Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 3: Der Bodenkampf auf der Straße

Bodenkampf Selbstverteidigung

The Ground is my Ocean
I´am the Shark
and most People don´t even know how to swim

Dieses Zitat von Rickson Gracie, spiegelt wunderbar die Stärke des BJJ wieder. Der Bodenkampf ist das Markenzeichen dieser Kampfkunst und viele Menschen assoziieren auch nichts anderes mit BJJ. Aber warum ist das so? Warum ist das Brazilian Jiu Jitsu so auf den Bodenkampf fixiert? Was sind die Vorteile und wo liegen die Nachteile? Gibt es einen Unterschied zwischen Bodenkampf für die SV und sportlichen Bodenkampf? Diese und noch einige weitere Fragen werde ich versuchen in diesem Artikel zu klären.

Fangen wir also an? Warum Bodenkampf? Die Idee jemanden zu Boden zu werfen und den Kampf dort gezielt zu beenden, ist zwar nicht neu, war aber vor dem ersten UFC 1993 kaum verbreitet. In den 70er Jahren war es Bruce Lee mit seinem Kung Fu und in den Achtzigern, kamen Jean Claude van Damme, Chuck Norris und viele andere Schauspieler, die den Kampf im Stehen, durch ihre Hollywood Filme propagierten. Judo und Ringen waren zwar olympische Sportarten, aber auch da war der Wurf wichtiger als der Bodenkampf, wahrscheinlich weil er optisch einfach spektakulärer war. Der Bodenkampf führte ein Schattendasein und der Masse fehlte das Verständnis für diesen Aspekt der Kampfkunst und Selbstverteidigung.

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Warum Bodenkampf? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Der Bodenkampf ist die Kampfdistanz, in der man einen Menschen am besten mit ringerischen Mitteln kontrollieren kann. Ich hatte in meinem letzten Artikel ja ausführlich über den Clinch an der Wand geschrieben. Die Kontrolle an der Wand ist wesentlich besser als im freien Raum, aber die Kontrolle am Boden, ist noch viel besser. Der Grund dafür ist einfach. Der Mensch ist durch die Evolution darauf optimiert, sich auf zwei Beinen fortzubewegen und so der Schwerkraft zu trotzen. Wenn er geht, ist er im Gleichgewicht und hat die meiste Effizienz, Mobilität und Geschwindigkeit, wenn er flüchten möchte. Glauben Sie nicht? Dann Fragen sie doch mal einen Polizisten, wo es am leichtesten ist, einem Menschen, der sich wehrt, Handschellen anzulegen.

Im freien Raum?

An der Wand?

Am Boden?

Sie können das ganze auch abkürzen und ein paar Youtube Videos schauen, dann klärt sich diese Frage in wenigen Minuten. Es ist einfach so, das sich gerade ein untrainierter Mensch, am Boden relativ langsam und ungeschickt bewegt. Darüber hinaus sorgen einige seiner typischen Fluchtbewegungen, wie z.B. sich auf den Bauch zu drehen, die Arme strecken, etc. dafür, das er sich direkt für typische Jiu Jitsu Angriffe öffnet.

Auch wenn man den Vergleich nicht 1 zu 1 übernehmen kann, sieht man in der Tierwelt oft die gleichen Muster. Ein Raubtier reißt sein Opfer erst zu Boden. Warum tötet er es nicht im freien Lauf? Weil auch ein Raubtier mit Jagdinstinkt, ohne Kontrolle nur selten den perfekten Biss setzen kann.

Der wichtigste Grund für den Kampf auf dem Boden, ist also die bestmögliche Kontrolle über einen Angreifer zu haben. Aber es gibt auch noch einen zweiten Aspekt. Wenn ich z.B. jemanden an die Wand drücke, habe ich auch eine sehr gute Kontrolle, aber mein Körper ist komplett „beschäftigt“. Meine Arme halten ihn fest, meine Beine drücken sich in den Boden und mein Rumpf stabilisiert das Ganze, damit ich die Spannung aufrecht erhalten kann. Dadurch bleibt meine Mobilität auf der Strecke. Ja ich kann Schläge, Kopfstöße, etc. anwenden, aber ich kann meinen Körper nicht in bestimmte Positionen manövrieren. Im Bodenkampf ist das komplett anders. Ich kann mich freier Bewegen, kann um meinen Gegner herum klettern und mich so gezielt in Position für einige Aufgabegriffe bringen. Das ist ein Vorteil, den mir nur der Bodenkampf gibt.

