Techniken für fortgeschrittene Anwender viele Vorteile. Durch die Kontrolle des Gegners, kann man viel präziser angreifen und wirklich gezielte Treffer landen, ohne das die Extremitäten (gerade die Arme), Abwehrbewegungen machen können. Somit kann ein Kampf relativ schnell beendet werden, ohne das man dabei in den Bodenkampf muss.

Taktisches Kuzushi
Bad shit;-) Real bad shit;-) Was so harmlos klingt ist ziemlich gefährlich und kann von meiner Seite aus nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Taktisches Kuzushi bedeutet, den Clinch dazu zu nutzen, um den Gegner irgendwo hin zu schubsen. Man könnte ihn eine Treppe hinab schubsen, vor ein fahrendes Auto, gegen eine Wand, über einen Zaun oder in irgendwelche Gegenstände. Der Vorteil, solche Aktionen können den Kampf schnell beenden und Zeit zur Flucht geben. Der Nachteil, man kann die Konsequenzen nicht kalkulieren und eventuell, als nicht so geübter Anwender, mit dem Gegner zusammen stürzen.

Ich sage es ihnen ganz ehrlich, diese Option ist extrem heikel und hängt von vielen äußeren Umständen ab. Wenn ich in einer Bar jemanden in eine Tischgruppe schubse, um mir den Weg frei zur Flucht, oder zumindest zum Türsteher zu machen, ist das eine kalkulierbare Aktion. Wenn ich an einer Bushaltestelle angegriffen werde und den Angreifer vor den vorbeifahrenden Linienbus schubse, ist das alles andere als kalkulierbar. Und höchstwahrscheinlich nicht verhältnismäßig. In den letzten Jahren sind solche Dinge in Deutschland relativ oft passiert, gerade in Bahnhöfen und nicht als Akt der Selbstverteidigung, sondern als unmenschliche und menschenverachtende Kriminalität. Solche Sachen funktionieren, selbst für untrainierte Menschen und von daher sollte man diese Optionen kennen und können. Auch, um davor einen gewissen Schutz zu entwickeln. Ob wir solch finale Mittel jemals einsetzen sollten, ist ein anderes Thema, was nicht einfach zu beantworten ist.

Würgegriff im Stand

Kontroll- und Festnahmetechniken
Dieser Aspekt spielt für den normalen SV Anwender keine Rolle, aber eben für die Anwendung bei der Polizei, etc. Man kann aus dem Clinch direkt in verschiedene Festnahmetechniken wechseln, allerdings ist dies im Stand (ähnlich wie bei den Submissions) schwieriger als am Boden. Auch hier würde ich sagen, sollte man mit diesen Techniken nicht planen, aber man kann sie als „Add-on“ nutzen und einsetzten, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Schaffen von Distanz
Auch dies ein Thema was eher wieder für Polizei, etc. interessant ist, aber auch für „Normalbürger“ von nutzen sein kann. Wie ausführlich beschrieben, nutzen wir das Überbrücken der Distanz und den nachfolgenden Clinch dazu, auf eine spontane Aggression des Gegners zu antworten. Wenn uns ein Angreifer zum Beispiel in ein Gespräch verwickelt und plötzlich angreift, kontern wir das, durch ein schnelles Clinchen. Wenn ich jetzt aber wieder Distanz schaffen möchte, z.B. um zu flüchten, oder um an die eigene Waffe (sei es Pfefferspray, oder die Schusswaffe) zu gelangen, dann kann ich dies durch das gezielte Lösen aus dem Clinch erreichen. Man nutzt also den Clinch, um sich zu schützen und nutzt die Sicherheit des Clinch dann, um wieder Distanz zur Flucht, oder zum Einsatz von Waffen zu schaffen.

Ich hoffe ich konnte ihnen die Funktion des Clinch als Schnittstelle zwischen den verschiedenen anderen Bereichen einer körperlichen Auseinandersetzung ein wenig verdeutlichen. Nur wenn man über einen starken Clinch verfügt, kann man eben diese bewussten Entscheidungen treffen und gezielt den Kampf in bestimmte Bahnen lenken. Allerdings möchte ich auch noch einmal betonen das bei all der Vielfalt, für den regulären Durchschnittsanwender eine sehr einfache Strategie im Vordergrund steht:

Überbrücken der Distanz – Kontrolle im Clinch – Beenden des Kampfes am Boden

Das ist das Grundgerüst, die Basisstrategie und wenn man diese begriffen hat und umsetzen kann, öffnen sich die anderen obengenannten Wege Was also ist die Struktur des Clinches? Wie funktioniert er und gibt es Unterschiede zum Clinch im sportlichen Wettkampf?

Grundlegende Kontrollpositionen
Unser Clinch besteht aus zwei grundlegenden, primären Kontrollpositionen, welche durch weitere sekundäre Kontrollpositionen ergänzt werden. Grundsätzlich nutzen wir den Bodylock, d.h. wir greifen um den gegnerischen Rumpf herum und schließen die Hände. Natürlich gibt es viele effektive Clinch Positionen wie den Underhook, etc. aber diese sind eher etwas, für trainierte Athleten mit langjähriger Erfahrung. Für den Durchschnittsanwender ist es in einer Stresssituation meist einfacher um den Gegner herum zugreifen und die Hände ineinander geschlossen zu halten. Somit kann man mit relativ wenig Aufwand, einen hohen Kontrolleffekt erreichen.

Wir benutzen den Bodylock von vorne und von hinten, verbinden die beiden Positionen mit verschiedenen Übergangstechniken und natürlich Möglichkeiten der Handkontrolle. Das primäre Ziel im Clinch, ist erst einmal die Kontrolle, des gegnerischen Rumpfes, denn nur so kann der Angreifer daran gehindert werden, die Distanz wieder zu vergrößern. Man „klammert“ sich also an seinen Gegner und nimmt ihm damit jede Möglichkeit, effektive Schläge einzusetzen.

Handkontrolle
Dieser Punkt ist extrem wichtig und auch der große Unterschied zwischen sportlichen Clinch und dem Clinch für die SV. Wenn man in den Clinch geht, muss man immer davon ausgehen, das der Gegner ein Messer in der Tasche hat und es auch ziehen will, alles andere ist ein Glücksspiel. Der Clinch am Körper ist wichtig, um die Bewegungsfreiheit des Gegners einzuschränken, aber die Handkontrolle ist dafür verantwortlich, das er kein Messer, oder irgendetwas anderes aus der Tasche ziehen kann. Es gilt immer einen offenen Messerangriff zu vermeiden und gerade deshalb ist es wichtig, den Gegner daran zu hindern, das Messer aus der Tasche zu ziehen. Hat er es erst einmal draußen, wird die Situation um ein vielfaches gefährlicher. Umgekehrt sorgt die Handkontrolle auch dafür, das der Gegner nicht in die Taschen des Anwenders greifen kann, denn vielleicht hat der ja auch Waffen, etc. einstecken, die er unter seiner Kontrolle behalten muss. Der klassische, sportliche Clinch ist deshalb keine Option, denn dort wird die Handkontrolle (da sie nicht so extrem notwendig ist) oft vernachlässigt.

Das Ringen um die Waffe
Die Fortsetzung der obengenannten Thematik und hoffentlich etwas, was ihnen in der Realität nie passiert. Sollte der Angreifer im Clinch sein Messer gezogen haben, ist es enorm wichtig, Optionen zur Kontrolle des Waffenarms zu haben. Natürlich sind solche Dinge enorm risikoreich und es gibt keine sichere, waffenlose Messerabwehr, aber wer sich in den Clinch begibt, sollte trotzdem Möglichkeiten zur Verteidigung kennen und üben. Das Ringen um die Waffe ist manchmal kontraintuitiv, weil man sich in Positionen begibt, die man im waffenlosen Clinch nie einnehmen würde. Im Kampf um das Messer, machen diese Positionen jedoch Sinn.

Vielleicht noch eine kurze Anmerkung: „So manch ein Leser wird jetzt vielleicht sagen: Genau deshalb will ich nicht in den Clinch, ich will dem Gegner nicht so nah sein.“ Nachvollziehbar, aber was wenn man dem Angreifer einen Fußtritt aus langer Distanz verpasst, dieser einen Meter zurückgeschleudert wird und in seine Tasche greift? Dann ist man viel zu weit weg, um ihn daran zu hindern das Messer zu ziehen und man sieht sich einem wild fuchtelnden Angreifer gegenüber, was bestimmt nicht weniger gefährlich ist. Der Clinch bietet eine sehr gute Kontrolle und wenn man darauf trainiert ist, die Arme des Gegners ständig zu kontrollieren und zu beobachten, hat man gute Chancen den Gegner daran zu hindern irgendwelche überraschende Aktionen zu starten. Das Handfighting hat also gerade für die SV, einen sehr hohen Stellenwert.

