Self Defense First – Warum Selbstverteidigung beim BJJ an erster Stelle stehen sollte

Self Defense

„Self Defense First“ ist nicht nur ein Spruch, sondern etwas was ich so erleben durfte. Ich glaube, ich habe schon einmal über meine ersten Erfahrungen mit dem BJJ in den Neunziger Jahren geschrieben. Von daher brauche ich mich jetzt nicht großartig zu wiederholen. BJJ war für uns damals Kämpfen, egal ob Selbstverteidigung, Kämpfe im Ring oder Dojo Challenge Fights, Brazilian Jiu Jitsu war zum Kämpfen gemacht und so trainieren wir es auch heute noch. Leider ist der SV und Kampf Aspekte im BJJ immer weiter in Vergessenheit geraten und es gibt nur einige wenige Schulen, die diese Aspekte als regulären Teil ihres Trainings unterrichten. BJJ wurde zu einem modernen Wettkampfsport, einer Subkultur, welche plötzlich vollkommen neue Werte und Ideale hat und nur für wenige Menschen wirklich attraktiv ist.

Hätte ich damals ein Sport BJJ Video aus dem Jahr 2020 gesehen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, diese Kunst zu praktizieren. Warum sollte ich mich auf den Boden setzen und dann irgendwelche extrem beweglichen und athletischen Bewegungen ausführen, um mich damit selber zu verteidigen? Verstehen Sie mich nicht falsch, Sport BJJ ist ein extrem technischer und anspruchsvoller Wettkampfsport und ich mag die No-Gi Version auch selber sehr gerne, aber ohne den Bezug zum realen Kämpfen, hätte ich niemals verstanden, warum ich überhaupt am Boden kämpfen sollte.

Wenn man BJJ betrachtet, muss man ehrlich zugeben, das es nur eine Randsportart ist. Eine Subkultur, junger, athletischer Menschen, die den Lifestyle und Wettkampfaspekt dieser Sportart mögen und sie deshalb praktizieren. So wird es nach außen propagiert, so wird es unterrichtet und so wird es sich wahrscheinlich auch immer weiter entwickeln.
Es hat wenig praktischen Nutzen für Menschen die Selbstverteidigung lernen wollen. Es bietet keine speziellen SV Techniken, es ist physisch extrem anspruchsvoll und das gesamte Training ist auf den Wettkampfaspekt ausgerichtet und genau deshalb finden nur sehr wenige Menschen den Weg zum BJJ, bzw. werden sofort abgeschreckt, wenn sie auf der Suche nach einer Selbstverteidigung sind.

Ich finde das sehr schade und habe mich schon seit einiger Zeit dazu entschlossen diesem Trend entgegen zu treten. Ich glaube nämlich das BJJ, richtig unterrichtet, eine hervorragende Selbstverteidigung für fast jeden Menschen ist und auch eine enorme Bereicherung im Bereich der SV sein kann. BJJ bietet ringerische Lösungen, um einen Konflikt zu lösen und genau das hat viele Vorteile, welche ich in diesem Artikel, vor einiger Zeit beschrieben habe. Ich bin überzeugt davon, das der Selbstverteidigungsaspekt im BJJ am Anfang des Training stehen muss und das jeder Schüler diesen Prozess durchlaufen sollte. Warum und welche Vorteile das bietet, ist Thema dieses Artikels.

Der Sinn des BJJ liegt in der SV
Warum ist die Mount Position eine bessere Position als die Guard Position? Warum ist Back Mount besser als Side Mount? Im BJJ Wettkampf gibt es für Mount und Back Mount die meisten Punkte, aber warum ist das so? Warum kriege ich nicht die gleichen Punkte, wenn ich meinen Gegner in den Schwitzkasten nehme? Nun, man könnte dem geneigten Neuling einen längeren Vortrag über die technischen Möglichkeiten innerhalb der verschiedenen Positionen halten, oder einfach locker mit Schlägen rollen und ihm zeigen, in welcher Position er am hilflosesten ist und er die meisten Schläge einsteckt. Bei der zweiten Möglichkeit, hat er dies schon nach wenigen Momenten unmissverständlich begriffen, auch wenn er sonst keine Ahnung vom BJJ hat.

Genau das ist der Punkt, die Anwendung des BJJ im realen Kampf, verdeutlicht sofort, warum die Kampfkunst so ist, wie sie ist. Die positionelle Hierarchie, der Fokus auf „Position over Submission“, all das kann der Schüler besser verstehen, wenn er sieht wie BJJ im Kontext der SV funktioniert. Damit entwickelt er von Anfang an ein besseres und präziseres Verständnis für die von ihm praktizierte Kampfkunst. Auch wenn er danach vielleicht nur noch Interesse an den sportlichen Aspekten des BJJ hat, wird diese Anfangszeit ihn prägen und sein BJJ auf eine bestimmte Art und Weise definieren.

BJJ für alle Menschen
Nicht jeder Mensch hat Lust ein richtiger Athlet und Kämpfer zu werden und sich sportlich mit BJJ zu messen. Genau deshalb sind viele Menschen auch abgeschreckt. Die Vorstellung sich mit schwitzenden Menschen am Boden herum zu rollen und dabei gewürgt zu werden, ist für viele potentielle SV Interessenten unangenehm. Ja es ist realistisch, ja es gehört später im BJJ dazu und ja es macht auch die SV Fähigkeiten besser, aber Fakt ist nun einmal das viele Menschen so abgeschreckt sind, das sie diesen großen Schritt gar nicht erst wagen. Genau hier kommt das Selbstverteidigungstraining ins Spiel. Es bietet einen angenehmeren und einfacheren Rahmen, um mit dieser Kampfkunst anzufangen. Technische Abläufe und Simulationen sind besser skalierbar und bieten schnellere Erfolgserlebnisse.

In dieser Zeit lernt der Schüler BJJ besser kennen und kann langsam an die Realität des sportlichen Rollens herangeführt werden. Nicht alle werden es mögen, bzw. praktizieren, aber es werden mehr Menschen den Sprung schaffen, als ohne SV Training. Darüber hinaus können die Leute, die keine Ambitionen am sportlichen Zweikampf haben, weiter abwechslungsreich und realistisch trainieren und so dabei helfen, die Kampfkunst weiter zu verbreiten und wachsen zu lassen.

BJJ und die Rentabilität einer Schule
Wer eine Kampfkunstschule beruflich oder nebenberuflich betreibt, hat natürlich auch den finanziellen Erfolg im Sinn. Selbst wenn man ein „Hardcore Gym“ betreibt und nur Wettkämpfer ausbildet, muss die Miete und die anderen Kosten schließlich bezahlt werden und da die Unterrichtspreise im BJJ nur ein Viertel von denen in den USA betragen, braucht man dazu eben auch eine menge Schüler. Das BJJ Selbstverteidigungstraining ist, wie schon beschrieben, eine sinnvolle Ergänzung für fast alle Menschen und hat einen enormen Mehrwert. Während Sport BJJ meist nur etwas für einige wenige Enthusiasten ist, bietet die Selbstverteidigung ein breites Spektrum an Schülern, denn wie schon gesagt, kann es fast jeder gebrauchen und für sich nutzen. Ich vergleiche das SV Training gerne mit einem Trichter der viele Menschen in die eigene Schule führt, nicht alle werden bleiben und langfristig trainieren, aber es werden doch immer einige übrig bleiben und der „Trichter“ sorgt für immer neue Schüler.

Tradition bewahren und weiterentwickeln
BJJ ist aus Tradition Kampfkunst und Selbstverteidigung. Erst war das Kämpfen und viele Jahrzehnte später, erst der sportliche Wettkampf. Diese Tradition hat BJJ stark gemacht und über viele Jahre wachsen lassen. Selbst als Royce Gracie, 1993 den ersten UFC gewann, war BJJ in erster Linie eine Kampfkunst und kein Sport. Ich habe diese Tradition noch so erlebt, denn die Blackbelts und Meister in den Neunziger Jahren, waren nicht nur guter Sportler, sondern fast immer auch gute Kämpfer. Während sich das sportliche BJJ mit und ohne Gi immer weiter entwickelt und geradezu explodiert, fristet das BJJ zur SV doch eher ein Schattendasein. Dabei hat es ein riesiges Potential und ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen. Von daher gibt es hier die Chance nicht nur eine Tradition zu bewahren, sondern eine Kunst weiter zu entwickeln, die andernfalls in Vergessenheit geraten würde.

Bereit für den Ernstfall
Körperliche Gewalt kann jederzeit und überall passieren egal wie gut man das sportliche BJJ beherrscht, in Situationen voller Chaos, Aggression und Adrenalin, ist es wichtig sich auf wenige, einfache Techniken verlassen zu können. In einer perfekten SV Situation klappt vieles, aber leider sind die wenigsten SV Situationen perfekt und man wird überrascht und macht Fehler. Um in solch einer Situation handlungsfähig zu bleiben, ist es wichtig, starke Grundlagen zu haben, die man auch unter Stress durchziehen kann. Von daher hat das „einfache“ Selbstverteidigungs-BJJ auch seine Berechtigung für fortgeschrittene Anwender.

Eine Ode an den Sport
Bevor ich diesen Artikel beende, gibt es noch eine Ode an das No-Gi Sport BJJ. Ich liebe es.;-) Ich würde es nie missen wollen, aber ich würde auch nie den Bezug zur SV verlieren wollen.
Sportliches Rollen mit Leuten die genau wissen, wie man eine Technik kontert, ist eine ständige Herausforderungen und entwickelt das eigene BJJ auf ein extrem hohes Level. Es steigert die sportspezifische Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit und hilft dabei ein besserer Mensch zu werden. Wenn ich mit jemanden jahrelang trainiere und z.B. einen Würgegriff ansetzen will, dann weiß meiner Partner genau was ich von ihm will, er kennt meine Technik, hat einen Konter dafür und ist körperlich aufs BJJ eingestellt. Wenn das dann bei ihm klappt, dann klappt das gegen einen untrainierten Gegner auf der Straße erst recht.

Auf der anderen Seite, zieht mein Trainingspartner beim sportlichen Rollen auch nicht plötzlich ein Messer…..Sie merken, die Anforderungen und Ziele von Sport und SV haben ihre Schnittmenge, aber auch ihre Differenzen. Nur wenn man beide Aspekte versteht und trainiert, kann man seine optimale Leistung abrufen und ständig weiterentwickeln.

SV ist ernst, ohne Schnörkel, ein bisschen hart und gewalttätig. Sport BJJ ist kreativ, spielerisch, Futter für die Seele und für die Entwicklung des eigenen Nervensystems hin zu immer komplexeren Bewegungsabläufen. Beide Seiten sind für die Entwicklung eines Menschen wichtig. Es gibt Zeiten der Gewalt und Zeiten des Friedens, manchmal muss man kämpfen und manchmal Spielen. BJJ verbindet beides und genau das gibt dieser Kunst ihre Seele.

Zurück in die Vergangenheit – Teil 2: Die sieben Tugenden des BJJ

Sieben Tugenden BJJ
Yoga Atmung im Jahr 2012

Anmerkung: Auch dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2012 und folgte damals dem ersten Artikel meiner Serie. Hier geht es mehr um die mentalen und spirituellen Aspekte des BJJ. Einiges würde ich heute anders formulieren, aber viele Sachen treffen genau den Punkt.

Die sieben Tugenden des Jiu Jitsu

Mein letzter Artikel „Wie Street ist dein Jiu Jitsu?“ behandelte hauptsächlich die kämpferische Seite dieses Stils. Heute geht es um die inneren Werte der „Sanften Kunst“. Ich möchte einmal ausführlich über die 7 Tugenden des Jiu Jitsu schreiben, die diese Kunst durch und durch geprägt und geformt haben. Egal ob auf den Schlachtfeldern im alten Japan, an den Stränden von Rio, oder den Straßen und Käfigen der Neuzeit. Jiu Jitsu ist nicht einfach nur ein Weg um Kämpfe zu gewinnen, sondern eine Lebensphilosophie, die Menschen schützt, heilt und vor unnötiger Aggression und Gewalt schützt.

Was also sind die 7 Werte des Jiu Jitsu, wie wirken sie sich auf den Anwender aus und warum sind sie so wichtig?