Halten wir also fest, am Boden kann man einen untrainierten Gegner sehr leicht kontrollieren und hat gleichzeitig die Mobilität, in verschiedene Hebel- und Würgegriffe zu gehen. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der den Bodenkampf effektiv und vor allem sicher macht. Ähnlich wie im Clinch, fehlt dem Angreifer die Distanz, um schwere Schläge und Wirkungstreffer zu landen. Gerade wenn er am Rücken liegt, hat er weder die Schwerkraft, noch die Beschleunigung der Hüften auf seiner Seite und kann nur sehr limitiert schlagen. Dies sieht man auch eindrucksvoll daran, das 99% aller K.O.s im MMA aus den oberen Bodenkampf Positionen passieren. Eine Ausnahme bilden Kicks aus der Guard zum Kopf. Diese sind allerdings im MMA gegen kniende Gegner nicht erlaubt und sind auch von untrainierten Angreifern nicht zu erwarten.

Der sicherste Platz in einer Auseinandersetzung mit einem größeren und Stärkeren Gegner, ist also eine, der dominanten oberen Positionen ( Mount, Back Mount, Side Control, etc.). Natürlich bieten auch diese Positionen keinen 100 prozentigen Schutz, aber sie geben einem Anwender die besten Chancen, den Angreifer kampfunfähig zu machen.

Die Nachteile des Bodenkampfes
Bei all den Vorteilen, wo liegen die Nachteile des Bodenkampfes, denn schließlich hört man gerade in SV Stilen häufig den Grundsatz: Niemals auf den Boden gehen. Steckt da ein wahrer Kern dahinter oder ist das nur Gehässigkeit gegenüber dem BJJ? Ja es steckt ein wahrer Kern dahinter, aber diese Aussage ist nicht ganz einfach zu bewerten. Ich versuche es trotzdem einmal.:-)

Wie ich schon im ersten Artikel geschrieben habe, in einer perfekten Welt, ist der Kampf mit einem gut gezielten Schlag, bzw. Aktion vorbei. Geringer Aufwand, große Wirkung. Das ist auch mein perfektes Ziel und ich hoffe das ich das irgendwann, in 20 oder 30 Jahren erreicht zu haben.;-) Der legendäre Daito Ryu Meister Yukiyoshi Sagawa, hatte nach eigenen Angaben erst mit über 70 sein besten Fähigkeiten. Aber zurück zum Thema.

Wenn ich ein guter Striker bin, Vollkontakt Erfahrung habe und regelmäßig Leute K.O. Schlage und auch mal K.O. geschlagen werde, dann brauch ich in den seltensten Fällen auf den Boden. Ein Punch ein Kick, eine Serie und alles ist vorbei. Die wenigsten untrainierten Angreifer können da was entgegen setzen. Wenn ich allerdings eher der normale Anwender bin, der nicht viel Kampferfahrung hat und ich auch beruflich keine Ohrfeigen verteile, dann wird es schon schwieriger eine SV Situation „perfekt“ mit nur einem oder zwei Schlägen zu beenden.

Grundsätzlich muss ich auch sagen, das die Kampfunfähigkeit des Angreifers zwar das Idealziel einer guten SV darstellt, wir uns aber eher an dem Minimalziel orientieren sollten. Das Minimalziel ist die Vermeidung von eigenen Verletzungen, bzw. die Schadensbegrenzung. Wenn ich also durch meine Aktionen Öffentlichkeit herstellen, bzw. Zeit zur Flucht gewinnen kann und dabei keine schweren Verletzungen erleide, ist das zwar kein Sieg für Hollywood, aber definitiv ein Sieg in der Realität. Schnelle Lösungen sind für die Selbstverteidigung immer gut und die BJJ Lösung mit Clinch und Bodenkampf ist definitiv nicht so schnell wie eine Lösung mit Schlägen, aber sie ist meiner Meinung nach weniger risikoreich und das ist der große Vorteil, auch wenn es eben manchmal ein Nachteil sein kann. Wobei man das auch nicht pauschal sagen kann, denn es gab schon minutenlange Schlägereien im Stand und Kämpfe die am Boden nach 10 Sekunden durch einen erfolgreichen Würgegriff beendet wurden.