Das Beißen
Auch ein wichtiges Thema, welches natürlich keine Beachtung bei der sportlichen Anwendung findet. Ein Angreifer, der plötzlich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, kann schnell in Panik verfallen und absolut unkontrolliert und unberechenbar reagieren. Ich habe einige Schüler die beruflich Erfahrung mit Bissen gemacht haben und so etwas ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann zu gefährlichen Infektionen führen. Aus diesen Grund ist das Verständnis für die Möglichkeiten des Beißens und ihre Vermeidung durch eine kluge Positionierung sehr wichtig.

Der Übergang zum Bodenkampf
Würfe aus dem Clinch müssen nicht spektakulär aussehen, sie müssen funktionieren und dürfen kein unnötiges Risiko bieten. Grundsätzlich bedeutet das, das wir Würfe nutzen, bei denen wir kontrolliert auf dem Gegner landen und kein anderes Körperteil als unsere Fußsohlen den Boden berührt. Anders gesagt, der doppelte Beinangriff aus dem Ringen ist ein perfekter Wurf für das No-Gi Sport BJJ, aber würde uns in der SV, auf hartem Asphalt die Knie kaputt machen. Der einzelne Beinangriff (Single Leg Takedown) hingegen, ist eine gute Möglichkeit einen Gegner in der SV zu Boden zu bringen, ohne dabei ein unnötiges Risiko einzugehen. Selbst wenn die Technik nicht funktioniert, kann man wieder zurück in den Bodylock wechseln und von dort aus weiter arbeiten.

Die Gefahren des Clinches
Welche Nachteile hat der Clinch? Warum sollte er vermieden werden und welche besseren Optionen gibt es? Die Frage kann ich eigentlich ganz leicht beantworten. Die beste Alternative zum Clinch ist ein schneller und gezielter K.O. Schlag, der den Kampf sofort beendet. Gibt es so etwas? Manchmal schon. Ist es die Regel, ich würde sagen nein und je weniger athletisch und kampferfahren ein Mensch ist, desto niedriger seine Chancen auf ein schnelles K.O. Von daher ist der Clinch definitiv die verlässlichere Variante für die meisten „Durchschnittsanwender“.

Hat der Clinch Nachteile? Ja, er funktioniert nur wirklich gut gegen einen Angreifer und auch wenn es Möglichkeiten gibt, einen Angreifer im Clinch als „Schutzschild“ gegen andere Angreifer zu nutzen, sind diese sehr begrenzt und stark abhängig von den eigenen körperlichen Fähigkeiten. Wenn ich mich auf einen Angreifer fixiere, bin ich offen für die Aktionen eines zweiten oder dritten Angreifers, aber dies gilt halt nicht nur für den Clinch, sondern für jede Aktion die mit eingeschränkten Fokus geführt wird. Auch wenn man sich in der Schlagdistanz zu sehr auf einen Gegner konzentriert, verliert man die Aufmerksamkeit für einen eventuellen zweiten Gegner. Dies ist also ein grundlegendes Problem und hat nicht unbedingt etwas mit dem Clinch zu tun. Der Kampf gegen mehrere Gegner ist immer ein Glücksspiel, aber der Clinch sorgt dafür, das der Kampf gegen einen Gegner nicht auch zu einem wird.

Das ist also der Clinch in der Brazilian Jiu Jitsu Selbstverteidigung. Ein großes Thema, aber ich hoffe ich konnte Ihnen die praktische Anwendung dieser Position näherbringen und ihnen verdeutlichen, wie funktionell sie genutzt werden kann. Clinch bedeutet nicht einfach nur sinnloses Festhalten, sondern bewusste Kontrolle über den Gegner. Wie schon gesagt ist es das Äquivalent des Bodenkampfes in der Vertikalen und sollte mit dem entsprechenden Stellenwert praktiziert werden.

Im dritten und letzten Teil, geht es dann um die Bodenkampf Konzepte, in der BJJ Selbstverteidigung und auch da gibt es wieder einiges zu schreiben. 🙂

BJJ zur Selbstverteidigung – Teil 1: Das Überbrücken der Distanz

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
„So weit wie nötig, so nah wie möglich“ EIn Grundprinzip des BJJ

Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war ein grauer Novembertag, 1993 oder 1994. Meine Mutter kam von der Post und hatte ein kleines Päckchen dabei, darin war eine Videokassette mit dem Titel „Gracie in Action 2“. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde, denn bis daher hatte ich über Brazilian Jiu Jitsu immer nur gelesen, aber in dem Moment, als ich die ersten bewegten Bilder sah, wusste ich, genau das will ich lernen.:-)

Zu sehen waren dort Vale Tudo Kämpfe, also die Vorläufer des modernen MMA. Außerdem gab es einige Straßenkämpfe, Herausforderungen in der Akademie und auch ein Kampf an der Copacabana war dabei. Alles in allem eine sehr beeindruckende Mischung, die sofort meine Faszination am BJJ weckte. BJJ bedeutet mehr oder weniger regelloses Kämpfen und Selbstverteidigung, so war mein erster Eindruck dieser Kampfkunst. Das BJJ auch noch eine sportliche Komponente hat, welche genauso süchtig machen kann, wurde mir erst einige Jahre später klar.:-)

Gut 25 Jahre später hat sich das Bild des BJJ, zumindest hier in Deutschland doch stark gewandelt. Brazilian Jiu Jitsu ist für viele ein Wettkampfsport, bei dem sich zwei Athleten gegenüber stehen oder auch sitzen und technisch hochkomplexe Bewegungen ausführen. BJJ hat keine Schlagtechniken und Techniken zur Selbstverteidigung und selbst der Durchschnittsanwender lernt schon vom ersten Tag an exotische Positionen und Techniken, die er dann im Wettkampf anwenden kann.

Gerade vor ein paar Tagen fragte jemand in einer Diskussion, über einen meiner Artikel, wie denn BJJ zur Selbstverteidigung überhaupt aussehen würde, da er sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Das hat mich verwundert, aber auch motiviert und genau deshalb schreibe ich jetzt diese neue Artikelserie. Ich möchte die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ genauer beleuchten und vorstellen, weil ich glaube, das BJJ ein hervorragendes SV System ist, welches viel mehr Menschen erreichen könnte, als es das bisher geschafft hat.

BJJ als SV ist einfach strukturiert, funktioniert auch für weniger athletische Menschen und lässt sich auch unter Stress und mit eingeschränkter Feinmotorik anwenden und doch ist es so fundamental anders wie viele andere Systeme. Was hat es also auf sich, mit der BJJ Selbstverteidigung?

Grundsätzlich besteht die Basisstrategie aus 3 Aspekten:

  • Dem Überbrücken der Schlag- und Trittdistanz
  • Der Clinch (Kontrolle, Submission und Würfe)
  • Der Bodenkampf (Kontrolle & Submissions)

Wir werden alle 3 Aspekte ausführlich analysieren und beginnen heute im ersten Teil, mit dem Kampf in der Schlag- und Trittdistanz.

Den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden
Wenn man die Kampfstrategie des BJJ für die Schlagdistanz mit einem Satz beschreiben müsste, dann wäre der obige Satz wohl die perfekte Wahl. Das Hauptziel im Brazilian Jiu Jitsu ist es, den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen und das unterscheidet es auch von vielen anderen Stilen.

Warum also, will man im BJJ keinen Austausch von Schlägen? Sind Schläge nicht effektiv?

Doch, Schläge sind in der Selbstverteidigung sehr effektiv. Ein gut gezielter Punch ist wahrscheinlich die schnellste uns eleganteste Art einen Kampf zu beenden, aber er erfordert eben ein Zusammenspiel vieler Faktoren und Fähigkeiten, die nicht immer gegeben sind. Im BJJ gehen wir davon aus, das ein Angreifer körperlich stärker und schwerer ist und über jede Menge Aggression und Schlagkraft verfügt. Vielleicht ist diese Vorstellung manchmal etwas übertrieben, aber wir sind lieber auf unseren schlimmsten Albtraum vorbereitet, als das wir jemanden unterschätzen und man sollte nie vergessen, ein Täter sucht sich ein vermeintlich schwaches Opfer und von daher wird er wohl selten jemanden angreifen, der ihm schon auf den ersten Blick körperlich überlegen ist.

Was also tun, wenn man jemanden gegenübersteht, der deutlich größer und schwerer ist und wild mit den Fäusten schwingend auf uns zugerannt kommt? Für uns ist das klar, wir versuchen uns so gut wie möglich zu schützen und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, denn dort hat der Angreifer nicht mehr die Distanz die er benötigt, um effektiv schlagen zu können. Aber dazu später mehr.

Haben sie schon einmal einen Boxkampf gesehen, in dem einer der Kontrahenten deutlich unterlegen ist? Der Unterlegene versucht dann sehr oft in den Clinch zu kommen, um den Angriffen seines Gegenübers zu entgehen, leider funkt dann immer der Ringrichter dazwischen und trennt die beiden wieder, denn er weiß, im Clinch sind kaum noch Boxtechniken und K.O.s möglich und das Publikum will schließlich „Action“ sehen.:-) Trotzdem ist der Clinch im Boxen eine bewährte Methode über die Zeit zu kommen, die schon immer genutzt wurde.