Andere Menschen und sich selbst nicht vorsätzlich verletzen
Jiu Jitsu bedeutet übersetzt „Sanfte Kunst“ und lässt damit schon im Namen erkennen, was die wichtigste Eigenschaft dieser Kampfkunst ist. Es ist der Weg, einen potentiellen Angreifer zu besiegen und ihn dabei so wenig wie möglich und nur soviel wie nötig zu verletzen. Egal wie groß die Aggression auch sein mag, der Jiu Jitsu Kämpfer lässt sich nicht vom Hass seines Gegners anstecken und antwortet auf Gewalt mit ruhigem Geist und reinem Herzen.

Im Jiu Jitsu geht es nicht darum einen Angreifer zu zerstören oder zu betrafen, denn jede Bewegung die man mit Wut und Aggression ausführt, schädigt auch den eigenen Körper und hinterlässt ihre Spuren. Darüber hinaus wussten die alten Meister wie negativ sich starke Emotionen auf die eigene Leistung auswirken. Nur wer mit leerem Geist in den Kampf geht, hat die Möglichkeit sein volles Potential zu nutzen. Aggression ist letzlich nur eine andere Form von Angst, die uns einschränkt und uns unserer Möglichkeiten beraubt.

Auf einer höheren Ebene sind wir Menschen energetisch alle miteinander verbunden und jeder Angriff auf einen anderen Menschen ist letztlich nur ein Angriff auf sich selber. Deshalb lehrt Jiu Jitsu eine sanfte Kunst der Verteidigung, wobei sanft nicht mit schwach verwechselt werden sollte. Wer Jiu Jitsu trainiert, trainiert für einen gesunden und starken Körper. Die Wahrung und Wiederherstellung der Gesundheit ist das höchste Gut dieser Kampfkunst. Helio Gracie, der 95 Jahre alt wurde und bis 2 oder 3 Tage vor seiner Transformation in die geistige Welt noch auf der Matte stand, ist dafür das beste Beispiel.

Es werden keine Übungen ausgeführt, die den Körper abhärten oder abstumpfen lassen oder ihn auf irgendeine Weise bewusst schaden. Unnötige Verspannungen und Verkrampfungen werden vermieden und die Bewegungen sind meist relativ flüssig und entspannt. Rickson Gracie, der vielleicht beste Jiu Jitsu Kämpfer der Neuzeit, legt einen großen Fokus auf Atmung und innere Organisation des Körpers. Nur wer mit sich selbst im Einklang ist und mit seinem Körper arbeitet, trainiert im Geiste des Jiu Jitsu

Ehrlichkeit zu sich selber und anderen
Jiu Jitsu lehrt Ehrlichkeit, denn die vielleicht ehrlichste Form des Informationsaustauschs ist die Berührung. Worte können lügen und verwirren, aber die unbewussten Bewegungen eines Menschen zeigen seinen wahren Charakter. Jiu Jitsu basiert auf handfesten Konzepten, auf Trainingskämpfen und intensiver körperlicher und geistiger Arbeit. Wer sich auf diese Art und Weise mit sich selber beschäftigt, wird fast täglich mit seinen Stärken und Schwächen konfrontiert und es gibt keinen Platz für Lügen und Fantasiewelten. Man erfährt die unterschiedlichsten Emotionen während des Trainings, muss sich seinen Ängsten stellen und das eigene Ego bezwingen, das zwangsläufig immer irgendwann in diesem Prozess auftaucht und Tribut gezollt haben will.

Wer Jiu Jitsu lernt, lernt wie er sich aus den schlechtesten Situationen des Zweikampfs befreien kann. Es gibt erst einmal keine strahlend-schöne Kicks oder beeindruckende Schläge, sondern man befindet sich am Boden, im Schwitzkasten. Man hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, und JETZT beginnt man damit wieder die „Kohlen aus dem Feuer“ zu holen und sich zu befreien. Was könnte ehrlicher sein? Nur wer seine eigenen Schwächen akzeptiert, kann sie überwinden. Wir sind keine Superhelden. Wir werden geschlagen, wir fallen auf den Boden, jemand würgt uns. Kein Platz um Stolz zu sein und genau das ist der Anfangspunkt des Jiu Jitsu.

Aus dieser Ehrlichkeit heraus, entwickelt man seine Fähigkeiten und wer lange genug trainiert, kann Dinge tun, die am Rande des menschlichen Vorstellungsvermögens sind. All das ist möglich, aber beginnen tut die Reise mit einer tiefen Ehrlichkeit, gegenüber anderen Menschen. und sich selber.

Akzeptanz
Akzeptanz ist ein wichtiger Schritt bei der Entwicklung zu den tieferen Ebenen des Jiu Jitsu.
Der Kämpfer akzeptiert die Welt so wie sie ist. Er wie? von Gut und Böse, Liebe und Hass und den anderen Gegensätzen der Polarität. Im Jiu Jitsu lernt man sich aus schlechten Positionen und gefährlichen Techniken zu befreien. Man versucht nicht diese zu verleugnen und sagt, dass man sie von vorneherein vermeiden kann, sondern akzeptiert die Tatsache, dass man als Mensch Fehler macht.

Diese Akzeptanz schenkt Freiheit, denn wenn man weiß dass man sich auch aus schlechten Positionen (im Leben wie auf der Matte) befreien kann, verliert man die Angst davor. Aus dieser Akzeptanz schöpft man dann die Kraft und Kreativität, Techniken und Bewegungen zu erschaffen. Diese Erfahrung macht ruhiger und entspannter und man hört auf, Dinge voreilig zu be- oder verurteilen. Man macht keine Schnellschüsse, reagiert nicht über und will auch keine Garantien für irgendetwas.

Man akzeptiert das Leben, das Chaos des Kampfes und die Wunder der Schöpfung auf einer tieferen Ebene. Die Gedanken die immer sofort nach einer Lösung suchen, sind abgeschaltet und eine gewisse Ruhe und Stille ergreift das eigene Sein. Aus dieser Erfahrung schöpft man Kraft und Sicherheit und verändert sich körperlich wie auch geistig. Man wird ruhiger, präziser und hat ein besseres Gefühl.

(Mit)Gefühl

Auch wenn wir Menschen spirituell alle miteinander verbunden sind, tun die Menschen oft ihr Bestes diese Verbindung zu zerstören. Gefühl für andere Menschen und auch für sich selber, wird ersetzt durch einen inneren Dialog und eigene Konstrukte des Egos. Auf körperlicher Ebene sind es vorgeplante Techniken und Strategien, die dies zum Ausdruck bringen. Man reagiert nicht auf den eigenen Körper oder die Aktionen des Gegners, sondern auf das, was das eigene Ego, der eigene Geist vorher konditioniert und geplant hat.

Der Jiu Jitsu Kämpfer entgeht diesem selbstgebauten Käfig, indem er Körper und Geist von unnötigen Verspannungen und Emotionen befreit. Rickson Gracie sagte einmal: „I´am on a zero point connected with everything“ und das spiegelt gut die Philosophie des Jiu Jitsu wieder. Man fühlt seinen Gegner, weil man sich selber fühlen kann und je mehr man den eigenen Körper wahrnimmt, desto mehr liefert dieser Informationen über die Umwelt, bzw. den möglichen Angreifer.

Unser Ego ist nur sehr begrenzt fähig, Informationen über so komplexe Abläufe wie einen Zweikampf (oder auch das Leben;-) zu liefern. Fühlen ist denken auf einer höheren Ebene, unter Einbeziehung all unserer körperlichen und mentalen Fähigkeiten.

Dankbarkeit
Dankbarkeit entsteht aus der Tiefe, mit der Jiu Jitsu einen Menschen verändert. Sie gibt Selbstvertrauen, besiegt die eigenen Ängste, befreit den Körper und beruhigt den Geist und gibt uns darüber hinaus, die Mittel einen Angreifer schnell und effektiv zu besiegen. Jiu Jitsu ist nicht nur einfach ein Sport oder eine Selbtverteidigung, sondern etwas viel Persönlicheres. Ich kann mich gut daran erinnern, wie Jiu Jitsu mich in guten und schlechten Zeiten begleitet hat und immer irgendwie da war. Selbst, wenn man es körperlich nicht ausführen konnte war seine Präsens zu fühlen.

Jiu Jitsu ist eine Kampfkunst für das Leben und diese positive Energie erfüllt mit Dankbarkeit und Demut. Es geht plötzlich nicht mehr darum, was andere tun können, und ob man selber das richtige tut. Zweifel verstummen, Ängste und Wut lösen sich auf. Diese tiefe Dankbarkeit löst alle negativen Energien auf und stärkt gleichzeitig auch die anderen Werte des Jiu Jitsu. Wer dankbar ist, hat mehr Gefühl für sich und seine Mitmenschen, akzeptiert leichter, ist ehrlicher zu sich selber und will niemanden unnötig verletzen. Es ist der Sieg der Menschlichkeit über Wut und Zerstörung und Dankbarkeit ist die logische Konsequenz dieses Prozesses.

Demut
Jetzt wird es tief, richtig tief. Demut steht in unserer heutigen Gesellschaft nicht wirklich hoch im Kurs, denn das eigene Ego mag keine Demut. Wir glauben, uns über alles erheben zu können und fühlen uns wie Götter. Das Ironische daran ist, genau dieses Erheben trennt uns vom Göttlichen, von der Energie, die uns vereint. Das Gegenteil von Demut ist Stolz. Wir sind stolz auf unseren Stil. Unser Stil ist besser, cooler, brutaler, weicher, härter, usw. als die anderen Stile und deshalb sind wir besser. Stolz wirkt wie eine Droge, erst kommt der Rausch, doch irgendwann ist das Leid unvermeidbar, denn die Sucht nach äusserlicher Anerkennung wird immer größer.


Demut entsteht, wenn wir begreifen, dass nicht wir tun, sondern dass durch uns getan wird. Es gibt etwas, dem wir vertrauen können. Wenn wir loslassen, wenn wir uns hingeben, wenn wir Demut zeigen, dann bekommen wir Zugang zu dieser Kraft. Demut kommt mit Dankbarkeit. Je mehr der Jiu Jitsu Kämpfer erkennt, dass es keine Grenzen gibt, dass das eigene Wachstum nie aufhört und dass die Geheimnisse dieser Kunst nicht in Äußerlichkeiten, sondern tief im menschlichen Sein zu finden sind, desto mehr wird er diese Energie fühlen.

Wer Misogi Übungen und Atemtechniken ausführt, um Körper und Geist zu reinigen, wird oft dieses tiefe Gefühl von Demut empfinden. Eine tiefe Liebe, die dem Jiu Jitsu Kämpfer Vertrauen und Glauben schenkt, ihn unabhängig werden lässt und den Wunsch des Egos nach äußerlicher Bestätigung auflöst.

Stille
Die Stille ist der Schlüssel zum göttlichen. Jiu Jitsu ist ein Weg das eigene Ego zu beruhigen und den Strom der eigenen Gedanken für einige Zeit komplett zum Stillstand zu bringen. Wer die Stille erfährt, hat in das Angesicht der allumfassenden Wahrheit geblickt und wird in diesem Zustand keine Fragen mehr haben. All die Werte des Jiu Jitsu führen zur Stille und gleichzeitig führt die Stille auch zu all den anderen Werten dieser Kunst. Die Illusion der Trennung ist in diesem Moment aufgehoben und man fühlt die spirituelle Enrgie, der wir alle entspringen. Wer die Meisterschaft des Jiu Jitsu erlangt hat, ist in dieser Stille und erschafft seine Bewegungen aus diesem Zustand heraus.

Er ist frei, keine Emotion, kein Zweifel, kein unnötiges Klammern. Die richtige Bewegung, passiert zu richtigen Zeit. Man erschafft und vergisst und vor allem ist es einem egal, denn nicht das Ergebnis, sondern der Moment zählt für einen. Die 7 Tugenden des Jiu Jitsu, sind keine pragmatische Anleitung für mehr Erfolg auf der Matte, sondern der Versuch, das Unausprechliche in Worte zu fassen. Es geht nicht um Kampf, Wut und Aggression, sondern um Heilung, Verständnis und Freiheit. Die sanfte Kunst, eine Kampfkunst für den Menschen.

