Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 2: Strategie & Mechanik des Heel Hook

Bevor ich die Funktionsweise und die positionelle Hierarchie des Heel Hook genauer erläutern werde, möchte ich noch ein wenig auf die strategischen Aspekte dieser Technik eingehen. Wie also fügen sich Heel Hooks in die Gesamtstruktur des BJJ ein?

Grundsätzlich kann man die Anwendung von Beinhebel in drei große Bereiche unterteilen.

  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)
  • Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)
  • Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Unterlage)

Leglocks die aus den verschiedenen sitzenden oder liegenden Guard Positionen ausgeführt werden, machen den Haupteil des modernen Leglock Games aus. Der Grund dafür dürfte recht einfach sein, es macht das Spiel aggressiver und der Anwender der in der Unterlage ist, hat eben nicht nur Sweeps, sondern direkte und gefährliche Angriffe.

Wenn man sich die Entwicklung einmal anschaut, dann wird man feststellen, das in den Neunziger Jahren das Passieren der Guard auf den Knien sehr häufig war. Dadurch konnte der Kämpfer aus der Rückenlage die klassischen BJJ Techniken wie Straight Armbar, Triangle Choke, etc. erfolgreich einsetzen. Später änderte sich das Verhalten beim Passieren der Guard und die Leute begannen im Stehen zu Passieren. Dies hatte den Vorteil das Armhebel und Würgegriffe kaum noch anwendbar waren, bzw. ihre Effektivität stark zurück ging. Nur wenige Athleten, die über eine wirklich gute Closed Guard verfügten, konnten diese klassischen BJJ Techniken erfolgreich anwenden.

Beim stehenden Passieren, besteht zwar die Gefahr eines Sweeps, aber nur selten führte dieser direkt in eine dominante Position, wie z.B. Side Mount oder Mount. Gute Athleten konnten sich oft abfangen und es kam häufig zu Scramble Situationen, in denen keiner einen Vorteil erlangen konnte.

Dieses Problem wurde durch das moderne Leglock Game mehr oder weniger gelöst. Die „Leglocker“ waren fähig aus den verschiedensten Guard Positionen heraus, ein Bein zu isolieren und sich in eine sehr dominante Position zu befördern. Die sogenannte Saddle oder 411 Position, ist das, was im Kampf um den Oberkörper, die Back Mount Position ist. Die Kämpfer waren also plötzlich fähig aus einer relativ neutralen Guard Position, direkt in die sehr dominante Saddle Position zu kommen. Um die vergleichbare Back Mount Position zu bekommen, wäre der lange Weg über den Sweep, das passieren der Guard, usw. nötig und so stellt dieser neue Ansatz einen sehr effektiven „Pfad“ innerhalb des BJJ Gameplans da. Im BJJ mit Gi entwickelte sich übrigens ein ähnlicher Trend, allerdings nicht mit Leglocks, sondern Techniken wie dem Berimbolo und dem Kiss of the Dragon.

Klassische Positionen wie die Single Leg X Guard, X Guard oder (Reverse) De La Riva Guard werden als Eingänge zu den verschiedenen Heel Hook Angriffen genutzt und somit ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Eingängen in die verschiedenen Beinhebel. Als Coach ermutige ich jeden fortgeschrittenen Schüler sein eigenes Spiel zu entwickeln, denn auch wenn das Endresultat, also der Hebel selber, immer gleich ist, sind die Wege dorthin doch sehr unterschiedlich und Abhängig von Körpertyp, Stil, usw. Einige meiner Schüler haben einen sehr flexiblen Stil, während mein eigener Stil eher einfach und direkt gehalten ist.

Grundsätzlich machen Leglocks aus der Rückenlage auch am meisten Sinn, weil man eben keine Posiiton aufgibt und nur gewinnen kann. Darüber hinaus bieten sich sehr viele Eingänge in den Saddle, was wie schon erwähnt eine sehr dominante Position darstellt.

Angriffe aus der Guard Position (man befindet sich in der Oberlage)

Die Eingänge aus der Oberlage gehören zu den klassischen Techniken aus den Neunziger Jahren. Damals wurde die Guard nicht passiert, sondern eben direkt mit Beinhebeln angegriffen. Grundsätzlich sind diese Techniken von ihrer technischen Ausführung her, meistens wesentlich einfacher anzuwenden.