Everyone has a plan until he gets hit
Dieses Mike Tyson Zitat, trifft es eigentlich auf den Punkt. Kämpfen kann nämlich manchmal sehr einfach sein. Jeder hat einen Plan, eine Strategie, ein paar Techniken an die er glaubt, aber sobald ein Volltreffer einschlägt, verliert sich das alles in einer Mischung aus Panik und Benommenheit, die kein klares Denken mehr zulässt. Ein Volltreffer im Boxen ändert alles und selbst der bewährte Clinch ist dann oft keine Option mehr, weil der Körper einfach nicht mehr gehorcht und so kann nur noch der Ringrichter den angeschlagenen Boxer vor weiteren Schäden bewahren.

Wir im BJJ sind etwas paranoid.:-) Oder vielleicht haben wir auch einfach kein Selbstbewusstsein;-) Aber wir glauben eben, wie schon erwähnt, immer daran, das unser Gegner ein gefährlicher Puncher ist und deshalb wollen wir auf keinen Fall einen Volltreffer kassieren, weil wir wissen, das im Ernstfall kein Ringrichter da ist, der uns schützt.

Im BJJ hat man diese Erkenntnis schon vor vielen Jahrzehnten gewonnen und sie immer weiter verfeinert. Man hat ein System entwickelt mit dem man den Clinch mehr oder weniger erzwingen und das Risiko eines Volltreffers minimieren kann.

So nah wie möglich, so weit wie nötig
Genau das ist eine der Basisstrategien des BJJ Standkampfes und beschreibt das Mindset das wir dabei haben, eigentlich ganz gut. In einer Kampfsituation wollen wir uns immer ganz knapp außerhalb der Reichweite unseres Gegners befinden, um nicht getroffen zu werden. Die Betonung liegt auf „knapp“ denn gleichzeitig wollen wir ihm, so nah wie möglich sein, um einen kurzen Weg in den Clinch zu haben. Wir „tanzen“ also auf der Schwelle zur Schlagdistanz, locken den Gegner in einen überhasteten Angriff oder zerstören seine Struktur für einen kurzen Moment, um dadurch in den Clinch zu kommen.

Für den BJJ Anwender gibt es grundsätzlich nur zwei Distanzen. Entweder wie eben beschrieben außerhalb der Reichweite des Gegners, oder eben ganz nah im Clinch. Alles dazwischen bedeutet für Ihn eine unkalkulierbare Gefahr, die er vermeiden möchte.

Während im klassischen BJJ der Kampf meistens als Duell anfing, d.h. beide Kontrahenten standen sich mit Abstand gegenüber und wussten das der Kampf jetzt losgeht, spielt diese Situation in der modernen Selbstverteidigung eine eher untergeordnete Rolle, bzw. hat ihren sportlichen Nutzen.

In den modernen BJJ SV Konzepten geht es hauptsächlich darum, einen überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, oder von der Seite, etc. zu bewältigen. Die Grundprinzipien haben sich dadurch nicht geändert, es geht immer noch daran, durch ein geschicktes Spiel mit der Distanz so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, aber der Kontext und die Problematik ist ein wenig anders.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Eine der Vorkampf-Positionen in Anwendung

Während in der klassischen Duellsituation das Problem darin besteht, die lange Distanz zu überbrücken und den eigenen Eingang in den Clinch so gut wie möglich zu verschleiern, geht es bei einem überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, darum, durch bestimmte Vorkampf-Positionen besser auf plötzliche Angriffe reagieren zu können und dabei vorher trotzdem nicht aggressiv uns eskalierend zu wirken.

Wir nutzen dafür 3 grundlegende Positionen, bei denen wir mit unseren Händen unseren Körper, bzw. unser Gesicht schützen, ohne dabei aggressiv zu wirken. Sollte die Situation jedoch eskalieren, können wir von dort aus direkt mit viel Vorwärtsdruck und einer starken defensiven Verteidigungsstruktur in den Clinch gehen. Durch das gezielte und konsequente nach vorne gehen, brechen wir das Gleichgewicht des Gegners (Kuzushi) und nehmen ihm dadurch noch mehr die Möglichkeit, harte Schläge anzuwenden.

Das Training basiert darauf, aus den Kontrollpositionen, in eine defensive Verteidigungsstruktur (die oberflächlich Ähnlichkeit mit einer Doppeldeckung hat) zu gehen und dann geschützt in den Gegner zu „crashen“, um ihm das Gleichgewicht zu nehmen und den Clinch zu etablieren. Dies funktioniert mit dem entsprechenden Training auch für Menschen die keinerlei Erfahrung mit Schlägen, oder vielleicht sogar Angst vor Schlägen haben, sehr gut und zuverlässig.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Die defensive Verteidigungsstruktur in Anwendung

Was ist mit mehreren Angreifern?
Diese Frage höre ich öfters. Was ist wenn man mehreren Angreifern gegenübersteht und der Clinch keine Option ist. Ist es da nicht besser alle Angreifer mit Schlägen kampfunfähig zu machen?

Meine Antwort darauf ist einfach: Ja es wäre besser, aber die Realität ist leider nicht wie in Hollywood und wenn man im Zweikampf mit einem gefährlichen Angreifer schon K.O. gehen kann, dann ist das Risiko bei 2 oder 3 Angreifern noch um ein Vielfaches höher.

Natürlich gibt es Fälle in denen ein Mensch sich erfolgreich gegen 2 oder 3 Gegner gewehrt hat und alle K.O. geschlagen hat, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wird das ein trainierter Athlet gewesen sein, der körperlich, technisch und mental top fit war. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Schlagen und Treten und trainiere es regelmäßig. Für mich ist es auch ein Teil des fortgeschrittenen Jiu Jitsu. Aber nach 25 Jahren als Lehrer und Coach, weiß ich einfach das die meisten Menschen nicht die idealen Trainingsparameter haben, sondern eher die minimalen.

Der „normale“ BJJ Anwender, der an Selbstverteidigung interessiert ist, wird nicht mehr als 2-3 mal pro Woche trainieren, kann sich keine blutigen Nasen und blauen Augen leisten (beruflich, privat und gesundheitlich) und hat nicht die Zeit, ein Experte in allen Distanzen zu werden. Natürlich arbeite ich mit meinen jungen motivierten Schülern, die 5-6 mal pro Woche trainieren, viel mehr und auch in alle Distanzen, aber das sind eben die Ausnahmen und nicht der reguläre Schüler.

Der kleinste gemeinsame Nenner
Vom Wortsinn her nicht 100% korrekt, aber trotzdem drückt es genau das aus. Die Standkampf Strategie des BJJ, das Überbrücken der Distanz, das Vermeiden des offenen Schlagabtausch ist der kleinste gemeinsame Nenner von Trainingspensum und Effektivität. Diese Strategie ist für „normale“ Menschen, mit einem regulären Trainingspensum umsetzbar und gleichzeitig ist sie aber auch eine solide Basis für Menschen die darauf weiter aufbauen wollen.

Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, auch wenn ich gerne im Stand kämpfe, ist die BJJ Standkampf Taktik, mein sicherster und solidester Plan. Vieles funktioniert, wenn die Dinge perfekt laufen, aber es ist beruhigend zu wissen, das es auch etwas gibt was funktioniert, wenn in der Selbstverteidigung fast alles schief läuft.;-)

Ich hoffe ich konnte in diesem ersten Teil einen kleinen Einblick in die fundamentalen Kampfstrategien und SV Taktiken des BJJ geben. Im zweiten Teil, geht es darum wie man seinen Gegner im Clinch kontrolliert und ihn entweder zu Boden oder zur Aufgabe zwingen kann. Es gibt also zu schreiben, zum Thema BJJ und Selbstverteidigung.;-)

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 3: Die 8 Kontrollpositionen, 411 & Co.

Die Beinkontrolle

Die systematische Kontrolle des Unterkörpers, ist das, was das moderne Leglock Game von den Beinhebeln der Neunziger Jahre komplett unterscheidet. Es gibt sehr viele verschiedene Positionen, aber ich werde mich hier in diesem Artikel auf die 8 Hauptpositionen (jeweils 4 pro Sub-System) beschränken und deren Wesen, bzw. Wirkungsweise erläutern. Diese Positionen sind das Herzstück des Systems und die Übergänge und der Flow dazwischen, erschaffen den eigentlichen Kontrolleffekt. Nur wenn man versteht, wann und warum die einzelnen Kontrollpositionen angewendet werden, kann man die Heel Hooks auch wirklich effektiv und kontrolliert einsetzen.

Irimi Ashi Garami
Die klassische Eingangsposition in das Leglock Spiel. Gerade wenn man aus der Single Leg X Guard (in der Rückenlage) arbeitet, kommt man öfters in diese Position. Sie stellt quasi die erste Leitersprosse in der positionellen Hierarchie da. Die Kontrolle in dieser Position ist temporär ganz gut und es ist auch ein Outside Heel Hook möglich, allerdings nutzt man diese Position doch meistens eher zum Übergang in andere, stärkere Positionen, um eine noch bessere Kontrolle und eventuell auch die Chance auf den gefährlicheren Inside Heel Hook zu haben. Das besondere in dieser Position ist, das man die Beine nicht komplett geschlossen hat (es entsteht kein Triangle). Deshalb sind die Befreiungen aus dieser Position etwas einfacher, allerdings bietet das Knie in der Mitte, eine gute Möglichkeit die Distanz zu kontrollieren, was ein großer Vorteil sein kann.