Zurück in die Vergangenheit – Teil 1: Wie Street ist mein Jiu Jitsu

Street Jiu Jitsu
Oldschool BJJ mit Rickson Gracie im November 2012

Anmerkung: An dieser Stelle möchte ich einmal einige Artikel aus den Jahren 2006-2012 veröffentlichen. Nicht alles was ich damals geschrieben habe, hat heute noch Bestand, aber es gibt doch erstaunliche Parallelen zu meinen aktuellen Texten. Den Anfang macht „Wie Street ist mein Jiu Jitsu – 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte“, ein Artikel aus dem Jahr 2012, einer Zeit in der ich sehr stark dem „Oldschool BJJ“ verbunden war.

Wie Street ist mein Jiu Jitsu – oder 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte

Die guten alten Neunziger. Im Radio lief Jam and Spoon, Brazilian Jiu Jitsu war fast vollkommen unbekannt und die Leute die es kannten, wussten das Royce Gracie „The baddest man on the planet“ war….

BJJ war für uns damals eine Form der Selbstverteidigung. Royce ging in den Käfig, es gab nahezu keine Regeln und er besiegte jeden seiner Gegner, mal mit Leichtigkeit und mal mit viel Dramatik. Submission Wrestling oder Sport BJJ war für uns überhaupt nicht existent und ich denke das es nicht vor 97 oder 98 war, das wir das erste Mal davon hörten. Jiu Jitsu war Kampf, es war die sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und genau das hat uns so daran fasziniert. Knapp 20 Jahre später ist alles anders. Grappling boomt, wenn auch nicht in Deutschland, so zumindest in den USA und es gibt eine riesige Wettkampfszene, die dazu beigetragen hat, das das sportliche Grappling Quantensprünge gemacht hat.

Für uns war Submission Wrestling immer eher ein Trainingstool, mit dem wir bestimmte Fähigkeiten des Kämpfens verbessern wollten. Es war nur Mittel zum Zweck und kaum einer meiner Schüler (inkl. mir), kannte sich mit der Punktevergabe und den Regeln aus. Das lag vielleicht auch daran, das in dieser Zeit sowieso fast alles erlaubt war, was irgendwie aus dem BJJ, Judo oder Grappling stammte. Der Trend zum sportlichen Grappling ist nicht uneingeschränkt schlecht, er hat viele Vorteile, aber wer BJJ zum Kämpfen nutzen möchte, der sollte sich ein paar Fragen ehrlich beantworten.

1. Hab ich Angst vor Schlägen und Tritten, bzw. kann ich sie abwehren?
Auch wenn viele Kämpfe am Boden enden, sie beginnen meistens im Stand und zwar in einer Distanz, in der man getreten oder geschlagen werden kann. Diesem Stress muss man sich im Training stellen, um sich daran zu gewöhnen und das richtige Timing für seine Würfe zu entwickeln. Einfaches nach vorne Stürmen, ist keine Lösung und hält so manch böse Überraschung bereit. Es geht nicht darum, selber ein guter Boxer oder Kicker zu sein (das ist ein völlig anderes Timing), sondern ein Gefühl für das Clinchen zu bekommen. Dieses Gefühl ist eine Eigenart des alten BJJ und macht es so wirksam, denn egal wie gut man am Boden ist, wenn man im Stand hart getroffen wird, endet man vielleicht gar nicht mehr in seiner Lieblingsdistanz.

2. Kann ich meine Würfe auch ohne weiche Matte ausführen?
Grundsätzlich kann man jeden Wurf ohne Matte ausführen, zumindest einmal. Wenn man jedoch Wert auf die eigene Gesundheit legt, sollte man seinen Gegner auf der Straße nicht unbedingt mit einem tiefen doppelten Beinangriff von den Beinen holen, weil sich sonst die eigene Kniescheibe und was sonst noch dazu gehört beschweren könnte. Auch das in die Guard springen oder sich auf den Hintern setzen und den Gegner zu Boden locken, sind keine geeigneten Strategien, Jiu Jitsu im Straßenkampf umzusetzen. Im Gegenteil, es sind fast schon Garantien dafür, das man den Kampf verliert. Sie brauchen einfache aber gute Würfe aus dem Clinch, dazu gehören abgewandelte Versionen von Judo Würfen und Techniken aus dem Greco-Roman Wrestling. Allerdings immer unter der Beachtung, das der Gegner schlagen oder mit dem Kopf stoßen kann und der Boden im Ernstfall sehr oft, sehr hart ist.

Um wirklich effektiv Kämpfen zu können benötigt man darüber hinaus auch die Fähigkeit, im Clinch Schläge und Stöße zu vermeiden und den Gegner zu kontrollieren. Nur so bieten sich dann die Möglichkeiten für Wurftechniken. Die Fähigkeit einen Angreifer gezielt werfen zu können, spielt gerade auch beim Kampf gegen mehrere Gegner eine große Rolle. Je schneller man jemanden zu Boden wirft, desto mehr Zeit hat man für Gegenangriffe, denn es gibt kaum eine Position die den Gegner so immobilisiert wie in die Bodenlage. Dies kann man nutzen um z.B. gezielte Stampftritte anzuwenden. Ein Wurf selber kann auch anders als Waffe eingesetzt werden, nämlich indem man einen Angreifer gezielt vor ein Auto, aus einem Fenster, oder auf einen Zaun wirft, um den Kampf schnell zu entscheiden.

Das solche Techniken nur im absoluten Notfall zur Anwendung kommen sollten, versteht sich von selber

3. Habe ich ein starkes Top Game?
Clinch – Takedown – Submission. So einfach kann das Leben sein, wenn man weiß welche Strategie für den regellosen Kampf geeignet ist. Anders als beim sportlichen Grappling, ist die Guard in einem echten Kampf nur die zweite Wahl. Ziel ist es immer die Mount, bzw. Back-Mount Position zu erreichen, den Angreifer mit Schlägen und guter Kontrolle dazu zu bringen einen Fehler zu machen und ihn dann zur Aufgabe zu zwingen. Genau deshalb ist es wichtig, ein stabiles Top Game zu haben. Keine Twister Rollen aus Side Mount, oder Triangles aus der Mount Position. Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle und danach Bent Armlock, Pillow Choke oder Mata Leao. Wenn das alles nichts hilft dann kommen zusätzlich noch Kopf- und Ellenbogenstöße ins Spiel, um den Kampf mit unschönen Mitteln zu entscheiden. Außerdem kann man vom Top Game auch, leicht aufstehen, Stampftritte ausführen, oder sich um andere Angreifer kümmern. Von daher ist „Guard Pulling“ keine Option für straßentaugliches Jiu Jitsu.

4. Habe ich eine „schlagfeste“ Guard
X-Guard, Turtle Guard, Half Guard, usw. alles schöne Positionen um im sportlichen Wettkampf zu bestehen und den Gegner mit ringerischen Mitteln zur Aufgabe zu zwingen, aber wenn Schläge erlaubt sind, verlieren diese Techniken ihren Sinn. Eine schlagfeste Guard, besteht aus einer starken geschlossenen Guard und einer sehr engen offenen, bzw. Spider Guard. Die Kontrolle der gegnerischen Arme und des Kopfes (Kopfstoß Gefahr) hat oberste Priorität. Gerade Kopfstöße sind in der Guard, von dem Gegner in Oberlage, sehr leicht auszuführen. Was ist mit Knien in die Oberschenkel, bzw. das Becken? Was mit Biss-Attacken? Man sollte auf all diese Dinge vorbereitet sein. Auch die eigenen Schlagtechniken aus der Guard sollte man nicht unterschätzen. Fersen Kicks in die Nieren. Ellebogen auf den Hinterkopf, Handflächenschläge auf Schläfe und Ohr, alles legitime Jiu Jitsu Techniken aus der Guard. Allerdings nur dann, wenn man sie auch regelmäßig trainiert.

5. Bin ich körperlich fit?
Jiu Jitsu ist ein schöner Sport und gibt dem Anwender viele technische Vorteile, aber egal wie technisch man ist, in einem Kampf in dem alles erlaubt ist, braucht man mehr als nur Jiu Jitsu. Man braucht jeden Vorteil den man kriegen kann und körperliche Fitness, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, usw. sind immer von Vorteil. Gerade die Ausdauer und Kraftausdauer spielen eine wichtige Rolle im Grappling und man sollte zusätzlich zu seinem regulären Training, noch ein funktionelles Fitness Training ausführen. Fighter-Fitness, z.B. wäre eine gute Option. In einem echten Kampf weiß man nie wie lange man bis zum Sieg kämpfen muss. Wenn man beim Joggen, mitten im Wald angegriffen wird und der 30 Kilo schwerere Angreifer liegt auf einem, dann gibt es keinen Ringrichter. Man muss den Gegner müde machen, ihn systematisch zerstören und schließlich entweder die Knochen brechen, ihn ohnmächtig würgen, oder ihn aus der Mount Position mit Schlagtechniken K.O. schlagen und dafür braucht man Ausdauer.;-)

6. Bin ich vom Gi abhängig?
Wird man häufiger von Menschen in langen Hosen und Jacken, bzw. Pullovern angegriffen oder eher von verschwitzten Männern in Badehosen? Das hängt zu einem Großteil davon ab, wo man seine Freizeit verbringt und ich will mir auch darüber keinerlei Gedanken machen müssen. Ein guter Kämpfer nutzt das was er hat, er nimmt das Rever des Gegners wenn gerade eines da ist, oder er würgt den gegnerischen Hals mit bloßen Händen. Entscheidend ist, das man auf alles vorbereitet und nicht abhängig davon ist, welche Kleidung ein Angreifer trägt. Friedrich Jiu Jitsu basiert auf No-Gi Training, aber wir arbeiten auch regelmäßig mit dem Gi als Hilfsmittel, bzw. Variable im realen Zweikampf.

7. Habe ich gute Submissions?
Es gibt keinen Punktsieg auf der Straße, alles was zählt, ist es den Kampf unbeschadet zu überstehen und den Gegner kampfunfähig zu machen. Aggressive Submissions sind von daher mehr als notwendig, wenn man sich erfolgreich verteidigen will. Wer also sein Jiu Jitsu auf Punkten aufgebaut hat, oder gerne auf Zeit spielt, sollte sich klar machen, das er damit im vollkommenen Gegensatz zur Philosophie des Oldschool BJJ steht. Das Ziel im Jiu Jitsu ist immer, den Gegner zur Aufgabe zu zwingen, bzw. ihm so zu verletzen, das er den Kampf nicht mehr weiterführen kann und will. Jede Position ist also nicht einfach nur zum Selbstzweck geschaffen worden, sondern stellt eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Endziel da: Den Gegner kampfunfähig zu machen.

8. Habe ich die richtige mentale Einstellung?
Jiu Jitsu ist kein Sport, wenn jemand versucht Kopfstöße und Schläge anzubringen, Blut fließt und man mit ungezügelter menschlicher Gewalt konfrontiert wird, braucht man eine klare mentale Einstellung. Jede Emotion, egal ob Angst, Wut, Aggression, usw. verklärt die eigene Entscheidungsfähigkeit, körperlich und auch mental.
Weder Mitleid noch Selbstmitleid sind in diesem Moment gefragt, es ist wichtig das mam eine distanzierte Haltung zur Situation entwickelt und vollkommen ohne Emotionen reagiert. Man versucht weder den Gegner zu schonen, noch ihn unnötig zu verletzen, das Ziel ist ganz klar. Die bedrohliche Situation aufzulösen und dabei unnötigen Schaden an sich selber und auch am Angreifer zu vermeiden. Bei aller Gewalt sollte man nämlich eines nie vergessen: Jiu Jitsu bietet eine sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und schützt so nicht nur den eigenen Körper, sondern auch die eigene Psyche und den Charakter.