Diese Techniken kommen allerdings heute eher selten zum Einsatz und der Grund dafür ist einfach. Warum die obere Position aufgeben, wenn man doch die Guard auch passieren könnte? Wie ich im ersten Teil der Serie schon beschrieben habe, stürzen sich viele Leglock Anfänger regelrecht auf jeden Submission, aber die erfahrenen Anwender wissen genau, wie wichtig ein komplettes positionelles Spiel ist und das die Oberlage defintiv kampfentscheidend sein kann.

Eine Ausnahme hierbei stellt der Backstep da. Diese Technik, die eigentlich zum passieren der Guard gedacht war, wird heute so angewendet, das man direkt in der Saddle Position landet und maximale Kontrolle hat. Bei den klassischen Eingängen aus den Neunziger Jahren, endet man hingegen in weniger dominanten Leglock Positionen, was das Risiko die Position zu verlieren, noch erhöht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Beinangriffe aus der Oberlage wirklich nur einen kleinen Teil der Leglocks ausmacht und ich anderen Techniken dort den Vorzug gebe.

Angriffe aus dem Scramble, beim Übergang vom Stand in den Boden, etc

Die Domäne der Jugend und der Athleten. Eingesprungene Heel Hooks, Befreiungen aus der Mount direkt in einen Heel Hook, oder die Back Mount Escape die wiederum zu einem Beinhebel führt. Leglocks haben das Potential aus vielen verschiedenen Situationen heraus, überraschend und dynamisch ausgeführt zu werden. Garry Tonon vom Danaher Dead Squad ist dafür z.B. ein sehr gutes Beispiel. Auch wenn er über ein gutes positionelles Spiel verfügt, hat er unglaubliche Fähigkeiten zu improvisieren und überraschende Beinangriffe, aus den unterschiedlichsten Szenarien zu starten. Auch dieses Spiel ist wiederum sehr individuell und jeder Anwender hat dort seine eigenen Favoriten. Wer ein gutes Takedown Game hat, kann dort Verknüpfungen zwischen Takedowns und Leglocks entwickeln, ich finde die Kombination von Back Mount Escapes und Heel Hooks sehr effektiv, die Möglichkeiten sind vielfältig und es macht durchaus Sinn, in einer schlechten Position, eine Leglock Offensive zu starten, um die Karten neu zu mischen.

Ich sage immer, gute Leglocker sind wie Boxer mit einem K.O. Punch. Egal wie viel Runden sie verloren haben, sie bleiben bis zum Schluss gefährlich.

Nachdem ich jetzt so viel über die Geschichte und Funktionsweise von Beinhebeln erläutert habe, werde ich nun die Techniken selber beleuchten. Ich werde mich dabei auf die zwei häufigsten Heel Hooks, den Inside und den Outside Heel Hook beschränken. Es gibt natürlich noch viele weitere Beinhebel, aber diese beiden Techniken gehören zu den erfolgreichsten Techniken überhaupt und das sogar auf höchstem Niveau. Das gesamte moderne Leglock Game, ist mehr oder weniger auf diesen beiden Submissions aufgebaut.

Wenn man sich die Statistiken der amerikanischen ADCC Trials im letzten Jahr anschaut, wird man feststellen, das 50% aller Submissions dort, mit nur 3 Techniken erzielt wurden. 26,1% mit dem Mata Leao (Rear Naked Choke) und 27% mit Heel Hooks (11,3 Inside Heel Hook & 15,7 % Outside Heel Hook).

Natürlich kann man sich jetzt fragen ob diese Techniken so oft genutzt werden, weil sie gerade im Trend liegen, oder ob sie im Trend liegen, weil sie so effektiv sind. Ich denke die Wahrheit liegt dabei irgendwo in der Mitte, aber so oder so, man kann das Thema Beinhebel nicht ignorieren, ohne dabei einen großen Aspekt des BJJ zu vernachlässigen.