Irimi Ashi Garami
Die Irimi Ashi Garami Position

Reaping Position
Die berühmt-berüchtigte „Reaping“ Position ist eine klassische Leglock Position, die schon immer genutzt wurde. Bekannt wurde sie, als die IBJJF, der größte internationale BJJ Verband, diese Technik in allen Gürtelklassen aufgrund ihrer angeblichen Verletzungsgefahr verboten hat. Der Vorteil der Reaping Position, liegt darin, das man eine Innenrotation an der gegnerischen Hüfte erreicht und somit die Ferse exponiert. Die Ferse liegt dann nicht mehr am Körper an, sondern kann leicht mit dem Arm kontrolliert werden. Darüber hinaus wird in dieser Position auch sehr gut die Hüfte des Gegners fixiert und er daran gehindert sich weiter in die Druckrichtung des Hebels mitzudrehen. Von daher kann man aus dieser Position sehr gut einen Outside Heel Hook anwenden, darüber hinaus ist aber auch wieder ein Übergang in eine noch stabilere Position möglich.

Knee Reaping
Die Reaping Position

Saddle / 411 Position
Das wäre dann die Saddle Position. Diese Position, kann entweder über die Reaping Position erreicht werden, oder direkt über zahlreiche Eingänge in der Ober- sowie der Unterlage. Diese Position ist eine der stärksten Positionen des gesamten Systems. Dadurch, das man beide Beine kontrolliert und die Möglichkeit für einen starken Inside Heel Hook (sowie andere Beinhebel) hat, ist der Gegner in seiner Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt und läuft ständig Gefahr in einen Heel Hook zu laufen. Wenn ich mir eine Position aussuchen dürfte, in der ich meinen Gegner mit einem Beinhebel zur Aufgaben bringen muss, würde ich definitiv die 411 /Saddle Position wählen. Während in vielen Positionen, auch die eigenen Füße zumindest ein Stück weit angreifbar sind, sind sie im 411 relativ gut geschützt. Ein weiterer Vorteil dieser starken Position. Man kann sagen, die Saddle Position, definiert das moderne Leglock Spiel und gibt den Gameplan vor, nachdem sich die verschiedenen Positionen anordnen.

Saddle / 411 Position
Die Sadle / 411 Position

Outside Ashi Garami
Diese Position stellt gewissermaßen einen Sonderweg in der positionellen Hierarchie des Spiels da. Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese Position zu erreichen, aber häufig wechselt man von Irimi Ashi Garami in die Outside Ashi Garami Position, um mehr Kontrolle über das Bein, bzw. den Körper des Gegners zu erlangen. Durch die Triangle Position am gegnerischen Bein, hat man eine sehr gute Kontrolle, allerdings ist die Kontrolle der Distanz weniger effektiv als beim Irimi Ashi Garami oder den anderen Positionen. Aus diesem Grund nutze ich z.B. die Position nur, wenn ich vorher schon, in einer anderen Position, die gegnerische Ferse exponiert und kontrolliert habe. Wenn dies der Fall ist, kann ich sicher in die Outside Ashi Garami Position wechseln, um den Kampf zu beenden. Auch aus dieser Position sind natürlich Transitions möglich. Will man im „Saddle System“ bleiben, wechselt man in die 411 / Saddle Position, man kann aber auch bewusst in ein weiteres Sub-System, die 50/50 Position wechseln und von dort weiterarbeiten.

Outside Ashi Garami
Die Outside Ashi Garami Position

Diese 4 Positionen, bilden quasi das Grundgerüst des modernen Leglock Games. Man isoliert ein Bein, kontrolliert den Körper, exponiert die Ferse und setzt dann schließlich den Heel Hook an. All dies geschieht in einer Progression, die die 411/Saddle Position als ultimatives Ziel der Kontrolle hat. Neben diesem System, gibt es aber auch noch ein weiteres System, welches zwar Schnittstellen zum „411 System“ hat, aber trotzdem komplett eigenständig funktioniert. Ich persönlich mag beide Systeme und kombiniere die Positionen fließend miteinander. Wenn man versteht, was die Vor- und Nachteile der jeweiligen Positionen sind, kann man für jede Situation die passenden Lösungen finden.

50 / 50 Position
Das charakteristische an dieser Position ist, wie der Name schon sagt, das beide Kämpfer die gleiche Position haben. Beide können einen Inside Heel Hook ansetzen, müssen sich aber auch dementsprechend gegen den Inside Heel-Hook Ihres Gegners verteidigen.

50 / 50 Position
Die 50 / 50 Position

Grundsätzlich könnte man fragen, warum man eine Position nutzt, die keinerlei positionellen Vorteile bringt und diese Frage ist auch berechtigt. Um das zu verstehen, muss man die Struktur der 50/50 Position kennen. Durch die Triangle Position der Beine und dem gekreuztem gegnerischen Bein, entsteht eine unglaubliche Stabilität und Kontrolle. Diese Technik ist auch im BJJ mit Gi erlaubt (ohne Heel Hooks) und da kommt es oft zu endlos langen 50/50 Duellen, aus denen sich keiner befreien, oder ein Vorteil ziehen kann.

Wenn Heel Hooks erlaubt sind, entsteht diese Passivität nicht, aber der Kontrolleffekt ist immer noch da und genau darin liegt der Sinn dieser Position. Wenn ich in der 50/50 Position besser als mein Gegner bin, d.h. besser meine Fersen verstecken kann, besser im Handfighting bin und stärkere Heel Hooks habe, dann kann ich diese starke Kontrolle nutzen und den Kampf von dort aus beenden. Ja theoretisc ist es eine 50/50 Position, aber praktisch gewinnt der, der die meiste technische und kämpferische Erfahrung in dieser Position hat.

Es gibt verschiedene Takedowns die direkt in die 50/50 bzw. Reverse 50/50 Position führen, aber natürlich kann man auch sehr gut aus Outside Ashi Garami, oder dem 411 in diese Position wechseln. Ich würde sagen die 50/50 Position ist sehr weit fortgeschritten und erfordert eine extrem gute Körperwahrnehmung. Es geht nämlich weniger darum die Beine fest zu verknoten. Der Erfolg in dieser Position basiert auf einer Mischung aus Kontrolle der gegnerischen Arme, dem verstecken der eigenen Ferse und dem positionieren des eigenen Körpers. Wie keine andere der Leglock Positionen erfordert sie komplexe Fähigkeiten, um wirklich sicher und strukturiert arbeiten zu können.

80/20 Position
Diese Position entsteht, wenn man sich aus der 50/50 Position so zum Gegner dreht, das das eigene Bein aus der Knielinie rutscht und frei ist, während das gegnerische Bein noch in der Knielinie gefangen ist. Dadurch schafft man einen positionellen Vorteil und kann einen Outside Heel Hook ansetzen, ohne das dabei die eigenen Beine in Gefahr sind. Die 80/20 Position eignet sich weniger zum kontrollieren, sondern eher zum beenden eines erfolgreichen Heel Hooks.

Die 80 / 20 Position
Die 80/20 Position

Outside Sankaku
Diese Position stellt quasi noch ein Upgrade der 80/20 Position da und erlaubt eine starke Kontrolle und einen gefährlichen Outside Ashi Garami. Ich persönlich nutze diese Position eher selten, aber sie stellt definitiv eine wichtige Position im 50/50 Sub-System da.

Outside Sankaku Position

Backside 50/50 Position
Diese Position stellt das Pendant zum 411 im 50/50 System dar. Man kann aus verschiedenen Positionen direkt in diese Position kommen und hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Ein Grund warum diese Position so gut funktioniert, ist der, das sie sich überhaupt nicht bedrohlich anfühlt. Wenn man sich mit dieser Position nicht auskennt, denkt man, man kann sich ganz einfach herausdrehen. Dies geht allerdings nicht, sondern führt direkt zu einem Inside Heel Hook.
Ryan Hall hat dies in seinem UFC Kampf gegen BJ Penn eindrucksvoll bewiesen. Hall ging direkt per Takedown in die Backside 50/50 Position und BJ Penn wollte sich reflexartig herausdrehen, was aber in dieser Position nicht funktioniert. Dadurch hat er sich direkt am Knie verletzt und der Kampf war vorbei. Der einzige Nachteil, wenn man ihn denn so nennen kann, ist das ein erfahrener Gegner sich relativ gut in die 50/50 Position retten kann, d.h. sollte man die Ferse nicht direkt isolieren können, wird ein Übergang von der Backside 50/50 Position, in die reguläre 50/50 Position passieren.