Bodenkampf, Soccer Kicks & Dirty Tricks

Dirty Tricks

Wenn es um Bodenkampf und Selbstverteidigung geht, dann gibt es eine Aussage die früher oder später immer fällt: „Auf der Straße gibt es keine Regeln, da kann ich am Boden auch Beißen, in die Augen greifen und andere „Dirty Tricks“ anwenden, wozu also Brazilian Jiu Jitsu lernen?“ Genau deshalb möchte ich heute das Thema „Dirty Tricks“ genauer Beleuchten und der Frage nachgehen, ob Beißen, Fingerstiche und Co., das BJJ oder Grappling Training komplett ersetzen können. Bevor wir aber in das Für und Wieder einsteigen, möchte ich erst einmal definieren, was genau „Dirty Tricks“ sind und wie man sie verwenden kann.

Beißen
Beißen, ein Klassiker über den ich schon in einem meiner ersten Artikel ausführlich geschrieben habe. Ja, Beißen im Nahkampf und am Boden ist eine Option, es tut weh, hinterlässt Spuren und kann eventuell auch zu gefährlichen Infektionen führen. Auf der anderen Seite kann auch der Beißende selber, potentiell infektiöses Blut in den Mund bekommen. Sie merken schon, Beißen ist an sich keine schöne Sache.;-) Da wir keine Raubtiere sind und auch nicht über deren Gebiss und Instinkt verfügen, hat der Biss eines Menschen in der Regel eine viel geringere Wirkung, als z.B. die eines großen Hundes. Hauptsächlich löst so ein menschlicher Biss Schmerzen aus und sorgt dafür das wir das gebissene Körperteil schnell wegziehen. Diesen Reflex machen wir uns auch im Brazilian Jiu Jitsu zu nutze, wenn wir taktische Bisse anwenden.

Fingerstiche in die Augen
Auch dies ein beliebter schmutziger Trick, der gerne propagiert wird. Natürlich kann man in einer sehr engen Clinch oder Bodenkampf Situation auch die Augen des Gegners mit den eigenen Fingern angreifen. Ob so etwas moralisch und juristisch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Fingerstiche lösen immer eine sehr starke Reaktion beim Gegner aus und reichen vom weg ziehen des Kopfes bis hin zum schnellen Entfernen aus der Kampfsituation. Je nachdem wie stark der Angriff ausgeführt wurde.

Kratzen
Mit Ausnahme von den Augen, dürften Kratzer, gerade am Körper, kaum eine große Wirkung erzielen. Ja so etwas ist unangenehm und tut vielleicht auch weh, aber hey, manche Menschen zahlen sogar Geld dafür, nur um gekratzt zu werden.;-) Von daher würde ich Kratzen als wenig effektiv einschätzen.

Griffe in den Unterleib
Auch dafür zahlen manche Menschen Geld, aber ich will nicht vom Thema abschweifen.;-) Angriffe auf den Unterleib sind immer sehr schmerzhaft und haben eine gewisse Schockwirkung. Je nachdem wie heftig man sie ausführt, können sie auch eine mannstoppende Wirkung haben. Das Problem beim Bodenkampf jedoch ist, das stabile und passgenaue Hosen, wie z.B. Jeans es oft sehr schwer machen, den Unterleib direkt anzugreifen. Sobald der Stoff im Schritt etwas gespannt ist, bietet er einen guten Schutz vor Griffen und auch Schläge aus naher Distanz, kommen nicht so optimal durch. Von daher sind Angriffe gegen den Unterleib zwar grundsätzlich wirksam, aber eben nicht immer optimal einsetzbar.

Spucken
Vielleicht hat Spucken in der momentanen Situation für manche Menschen eine gewisse Schockwirkung, aber grundsätzlich wird sich davon kaum jemand groß beeindrucken lassen. Glauben Sie mir, sie werden sich ihren Weg, nicht aus der Mount Position frei spucken, dafür fehlt es einfach an der Wirkung ihrer Spucke.;-)

Soccer und Stomp Kicks
„Elfmeter Kicks“ und Stampftritte zum Kopf, eines am Boden liegenden Gegners, sind auf zwei Arten extrem effektiv. Erstens wird der Gegner sehr schnell, sehr starke Verletzungen davon tragen und zweitens werden sie dafür wahrscheinlich juristisch auch sehr hart bestraft werden. Wenn ich einen Favorit bei den „Dirty Tricks“ habe, dann sind es diese Kicks, weil sie das Potential haben, einen Kampf in wenigen Sekunden komplett zu beenden. ABER und das ist das große aber, diese Techniken können tödlich sein und extreme moralische und juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Von daher möchte ich davon abraten, seinem angetrunken Schwager, der bei der goldenen Hochzeit der Eltern, einen über den Durst getrunken hat, mit einem Soccer Kick „Manieren beizubringen“.;-) Das könnte üble Folgen haben.

Oil Check
Das beste zum Schluß. 😉 Der berühmt-berüchtigte „Oil Check“ ,also das Einführen des eigenen Daumens in das gegnerische Rektum, kommt ja aus dem Ringen und wird dort öfters eingesetzt. Grundsätzlich ist das bestimmt nicht angenehm, aber auch kein Grund den Kampf aufzugeben. Außerdem gilt hier das Gleiche, wie den Angriffen zum Unterleib, eine relativ enge, stabile Hose bietet dagegen ausreichend Schutz. Von daher würde ich den „Oil Check“ zwar als gute Kontrolltechnik, aber nicht als Aktion zum beenden eines Kampfes einstufen.

Waffen

Waffen sind ein eigenes Thema, welches ich hier jetzt einmal ausklammere. In diesem Artikel geht es wirklich nur um die klassischen „Dirty Tricks“ und ihre Anwendung in einer SV Situation

Welchen Vorteil haben „Dirty Tricks“?
Meiner Meinung nach haben diese Techniken nur einen Vorteil, sie können einen Kampf relativ schnell beenden. Allerdings beschränkt sich das, auf die „Soccer Kicks“ und gut ausgeführte Fingerstiche, bzw. Angriffe auf den Unterleib. Die restlichen Tricks kann man sich eigentlich sparen, weil sie keine mannstoppende Wirkung erzielen werden. Beißen kann zwar taktisch eingesetzt werden, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, aber Beißen alleine, wird auch selten einen Kampf beenden.

Wie Anwendbar sind „Dirty Tricks“?
Genau jetzt kommen wir zu dem vielleicht wichtigsten Punkt, wie anwendbar sind „Dirty Tricks“, wenn man keine Erfahrung im BJJ oder einem anderen Grappling Stil hat? Kann man sich alleine nur mit diesen Tricks befreien, oder einen Angreifer sogar kampfunfähig machen?

Schauen wir uns einfach mal die drei wichtigsten Tricks an. Beginnen wir mit den „Soccer Kicks“ und Stampftritten. Wie effektiv kann man diese ohne Grappling Erfahrung einsetzen? Im Grunde ist das ganz leicht zu beantworten. Diese Techniken funktionieren nur, wenn der Gegner am Boden liegt und man selber steht. Grundsätzlich braucht man dafür also Wurftechniken und Erfahrung im Clinch, um einen Angreifer zu Boden zu werfen. Hat man diese nicht, sind die Fußtritte nicht anwendbar. Fazit: Während ein erfahrener BJJ Anwender mit diesen Techniken großen Schaden anrichten kann, sind sie für den Laien komplett wirkungslos und nicht anwendbar.

Was ist mit den Fingerstichen in die Augen? Das Problem dabei ist, das die positionelle Hierarchie des BJJ so aufgebaut ist, das man immer erst eine gute Position erreichen will, um dann anzugreifen. Wer also in der Mount Position auf seinem Gegner sitzt, kann alles besser. Er kann besser Würgen, Hebeln, Schlagen, oder eben Fingerstiche in die Augen ansetzen. Wer also aus der unteren Position der Mount Position anfangen würde Fingerstiche auszuführen, hätte damit relativ wenig Erfolg und würde seinen Gegner noch daran „erinnern“ das er dies ja aus der oberen Position viel besser machen kann. Dadurch würde es zu einem ungleichen Vergleich der Fingerstiche kommen, den in den meisten Fällen, der Anwender aus der Oberlage gewinnen würde, ganz einfach, weil er sich in der besseren Position befindet. Fazit: Wenn gleich diese Techniken mit viel Glück gegen einen ungeübten Angreifer funktionieren könnten, würden sie in Kombination mit grundlegenden BJJ oder Grappling Techniken viel besser und vor allem zuverlässiger funktionieren. Meiner Meinung nach bieten diese Tricks alleine, keinen sicheren Schutz in einer SV Situation am Boden, weil ein ungeübter Anwender kein Verständnis für die verschiedenen Bodenpositionen und den Befreiungen daraus hat.

Für die Angriffe auf den Unterleib gilt das Gleiche. Je schlechter die Position in der ich mich befinde, desto schwieriger wird es, diese Angriffe auszuführen. Ein starker Gegner kann einen untrainierten Anwender dieser Techniken einfach festhalten, klammern, schlagen, etc. ohne das dieser Antworten darauf hat und meistens in Hektik verfällt. Ist erst einmal Panik ausgebrochen, fehlt die Konzentration und Übersicht diese Techniken anzuwenden. Deshalb ist die Kombination, bzw. das Verständnis für die grundlegenden Prinzipien des BJJ so wichtig. BJJ, bzw. Grappling bietet die Basis, auf der man verschiedene Werkzeuge einsetzen kann. Weitere Infos dazu gibt es auch in meinem letzten Artikel.

Abschließende moralische und juristische Überlegungen
Ich weiß, „Dirty Tricks“ sind beliebt. Je brutaler desto besser, so zumindest in der Theorie, aber wir sollten nie vergessen, Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood. Wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin und ein betrunkener Jugendlicher will sich vor seinen Freunden beweisen und ich trete ihm dann vor meiner Frau und meinem kleinen Sohn, den Kopf mit einem Socker Kick weg, dann kann das traumatische Wirkung für mich und meine Familie haben. Es kann schwerwiegende juristische Folgen haben und es ist fraglich ob ich jemanden aus einem relativ nichtigen Anlass, sein Leben so zerstören muss.

Natürlich, auch solche Situationen können eskalieren, der Jugendliche könnte ein Messer ziehen, usw. aber ich denke wir sollten auch in der Selbstverteidigung versuchen ein gewisses Maß an Menschlichkeit zu wahren. Ja ich möchte mich verteidigen und ich bin auch bereit das in aller Konsequenz zu tun, aber ich muss nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und BJJ gibt mir eben genug Möglichkeiten, solche Sachen relativ menschlich zu lösen. Ein Würgegriff, der Junge schläft ein, wacht ein paar Sekunden später wieder auf und hat eine Lektion fürs Leben gelernt. Keine Spätfolgen, keine Rache, und wahrscheinlich auch keine traumatisierte Familie.

Von daher. „Dirty Tricks“ sollte man kennen, man sollte wissen welche funktionieren und wie man sie anwendet, aber man sollte sich eben auch bewusst sein, das für ein Großteil der SV Situationen, ein konsequentes, aber weniger brutales Vorgehen besser geeignet ist.

Die wahre Stärke des Brazilian Jiu Jitsu

Brazilian Jiu Jitsu  Stärke

Brazilian Jiu Jitsu ist für mich eine effektive und vor allem rudimentäre Form der Selbstverteidigung, die mit relativ wenig Trainingsaufwand funktioniert. Wie genau, das habe ich ja bereits in einigen Artikeln beschrieben und deshalb geht es heute auch weniger um die technischen Aspekte dieser Kampfkunst, sondern eher um einen fundamentalen Aspekt, der für mich in der Anwendung, gerade bei der SV, eine enorm wichtige Rolle spielt.

Ja BJJ funktioniert in allen waffenlosen Kampfdistanzen, ja es ist stark im Nahkampf und natürlich noch stärker am Boden, aber das sind alles technische und taktische Ausprägungen. Es gibt jedoch einen Aspekt, der hinter alle dem steht und der Quasi die Ursprungsenergie des BJJ ist. Es ist ein Aspekt der alles im BJJ definiert, es in Relation setzt und den Kontext für diese Kampfkunst vor gibt. Wenn sie diesen grundlegenden Aspekt verstanden haben, werden Sie ihn in jeder BJJ Technik wiedererkennen und die Technik viel bewusster ausführen.