Heel Hooks
Heel Hooks sind Techniken, bei denen der Oberkörper, bzw. Oberschenkel fixiert wird, um dann den Unterschenkel mit Hilfe des Fußes (der als Hebel eingesetzt wird) zu rotieren. Diese Rotation sorgt dann für Verletzungen im Fuß, bzw. Kniegelenk. Ich sage bewusst Verletzungen, denn wie schon im ersten Teil erwähnt, ist der Heel Hook keine schmerzhafte Technik. Der Schmerz entsteht erst, wenn die Verletzung schon entstanden ist. Diesem Umstand gilt es beim Training besondere Bedeutung zuzumessen und rechtzeitig abzuklopfen.

Die verschiedenen Heel Hook Varianten setzen sich aus dem eigentlichen Hebel und einer bestimmten Kontrollposition zusammen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen:

Outside & Inside Heel Hook

Outside Heel Hook
Diese Technik ist die „harmlosere“ Heel Hook Variante und führt meistens zu weniger schweren Verletzungen (wenn zu spät abgeklopft wird). Ich habe das Wort Harmlos, in Anführungszeichen gesetzt, denn auch diese Technik kann das Kniegelenk verletzen. Allerdings kann das Fußgelenk etwas mehr nachgeben und die Rotation besser kompensieren, als beim Inside Heel Hook. Es kann also sein das erst die Bänder im Fuß verletzt werden und nicht die Bänder im Knie.

Beim Outside Heel Hook befindet sich die Innenseite des gegnerischen Fußes an unserer Hüfte und wir führen eine Innenrotation der Hüfte aus, indem wird die Ferse mit Hilfe unserer Arme kontrollieren und dann eine Körperdrehung ausführen.

Outside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position
Ein Inside Heel Hook aus der Outside Ashi Garami Position

Inside Heel Hook
Das ist der große Bruder vom Outside Heel Hook. Er ist wesentlich gefährlicher und Verletzungen der Kreuzbänder und Menisken sind definitiv zu erwarten, wenn man nicht rechtzeitig abklopft. Es gibt keine Möglichkeit den „Schmerz auszuhalten“, die Technik führt sofort zu schweren Verletzungen. Beim Inside Heel Hook, führt man eine Außenrotation an der gegnerischen Hüfte aus und da der Fuß, wenn man ihn in diese Richtung rotiert, weniger nachgibt, entsteht sofort mehr Druck am Knie. Im schlimmsten Fall reißen die Kreuzbänder, der Innenmeniskus nimmt schaden und es kann auch zu einem Knochenbruch am Fußgelenk kommen.

Inside Heel Hook aus der Backside 50/50 Position
Ein Inside Heel Hook aus der Backside 50 / 50 Position

Die Fußkontrolle
Die Fußkontrolle ist der Namensgeber dieser Techniken, denn man hakt quasi mit seinem Arm die Ferse des Gegners und rotiert dann den Fuß. Grundsätzlich gibt es da verschiedene Griffvarianten, wichtig ist jedoch immer, das man eben nicht nur die Ferse rotiert, weil dies zu einem sehr schwachen Hebel führen würde. Ein wirklicher starker Hebel entsteht nur, wenn man den Fuß so fixiert, das die Kraftübertragung über den Spann, bzw. die Fußzehen geschieht. Dadurch das der Fuß als Hebel genutzt wird, hat man ungefähr den Effekt einer Ratsche. Dreht man nur die Ferse, ist der Effekt eher wie bei einem Schraubenzieher. Das Gefühl dafür zu entwickeln ist nicht ganz einfach, aber essentiell wichtig, um bei erfahrenen Gegnern eine Drohkulisse aufzubauen, die merken nämlich recht schnell, ob der Hebel wirklich sitzt, oder man einfach nur die Ferse klammert.

Nahaufnahme eines Inside Heel Hook
Nahaufnahme der Fußkontrolle

Das war der zweite Teil meiner Artikelserie: Leglocks – Verdammt, gehasst, vergöttert. Im dritten Teil werde ich die zwei Kontrollsysteme und die 8 grundlegenden Kontrollpositionen dieser Systeme erläutern. Seit gespannt.:-)

Leglocks – Gehasst, verdammt, vergöttert;-) Teil 1: Geschichte und Grundlagen

BJJ Leglocks mit Dean Lister im Sommer 2005
Leglock Training mit Dean Lister im Sommer 2005

Wenn es um Leglocks geht, dann trifft wohl die Überschrift genau den Punkt. Kaum eine andere Technik (besser gesagt Technikgruppe) war innerhalb des BJJ so umstritten, wie die verschiedenen Beinhebel. Mittlerweile hat sich dieser Trend komplett umgedreht. Während im klassischen BJJ mit Gi, viele Beinhebel verboten sind, erleben diese Techniken im No-Gi Bereich gerade zu einen Hype.