Backside 50 / 50 Position

Das sind sie also. Die 8 Grundlegenden Positionen im modernen Leglock Spiel. Die ersten 4 sind eher auf das Spiel mit dem 411 zugeschnitten, während die zweiten 4 einen alternativen Weg darstellen. In meiner Schule praktizieren und kombinieren wir beide Systeme, darüber hinaus gibt es auch noch viele Schnittstellen, mit klassischen Fuß und Kniehebeln, dich ich jetzt hier nicht beschrieben habe.

Leglocks sind ein komplexes Thema, welches sich nur schwer auf Papier erklären lässt. Ich hoffe jedoch das ich die Thematik ein wenig entzerren und erläutern konnte, damit der geneigte Leser ein besseres Verständnis für diesen Aspekt des BJJ bekommt.

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 2: Strategie & Mechanik des Heel Hook

Bevor ich die Funktionsweise und die positionelle Hierarchie des Heel Hook genauer erläutern werde, möchte ich noch ein wenig auf die strategischen Aspekte dieser Technik eingehen. Wie also fügen sich Heel Hooks in die Gesamtstruktur des BJJ ein?

Grundsätzlich kann man die Anwendung von Beinhebel in drei große Bereiche unterteilen.

  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)
  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)
  • Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)

Leglocks die aus den verschiedenen sitzenden oder liegenden Guard Positionen ausgeführt werden, machen den Haupteil des modernen Leglock Games aus. Der Grund dafür dürfte recht einfach sein, es macht das Spiel aggressiver und der Anwender der in der Unterlage ist, hat eben nicht nur Sweeps, sondern direkte und gefährliche Angriffe.

Wenn man sich die Entwicklung einmal anschaut, dann wird man feststellen, das in den Neunziger Jahren das Passieren der Guard auf den Knien sehr häufig war. Dadurch konnte der Kämpfer aus der Rückenlage die klassischen BJJ Techniken wie Straight Armbar, Triangle Choke, etc. erfolgreich einsetzen. Später änderte sich das Verhalten beim Passieren der Guard und die Leute begannen im Stehen zu Passieren. Dies hatte den Vorteil das Armhebel und Würgegriffe kaum noch anwendbar waren, bzw. ihre Effektivität stark zurück ging. Nur wenige Athleten, die über eine wirklich gute Closed Guard verfügten, konnten diese klassischen BJJ Techniken erfolgreich anwenden.

Beim stehenden Passieren, besteht zwar die Gefahr eines Sweeps, aber nur selten führte dieser direkt in eine dominante Position, wie z.B. Side Mount oder Mount. Gute Athleten konnten sich oft abfangen und es kam häufig zu Scramble Situationen, in denen keiner einen Vorteil erlangen konnte.

Dieses Problem wurde durch das moderne Leglock Game mehr oder weniger gelöst. Die „Leglocker“ waren fähig aus den verschiedensten Guard Positionen heraus, ein Bein zu isolieren und sich in eine sehr dominante Position zu befördern. Die sogenannte Saddle oder 411 Position, ist das, was im Kampf um den Oberkörper, die Back Mount Position ist. Die Kämpfer waren also plötzlich fähig aus einer relativ neutralen Guard Position, direkt in die sehr dominante Saddle Position zu kommen. Um die vergleichbare Back Mount Position zu bekommen, wäre der lange Weg über den Sweep, das passieren der Guard, usw. nötig und so stellt dieser neue Ansatz einen sehr effektiven „Pfad“ innerhalb des BJJ Gameplans da. Im BJJ mit Gi entwickelte sich übrigens ein ähnlicher Trend, allerdings nicht mit Leglocks, sondern Techniken wie dem Berimbolo und dem Kiss of the Dragon.

Klassische Positionen wie die Single Leg X Guard, X Guard oder (Reverse) De La Riva Guard werden als Eingänge zu den verschiedenen Heel Hook Angriffen genutzt und somit ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Eingängen in die verschiedenen Beinhebel. Als Coach ermutige ich jeden fortgeschrittenen Schüler sein eigenes Spiel zu entwickeln, denn auch wenn das Endresultat, also der Hebel selber, immer gleich ist, sind die Wege dorthin doch sehr unterschiedlich und Abhängig von Körpertyp, Stil, usw. Einige meiner Schüler haben einen sehr flexiblen Stil, während mein eigener Stil eher einfach und direkt gehalten ist.

Grundsätzlich machen Leglocks aus der Rückenlage auch am meisten Sinn, weil man eben keine Posiiton aufgibt und nur gewinnen kann. Darüber hinaus bieten sich sehr viele Eingänge in den Saddle, was wie schon erwähnt eine sehr dominante Position darstellt.

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)

Die Eingänge aus der Oberlage gehören zu den klassischen Techniken aus den Neunziger Jahren. Damals wurde die Guard nicht passiert, sondern eben direkt mit Beinhebeln angegriffen. Grundsätzlich sind diese Techniken von ihrer technischen Ausführung her, meistens wesentlich einfacher anzuwenden.

Diese Techniken kommen allerdings heute eher selten zum Einsatz und der Grund dafür ist einfach. Warum die obere Position aufgeben, wenn man doch die Guard auch passieren könnte? Wie ich im ersten Teil der Serie schon beschrieben habe, stürzen sich viele Leglock Anfänger regelrecht auf jeden Submission, aber die erfahrenen Anwender wissen genau, wie wichtig ein komplettes positionelles Spiel ist und das die Oberlage defintiv kampfentscheidend sein kann.

Eine Ausnahme hierbei stellt der Backstep da. Diese Technik, die eigentlich zum passieren der Guard gedacht war, wird heute so angewendet, das man direkt in der Saddle Position landet und maximale Kontrolle hat. Bei den klassischen Eingängen aus den Neunziger Jahren, endet man hingegen in weniger dominanten Leglock Positionen, was das Risiko die Position zu verlieren, noch erhöht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Beinangriffe aus der Oberlage wirklich nur einen kleinen Teil der Leglocks ausmacht und ich anderen Techniken dort den Vorzug gebe.

Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Die Domäne der Jugend und der Athleten. Eingesprungene Heel Hooks, Befreiungen aus der Mount direkt in einen Heel Hook, oder die Back Mount Escape die wiederum zu einem Beinhebel führt. Leglocks haben das Potential aus vielen verschiedenen Situationen heraus, überraschend und dynamisch ausgeführt zu werden. Garry Tonon vom Danaher Dead Squad ist dafür z.B. ein sehr gutes Beispiel. Auch wenn er über ein gutes positionelles Spiel verfügt, hat er unglaubliche Fähigkeiten zu improvisieren und überraschende Beinangriffe, aus den unterschiedlichsten Szenarien zu starten. Auch dieses Spiel ist wiederum sehr individuell und jeder Anwender hat dort seine eigenen Favoriten. Wer ein gutes Takedown Game hat, kann dort Verknüpfungen zwischen Takedowns und Leglocks entwickeln, ich finde die Kombination von Back Mount Escapes und Heel Hooks sehr effektiv, die Möglichkeiten sind vielfältig und es macht durchaus Sinn, in einer schlechten Position, eine Leglock Offensive zu starten, um die Karten neu zu mischen.

Ich sage immer, gute Leglocker sind wie Boxer mit einem K.O. Punch. Egal wie viel Runden sie verloren haben, sie bleiben bis zum Schluss gefährlich.

Nachdem ich jetzt so viel über die Geschichte und Funktionsweise von Beinhebeln erläutert habe, werde ich nun die Techniken selber beleuchten. Ich werde mich dabei auf die zwei häufigsten Heel Hooks, den Inside und den Outside Heel Hook beschränken. Es gibt natürlich noch viele weitere Beinhebel, aber diese beiden Techniken gehören zu den erfolgreichsten Techniken überhaupt und das sogar auf höchstem Niveau. Das gesamte moderne Leglock Game, ist mehr oder weniger auf diesen beiden Submissions aufgebaut.

Wenn man sich die Statistiken der amerikanischen ADCC Trials im letzten Jahr anschaut, wird man feststellen, das 50% aller Submissions dort, mit nur 3 Techniken erzielt wurden. 26,1% mit dem Mata Leao (Rear Naked Choke) und 27% mit Heel Hooks (11,3 Inside Heel Hook & 15,7 % Outside Heel Hook).

Natürlich kann man sich jetzt fragen ob diese Techniken so oft genutzt werden, weil sie gerade im Trend liegen, oder ob sie im Trend liegen, weil sie so effektiv sind. Ich denke die Wahrheit liegt dabei irgendwo in der Mitte, aber so oder so, man kann das Thema Beinhebel nicht ignorieren, ohne dabei einen großen Aspekt des BJJ zu vernachlässigen.

Heel Hooks
Heel Hooks sind Techniken, bei denen der Oberkörper, bzw. Oberschenkel fixiert wird, um dann den Unterschenkel mit Hilfe des Fußes (der als Hebel eingesetzt wird) zu rotieren. Diese Rotation sorgt dann für Verletzungen im Fuß, bzw. Kniegelenk. Ich sage bewusst Verletzungen, denn wie schon im ersten Teil erwähnt, ist der Heel Hook keine schmerzhafte Technik. Der Schmerz entsteht erst, wenn die Verletzung schon entstanden ist. Diesem Umstand gilt es beim Training besondere Bedeutung zuzumessen und rechtzeitig abzuklopfen.