Hab ich ihr Interesse geweckt? Wollen Sie wissen, was genau hinter diesem geheimnisvollen Aspekt des BJJ steckt? Ich werde es ihnen sagen, es geht um die bewusste Kontrolle der Distanz. Im BJJ dreht sich alles darum, die Distanz entweder gezielt zu verkürzen, oder eben mehr Platz zum Gegner zu schaffen. Egal ob in der Schlagdistanz, im Clinch oder am Boden, es geht immer darum, die Distanz so zu manipulieren, das der BJJ Anwender davon einen Vorteil hat. Genau das macht BJJ für die Selbstverteidigung so attraktiv, denn in praktische Worte gefasst, bedeutet das, das BJJ die Kontrolle des Gegners genauso lehrt, wie die Befreiung und Flucht vor dem Gegner.

Der BJJ Anwender lernt also die bewusste Navigation durch die verschiedenen Kampfdistanzen und dies eben auch in beide Richtungen. Diese Fähigkeit ist extrem wichtig und kann über Stilgrenzen hinweg eingesetzt werden.

Distanzkontrolle in der Schlagdistanz
Fangen wir mit dem Distanzgefühl in der Schlagdistanz an. Ein BJJ Anwender lernt, sich immer außerhalb der Schlagdistanz eines Angreifers zu positionieren, bzw. diese schnell zu unterlaufen, wenn er überraschend angegriffen wird. Diese Fähigkeit ist universell einsetzbar. Ein trainierter Anwender, kann bewusster die Gesprächsdistanz wählen, und kann die Distanz im Gespräch vergrößern, wenn er sich unwohl fühlt. Er kann auch einen Angriff schnell unterbinden, indem er nicht geschockt stehen bleibt, sondern direkt in den Clinch geht.

Distanzgefühl bedeutet Übersicht, man lernt aus der Distanz rauszugehen, z.B. um zu Flüchten, oder eine Waffe einzusetzen. Genauso lernt man, sich einer Person so zu nähern, das man zwar selber noch in sicherer Distanz ist, aber diese sehr schnell überbrücken kann, um die Person zu kontrollieren. Der Anwender lernt also sehr bewusst mit diesem Thema umzugehen und schon in der Phase vor dem ersten physischen Kontakt, die Kontrolle zu übernehmen. Um es noch einmal praktisch und prägnant zu formulieren, der BJJ Anwender steht immer nah genug um die Distanz zu überbrücken und weit genug weg, um weg zu laufen. Darüber hinaus hat er gelernt, diese Fähigkeit in einer dynamischen Situation aufrecht erhalten.

Distanzkontrolle im Clinch
Auch hier gilt das gleiche Prinzip. Der BJJ Anwender kann die Distanz verkürzen, als auch erweitern und genau das macht ja eine gute Navigation aus. Man kann also einen wild prügelnden Angreifer kontrollieren, indem man in den Clinch geht, kann ihn festhalten, an die Wand drücken, oder zu Boden werfen, je nachdem welche taktischen Vorgaben man hat.

Genauso kann man sich aber auch, aus einer eventuellen Umklammerung befreien und Distanz schaffen um zu flüchten, oder eine Schusswaffe, Pfefferspray, etc. einzusetzen. Auch hier besteht die Kontrolle der Distanz in beide Richtungen und das macht sie eben so vielseitig. Für eine Frau, die vielleicht in der dunklen Ecke eines Clubs angegriffen und umklammert wird, ist die Flucht und das vergrößern der Distanz lebenswichtig, um Öffentlichkeit herzustellen und so einen Angriff abzuwenden. Ein Polizist der vielleicht eine Prügelei zwischen zwei Besoffenen schlichten will, braucht die Fähigkeit der Kontrolle, um die Situation zu deeskalieren. So oder so, die Kontrolle der Distanz ist enorm wichtig, um auf die verschiedensten Szenarien reagieren zu können und BJJ basiert ja genau auf diesen zwei grundlegenden Fähigkeiten.

Glauben Sie nicht? Ich gebe ihnen ein klassisches Beispiel. Wenn sich der BJJ Anwender in der Mount Position, oben auf seinem Gegner befindet, was macht er da? Ganz einfach, er bleibt so eng es geht auf seinem Gegner sitzen, nimmt jegliche Distanz weg und klebt regelrecht auf seinem Gegenüber. Er kontrolliert ihn, indem er ihm den Raum zur Flucht nimmt.

Was macht der BJJ Anwender, wenn er sich unten in der Mount Position befindet und sein Gegner auf ihm sitzt? Er schafft Platz, nutzt seine Hüften, um die Distanz zum Gegner zu vergrößern und sich dann zu befreien. Beide Fähigkeiten finden sich also in dieser, aber auch in vielen anderen fundamentalen Positionen des BJJ wieder. Wenn fortgeschrittene BJJ Anwender Sparring machen, dann ist es quasi ein ständiger Kampf um den Raum, bzw. um das verkleinern und vergrößern der Distanz zum Gegner.

Distanzkontrolle am Boden
Wie schon eben beschrieben, geht es auch am Boden immer um die Distanz. Hat ein BJJ Anwender einen aggressiven und kräftigen Gegner auf den Boden geworfen, will dieser wieder aufstehen, um besser seine Kraft einsetzen zu können. Deshalb spielt hier die Verkürzung der Distanz eine große Rolle, um die dominante Position am Boden nicht zu verlieren. Wird man von einem starken Gegner zu Boden geworfen, kann es aber genauso wichtig sein, die Fähigkeit zu besitzen, Distanz zu schaffen, um aufzustehen. So kann man dann flüchten, oder aus der Distanz eventuelle Waffen einsetzen. Auch hier wieder das praktische Beispiel, der Polizist der einen prügelnden Angreifer zu Boden bringen muss, um ihn festzunehmen braucht die Fähigkeit der Kontrolle.

Der gleiche Polizist der von einem durchgeknallten Gewalttäter alleine überrascht und zu Boden geworfen wurde, braucht jetzt die Fähigkeit die Distanz zu vergrößern und aufzustehen. Beide Fähigkeiten lehrt das BJJ. Die Fähigkeit sich aus einer Umklammerung befreien zu können, spielt auch im Kampf gegen mehrere Angreifer eine große Rolle. Denn sollte man in so einer Situation von einem der Angreifer zu Boden gerissen werden, kann die Fähigkeit sich zu Befreien, aufzustehen und zu Flüchten, überlebenswichtig sein.

Sie merken schon, BJJ ist nicht nur einfach Raufen, keine Ansammlung von verschiedenen Tricks und Griffen, sondern ein System, dessen Schwerpunkt die Kontrolle der Distanz ist.

Brazilian Jiu Jitsu Stärke
Hier sieht man eine starke Barriere, die mit Kopf, Unterarm und Oberarm gebildet wird und hohen Kräften standhält.

Gerade im Clinch und am Boden, spielt die Positionierung des Körpers und besonders der Arme und des Kopfes, eine enorm wichtige Rolle. Der BJJ Anwender schafft strukturelle Barrieren, um einen Angreifer auflaufen zu lassen und seine Kraft zu neutralisieren. Dies gibt ihm die Zeit und die Übersicht, bewusst mit Umklammerungen umzugehen, diese zu vermeiden, oder für eigene Zwecke zu nutzen. Im Umkehrschluss übt der BJJ Anwender seine eigene Kraft, immer mit einem idealen Hebelverhältnis aus, so das eventuelle „Barrieren“ des Gegners leicht eingeknickt, oder umgangen werden können. Diese beiden Fähigkeiten sind essentiell, wenn es darum geht, die Distanz in die eine oder andere Richtung zu kontrollieren. Sie können klassisch in Kombination mit Hebel- und Würgegriffen genutzt werden, oder eben zu taktisch anderen Zwecken, wie ich das oben schon beschrieben habe.

Zum Vergleich, hier eine schwache Barriere, welche nur durch die Muskulatur des Armes stabilisiert wird
und deshalb sehr schwach ist

An dieser Stelle eine kleine Anmerkung zum Thema Sport BJJ. Ich persönlich mag ja die BJJ SV, aber genauso mag ich auch das sportliche BJJ. Das oben beschriebene System der Distanzkontrolle ist universell und kann sowohl sportlich als auch im SV Kontext eingesetzt werden. Trainiert man es im sportlichen Rahmen, gegen andere trainierte BJJ Anwender, entwickelt man zwangsläufig noch viel bessere Fähigkeiten, weil man sich ja ständig gegenseitig weiterentwickelt und neutralisiert. Von daher ist es auf jeden Fall von Vorteil, wenn man nach seinem grundlegenden SV Training, auch das sportliche Rollen betreibt, um stärkere sportspezifische Eigenschaften zu entwickeln. Vorausgesetzt man hat die Zeit und die körperliche Fitness dafür. Zu diesem Thema wird es aber von mir noch ein extra Artikel geben,

Hier eine effiziente Form, die Barriere des Gegners, durch die Drehung der eigenen Hüften zu überwinden.

Zusammengefasst kann man sagen, Brazilian Jiu Jitsu funktioniert auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite ist es ein Selbstverteidigungssystem, mit einer bewährten und einfachen Kampfstrategie, welches mit relativ wenig Trainingsaufwand erlernbar ist und auf der anderen Seite ist es ein System zur Distanzkontrolle, welches mit den unterschiedlichsten taktischen Vorgaben und SV-Möglichkeiten kombiniert werden kann.

BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslange;-) Teil 2: Die offene Guard

Das taktische Aufstehen aus der offenen Guard Position , wenn man die Distanz dazu hat. (Screenshot)

Nachdem ich im ersten Teil, die Funktion und Wirkungsweise der geschlossenen Guard erläutert habe, geht es heute um die offene Guard, d.h. ein Gegner steht etwas außerhalb meiner Reichweite, ich habe noch keinen, bzw. wenig physischen Kontakt zu ihm und der Kampf entwickelt sich von dort aus. Im sportlichen BJJ gab es in dieser Position in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung, aber ich will an der Stelle mehr auf die Anwendung der offenen Guard in der Selbstverteidigung, bzw. in Situationen in denen Schläge und Tritte erlaubt sind, eingehen.

Wie entsteht eine offene Guard Position in der Selbstverteidigung?
Grundsätzlich kann man sagen, das es kaum Situationen gibt, bei denen man sich freiwillig in die offene Guard Position begibt. Meistens läuft etwas suboptimal und man wird dazu gezwungen, sich in diese Position zu begeben. Der Klassiker überhaupt, ist das einfache Stolpern. Man befindet sich in einer körperlichen Auseinandersetzung, mitten im Chaos und plötzlich verliert man das Gleichgewicht und landet am Boden, während der Gegner stehen bleibt und schon findet man sich in der offenen Guard wieder.

Eine weitaus gefährlichere Situation ist gegeben, wenn der Gegner einen schweren Schlag landet und man durch die Schlagwirkung zu Boden geht, bzw. sich freiwillig hinsetzt, weil man merkt das man angeschlagen ist und die Verteidigung im Stand zu gefährlich wird. Diese Taktik wurde früher öfters in MMA Kämpfen angewendet und war auch erfolgreich. Allerdings wollten die Zuschauer lieber ein brutales K.O. sehen und so wird heute in der Regel der Kampf sehr schnell unterbrochen, wenn einer der beiden Kämpfe sich hinsetzt.

Vielleicht denken sie jetzt: Was? Warum sollte ich mich auf den Boden setzen, wenn ich schon angeschlagen bin? Das ist doch gefährlich. Meine Antwort, ja das ist gefährlich, aber angeschlagen stehen zu bleiben und weitere schwere eventuelle K.O. Treffer zu kassieren ist noch gefährlicher. Eine weitere Möglichkeit für die offene Guard ist eine Situation, in der sie sich schon am Boden befinden. Man sitzt im Freibad auf einer Wiese, oder man befindet sich schon in einer liegenden Position (gerade bei sexuellen Straftaten) und wird plötzlich angegriffen. Eine weitere Möglichkeit ist auch, das ihr Gegner aus ihrer geschlossenen Guard flüchtet (weil er zu stark ist oder sie einen Fehler gemacht haben) und somit Distanz aufbauen kann.