Mit diesen Artikel möchte ich ein wenig die Geschichte, aber vor allem über die Funktionsweise dieser Techniken innerhalb des BJJ erklären und aufzeigen.

Also legen wir los und dafür gehen wir zurück ins Jahr 1993. Als Ken Shamrock im ersten UFC Pat Smith mit einem Heel Hook, also einem gedrehten Kniehebel zur Aufgabe zwang, verstanden wohl die wenigsten Menschen was er da machte, als er kurze Zeit später das Gleiche bei Royce Gracie versuchte, wurde er ausgekontert und mit einem Würgegriff zur Aufgabe gezwungen. Von da an wusste die erste Generation von UFC und BJJ Fans, Leglocks funktionieren, aber Chokes sind besser und irgendwie hielt sich diese Einstellung relativ lange in der Szene. 🙂

Natürlich gab es Ausnahmen, neben Ken Shamrock waren es Leute wie sein Bruder Frank Shamrock, Erik Paulson oder die Japaner Rumina Sato und Genki Sudo, die Beinhebel immer wieder in ihren Vale Tudo (der Vorläufer vom heutigen MMA) Kämpfen mit Erfolg einsetzten. Aber für die meisten BJJ Leute war klar, wer mit Leglocks gewinnt, gewinnt „billig“ und wurde dafür öfters auch mal ausgebuht.:-) Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren, aber Jean Jacques Machado sagt kürzlich in einem Interview, das das Verletzungsrisiko für diese Techniken zu groß war und die Medizin in den 70er und 80er Jahren in Brasilien solche Verletzungen nicht so gut behandeln konnte. Deshalb wurden sie meistens verboten, bzw. ignoriert.

Ich persönlich kann dieses Statement gut nachvollziehen, gerade was den Wettkampf betrifft. Wenn man Heel Hooks zu unkontrolliert ansetzt, bzw. sich der Gegner unkontrolliert rausdreht, kann es zu schweren Verletzungen der Bänder und der Menisken kommen. Auch die Bänder an den Füßen können betroffen sein, aber die meist schlimmeren Verletzungen sind Kreuzbandrisse, etc. am Knie.

Während heute Beinhebel aus einer positionellen Hierarchie (ähnlich der Hebel am Oberkörper) ausgeführt werden, man also erst eine Position erreicht, den Körper und das Bein kontrolliert und man dann das Bein angreifen kann, war das in den Neunziger Jahren anders. Damals gab es keine positionelle Hierarchie und Beinhebel wurden oft eingesprungen oder explosionsartig aus „Scramble“ Situationen eingesetzt. Die fehlende Kontrolle wurde durch Geschwindigkeit wett gemacht und das führte eben oft zu den obengenannten Verletzungen.

Die negative Einstellung zu den Leglocks änderte sich erst langsam, gegen Ende der Neunziger Jahre. Royler Gracie setze als einer der ersten Gracies, Leglocks in seinen ADCC Kämpfen ein und ADCC Champion Dean Lister wurde zu einer absoluten Leglock Legende und zum Vorreiter des neuen Beinhebel Systems, das mehr positionsorientiert war.

Auch mein Lehrer Roy Harris, der seine Leglocks von dem Sambo Experten Nick Baturin lernte, machte Beinhebel zu seinen Spezialtechniken und entwickelte schon sehr früh einen systematischen Ansatz dazu. Ende der 2000er Jahre war es Ryan Hall, der mit seinem 50/50 Leglock Game viele Wettkämpfe gewinnen und dabei einige gute BJJ Blackbelts besiegen konnte.

Aber erst seit dem Erfolg des „Danaher Death Squads“ um 2015 herum, wurden die Leglocks endgültig ins No-Gi BJJ integriert und die eher negative Betrachtungsweise änderte sich ins Gegenteil. Mit den Siegen von Gordon Ryan, Garry Tonon und Eddie Cummings erfuhren Leglocks und speziell Heel Hooks einen regelrechten Boom und veränderten das Wettkampfgeschehen fundamental. Das dies nicht immer nur positive Seiten gehabt hat, werde ich an anderer Stelle noch erläutern.