Die verschiedenen Heel Hook Varianten setzen sich aus dem eigentlichen Hebel und einer bestimmten Kontrollposition zusammen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen:

Outside & Inside Heel Hook

Outside Heel Hook
Diese Technik ist die „harmlosere“ Heel Hook Variante und führt meistens zu weniger schweren Verletzungen (wenn zu spät abgeklopft wird). Ich habe das Wort Harmlos, in Anführungszeichen gesetzt, denn auch diese Technik kann das Kniegelenk verletzen. Allerdings kann das Fußgelenk etwas mehr nachgeben und die Rotation besser kompensieren, als beim Inside Heel Hook. Es kann also sein das erst die Bänder im Fuß verletzt werden und nicht die Bänder im Knie.

Beim Outside Heel Hook befindet sich die Innenseite des gegnerischen Fußes an unserer Hüfte und wir führen eine Innenrotation der Hüfte aus, indem wird die Ferse mit Hilfe unserer Arme kontrollieren und dann eine Körperdrehung ausführen.

Outside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position
Ein Inside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position

Inside Heel Hook
Das ist der große Bruder vom Outside Heel Hook. Er ist wesentlich gefährlicher und Verletzungen der Kreuzbänder und Menisken sind definitiv zu erwarten, wenn man nicht rechtzeitig abklopft. Es gibt keine Möglichkeit den „Schmerz auszuhalten“, die Technik führt sofort zu schweren Verletzungen. Beim Inside Heel Hook, führt man eine Außenrotation an der gegnerischen Hüfte aus und da der Fuß, wenn man ihn in diese Richtung rotiert, weniger nachgibt, entsteht sofort mehr Druck am Knie. Im schlimmsten Fall reißen die Kreuzbänder, der Innenmeniskus nimmt schaden und es kann auch zu einem Knochenbruch am Fußgelenk kommen.

Inside Heel Hook aus der Backside 50/50 Position
Ein Inside Heel Hook aus der Backside 50 / 50 Position

Die Fußkontrolle
Die Fußkontrolle ist der Namensgeber dieser Techniken, denn man hakt quasi mit seinem Arm die Ferse des Gegners und rotiert dann den Fuß. Grundsätzlich gibt es da verschiedene Griffvarianten, wichtig ist jedoch immer, das man eben nicht nur die Ferse rotiert, weil dies zu einem sehr schwachen Hebel führen würde. Ein wirklicher starker Hebel entsteht nur, wenn man den Fuß so fixiert, das die Kraftübertragung über den Spann, bzw. die Fußzehen geschieht. Dadurch das der Fuß als Hebel genutzt wird, hat man ungefähr den Effekt einer Ratsche. Dreht man nur die Ferse, ist der Effekt eher wie bei einem Schraubenzieher. Das Gefühl dafür zu entwickeln ist nicht ganz einfach, aber essentiell wichtig, um bei erfahrenen Gegnern eine Drohkulisse aufzubauen, die merken nämlich recht schnell, ob der Hebel wirklich sitzt, oder man einfach nur die Ferse klammert.

Nahaufnahme eines Inside Heel Hook
Nahaufnahme der Fußkontrolle

Das war der zweite Teil meiner Artikelserie: Leglocks – Verdammt, gehasst, vergöttert. Im dritten Teil werde ich die zwei Kontrollsysteme und die 8 grundlegenden Kontrollpositionen dieser Systeme erläutern. Seit gespannt.:-)

Aufwandsloses BJJ – Jiu Jitsu für die Ewigkeit

Brazilian Jiu Jitsu um 2003

Kampfkunst muss ohne Kraft funktionieren, Kampfkunst muss weich sein, Brazilian Jiu Jitsu bedeutet übersetzt die „Sanfte Kunst“……Blah, Blah, Blah, alles Marketing, am Ende rauft man wild am Boden und nix ist mehr übrig von der vielgepriesenen Kraftlosigkeit.

Zugegeben das obige Szenario hab ich auch schon erlebt und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb bin ich überzeugt, ich würde sagen fast schon besessen, von einem Brazilian Jiu Jitsu welches mit so wenig wie möglich Kraft auskommt. Meine komplettes Training geht in diese Richtung und mein Brazilian Jiu Jitsu definiert sich in seiner Zielsetzung, möglichst aufwandslos zu funktionieren. Der Grund dafür ist einfach und hat weniger mit philosophischen, als mit rein praktischen Gesichtspunkten zu tun:

Wir werden jeden Tag älter

O.k. so manch ein jugendlicher Leser rollt jetzt mit den Augen und klickt mein Blog weg, aber auch wenn das älter werden noch in weiter Ferne ist, so lohnt es sich doch weiterzulesen, denn das hier ist keine Ode ans Älterwerden, sondern eine Diskussion um das Thema Effizienz vs. Effektivität. Fangen wir also ganz von vorne an, mit einer sehr guten Nachricht: Brazilian Jiu Jitsu muss nicht kompliziert sein, man kann es ganz schnell lernen und man kann in kürzester Zeit Wettkämpfe gewinnen, alles was man tun muss, ist effektiv zu kämpfen. Man muss seine Techniken schneller, kraftvoller, zwingender und ausdauernder durchziehen als seine Gegner und schon hat man die Effektivität seines Stils unter Beweis gestellt.

Das Brazilian Jiu Jitsu selber unterscheidet niemals zwischen Effektivität und Effizienz, was am Ende zählt ist das Ergebnis. Was meine ich damit konkret? Ich gebe mal einfaches Beispiel. Siegfried ist 18 Jahre alt, in einem seiner früheren Leben war er Drachentöter, doch jetzt im Jahr 2020 hat er sich dazu entschieden BJJ Weltmeister oder ADCC Champion zu werden. Siegfried hat reiche Eltern und braucht nicht arbeiten zu gehen, seine Eltern sind froh das er endlich etwas gefunden hat, das ihm Spaß macht und unterstützen ihn gerne.

Siegfried ist ein natürlicher Athlet, er ist kräftig, explosiv, hat gute Reflexe und ist ein visueller Lerner. Er schaut sich eine Technik an und macht sie dann einfach nach. Darüber hinaus ist er mental abgeklärt. Nach seinem früheren Leben als Drachentöter, bekommt er bei BJJ Wettkämpfen keine Adrenalinschübe mehr, sondern tappt seine Gegner ganz entspannt.

Siegfried liebt das Gewinnen und Brazilian Jiu Jitsu ist für ihn eher ein Mittel zum Zweck. Ihn interessieren nicht die Feinheiten, er will rollen und Leute tappen, ob er dafür viel oder wenig Kraft braucht, ist ihm eigentlich egal, weil er sowieso genug davon hat und die wenigsten Gegner so fit sind wie er.

Das er 6 Tage die Woche, zweimal am Tag trainieren kann und dies auch tut, macht die Sache für Ihn noch einfacher.

Wenn unser Held also an einem Wettkampf teilnimmt, dann weiß er ganz genau:

  • Wann der Wettkampf stattfindet
  • Das er Gegner hat die genauso viel wiegen wie er
  • Das er jung ist und damit genauso fit wie seine Gegner
  • Wie lange ein Kampf maximal dauert
  • Wie er einen Kampf gewinnen kann

Schauen wir uns diese Vorgaben doch einmal genauer an. Wenn er weiß wann ein Wettkampf stattfindet, ist dies ein riesiger Vorteil, denn er kann seine körperliche Kraft und Fitness so trainieren, dass er an diesem Tag in Topform ist. Er erreicht sein Peak, welches er so nicht das ganze Jahr über halten könnte.

Genauso kann er „Gewicht machen“ und dafür sorgen das er so leicht wie möglich ist, um in der niedrigsten, möglichen Gewichtsklasse zu kämpfen, was ihm ein Kraftvorteil gegenüber den Leuten gibt, die das nicht machen.

Dadurch das es Gewichtsklassen gibt, weiß Siegfried ja sowieso, das seine Gegner ungefähr das gleiche Gewicht haben werden. Wenn er also körperlich top fit ist, wird er selten auf Gegner treffen, die viel stärker sind als er, gerade wenn er noch „Gewicht gemacht“ hat.

Das gleiche gilt für sein Alter. Er will ja nicht mit 40 oder 50 gewinnen, sondern alle Wettkämpfe in den nächsten 5 Jahren und da er in dieser Zeit definitiv in seinem athletischen Peak ist, wird er auch da selten auf jemanden treffen der signifikant fitter ist.

Auch der nächste Punkt ist sehr wichtig. Er weiß wie lange ein Kampf dauert und wie viele Kämpfe er ungefähr an einem Tag hat. Damit kann er sein spezifisches Tempo, bzw. seine Ausdauer so entwickeln, das er für 5 oder 10 Minuten, nonstop arbeiten kann. Er weiß ja das er sich nichts aufsparen braucht, weil der Kampf so oder so, nach einer bestimmten Zeit vorbei ist.