Was ist das Ziel der offenen Guard?
Grundsätzlich gibt es in der offenen Guard zwei Ziele, die auf den ersten Blick sehr gegensätzlich erscheinen, allerdings ergänzen sie sich bei genauerer Betrachtung sehr gut. Das erste Ziel ist natürlich die Verteidigung gegen Schläge und Tritte. Dadurch, das man in der offenen Guard oft keinen direkten Kontakt zu seinem Gegner hat, gleicht das Szenario dem Standkampf. Man ist außerhalb der gegnerischen Reichweite, muss sich vor den Angriffen des Gegners schützen und gleichzeitig einen Weg finden, die Distanz zu verkürzen.

Die klassische Situation in der SV ist wohl die, das der Gegner steht, während man selber am Boden liegt. Solange nur ein Angreifer im Spiel ist, ist diese Position gar nicht so schlecht(im Kontext der verschiedenen Guard Positionen). Wie schon weiter oben im Text erwähnt, gab es in den frühen MMA Kämpfen öfters solche Situationen und der stehende Gegner hat es dabei gar nicht so leicht und will deshalb oft gar nicht angreifen. Gerade wenn man keine Grappling Erfahrung hat, ist es nämlich gar nicht so einfach, an den gegnerischen Beinen vorbei zu kommen.

Das offensive Ziel ist natürlich die Kampfunfähigkeit des Gegners. Man hat die Möglichkeit eines gezielten „Up Kicks“ zum Gesicht, also einem Fußtritt aus der Rückenlage. Darüber hinaus gibt es Sweeps und auch einige Submissions (wobei gerade die Submissions eher etwas für fortgeschrittene BJJ Anwender sind) und natürlich gibt es die Chance, den Gegner in die geschlossene Guard zu ziehen. Dies ist wohl auch eine der sichersten Methoden überhaupt.

BJJ Selbstverteidigung
Die Füße zeigen immer zum Gegner (Screenshot)

Die Füße zeigen immer zum Gegner
Natürlich ist die offene Guard ein großes Thema, welches wir in seiner Komplexität nicht komplett behandeln können, aber es gibt einige grundsätzliche Prinzipien, die man immer nutzen sollte.

Grundsätzlich sollten die eigenen Fußsohlen, bzw. Fersen, immer zum Gegner zeigen. Man zielt quasi mit den Füßen, wie man auch mit einer Schusswaffe zielen würde und wenn der Gegner sich bewegt, dann bewegt man sich auch und folgt ihm. Man darf unter keinen Umständen zulassen, das der Gegner zur eigenen Flanke kommt, denn dort ist man für alle Angriffe, egal ob Schwitzkasten oder „Elfmeter Kick“ an den Kopf offen. Der Wechsel von der sitzenden in die liegende Position und die Nutzung der Schwungmasse des Körpers ist dabei enorm wichtig, um sich wirklich schnell und ohne viel Aufwand am Boden bewegen zu können.

Mein Systema Training unter Alex Kostic hat damals mein BJJ in diesem Bereich sehr bereichert und verändert und auch heute noch sind gerade beim fortgeschrittenen Training, viele Einflüsse dieser Kampfkunst mit drinnen.

Aufstehen, wenn es die Distanz zulässt.
Dieses Prinzip gilt natürlich nicht, wenn man sich z.B. nach einer Schlagwirkung in diese Position begeben hat, um weiteren Schlägen zu entgehen. Es ist eher für die Fälle gedacht, in denen man unfreiwillig am Boden gelandet ist, weil man z.B. ausgerutscht oder gestolpert ist, oder vielleicht vom Gegner am Boden überrascht wurde.

Grundsätzlich hält man seinen Gegner mit gezielten Kicks auf Distanz. Sobald dieser zu Nahe kommt, attackiert man seine Knie, weil diese meistens das naheliegendste Ziel sind. Durch das konsequente Attackieren der Knie, zwingt man den Gegner auf Distanz zu bleiben, was oft dazu führt, das er sich sogar weiter von einem entfernt, als es für ihn nötig wäre. Sobald der BJJ Anwender merkt, das sein Gegner weit genug weg ist und keinen Angriffsdruck nach vorne hat, kann er diese Lücke nutzen und aufstehen, um den Kampf im Stand weiter zu führen. Durch die Kombination aus aggressiven Kicks und konsequentem Aufstehen, kann man den Gegner sehr gut unter Druck setzen. Kommt er zu Nahe wird er getreten, geht er zu weit weg, steht man auf. Wie man aus dieser Position effektiv treten kann, zeige ich in diesem Video.

Natürlich ist dies noch nicht die perfekte Lösung, weil mein noch keine Kontrolle über den Gegner hat, aber es ist definitiv eine gute Strategie um eine relativ passive Position stark zu machen.

Der „Up-Kick“
Eine weitere konsequente Umsetzung unser Kick Strategie. Während die ersten Kicks meistens zu den Knien gehen, weil der Gegner relativ gerade vor uns steht, kann es im Verlauf des Kampfes passieren, das der Gegner sich nach vorne über beugt, um unsere Hose an den Knien, oder Fußgelenken zu greifen. Sollte dies der Fall sein, bringt er dadurch seinen Kopf in die Kick Distanz und dies kann der BJJ Anwender ausnutzen und mit einem „Up-Kick“ zum Gesicht angreifen. Diese Kicks sind sehr schwer zu erkennen und führen oft zu einem schnellen K.O. Wie gut sowas funktioniert, zeigt dieses Video von Renzo Gracie in seinem Kampf gegen Oleg Taktarov.

Offene Guard
Einarmige Kontrolle, der erste Schritt zum „2 on 1“ (Screenshot)

Die Extremitäten kontrollieren
Wie im Stand auch, kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Gegner kontrollieren und in seinen Bewegungen einschränken kann. Allerdings kann man diesen nicht so aktiv suchen wie im Stand, weil man eben am Boden sitzt oder liegt. Kommt der Gegner jedoch so nahe,das man seine Fußgelenke, bzw. Handgelenke greifen kann, beginnt eine neue Phase der offenen Guard. Jetzt kann der BJJ Anwender selber damit beginnen Druck aufzubauen. Mit Kontrolle der Fußgelenke ergeben sich verschiedene Möglichkeiten für Sweeps und wenn der BJJ Anwender die Handgelenke kontrolliert, kann er z.B. mit einer „2 on 1“ Kontrolle, eine sehr starke Zugbewegung aufbauen, während er mit den Füßen an den Hüften Druck nach vorne ausübt. Dadurch entsteht ein Schereneffekt, welcher den Gegner mit seinem Körper parallel zum Boden zwingt und ihm somit die Möglichkeiten für sinnvolle Angriffe nimmt.

Zu diesem Zeitpunkt kann den BJJ Anwender seinen Gegner auch vom Stand in eine kniende Position zwingen und ihn dort weiter angreifen. Gerade Triangle Chokes, also Würgegriffe mit den Beinen, funktionieren in diesem Szenario sehr gut. Durch die starke „2 on 1“ Kontrolle der Arme, ist auch ein starker Übergang in die geschlossene Guard möglich, um den Kampf von dort aus weiter zu führen.

Die umgekehrte Strategie
Die von mir beschriebene Strategie funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wenn also jemand die geschlossene Guard des BJJ Anwenders aufbricht, dann lässt dieser ihn nicht einfach aufstehen und Distanz aufbauen. Er kontrolliert über den „2 on 1“ und den Füßen an der Hüfte, wenn das nicht mehr funktioniert, kontrolliert er zumindest die Füße des Gegners, um Sweeps ansetzen zu können und wenn auch diese Strategie nicht mehr aufgeht, dann bringt er zumindest seine Füße in Position zum Gegner, um die offene Guard zu verteidigen und den Gegner nicht an die eigene Flanke kommen zu lassen. Grundsätzlich kann man sagen, das die Kontrolle der offenen Guard immer stärker wird, je näher man der geschlossenen Guard kommt. Je weiter sich der Gegner von der geschlossenen Guard entfernt, desto schlechter ist auch die Kontrolle.

Aus meiner fortgeschrittenen Perspektive empfehle ich deshalb immer eine starke Closed Guard. Es macht für mich wenig Sinn den Gegner aufstehen zu lassen, ohne dabei eine starke Kontrolle auf Ihn ausüben zu können.

Dies ist auch ein wichtiger Unterschied zum sportlichen BJJ. Dort geht man halt oft davon aus, das beide Anwender in einer bestimmten Situation am Boden bleiben, bzw. zumindest Kontakt halten wollen. Dadurch sind sehr viel komplexere Bewegungen möglich. Ich habe dazu eine etwas andere Einstellung. Für mich muss eine Position zwingend sein. D.h. sie muss den Gegner wirklich in seinen Bewegungen einschränken, gerade dann, wenn es eine Position aus der Rückenlage, also irgendeine Form von Guard ist. Durch die verschiedenen Druck und Zugbewegungen versuche ich immer Schereneffekte entstehen zu lassen und mein Gewicht an den Gegner zu hängen, um Druck auszuüben. Das Video welches ich dazu in meinem letzten Artikel gepostet habe, ist nur ein Beispiel, man kann diese Effekte aus den verschiedensten Positionen erreichen.

Für mich ist die Open Guard ein notwendiges Übel. Eine Position die sehr oft vorkommt, die man braucht, die man oft trainieren muss, aber die eben meistens nur ein Übergang in die geschlossene Guard darstellt. Im sportlichen Training spielt die offene Guard eine noch viel größere Rolle, aber auch dort ist sie für mich eher Mittel zum Zweck. Ein Übergang zur geschlossenen Guard. Natürlich können von dort aus effektive Leglocks, Sweeps, Back Takes und Submissions passieren, aber die sind nur die „Kür“. Die können passieren, aber das Hauptziel bleibt für mich der Übergang in die geschlossene Guard.

Allerdings muss man auch sagen, das gerade im sportlichen Bereich eine gute Closed Guard nur durch eine gute offene Guard ermöglicht wird. Während vor 20 Jahren, manch ein Gegner noch freiwillig in die geschlossene Guard gegangen ist, um sie dann zu passieren, geschieht dies im Jahr 2020 wohl nicht mehr. Kein Gegner schenkt die geschlossene Guard, sondern wird von Anfang an versuchen an den Beinen des BJJ Anwenders vorbeizukommen. Wenn man da keine gute offene Guard hat, wird man schnell passiert werden und sich in der Side Mount Position am Rücken wiederfinden.

Aus diesem Grund bilden Open und Closed Guard eine Symbiose welche immer die maximale Kontrolle des Gegners zum Ziel hat.

Ich hoffe Ich konnte ihnen das Wesen einer „straßentauglichen“ Guard etwas näher bringen und auch wenn der Fokus in diesem Artikel auf der SV lag, nutze ich diese Form der Guard auch im sportlichen Bereich, bei dem keine Schläge erlaubt sind. Der Grund dafür ist einfach. Je besser ich einen Angreifer in seinen Bewegungen einschränken kann, desto langsamer wird das „Spiel“ und je langsamer das „Spiel“ desto weniger kann mein Gegner die Attribute der Jugend (Schnelligkeit, Explosivität, etc.) einsetzen. Von daher ist das für mich die passende Strategie für ein zeitloses und aufwandsloses BJJ.

Wer also jenseits der 25 oder sogar 35 ist und immer noch, oder gerade deshalb, ein effizientes BJJ Game haben möchte, findet mit diesem Approach einen sehr interessanten Ansatz. Wer mehr darüber erfahren möchte, warum man die Guard überhaupt in der SV einsetzt, findet meinen Artikel dazu <<HIER>>

BJJ zur Selbstverteidigung – Teil 1: Das Überbrücken der Distanz

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
„So weit wie nötig, so nah wie möglich“ EIn Grundprinzip des BJJ

Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war ein grauer Novembertag, 1993 oder 1994. Meine Mutter kam von der Post und hatte ein kleines Päckchen dabei, darin war eine Videokassette mit dem Titel „Gracie in Action 2“. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde, denn bis daher hatte ich über Brazilian Jiu Jitsu immer nur gelesen, aber in dem Moment, als ich die ersten bewegten Bilder sah, wusste ich, genau das will ich lernen.:-)

Zu sehen waren dort Vale Tudo Kämpfe, also die Vorläufer des modernen MMA. Außerdem gab es einige Straßenkämpfe, Herausforderungen in der Akademie und auch ein Kampf an der Copacabana war dabei. Alles in allem eine sehr beeindruckende Mischung, die sofort meine Faszination am BJJ weckte. BJJ bedeutet mehr oder weniger regelloses Kämpfen und Selbstverteidigung, so war mein erster Eindruck dieser Kampfkunst. Das BJJ auch noch eine sportliche Komponente hat, welche genauso süchtig machen kann, wurde mir erst einige Jahre später klar.:-)

Gut 25 Jahre später hat sich das Bild des BJJ, zumindest hier in Deutschland doch stark gewandelt. Brazilian Jiu Jitsu ist für viele ein Wettkampfsport, bei dem sich zwei Athleten gegenüber stehen oder auch sitzen und technisch hochkomplexe Bewegungen ausführen. BJJ hat keine Schlagtechniken und Techniken zur Selbstverteidigung und selbst der Durchschnittsanwender lernt schon vom ersten Tag an exotische Positionen und Techniken, die er dann im Wettkampf anwenden kann.