Das moderne Leglock Spiel zeichnet sich dadurch aus, das es im Gegensatz seinem Pendant aus den Neunziger Jahren, über eine positionelle Hierarchie verfügt. Ähnlich wie bei Submissions am Oberkörper, geht es auch bei den Beinhebel darum, bestimmte Kontrollpositionen zu erreichen und dadurch den Kampf zu verlangsamen, bzw. die Bewegungsfreiheit des Gegners so einzuschränken, das dieser sich dem Aufgabegriff nicht mehr entziehen kann.

Diese Positionen folgen auch einer bestimmten Hierarchie, bzw. haben eine bestimmte Wertigkeit. Diese basiert darauf, wie gut die Ferse eines Gegners exponiert werden kann, um einen Heel Hook anzusetzen und wie gut der Gegner dabei kontrolliert werden kann. Während man z.B. beim klassischen Kampf um den Oberkörper, von der Side Mount, in die Mount und schließlich in die Back Mount Position wechselt und seine Dominanz so immer weiter verbessert, macht man dies bei den Beinhebeln genauso. Auch wenn aus jeder Kontrollposition Submissions möglich sind (wie beim Kampf um den Oberkörper auch), erhöht sich die Chance auf Kontrolle und Submission mit dem erreichen jeder weiteren Position.

Im nächsten Teil der Artikelserie werde ich Ihnen die wichtigsten Kontrollpositionen vorstellen, um das Ganze zu verdeutlichen, aber vorher möchte ich noch ein wenig über die Gründe referieren, warum Leglocks so gut funktionieren und warum sie in den letzten Jahren solch einen Hype ausgelöst haben.

Fehlendes Bewusstsein für Leglocks
Das dürfte wohl der offensichtlichste Grund für den Erfolg dieser Techniken sein. Wie zuvor schon erwähnt wurden Beinhebel und gerade Heel Hooks, viele Jahre als „billige“ Techniken abgetan. Die meisten BJJ Anwender kannten grundlegende Techniken, hatten aber keinen systematischen Ansatz. Darüber hinaus wurde dieses „Halbwissen“ oft dazu genutzt, um Verteidigungstechniken zu trainieren, frei nach dem Motto, ich kann zwar keine Beinhebel, aber ich weiß wie ich mich dagegen verteidige. Dieser Ansatz hilft zwar auf unterem Niveau, bietet aber keinen Schutz gegen Anwender, die über ein gutes Leglock Niveau verfügen. Als Leute wie Gordon Ryan oder Garry Tonon in der Wettkampfszene auftauchten, überraschten sie ihre Gegner durch ihr ausgefeiltes Leglock Game. Während die Verteidigung von Arm und Beinhebeln, bzw. Chokes doch auf einem eher einheitlichen Niveau war, war der Unterschied im Kampf um die Beine extrem. Während sie dieses Spiel sehr gut beherrschten, hatten die meisten ihrer Gegner eher ein Anfängerniveau in diesem Bereich und so wählten sie den Weg des geringsten Widerstandes und überrannten ihre Gegner geradezu mit ihren Heel Hooks.

Mangelnde Geschicklichkeit im Unterkörper
Dies ist ein Punkt der eher selten Erwähnung findet, aber meiner Meinung nach ein Hauptgrund für den Erfolg von Beinhebeln ist. Der zivilisierte, erwachsene Mensch, hat sehr oft den Kontakt zu seinen unteren Extremitäten verloren. Er klettert selten, er krabbelt nicht, er sitzt viel auf Stühlen und intellektuelle Dinge wie Schreiben, Zeichnen oder handwerkliche Tätigkeiten, führt er in der Regel mit seinen Händen aus. Das bedeutet das sein Körpergefühl, bzw. seine Geschicklichkeit im Oberkörper wesentlich besser entwickelt ist, als im Unterkörper. Da aber die Fähigkeit seinen Körper taktil wahrzunehmen und die Position im freien Raum zu erfassen, enorm wichtig ist, wenn es darum geht sinnvolle Bewegungen zu koordinieren, hat er durch das mangelnde Körpergefühl im Unterkörper einen signifikanten Nachteil. Ich konnte dies auch immer wieder auf meinen Seminaren feststellen. Das moderne Leglock Spiel sprach eher sportliche, junge Menschen mit einem hohen Level an Geschicklichkeit an, während viele Anfänger im reiferen Alter damit einige Probleme hatten.