Ein weiterer Nachteil des Bodenkampfes ist die mangelnde Übersicht und Mobilität. Wer kennt nicht die Youtube Videos, in denen jemand auf seinem Gegner hockt oder kniet und plötzlich kommt jemand von der Seite mit einem „Soccer Kick“ und beendet den Kampf ziemlich unerwartet. Zumindest aus der Perspektive des Getroffenen. Ja so etwas kann passieren, aber ich habe auch schon in meinem letzten Artikel geschrieben, das solche Sachen auch in der Schlagdistanz passieren können. Der unerwartete, zweite Mann von der Seite, ist immer ein Problem, egal in welcher Distanz.

Das führt eigentlich auch zum letzten Nachteil, am Boden kann man sich nur gegen einen Angreifer verteidigen. Korrekt, aber zwei oder drei Angreifer sind in jeder Distanz ein Problem. Klar ein Bas Rutten, wird auch 3 betrunkene Angreifer in einer Bar mit Low Kicks und Leberhaken ausnocken können, aber der normale Anwender ist da sehr begrenzt. Der Kampf gegen mehrere Angreifer ist immer ein Glücksspiel und hängt zu einem großen Teil auch von der eigenen Physis (ein guter Athlet ist immer im Vorteil) und Psyche ab. Außerdem sollte man nie vergessen, das man auch sehr schnell am Boden landen kann, wenn die zwei oder drei Angreifer darauf fixiert sind, den Kampf dorthin zu verlagern.

Bodenkampf Selbstverteidigung

Die Strategie des Bodenkampfes
Jetzt wo sie also wissen warum sie in den Bodenkampf gehen, bzw. warum es manchmal besser ist, ihn zu vermeiden, kommen wir zur Strategie und Funktionsweise dieser Distanz. Dafür gehen wir zurück in den Clinch, denn ein guter Bodenkampf beginnt schon im Stehen. Sie haben also die Distanz überbrückt, kontrollieren den Kampf im Clinch und merken nach der 25. Kopfnuss, das ihr Gegner immer noch steht und sie einen Plan B brauchen.;-);-) Was tun? Sie nutzen einen Wurf aus dem Clinch, kleben eng an ihrem Gegner und transferieren so den Kampf in die Bodenlage. Idealweise landen sie in der Mount Position. Sie kontrollieren die Arme ihres Gegners, lassen ihn „auspowern“ und beenden den Kampf mit einem Würgegriff aus der Back Mount Position, der in 3 Sekunden das schafft, was ihre 25 Kopfnüsse nicht geschafft haben, der Gegner ist kampfunfähig.

Das Konzept der positionellen Dominanz
Der bewusste Übergang vom Stand in den Bodenkampf sorgt dafür, das die Kontrolle nicht verloren geht. Man sichert die Clinch Position und bewegt sich direkt in die Mount Position, ohne dabei Raum zur Flucht zu geben. Für die SV, gegen im BJJ untrainierte Angreifer unterrichte ich sehr gerne direkte Übergänge von Takedowns in die Mount, bzw. Back Mount Position. Dies hat den Vorteil, das man wenig Raum verschenkt und dem Gegner keine Distanz zur Flucht, bzw. zur Anwendung harter Schläge gibt. Natürlich funktionieren solche Übergänge im Kampf zwischen zwei trainierten Grapplern nicht so einfach, aber für die SV gegen im Grappling untrainierte Angreifer, sind sie perfekt, weil sie ohne viel Risiko funktionieren und sehr schnell und direkt sind.