Schließlich weiß Siegfried auch, wie er die Kämpfe gewinnen kann. Er muss keinen Submission erzielen, er kann auch über Takedowns oder positionelle Vorteile (das erreichen einer bestimmten Position, z.B. die Mount Position) Punkte machen.

Dieses Wissen hilft ihm dabei volle Geschwindigkeit zu gehen und gezielt die Wege zzu nutzen, die ihm entweder einen Submission, oder eben Punkte bringen und da seine Zeit begrenzt ist, weiß er, das er seinem Gegner, seinen Stil aufzwingen muss, um zu gewinnen.

Ich fasse es einfach mal kurz zusammen. Siegfried hat ein skalierbares Szenario, welches er über seine athletischen Fähigkeiten sehr gut kontrollieren kann. Natürlich braucht er auch Jiu Jitsu Technik, aber er ist nicht auf eine perfekte Ausführung angewiesen, weil er die körperlichen Voraussetzungen hat, die Techniken kraftvoll, explosiv und ausdauernd einzusetzen.
Mit anderen Worten, auch wenn sein BJJ vielleicht durchschnittlich ist, ist er erfolgreich, weil er ein sehr guter Athlet ist.

Jeder von uns war mal mehr oder weniger wie Siegfried und ich kann mich noch gut an mein Tagesablauf Ende der Neunziger Jahre erinnern. Aufstehen, Laufen, Frühstücken, BJJ, Mittagessen, ausruhen und Abends entweder BJJ oder Krafttraining.

Ich will gar nicht zu viel darüber schreiben, sonst werde ich wehmütig;-), aber der Punkt ist einfach, das wir alle älter werden. Irgendwann mit Mitte 20 haben wir unseren physischen Peak erreicht, den können wir dann ein paar Jahre halten und dann geht es irgendwann langsam aber sicher Berg ab.;-)

Das gute daran ist, das Kraft und Ausdauer mit dem entsprechenden Training, lange aufrecht erhalten werden können, wir können also auch noch lange nach unserem physischen Peak intensiv trainieren.

Es gibt nur eine Sache die uns davon abhält.

Verletzungen

Ein explosiver und kraftvoller Kampfstil führt zu vielen kleinen und manchmal auch großen Verletzungen und wer mit 40 noch genauso „sprintet“ wie mit 20, der wird ständig irgendwo Verletzungen haben.

Diese Erfahrung konnte ich nicht nur selber machen, sondern durfte sie auch als Trainer immer wieder erleben. Die explosivsten Athleten, haben die meisten Verletzungen.

Genau deshalb muss mein Brazilian Jiu Jitsu aufwandslos sein

Vergleichen wir das doch mal mit einer Maschine, je perfekter die Maschine gebaut ist, je „runder“ sie läuft, desto weniger nutzt sie sich ab und desto länger kann man sie benutzen. Genau das Gleiche gilt für unseren Körper. Je weniger Kraft unsere Techniken in der Ausführung benötigen, desto weniger verbraucht sich unser Körper, speziell unsere Gelenke.

Wenn ich also mit 40 noch so trainiere wie Siegfried, kann das im Einzelfall noch funktionieren (wir alle kennen diese Ausnahmen), aber in der Regel wird die eigene Leistung schlechter, weil Verletzungen und Verschleiß dazu führen, das wir nicht mehr so explodieren können.

Diese Erkenntnis kam mir zum Glück nicht erst mit 40, sondern schon mit Ende 20 und so begann ich vor langer Zeit darüber nachzudenken und aktiv daran zu arbeiten mein Brazilian Jiu Jitsu entspannter zu gestalten. Mein Lehrer Roy Harris war mir da ein großes Vorbild, weil er mir immer wieder eindrucksvoll gezeigt hat, wie man mit wenig Bewegung, maximale Effekte erreicht.

Aber was genau bedeutet aufwandsloses Jiu Jitsu und wie erreicht man es? Grundsätzlich gibt es da verschiedene Aspekte, welche ich so zusammenfassen würde:

  • Maximierung der Hebelkräfte bei der Ausführung der Techniken
  • Aufmerksamkeit und Timing
  • Gute defensive Positionierung
  • Die Fähigkeit sich zu „Pacen“ & die richtige Atmung
  • Pressure – Die Fähigkeit das eigene Körpergewicht einzusetzen
  • Physische Fitness
  • Innere Kraft & Körpermechanik

Maximierung der Hebelkräfte
Grundsätzlich geht es im Jiu Jitsu immer um Kraft. Wie kann ich Kraft erzeugen und wie gehe ich mit der Kraft um, die mein Gegner erzeugt. Egal ob ich mich aus der Mount Position befreien oder einen Armhebel ansetzen will, diese beiden Faktoren spielen beide je nach Technik eine mehr oder weniger ausgeprägte Rolle.

Die Dreidimensionalität des menschlichen Körpers macht diese Maximierung der Hebelkräfte oft sehr komplex, aber genau darin besteht die hohe Schule des BJJ. Solche Situationen in Worte zu Fassen ist oft nicht ganz leicht und so möchte ich einige plastische Beispiele benutzen, die nicht unbedingt direkt etwas mit dem Brazilian Jiu Jitsu zu tun haben.

Um eine ideale Kraftübertragung bei einer Technik zu ermöglichen, muss der Spielraum in unserem , bzw. im Körper unserer Gegners so gering wie möglich sein. Nehmen wir folgendes Beispiel:

Ein Auto ist stehen geblieben und soll mit Hilfe eines Abschleppseils abgeschleppt werden. Das Seil wird zwischen den beiden Autos befestigt, hat aber Spielraum, bzw. hängt locker durch und berührt den Boden. Das vordere Auto wird nun gestartet und fährt zügig los. Was passiert? Wahrscheinlich wird das Seil straff gezogen und dann zerreißen, oder die Befestigungen für das Seil an den Wagen, reißt ab. Die Verbindung zwischen den Autos war also suboptimal. Hätte man das Auto erst einmal langsam nach vorne bewegt, bis das Seil straff gespannt gewesen wäre und hätte mit dieser „Verbindung“ das hintere Auto abgeschleppt, hätte es wohl wesentlich besser funktioniert.

Genau diese Situation entsteht im BJJ ständig. Wir müssen unseren Körper mit dem Körper des Gegners verbinden, um eine Kraft zu übertragen. Ist die Verbindung dafür nicht optimal, geht viel Kraft verloren und die Hebelverhältnisse sind nicht optimal.

Hier ein einfacher Selbsttest:
Legen Sie sich flach auf den Rücken und lassen Sie ihren Partner in die Mount Position. Jetzt kontrollieren Sie auf irgendeine Art und Weise seinen Arm, klammern ein Bein und bereiten ihre Upa, als Brücke vor. Führen Sie sie aber nicht komplett aus, sondern bewegen Sie sich nur minimal. Führen Sie langsam die ersten 1-2 Sekunden der Übung aus und achten Sie darauf was passiert. Wenn Ihr Körper sich bewegt, dann muss sich auch zeitgleich der Körper ihres Partners bewegen. Wenn dies nicht der Fall ist, zeigt es, das keine optimale Kraftübertragung stattfindet und irgendwo ein „Leck“ ist, aus dem die Kraft entweicht.

Ich wiederhole das noch einmal weil es so wichtig ist. Wenn die Verbindung zu Ihrem Partner korrekt ist und Sie beginnen mit der Brücke, dann müsste sich sofort und zeitgleich auch der Körper ihres Partners bewegen. Wenn Sie sich erst einmal 5 oder 10 Zentimeter bewegen müssen, bis etwas ankommt, ist das ein Zeichen für eine suboptimale Nutzung der Hebelkräfte.

Es gibt noch unzählige weitere Aspekte, wenn es um die Optimierung der Hebelkräfte geht, aber da es in diesem Artikel ja auch noch um andere Dinge geht, halte ich mich kurz und werde in Zukunft noch ausführlicher darüber schreiben.

Aufmerksamkeit und Timing
Das Attribut der Meister und auch etwas, über das ich eigene Artikel schreiben könnte, weil es so umfangreich ist. Aber halten wir es einfach. Aufmerksamkeit und Timing sind eng miteinander verbunden, denn nur wer eine bewusste Wahrnehmung für sich und seinen Gegner hat, kann das Verhältnis und den Abstand dazwischen präzise wahrnehmen.

Aufmerksamkeit ist also das mentale Element, die körperliche Reaktion in der richtigen Geschwindigkeit, die physische Komponente. Wenn beides zusammenkommt, entsteht daraus gutes Timing.