Falsche taktische Entscheidungen
Dieser Punkt hängt eng mit dem ersten Punkt zusammen und bezieht sich auf das technische Verhalten innerhalb eines Kampfes. Wer sich mit Leglocks nicht auseinandersetzen möchte und sich nur darauf beschränkt diese zu verteidigen, verpasst ein wichtiges, taktisches Element. Die Vermeidung von Situationen die zu Leglocks führen.

Nehmen wir folgendes, fiktives Beispiel. Wenn jemand Jiu Jitsu trainiert, aber weder er noch seine Trainingspartner wissen was ein gestreckter Armhebel ist, dann werden sie beim Rollen oft Dinge tun, die zwar in ihrem jetzigen Kontext funktionieren, aber trotzdem falsch sind. Sie könnten aus der Mount Position ihren Gegner mit zwei Händen wegdrücken, das gleiche könnten sie auch aus der Side Mount Positon tun und auch aus der Guard (oben) könnten sie ihre Gegner mit gestreckten Armen würgen, ohne das dies negative Konsequenzen hätte. Sobald aber jetzt jemand zum rollen kommt, der den gestreckten Armhebel kann, würde er all dieser Fehler ausnutzen und seine ahnungslosen Gegner tappen.

Was wäre also die Lösung? So weitermachen wie bisher und einfach nur die Verteidigung gegen Armhebel trainieren? Nein ganz sicher nicht, man würde daran arbeiten schon im Vorfeld die Situation der gestreckten Arme zu vermeiden, um gar nicht erst in einem Armhebel zu landen. Langfristig gesehen, wäre dies auch die einzig sinnvolle Lösung ihres Armhebel Problems. Das gleiche gilt für Leglocks. Sie verändern das Spiel fundamental und es gibt einfach Situationen und Positionen die man vermeiden muss, um nicht Gefahr zu laufen, in einem Leglock zu landen. Diese taktischen Entscheidungen, können aber nur entwickelt werden, wenn man mit Leuten trainiert, die verstehen, wie man diese Technik anwendet und wenn man auch selber damit beginnt, die Techniken aktiv gegen andere einzusetzen.

Die Zeit gegen etwas zu sein ist vorbei. Der einzige Weg zur Integration dieser Techniken besteht darin, sie als ganz normalen Bestandteil des BJJ zu betrachten. So verlieren Sie nicht nur ihren Schrecken, sondern bereichern das eigene Spiel ungemein.

Die schnelle Verfügbarkeit
Auch das ist ein Grund dafür, warum Leglocks so effektiv zum Einsatz kommen. Nehmen wir mal ein klassisches Szenario im sportlichen Kontext. Ein Kämpfer steht, der andere Kämpfer sitzt am Boden vor ihm. Die klassische Idee des BJJ wäre jetzt, das der obere Kämpfer die Beine (also die Guard) des sitzenden Gegners passiert, dann die Side Mount sichert und von dort in die Mount oder Back Mount Position wechselt. Alternativ dazu wäre auch ein Submission aus der Side Mount Position möglich. Umgekehrt könnte auch der untere Athlet, den stehenden Gegner per Sweep zu Boden bringen und dann die gleiche Sequenz (passieren der Beine, etc. ) ausführen.

Kommen jetzt Beinhebel ins Spiel, ändert sich die Abfolge deutlich. Der obere Kämpfer braucht nicht die Beine passieren, um einen Submisson anzusetzen, sondern attackiert direkt die Beine. Auch der untere braucht nicht erst einen Sweep, etc. sondern kann auch direkt aus dem Sitzen heraus mit einem Leglock angreifen. Während also der Choke oder Armhebel am Ende dieser Bewegungssequenz steht, steht der Beinhebel ganz vorne, was dem Heel Hook affinen Anwender einen riesigen Vorteil bringt. Er muss nicht die ganze Bewegungssequenz abarbeiten, sondern kann direkt attackieren.