Sobald der BJJ Anwender am Boden angekommen ist, beginnt die positionelle Kontrolle, d.h. man kontrolliert den Rumpf des Gegners und isoliert dann die Extremitäten (meist die Arme) um ihn weiterhin in seinen Handlungsmöglichkeiten einzuschränken. Soweit so gut, aber jetzt kommt eine Fähigkeit ins Spiel die im sportlichen Kontext kaum eine Rolle spielt und deshalb in der SV oft vergessen wird


Das Messer vermeiden – Handkontrolle am Boden
Genau wie im Clinch auch, muss der BJJ Anwender die Arme seines Gegners beobachten und gegebenenfalls kontrollieren, um den Angreifer daran zu hindern, in seine Taschen zu greifen, um ein eventuelles Messer, etc. zu ziehen. Wer diesen Umstand missachtet geht ein gefährliches Risiko ein, denn ist ein Messer in dieser kurzen Distanz erst einmal gezogen, hat sich die Gefahr, ähnlich wie im Clinch, vervielfacht.

Die Kontrolle des Messerarms
Ähnlich wie im Clinch auch, spielt die Kontrolle des Messerarms eine große Rolle. Auch wenn man dieses Szenario unter allen Umständen vermeiden sollte, kann man es leider nicht ausschließen. Während im klassischen BJJ der Fokus mehr auf dem Rumpf liegt, muss man in der SV Situation mental und körperlich umschalten können. Wenn der Angreifer plötzlich ein Messer, Schraubenzieher, etc. in der Hand hat, muss der Fokus auf dem Kampf um den Arm, bzw. die Entwaffnung liegen, alles andere kann lebensgefährlich werden.

Die Vermeidung von Bissen
Wie schon im Clinch beschrieben, hat der Angreifer die Möglichkeit, in der nahen Distanz des Bodenkampfes zu beißen, was nicht nur schmerzhaft, sondern eben auch gefährlich sein kann, wenn es zu Infektionen, etc. kommt. Von daher ist Kopfkontrolle ein wichtiges Thema, um Bisse so gut es geht zu vermeiden. Ich möchte hier kurz Anmerken, das wir als BJJ Anwender auch Beißen können. Allerdings kommt dem eher eine taktische Rolle zu. Mit gezielten Bissen, können wir dafür sorgen das der Gegner reflexartig Distanz schafft und wir diesen Raum, dann für unsere Befreiung nutzen können. Dies gehört aber eher in den Bereich der BJJ Befreiungstechniken und ist ein „Add-on“ zu den grundlegenden Basistechniken.

Der Boden als Waffe
Auch dies ist ein Aspekt, der in der sportlichen Anwendung keine Rolle spielt. Wenn man sich in einer SV Situation auf hartem Boden befindet, kann man diesen, bewusst als Waffe einsetzen und den gegnerischen Kopf auf den Boden schlagen, um eine Trefferwirkung zu erzielen. Allerdings ist diese Option auch wieder recht unkalkulierbar und kann zu schweren Verletzungen führen. Von daher kann ich sie nicht uneingeschränkt empfehlen, es hängt immer von den äußeren Umständen des Angriffs ab, ob solche Dinge gerechtfertigt sind.

Bodenkampf Selbstverteidigung

Hebel- und Würgegriffe
Wie schon erwähnt ist das Hauptziel des Bodenkampfes, die schnelle Kampfunfähigkeit des Gegners und Hebel- bzw. hauptsächlich Würgegriffe, spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Der Grund warum wir für die Selbstverteidigung Würgegriffe bevorzugen ist einfach, ein Würgegriff beendet den Kampf, schnell und ist nicht abhängig vom subjektiven Schmerzempfinden des Gegners. Außerdem kann ein Würgegriff den Angreifer kampfunfähig machen, ohne das es dabei zu schweren Verletzungen kommt.