Eine entspannte Geisteshaltung während des Kampfes ist daher von Vorteil, denn gutes Timing, erfordert einen Geist der beobachtet und nicht verurteilt. Timing bedeutet das Ganze wahrzunehmen, während der Gegner nur auf Fragmente fixiert ist. Von daher ist Timing auch oft mit der Mentaliät des „Counter Punchers“ gekoppelt. Man lässt den anderen Angreifen und nutzt dessen (vielleicht jugendlichen) Leichtsinn, um die eigenen Konter vorzubereiten. Damit dieser aber funktioniert benötigen wir auf jeden Fall den nächsten Punkt, nur so haben wir die Übersicht, für unsere Aktionen.

Gute defensive Positionierung
Was hatten alle guten Counter Puncher im Boxen und MMA gemeinsam? Sie waren schwer zu treffen und hatten eine fast übermenschliche Defensive. Egal ob Muhammad Ali, Roy Jones Jr. Oder Anderson Silva. In ihrer Prime waren sie kaum zu treffen und hatten unglaubliche Konter.

Während im Boxen und MMA dafür sehr schnelle Reflexe nötig sind, geht es im Brazilian Jiu Jitsu eher um das richtige Positionieren des Körpers. Wir müssen die Räume eng machen und vermeiden, das unser Gegner die Positionen bekommt, die er benötigt um uns zu kontrollieren. Wenn ich also in der Side Mount Position unten liege und mein Gegner hat mich flach auf dem Rücken gepinnt und drückt mir seine Schulter in mein Hals bzw. Unterkiefer, habe ich definitiv keine gute Übersicht für irgendwelche Konter.

Hat mein Gegner mich jedoch in der gleichen Position, ohne mich dabei auf dem Rücken gepinnt zu haben und ohne mir seine Schulter in den Kiefer zu drücken, bin ich frei genug, um eventuelle Fehler auszunutzen und Konter vorzubereiten. Defensive Positionierungen gibt es in jeder der klassischen BJJ Positionen, egal ob Mount, Side Mount, Back Mount oder Guard, es gibt Dinge die man in diesen Positionen von Anfang an nicht zulassen darf, um die eigene Bewegungsfreiheit nicht zu verlieren.

Diese Defensive Positionierung ist auch eine physische Komponente des Timings und sorgt dafür das man die Bewegungsfreiheit besitzt, um dem mentalen Impuls auch körperlich zu folgen.

Die Fähigkeit sich zu „Pacen“ & die richtige Atmung
Diese Fähigkeit ist extrem wichtig denn sie entscheidet oft über Sieg oder Niederlage. Meine Prüfungen dauern oft sehr lange. Die Blaugurtprüfung dauert in der Regel 4 Stunden und jeder Schüler muss nicht nur 2 Stunden Techniken zeigen, sondern eben auch 2 Stunden verschiedene kämpferische Aufgaben erledigen. Ein Grundsatz meiner Prüfungen ist dabei, jeder Schüler kann tappen, also abklopfen, so oft er will, aber wenn er sich überpaced, keine Luft mehr hat und nicht mehr weitermachen kann, ist er durchgefallen.

Ausdauer ist oft ein Thema welches gerade im Brazilian Jiu Jitsu oft falsch eingeschätzt wird. Das Problem mit der Ausdauer ist nämlich oft überhaupt kein Problem der körperlichen Fitness, sondern ein mentales Problem des Pacens. Jeder Mensch hat seine persönliche Geschwindigkeit wenn er rollt und sobald er diese überschreitet, beginnt eine Abwärtsspirale die schlussendlich im temporären Verlust der Feinmotorik und totaler körperlicher Erschöpfung endet.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Halbmarathon erinnern. Ich bin schon immer gerne gelaufen, locker, entspannt, easy, für die Regeneration und eine aerobe Basis, aber nie auf Zeit, nie um zu gewinnen oder mich mit anderen zu messen. Irgendwann hatte ich dann die Idee zu meinem ersten Halbmarathon und als der Startschuss fiel, wollte ich laufen. Ich war jung und hatte immer die Wettkampfmentalität in mir und so wollte ich auch da gewinnen, obwohl ich nicht die geringste Chance hatte.;-)

Zum Glück hatte ich einen Pulsmesser, ich lief und lief und konnte die ersten Meter mit den besten Mithalten, aber während diese Wettkampfläufer effizient waren und das ihr vollkommen normales Tempo war , war ich einfach nur effektiv. Der Athlet in mir rannte, aber mein Pulsmesser zeigte mir das ich mit knapp 200 Puls keinen Halbmarathon schaffen werde;-);-);-). Schweren Herzens lies ich die Jungs ziehen und blieb in meinem eigenen Tempo, um schließlich irgendwann ins Ziel zu kommen. Ich kam aber nur ins Ziel, weil ich mich rechtzeitig gepaced hatte.

Im BJJ ist es genauso. Mann muss in seiner Geschwindigkeit rollen, muss lernen den Puls als Indikator zu nutzen und versuchen ihn so niedrig wie möglich zu halten. Eine bewusste und entspannte Atmung, ist dabei natürlich auch sehr zuträglich und auch zu diesem Thema wird es irgendwann noch einen Artikel geben.

Wer mit wenig Aufwand kämpfen möchte, der muss lernen seinen eigenen Aufwand gering zu halten, denn wenn der Puls erst einmal die rote Linie überschritten hat und das Adrenalin unseren Körper flutet, dann ist die Feinmotorik weg und mit ihr auch unsere technischen Fähigkeiten. Gerade beim Rollen oder Kämpfen ohne Zeitlimit ist dies ein kritischer Faktor.

Pressure
Muss man einfach gefühlt haben. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch zwischen Roy Harris und mir erinnern. Ich fragte Roy über seine Zeit mit Rickson Gracie und wie dieser sich beim rollen so anfühlt und Roy packte mein Handgelenk, drücke es fest zusammen und sagte: So fühlt er sich an, auch wenn du in der oberen Position bist.

Wer jemals mit Roy gerollt und diesen unmenschlichen Druck erlebt hat, der weiß von was ich rede. Die Fähigkeit das eigene Körpergewicht gezielt einzusetzen und damit den Gegner zu ermüden ist von unschätzbaren Wert, denn auch wenn die Attribute der Jugend im Alter langsam verschwinden, das Körpergewicht bleibt in der Regel vorhanden oder wird sogar noch mehr.:-)

Pressure kann vieles, er kann den Gegner zur Aufgabe zwingen, kann seine Aktionen zu Nichte machen, oder ihn ermüden, all das ohne das man sich dabei selber verausgabt, oder Kraft unnötig verschwendet.

Physische Fitness
Alter ist kein Grund faul oder schwach zu werden und der Sixpack muss auch nicht dem One-Pack weichen.:-) Für mich ich Fitness, gesunde Fitness immer noch ein Muss. Es gibt keinen Grund seinen Körper zu vernachlässigen, oder ihn schwach werden zu lassen, allerdings sollte Fitness immer nur Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck sein.

Wenn mein Fitnesstraining so anstrengend ist, das ich danach 3 Tage Regeneration benötige und kein BJJ machen kann, dann ist es das falsche Fitness-Training zumindest, wenn ich meine Fähigkeiten im Jiu Jitsu verbessern möchte.

Für mich ist physische Fitness wie ein Sparbuch. Ich habe sie, ich möchte sie ihm Kampf so wenig wie möglich nutzen, aber wenn die Dinge schief laufen und nur noch Ausdauer und Willenskraft den Sieg ermöglichen können, dann bin ich froh sie zu haben.

Fitness soll mir Energie geben, meinen Körper und meine Gelenke „polstern“ und mir (Willens)kraft für den Notfall geben. Das alles mit einer minimalen Regenerationszeit.

Innere Kraft
Innere Kraft ist das was in den japanischen Kampfkünsten Aiki genannt wird und hat trotz oft gegenteiliger Meinungen nix mit Esoterik oder kosmischen Energien zu tun. Ich würde sagen, es ist eine Rückbesinnung zu den Bewegungen die unserer Natur entsprechen und mit denen wir unser Potential voll ausschöpfen können. Innere Kraft gibt uns viele interessante Effekte die wir innerhalb des BJJ einsetzen können und ihre Entwicklung gehört für mich neben der technischen Entwicklung der Kunst, zu meinen Prioritäten. Aber dieses Thema ist so umfangreich, das ich sicher auch darüber noch mal einen extra Artikel machen werde.

Das war´s.:-) Der erste Artikel ist fertig und er wurde doch länger und ausführlicher als ich gedachte habe. Zum Glück konnte ich mich etwas pacen.;-), sonst wäre es sicher noch viel länger geworden.

Effortless Jiu Jitsu, aufwandsloses Jiu Jitsu, das ist mein Mindset, das ist meine Motivation und von dieser Warte aus, betrachte ich das Phänomen Jiu Jitsu, bzw. alle Kampfkünste.

Lebenslanges Lernen, Verbesserung Wachstum, all das ist für mich damit verbunden. Ich will meine Fähigkeiten nicht erhalten, nicht verwalten, ich will immer besser werden und der einzige Weg mit dem Alter besser zu werden, ist die Dinge mit immer weniger Aufwand zu erreichen.

Das ist der Weg, das ist das Experiment, ich freue mich auf weitere Artikel.:-)