Social Conditioning – Die dunkle Seites des Hypes;-)
Während sich die ersten vier Punkte mit den Gründen für die Effektivität von Leglocks beschäftigt haben, handelt dieser Punkt vom Ursprung des Leglock Hypes.:-) Wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe, waren es die Athleten vom Danaher Death Squad die vor gut 5 Jahren damit begannen, mit ihrem Leglock Spiel die Welt der Grappling Wettkampfszene zu verändern. Ihr Erfolg gab Ihnen recht und dieser Erfolg brachte den Hype um die vermeintlich neuen Techniken. Das all diese erfolgreichen Wettkämpfer ein sehr komplettes Game hatten und auch das passieren der Guard so wie Würgegriffe und Armhebel beherrschten, wurde dabei oft komplett übersehen. Heel Hooks waren das neue Wundermittel und schon Weißgurte begannen damit Beine zu hebeln, obwohl sie noch nicht einmal die Guard ihres Gegners passieren konnten.

Als ich vor einiger Zeit die Anfängerklasse auf einem großen Grappling Turnier beobachtete viel mir eigentlich nur eines dazu ein: Chaos und Leglock;-);-) Genau das war es nämlich. Das grundlegende positionelle Verständnis fürs BJJ war nicht da, stattdessen lag der Fokus auf Leglocks aus allen Positionen, ohne dabei auf die Sinnhaftigkeit dieser Strategie zu achten.

Beinhebel, was bleibt wenn der Hype geht?
Beinhebel gehören zum BJJ dazu und es gibt keinen vernünftigen Grund sie nicht zu trainieren, denn wie schon oben erwähnt beeinflussen sie die Taktik des BJJ auf eine enorme Art und Weise und können ohne intensives Training auch nicht systematisch verteidigt werden. Auf Beinhebel zu verzichten, wäre genauso, als würde man auf Armhebel oder Würgegriffe verzichten, das Wesen des BJJ wäre deutlich verändert und eingeschränkt.

Aber sind Leglocks nun wirkliche Wunderwaffen? Ja und Nein. Wie schon am Anfang erwähnt, hängt ihr Erfolg zu einem großen Teil mit der mangelnden Geschicklichkeit der Anwender zusammen und dieser Punkt wird immer ein Problem für den Durchschnittsanwender sein. Auch wenn er Leglocks versteht, braucht er ein gutes Körpergefühl, um sie sicher zu verteidigen. Dies ist eine „Achillesferse“ für viele Anwender die vielleicht kräftig und athletisch sind, aber nicht über diese sportspezifische Geschicklichkeit verfügen. Ein guter Leglocker kann deshalb auch physisch stärkere Gegner zur Aufgabe zwingen. Ein gutes Beispiel dafür war der Australische BJJ Kämpfer Lachlan Giles der mit knapp 80 Kilo Körpergewicht, in der offenen Klasse der ADCC 2019 unzählige, schwere Top BJJ Athleten mit Leglocks zur Aufgabe zwang. Mit Armhebeln oder Würgegriffen wäre dies nur sehr schwer möglich gewesen.

Auf der anderen Seite funktionieren Beinhebel nach den gleichen Gesetzen wie jede andere Technik auch. Sie können vermieden und gekontert werden. Innerhalb meiner Schule sind die Unterschiede zwischen „Leglockern“ und „Nicht-Leglockern“ sehr ausgeprägt, innerhalb meiner eigenen Trainingsgruppe und meinen fortgeschrittenen Schülern ist dies nicht der Fall. Für uns sind Beinhebel auch nur ein Tool in unserem Werkzeugkasten und werden mal mehr und mal weniger angewendet. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie extrem sich die eigene Wahrnehmung und Geschicklichkeit verbessert, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt. Am Anfang reicht ein einfacher Griff an die Ferse um Hektik zu verursachen, heute ist es ein regelrechter Kampf die Ferse so zu exponieren, das ein erfolgreicher Heel Hook möglich ist.

Heel Hooks – Wie vermeidet man Verletzungen?
Der wichtigste Punkt in der Vermeidung von Verletzungen bei Beinhebeln ist der, das man versteht, das diese Techniken erst dann Schmerzen verursachen, wenn schon eine, mehr oder weniger schwerwiegende, Verletzung passiert ist. Es sind also keine „Schmerzhebel“ bei denen man den Druck einfach aushalten kann, wenn man eine gewisse mentale und körperliche Härte hat. Mit etwas Körpergefühl kann man die Spannung in den Gelenken, bzw. Bändern wahrnehmen, aber mehr Feedback gibt der eigene Körper nicht.