Gerade vor ein paar Tagen fragte jemand in einer Diskussion, über einen meiner Artikel, wie denn BJJ zur Selbstverteidigung überhaupt aussehen würde, da er sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Das hat mich verwundert, aber auch motiviert und genau deshalb schreibe ich jetzt diese neue Artikelserie. Ich möchte die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ genauer beleuchten und vorstellen, weil ich glaube, das BJJ ein hervorragendes SV System ist, welches viel mehr Menschen erreichen könnte, als es das bisher geschafft hat.

BJJ als SV ist einfach strukturiert, funktioniert auch für weniger athletische Menschen und lässt sich auch unter Stress und mit eingeschränkter Feinmotorik anwenden und doch ist es so fundamental anders wie viele andere Systeme. Was hat es also auf sich, mit der BJJ Selbstverteidigung?

Grundsätzlich besteht die Basisstrategie aus 3 Aspekten:

  • Dem Überbrücken der Schlag- und Trittdistanz
  • Der Clinch (Kontrolle, Submission und Würfe)
  • Der Bodenkampf (Kontrolle & Submissions)

Wir werden alle 3 Aspekte ausführlich analysieren und beginnen heute im ersten Teil, mit dem Kampf in der Schlag- und Trittdistanz.

Den offenen Schlagabtausch unter allen Umständen vermeiden
Wenn man die Kampfstrategie des BJJ für die Schlagdistanz mit einem Satz beschreiben müsste, dann wäre der obige Satz wohl die perfekte Wahl. Das Hauptziel im Brazilian Jiu Jitsu ist es, den offenen Schlagabtausch zu vermeiden und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen und das unterscheidet es auch von vielen anderen Stilen.

Warum also, will man im BJJ keinen Austausch von Schlägen? Sind Schläge nicht effektiv?

Doch, Schläge sind in der Selbstverteidigung sehr effektiv. Ein gut gezielter Punch ist wahrscheinlich die schnellste uns eleganteste Art einen Kampf zu beenden, aber er erfordert eben ein Zusammenspiel vieler Faktoren und Fähigkeiten, die nicht immer gegeben sind. Im BJJ gehen wir davon aus, das ein Angreifer körperlich stärker und schwerer ist und über jede Menge Aggression und Schlagkraft verfügt. Vielleicht ist diese Vorstellung manchmal etwas übertrieben, aber wir sind lieber auf unseren schlimmsten Albtraum vorbereitet, als das wir jemanden unterschätzen und man sollte nie vergessen, ein Täter sucht sich ein vermeintlich schwaches Opfer und von daher wird er wohl selten jemanden angreifen, der ihm schon auf den ersten Blick körperlich überlegen ist.

Was also tun, wenn man jemanden gegenübersteht, der deutlich größer und schwerer ist und wild mit den Fäusten schwingend auf uns zugerannt kommt? Für uns ist das klar, wir versuchen uns so gut wie möglich zu schützen und so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, denn dort hat der Angreifer nicht mehr die Distanz die er benötigt, um effektiv schlagen zu können. Aber dazu später mehr.

Haben sie schon einmal einen Boxkampf gesehen, in dem einer der Kontrahenten deutlich unterlegen ist? Der Unterlegene versucht dann sehr oft in den Clinch zu kommen, um den Angriffen seines Gegenübers zu entgehen, leider funkt dann immer der Ringrichter dazwischen und trennt die beiden wieder, denn er weiß, im Clinch sind kaum noch Boxtechniken und K.O.s möglich und das Publikum will schließlich „Action“ sehen.:-) Trotzdem ist der Clinch im Boxen eine bewährte Methode über die Zeit zu kommen, die schon immer genutzt wurde.

Everyone has a plan until he gets hit
Dieses Mike Tyson Zitat, trifft es eigentlich auf den Punkt. Kämpfen kann nämlich manchmal sehr einfach sein. Jeder hat einen Plan, eine Strategie, ein paar Techniken an die er glaubt, aber sobald ein Volltreffer einschlägt, verliert sich das alles in einer Mischung aus Panik und Benommenheit, die kein klares Denken mehr zulässt. Ein Volltreffer im Boxen ändert alles und selbst der bewährte Clinch ist dann oft keine Option mehr, weil der Körper einfach nicht mehr gehorcht und so kann nur noch der Ringrichter den angeschlagenen Boxer vor weiteren Schäden bewahren.

Wir im BJJ sind etwas paranoid.:-) Oder vielleicht haben wir auch einfach kein Selbstbewusstsein;-) Aber wir glauben eben, wie schon erwähnt, immer daran, das unser Gegner ein gefährlicher Puncher ist und deshalb wollen wir auf keinen Fall einen Volltreffer kassieren, weil wir wissen, das im Ernstfall kein Ringrichter da ist, der uns schützt.

Im BJJ hat man diese Erkenntnis schon vor vielen Jahrzehnten gewonnen und sie immer weiter verfeinert. Man hat ein System entwickelt mit dem man den Clinch mehr oder weniger erzwingen und das Risiko eines Volltreffers minimieren kann.

So nah wie möglich, so weit wie nötig
Genau das ist eine der Basisstrategien des BJJ Standkampfes und beschreibt das Mindset das wir dabei haben, eigentlich ganz gut. In einer Kampfsituation wollen wir uns immer ganz knapp außerhalb der Reichweite unseres Gegners befinden, um nicht getroffen zu werden. Die Betonung liegt auf „knapp“ denn gleichzeitig wollen wir ihm, so nah wie möglich sein, um einen kurzen Weg in den Clinch zu haben. Wir „tanzen“ also auf der Schwelle zur Schlagdistanz, locken den Gegner in einen überhasteten Angriff oder zerstören seine Struktur für einen kurzen Moment, um dadurch in den Clinch zu kommen.

Für den BJJ Anwender gibt es grundsätzlich nur zwei Distanzen. Entweder wie eben beschrieben außerhalb der Reichweite des Gegners, oder eben ganz nah im Clinch. Alles dazwischen bedeutet für Ihn eine unkalkulierbare Gefahr, die er vermeiden möchte.

Während im klassischen BJJ der Kampf meistens als Duell anfing, d.h. beide Kontrahenten standen sich mit Abstand gegenüber und wussten das der Kampf jetzt losgeht, spielt diese Situation in der modernen Selbstverteidigung eine eher untergeordnete Rolle, bzw. hat ihren sportlichen Nutzen.

In den modernen BJJ SV Konzepten geht es hauptsächlich darum, einen überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, oder von der Seite, etc. zu bewältigen. Die Grundprinzipien haben sich dadurch nicht geändert, es geht immer noch daran, durch ein geschicktes Spiel mit der Distanz so schnell wie möglich in den Clinch zu kommen, aber der Kontext und die Problematik ist ein wenig anders.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Eine der Vorkampf-Positionen in Anwendung

Während in der klassischen Duellsituation das Problem darin besteht, die lange Distanz zu überbrücken und den eigenen Eingang in den Clinch so gut wie möglich zu verschleiern, geht es bei einem überraschenden Angriff, z.B. aus einer Unterhaltung heraus, darum, durch bestimmte Vorkampf-Positionen besser auf plötzliche Angriffe reagieren zu können und dabei vorher trotzdem nicht aggressiv uns eskalierend zu wirken.

Wir nutzen dafür 3 grundlegende Positionen, bei denen wir mit unseren Händen unseren Körper, bzw. unser Gesicht schützen, ohne dabei aggressiv zu wirken. Sollte die Situation jedoch eskalieren, können wir von dort aus direkt mit viel Vorwärtsdruck und einer starken defensiven Verteidigungsstruktur in den Clinch gehen. Durch das gezielte und konsequente nach vorne gehen, brechen wir das Gleichgewicht des Gegners (Kuzushi) und nehmen ihm dadurch noch mehr die Möglichkeit, harte Schläge anzuwenden.

Das Training basiert darauf, aus den Kontrollpositionen, in eine defensive Verteidigungsstruktur (die oberflächlich Ähnlichkeit mit einer Doppeldeckung hat) zu gehen und dann geschützt in den Gegner zu „crashen“, um ihm das Gleichgewicht zu nehmen und den Clinch zu etablieren. Dies funktioniert mit dem entsprechenden Training auch für Menschen die keinerlei Erfahrung mit Schlägen, oder vielleicht sogar Angst vor Schlägen haben, sehr gut und zuverlässig.

BJJ Selbstvertedigung - Standkampf
Die defensive Verteidigungsstruktur in Anwendung

Was ist mit mehreren Angreifern?
Diese Frage höre ich öfters. Was ist wenn man mehreren Angreifern gegenübersteht und der Clinch keine Option ist. Ist es da nicht besser alle Angreifer mit Schlägen kampfunfähig zu machen?

Meine Antwort darauf ist einfach: Ja es wäre besser, aber die Realität ist leider nicht wie in Hollywood und wenn man im Zweikampf mit einem gefährlichen Angreifer schon K.O. gehen kann, dann ist das Risiko bei 2 oder 3 Angreifern noch um ein Vielfaches höher.

Natürlich gibt es Fälle in denen ein Mensch sich erfolgreich gegen 2 oder 3 Gegner gewehrt hat und alle K.O. geschlagen hat, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wird das ein trainierter Athlet gewesen sein, der körperlich, technisch und mental top fit war. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Schlagen und Treten und trainiere es regelmäßig. Für mich ist es auch ein Teil des fortgeschrittenen Jiu Jitsu. Aber nach 25 Jahren als Lehrer und Coach, weiß ich einfach das die meisten Menschen nicht die idealen Trainingsparameter haben, sondern eher die minimalen.

Der „normale“ BJJ Anwender, der an Selbstverteidigung interessiert ist, wird nicht mehr als 2-3 mal pro Woche trainieren, kann sich keine blutigen Nasen und blauen Augen leisten (beruflich, privat und gesundheitlich) und hat nicht die Zeit, ein Experte in allen Distanzen zu werden. Natürlich arbeite ich mit meinen jungen motivierten Schülern, die 5-6 mal pro Woche trainieren, viel mehr und auch in alle Distanzen, aber das sind eben die Ausnahmen und nicht der reguläre Schüler.

Der kleinste gemeinsame Nenner
Vom Wortsinn her nicht 100% korrekt, aber trotzdem drückt es genau das aus. Die Standkampf Strategie des BJJ, das Überbrücken der Distanz, das Vermeiden des offenen Schlagabtausch ist der kleinste gemeinsame Nenner von Trainingspensum und Effektivität. Diese Strategie ist für „normale“ Menschen, mit einem regulären Trainingspensum umsetzbar und gleichzeitig ist sie aber auch eine solide Basis für Menschen die darauf weiter aufbauen wollen.

Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, auch wenn ich gerne im Stand kämpfe, ist die BJJ Standkampf Taktik, mein sicherster und solidester Plan. Vieles funktioniert, wenn die Dinge perfekt laufen, aber es ist beruhigend zu wissen, das es auch etwas gibt was funktioniert, wenn in der Selbstverteidigung fast alles schief läuft.;-)

Ich hoffe ich konnte in diesem ersten Teil einen kleinen Einblick in die fundamentalen Kampfstrategien und SV Taktiken des BJJ geben. Im zweiten Teil, geht es darum wie man seinen Gegner im Clinch kontrolliert und ihn entweder zu Boden oder zur Aufgabe zwingen kann. Es gibt also zu schreiben, zum Thema BJJ und Selbstverteidigung.;-)

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 2: Strategie & Mechanik des Heel Hook

Bevor ich die Funktionsweise und die positionelle Hierarchie des Heel Hook genauer erläutern werde, möchte ich noch ein wenig auf die strategischen Aspekte dieser Technik eingehen. Wie also fügen sich Heel Hooks in die Gesamtstruktur des BJJ ein?

Grundsätzlich kann man die Anwendung von Beinhebel in drei große Bereiche unterteilen.

  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)
  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)
  • Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)

Leglocks die aus den verschiedenen sitzenden oder liegenden Guard Positionen ausgeführt werden, machen den Haupteil des modernen Leglock Games aus. Der Grund dafür dürfte recht einfach sein, es macht das Spiel aggressiver und der Anwender der in der Unterlage ist, hat eben nicht nur Sweeps, sondern direkte und gefährliche Angriffe.

Wenn man sich die Entwicklung einmal anschaut, dann wird man feststellen, das in den Neunziger Jahren das Passieren der Guard auf den Knien sehr häufig war. Dadurch konnte der Kämpfer aus der Rückenlage die klassischen BJJ Techniken wie Straight Armbar, Triangle Choke, etc. erfolgreich einsetzen. Später änderte sich das Verhalten beim Passieren der Guard und die Leute begannen im Stehen zu Passieren. Dies hatte den Vorteil das Armhebel und Würgegriffe kaum noch anwendbar waren, bzw. ihre Effektivität stark zurück ging. Nur wenige Athleten, die über eine wirklich gute Closed Guard verfügten, konnten diese klassischen BJJ Techniken erfolgreich anwenden.

Beim stehenden Passieren, besteht zwar die Gefahr eines Sweeps, aber nur selten führte dieser direkt in eine dominante Position, wie z.B. Side Mount oder Mount. Gute Athleten konnten sich oft abfangen und es kam häufig zu Scramble Situationen, in denen keiner einen Vorteil erlangen konnte.

Dieses Problem wurde durch das moderne Leglock Game mehr oder weniger gelöst. Die „Leglocker“ waren fähig aus den verschiedensten Guard Positionen heraus, ein Bein zu isolieren und sich in eine sehr dominante Position zu befördern. Die sogenannte Saddle oder 411 Position, ist das, was im Kampf um den Oberkörper, die Back Mount Position ist. Die Kämpfer waren also plötzlich fähig aus einer relativ neutralen Guard Position, direkt in die sehr dominante Saddle Position zu kommen. Um die vergleichbare Back Mount Position zu bekommen, wäre der lange Weg über den Sweep, das passieren der Guard, usw. nötig und so stellt dieser neue Ansatz einen sehr effektiven „Pfad“ innerhalb des BJJ Gameplans da. Im BJJ mit Gi entwickelte sich übrigens ein ähnlicher Trend, allerdings nicht mit Leglocks, sondern Techniken wie dem Berimbolo und dem Kiss of the Dragon.

Klassische Positionen wie die Single Leg X Guard, X Guard oder (Reverse) De La Riva Guard werden als Eingänge zu den verschiedenen Heel Hook Angriffen genutzt und somit ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Eingängen in die verschiedenen Beinhebel. Als Coach ermutige ich jeden fortgeschrittenen Schüler sein eigenes Spiel zu entwickeln, denn auch wenn das Endresultat, also der Hebel selber, immer gleich ist, sind die Wege dorthin doch sehr unterschiedlich und Abhängig von Körpertyp, Stil, usw. Einige meiner Schüler haben einen sehr flexiblen Stil, während mein eigener Stil eher einfach und direkt gehalten ist.

Grundsätzlich machen Leglocks aus der Rückenlage auch am meisten Sinn, weil man eben keine Posiiton aufgibt und nur gewinnen kann. Darüber hinaus bieten sich sehr viele Eingänge in den Saddle, was wie schon erwähnt eine sehr dominante Position darstellt.

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)

Die Eingänge aus der Oberlage gehören zu den klassischen Techniken aus den Neunziger Jahren. Damals wurde die Guard nicht passiert, sondern eben direkt mit Beinhebeln angegriffen. Grundsätzlich sind diese Techniken von ihrer technischen Ausführung her, meistens wesentlich einfacher anzuwenden.

Diese Techniken kommen allerdings heute eher selten zum Einsatz und der Grund dafür ist einfach. Warum die obere Position aufgeben, wenn man doch die Guard auch passieren könnte? Wie ich im ersten Teil der Serie schon beschrieben habe, stürzen sich viele Leglock Anfänger regelrecht auf jeden Submission, aber die erfahrenen Anwender wissen genau, wie wichtig ein komplettes positionelles Spiel ist und das die Oberlage defintiv kampfentscheidend sein kann.

Eine Ausnahme hierbei stellt der Backstep da. Diese Technik, die eigentlich zum passieren der Guard gedacht war, wird heute so angewendet, das man direkt in der Saddle Position landet und maximale Kontrolle hat. Bei den klassischen Eingängen aus den Neunziger Jahren, endet man hingegen in weniger dominanten Leglock Positionen, was das Risiko die Position zu verlieren, noch erhöht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Beinangriffe aus der Oberlage wirklich nur einen kleinen Teil der Leglocks ausmacht und ich anderen Techniken dort den Vorzug gebe.

Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Die Domäne der Jugend und der Athleten. Eingesprungene Heel Hooks, Befreiungen aus der Mount direkt in einen Heel Hook, oder die Back Mount Escape die wiederum zu einem Beinhebel führt. Leglocks haben das Potential aus vielen verschiedenen Situationen heraus, überraschend und dynamisch ausgeführt zu werden. Garry Tonon vom Danaher Dead Squad ist dafür z.B. ein sehr gutes Beispiel. Auch wenn er über ein gutes positionelles Spiel verfügt, hat er unglaubliche Fähigkeiten zu improvisieren und überraschende Beinangriffe, aus den unterschiedlichsten Szenarien zu starten. Auch dieses Spiel ist wiederum sehr individuell und jeder Anwender hat dort seine eigenen Favoriten. Wer ein gutes Takedown Game hat, kann dort Verknüpfungen zwischen Takedowns und Leglocks entwickeln, ich finde die Kombination von Back Mount Escapes und Heel Hooks sehr effektiv, die Möglichkeiten sind vielfältig und es macht durchaus Sinn, in einer schlechten Position, eine Leglock Offensive zu starten, um die Karten neu zu mischen.

Ich sage immer, gute Leglocker sind wie Boxer mit einem K.O. Punch. Egal wie viel Runden sie verloren haben, sie bleiben bis zum Schluss gefährlich.

Nachdem ich jetzt so viel über die Geschichte und Funktionsweise von Beinhebeln erläutert habe, werde ich nun die Techniken selber beleuchten. Ich werde mich dabei auf die zwei häufigsten Heel Hooks, den Inside und den Outside Heel Hook beschränken. Es gibt natürlich noch viele weitere Beinhebel, aber diese beiden Techniken gehören zu den erfolgreichsten Techniken überhaupt und das sogar auf höchstem Niveau. Das gesamte moderne Leglock Game, ist mehr oder weniger auf diesen beiden Submissions aufgebaut.

Wenn man sich die Statistiken der amerikanischen ADCC Trials im letzten Jahr anschaut, wird man feststellen, das 50% aller Submissions dort, mit nur 3 Techniken erzielt wurden. 26,1% mit dem Mata Leao (Rear Naked Choke) und 27% mit Heel Hooks (11,3 Inside Heel Hook & 15,7 % Outside Heel Hook).

Natürlich kann man sich jetzt fragen ob diese Techniken so oft genutzt werden, weil sie gerade im Trend liegen, oder ob sie im Trend liegen, weil sie so effektiv sind. Ich denke die Wahrheit liegt dabei irgendwo in der Mitte, aber so oder so, man kann das Thema Beinhebel nicht ignorieren, ohne dabei einen großen Aspekt des BJJ zu vernachlässigen.

Heel Hooks
Heel Hooks sind Techniken, bei denen der Oberkörper, bzw. Oberschenkel fixiert wird, um dann den Unterschenkel mit Hilfe des Fußes (der als Hebel eingesetzt wird) zu rotieren. Diese Rotation sorgt dann für Verletzungen im Fuß, bzw. Kniegelenk. Ich sage bewusst Verletzungen, denn wie schon im ersten Teil erwähnt, ist der Heel Hook keine schmerzhafte Technik. Der Schmerz entsteht erst, wenn die Verletzung schon entstanden ist. Diesem Umstand gilt es beim Training besondere Bedeutung zuzumessen und rechtzeitig abzuklopfen.

Die verschiedenen Heel Hook Varianten setzen sich aus dem eigentlichen Hebel und einer bestimmten Kontrollposition zusammen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen:

Outside & Inside Heel Hook

Outside Heel Hook
Diese Technik ist die „harmlosere“ Heel Hook Variante und führt meistens zu weniger schweren Verletzungen (wenn zu spät abgeklopft wird). Ich habe das Wort Harmlos, in Anführungszeichen gesetzt, denn auch diese Technik kann das Kniegelenk verletzen. Allerdings kann das Fußgelenk etwas mehr nachgeben und die Rotation besser kompensieren, als beim Inside Heel Hook. Es kann also sein das erst die Bänder im Fuß verletzt werden und nicht die Bänder im Knie.

Beim Outside Heel Hook befindet sich die Innenseite des gegnerischen Fußes an unserer Hüfte und wir führen eine Innenrotation der Hüfte aus, indem wird die Ferse mit Hilfe unserer Arme kontrollieren und dann eine Körperdrehung ausführen.

Outside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position
Ein Inside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position

Inside Heel Hook
Das ist der große Bruder vom Outside Heel Hook. Er ist wesentlich gefährlicher und Verletzungen der Kreuzbänder und Menisken sind definitiv zu erwarten, wenn man nicht rechtzeitig abklopft. Es gibt keine Möglichkeit den „Schmerz auszuhalten“, die Technik führt sofort zu schweren Verletzungen. Beim Inside Heel Hook, führt man eine Außenrotation an der gegnerischen Hüfte aus und da der Fuß, wenn man ihn in diese Richtung rotiert, weniger nachgibt, entsteht sofort mehr Druck am Knie. Im schlimmsten Fall reißen die Kreuzbänder, der Innenmeniskus nimmt schaden und es kann auch zu einem Knochenbruch am Fußgelenk kommen.

Inside Heel Hook aus der Backside 50/50 Position
Ein Inside Heel Hook aus der Backside 50 / 50 Position

Die Fußkontrolle
Die Fußkontrolle ist der Namensgeber dieser Techniken, denn man hakt quasi mit seinem Arm die Ferse des Gegners und rotiert dann den Fuß. Grundsätzlich gibt es da verschiedene Griffvarianten, wichtig ist jedoch immer, das man eben nicht nur die Ferse rotiert, weil dies zu einem sehr schwachen Hebel führen würde. Ein wirklicher starker Hebel entsteht nur, wenn man den Fuß so fixiert, das die Kraftübertragung über den Spann, bzw. die Fußzehen geschieht. Dadurch das der Fuß als Hebel genutzt wird, hat man ungefähr den Effekt einer Ratsche. Dreht man nur die Ferse, ist der Effekt eher wie bei einem Schraubenzieher. Das Gefühl dafür zu entwickeln ist nicht ganz einfach, aber essentiell wichtig, um bei erfahrenen Gegnern eine Drohkulisse aufzubauen, die merken nämlich recht schnell, ob der Hebel wirklich sitzt, oder man einfach nur die Ferse klammert.

Nahaufnahme eines Inside Heel Hook
Nahaufnahme der Fußkontrolle

Das war der zweite Teil meiner Artikelserie: Leglocks – Verdammt, gehasst, vergöttert. Im dritten Teil werde ich die zwei Kontrollsysteme und die 8 grundlegenden Kontrollpositionen dieser Systeme erläutern. Seit gespannt.:-)