Nehmen wir mal ein Beispiel. Ein BJJ Anwender sitzt in einer SV Situation in der Mount Position und will den Kampf so schnell wie möglich beenden. Dazu setzt er einen klassischen Americano Armhebel (Ude Garami / Beugehebel) an. Was passiert? Das ist die falsche Frage, besser wäre, wann hört man mit dem Hebel auf? Der Anwender zieht den Hebel kontrolliert an, Schmerz entsteht, der Angreifer schreit, klopft, bittet los zu lassen. Was tun? Ihn aufstehen lassen und darauf vertrauen das er nichts mehr macht? Vielleicht klappt es, vielleicht nutzt er aber auch die Gutmütigkeit des BJJ Anwenders aus, um direkt ein Messer zu ziehen.

O.k. zweite Möglichkeit, man ignoriert das Geschrei und bricht dem Gegner gnadenlos den Arm. In der Regel führt ein Americano der durchgezogen wird zu schweren Verletzungen an Ellenbogen und Schulter. Wahrscheinlich wird der Gegner von der traumatischen Wirkung des Hebels jegliche Kampfeslust verloren haben, aber ob so eine Aktion verhältnismäßig war, müssen dann wahrscheinlich die Gerichte klären. Vielleicht ist der Angreifer auch einfach „eine harte Sau“, bzw. steht unter dem Einfluss von Drogen und kämpft einfach weiter, weil er nichts von den Schmerzen merkt. Sie merken schon, der Hebel ist keine befriedigende Option für die SV. Es gibt zu viele Unbekannte und die Wirkung ist Abhängig von der Verfassung ihres Gegenübers.

Was ist also die bessere Wahl? Ganz einfach, der Würgegriff. Der BJJ Anwender befindet sich in der Mount, wechselt zum sogenannten „Gift Wrap“ und bringt seinen Gegner in die Back Mount Position. Dort angekommen, setzt er einen Mata Leao Würgegriff an und innerhalb von 3 Sekunden ist der Gegner eingeschlafen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle ob der Gegner schwer, athletisch, „hart“ oder voller Adrenalin oder Drogen ist, solange er ein menschliche Anatomie besitzt wird er ohnmächtig werden. Es gibt keine Möglichkeit den Würgegriff einfach „auszuhalten“ und dann weiter zu machen, sobald die Blutzufuhr zum Gehirn und auch zurück vom Gehirn zum Herz unterbrochen wird, wird ein Mensch innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verlieren. Der Kampf ist dann definitiv beendet und der Gegner stellt keine Gefahr mehr da.

Ist das nicht auch gefährlich oder gar tödlich?
Durch den Tod von George Floyd in den USA, der durch einen Würgegriff bei seiner Festnahme durch die Polizei starb, ist zum ersten Mal eine Diskussion in der breiten Öffentlichkeit darüber entbrannt, wie gefährlich Würgegriffe sind. Von daher hier meine Einschätzung, basierend auf dem was die Medizin darüber sagt.

Wird ein Würgegriff „sauber“ angesetzt, kommt es zu keinerlei Verletzungen des Kehlkopfes, etc., sondern es entsteht nur ein Druck auf der Halsvene, Halsschlagader und dem Plexus Cervicalis, dem Nervengeflecht am Hals. Wenn man die Technik für 3-10 Sekunden ansetzt, führt sie zu einer kurzen Ohnmacht, die in der Regel ohne Folgeschäden bleibt. Hält man den Griff allerdings länger als 60 Sekunden, kann dies zu schweren Folgeschäden. bzw. zum Tod des Angreifers führen.

Eine weitere, wenn auch relativ geringe, Gefahr, besteht darin, das sich durch den Druck auf die Schlagader, sich Plaque ( also Ablagerungen) lösen kann. Einmal losgelöst, kann diese dann zu Schlaganfall, bzw. Infarkten führen. Wie schon gesagt, passiert so etwas nicht sehr häufig, es gibt aber einige Berichte aus den USA (wo die BJJ Community größer ist), wo dies beim Training oder Wettkampf der Fall war und zu solchen Verletzungen geführt hat. Das Risiko für den Angreifer steigt natürlich mit dem Alter und eventuellen Vorerkrankungen und auch wenn ich jetzt dazu keine Statistik habe, glaube ich das wir eher von 15-45 Jahre alten Menschen angriffen werden und eher selten von der Altersklasse 60+.