Von daher ist es enorm wichtig die Situation rechtzeitig zu erkennen und früh abzuklopfen. Weder in meiner Schule noch in meinem eigenen Training ziehen wir die Heel Hooks aktiv an. Unser Ziel ist es die Ferse zu exponieren und sie dann zu umklammern, um eine Rotation zu ermöglichen. Diesen letzten Schritt jedoch machen wir nicht. Wir rotieren niemals die Ferse, sondern belassen es beim klammern der Ferse. Gut ausgeführt, ist das alleine schon fast ein Hebel.

Natürlich ist auch die eigene Verteidigung enorm wichtig. Jegliche ruckartigen, explosiven Bewegungen sind zu unterlassen, denn wenn der eigene Unterschenkel festgehalten und kontrolliert wird und man dann selber den Oberschenkel, bzw. gesamten Körper rotiert, entsteht auch ein Heel Hook der die Bänder im Knie verletzt. Fußballer kennen das sehr gut. Ein Spieler steht und dreht sich plötzlich, aber während der Körper rotiert, bleibt der Fuß und Unterschenkel stehen. Das Resultat sind oft schwere Verletzungen an den Kreuzbändern und Menisken.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die positionelle Hierarchie. Wer den typischen Leglock Stil der Neunziger Jahre benutzt, macht sich keine Freunde und wird irgendwann alleine trainieren.:) Kontrolle ist, wie beim „Oberkörper BJJ“ auch, eine Grundvoraussetzung für langsame, kontrollierte Submissions und genau aus diesem Grund sollte genug Zeit in die technische Entwicklung des eigenen Games gesteckt werden.

Beinhebel in der Selbstverteidigung
Ein schwieriges Thema. Heel Hooks und besonders Inside Heel Hooks (ich stelle die verschiedenen Heel Hooks im zweiten Teil der Artikelserie vor) können schwerste Verletzungen verursachen, die jeden Kampf sofort beenden und eine rekonstruktive chirurgische Behandlung erfordern. Youtube ist voll mit solchen schrecklichen Videos. Ich persönlich schaue mir so etwas nicht an, aber ich weiß das die dort gezeigten Verletzungen wirklich schlimm sind. Die Effektivität für die SV ist damit gegeben, aber das ist eben nur ein Teilaspekt des Ganzen. Wie ich schon erwähnt habe, ist der Schmerz bei diesen Techniken erst vorhanden, wenn schon eine Verletzung vorhanden ist und von daher müsste man die Technik mit voller Kraft durchziehen, um den Kampf zu beenden. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel und Schadensersatz, etc. sollte man sich hier schon stellen und ich würde lieber auf den guten alten Würgegriff zurückgreifen, um einen Angreifer schnell und in der Regel ohne große Verletzungen kampfunfähig zu machen.

Auf der anderen Seite gibt es Situationen die so gefährlich sind, das solche Techniken durchaus Sinn machen können. Wer sich z.B. plötzlich am Boden wiederfindet während zwei Angreifer auf ihn eintreten und er hat die Chance irgendwie aus dem Liegen heraus in einen Heel Hook zu kommen, der kann einen der beiden Angreifer in kürzester Zeit komplett kampfunfähig machen.

Trotz aller Effektivität sollte man aber auch nicht Vergessen, das in der SV Schläge und Tritte im Spiel sind und so einige der Kontrollpositionen nicht mehr ganz so sicher sind. Aus meiner Perspektive würde ich sagen, die Dosis macht das Gift.:-) Der Gameplan für die SV ist komplett anders als der Gameplan für Leglocks, deshalb würde ich die Beinhebel in der Selbstverteidigung auch nicht aktiv verfolgen, sondern als wertvollen Zusatz sehen, der mir in bestimmten Situationen helfen kann.

Das war Teil 1, Grundlagen der Leglocks, ich bin mir noch nicht sicher ob diese Artikelserie zwei oder drei Teile haben wird, aber es gibt auf jeden Fall noch einiges über das Thema zu sagen.