Vielleicht sind sie jetzt etwas erschreckt, weil ich auf der einen Seite Würgegriffe empfehle und dann auf die schlimmen Folgeschäden hinweise. Sie sollten aber eines nicht vergessen, Folgeschäden kann es überall geben und die Folgeschäden bei Schlägen und Tritten gegen den Kopf und dem danach vielleicht folgenden Aufschlag auf dem Asphalt sind wesentlich wahrscheinlicher und man liest sehr oft von Todesfällen die dadurch ausgelöst werden, das jemand nach einem Schlag zu Boden fällt und dort mit dem Kopf voll aufschlägt. Dabei kann nicht nur das Gehirn, sondern auch die Wirbelsäule geschädigt werden. Natürlich, im Ernstfall steht die eigene Unversehrtheit an erster Stelle, aber trotzdem sollte jeder Mensch, der sich mit dem Thema Selbstverteidigung beschäftigt, auch einmal klar machen, welche Konsequenzen sein Handeln haben kann. Vor dem Hintergrund der Risikobewertung, bin ich aber überzeugt davon, das ein gut ausgeführter Würgegriff, die bessere und humanere Wahl ist, die ein sehr geringes Risiko für Folgeschäden hat.

Schläge im Bodenkampf
Wenn ich an Schläge aus der Mount denke, muss ich immer an den Kampf zwischen Pat Smith und Scott Morris denken. Dieser Kampf fand vor 26 Jahren bei der zweiten UFC Veranstaltung statt und ist heute noch bei Youtube zu finden (https://youtu.be/ms7CF2xZ61c). Beide Kämpfer waren eigentlich Standkämpfer aber Patrick Smith hatte wohl etwas mehr Bodenkampf Erfahrung. Als Smith in der Mount Position landete, feuerte er eine regelrechte Tirade an Schlägen und Ellenbogenstößen ab und beendete den Kampf innerhalb weniger Sekunden. Sein Gegner wurde so brutal zerstört, das mir der Kampf bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Auch Rickson Gracie hat in seinen Kämpfen immer wieder gezielte Schläge aus der Mount Position angesetzt, um den Kampf zu beenden. Es ist also definitiv eine gute Option für den BJJ Anwender in einer SV Situation.

Der untrainierte Gegner, wird den Schlägen aus der Mount Position nichts entgegen zu setzen haben und entweder wild mit den Händen herumfuchteln, oder sich auf den Bauch drehen. Beides gute Optionen, um einen Würgegriff anzuwenden. Da man in der SV jedoch keine MMA Handschuhe trägt, würde ich Schläge mit der offenen Hand empfehlen, um sich nicht die Hand zu brechen, bzw. an den Zähnen des Gegners zu verletzen. Allerdings sollte man beachten, das der Kopf des Gegners in dieser Position fast schon am Boden fixiert ist, Schläge führen dazu, das der Hinterkopf auf den Asphalt aufschlägt und das kann eben schwere Verletzungen bedeuten. Ein Würgegriff wäre auch hier wieder die humanere Wahl, aber man kann auch relativ leichte Schläge und Ohrfeigen dazu nutzen, den Gegner in einen Würgegriff zu manövrieren.

Das war er, mein kleiner Einblick in die SV Strategie des BJJ, oder sollte ich vielleicht sagen in das „A-Game“. Das was ich in den letzten 3 Artikeln beschrieben habe, ist der ideale Kampfablauf. Man überbrückt die Distanz, kontrolliert den Clinch und beendet den Kampf aus den oberen Positionen am Boden. Allerdings gibt es auch noch eine ganz andere Welt im BJJ, die mindestens genauso groß ist. Die Welt der Fehler und des Chaos. Was wenn alles schief läuft? Wenn der Gegner mich in die Ecke drängt, zu Boden wirft und auf mich einschlägt? Was wenn er mich überraschend von hinten würgt oder in den Schwitzkasten nimmt?

Für all diese Fragen hat das BJJ Antworten und welche das sind, werde ich demnächst hier erläutern.:-)