Die Selbstverteidigungsstrategie des BJJ – Teil 2: Der Clinch & das Messer in der Tasche

BJJ Messer
Körper- und Handkontrolle im Clinch

Nachdem ich ihnen im ersten Teil die SV Strategie des BJJ in der langen Distanz erläutert habe, kommen wir jetzt zu Teil 2, dem Clinch. Dieser ist für die SV wichtig, sehr wichtig und für mich ist er die Umsetzung der BJJ Bodenkampf Prinzipien in der Vertikalen. Was ist also die Funktion des Clinch? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus und welche Gefahren birgt er? Diese und viele weitere Fragen, werde ich in diesem Artikel beantworten.

Der Clinch als Schutzzone
Wie sie ja bereits aus Teil 1 wissen, ist eines der primären Ziele in der BJJ Selbstverteidigung, den Clinch zu erreichen, ohne dabei getroffen zu werden. Wenn man erst einmal die Distanz überwunden hat und nah am Gegner klebt, sind dessen Mittel relativ eingeschränkt. Sie kennen ja bereits meine Vergleiche mit dem Boxen, aus dem ersten Teil. Jeder angeschlagene Boxer weiß, im Clinch ist er erst einmal sicher und wird weniger oft und vor allem weniger hart getroffen. Der Ringrichter weiß das auch und trennt deshalb beide Kontrahenten, damit der Kampf wieder zurück in die schnelle und dynamische Boxdistanz findet.

Um die Schutzwirkung des Clinch zu verstehen, muss man die Mechanik eines harten Schlages verstehen. Ein harter Schlag braucht in der Regel Distanz und eine Beschleunigung, durch die Drehung der Hüfte. Je mehr Distanz vorhanden ist, desto mehr Schlagkraft kann man entwickeln. Als kurze Anmerkung möchte ich nur hinzufügen, das mir sehr wohl bewusst ist, das es andere Schlagmechaniken in den inneren Kampfkünsten gibt, aber 99,9% der Menschheit schlägt so, wie ich es gerade beschrieben habe. Durch die räumliche Nähe des eigenen Kopfes und Rumpfes zum Gegner, findet dieser nicht die Distanz, um hart zu Schlagen oder gar zu treten. Kopf- und Kniestöße sind eventuell noch möglich, aber selbst die können durch einen engen Clinch, stark in ihrer Funktion eingeschränkt werden.

Genau dieses Prinzip macht sich der BJJ Anwender zu nutze. Er geht in den Clinch, um den Kampf zu verlangsamen (nicht umsonst heißt meine SV Videoserie „Control the Chaos„;-)). Er bleibt eng, ist sicher vor den ballistischen Angriffen des Gegners und kann dessen Aggression, sich planlos aus dem Clinch zu befreien, gegen ihn einsetzen. Je wilder ein untrainierter Angreifer um sich schlägt, desto mehr verspannen sich seine Schultern. Je mehr sich seine Schultern verspannen, desto höher wird sein Körperschwerpunkt und je höher der Körperschwerpunkt, desto leichter ist es, ihn zu Boden zu werfen. Anstatt sich also auf einen wilden Schlagabtausch einzulassen und Teil des Chaos zu werden, unterbindet man die eher unkontrollierbaren Umstände, geht in den Clinch, ist vor harten Schlägen geschützt und kann dann in relativer Ruhe, die nächsten Schritte planen.

Der Clinch als Schnittstelle
Der Clinch ist die Schnittstelle zwischen dem Kampf im Stand und am Boden. Wer den Clinch kontrolliert, der kann die Richtung des Kampfes vorgeben, der kann taktische Vorgaben umsetzen und behält die Übersicht. Welche Optionen ergeben sich also aus dem Clinch?

  • Den Clinch zum Zeitgewinn nutzen
  • Wechsel vom Clinch in den Bodenkampf durch einen Wurf
  • Wechsel vom regulären Clinch in den Clinch an der Wand
  • Beenden des Kampfes durch einen Hebel- oder Würgegriff im Stand
  • Beenden des Kampfes durch ballistische Angriffe (Schläge, Kopfstöße, etc.)
  • Beenden des Kampfes durch taktisches Kuzushi (einfach gesagt, man schubst z.B. den Gegner eine Treppe hinunter)
  • Beenden des Kampfes durch die Anwendung von Kontroll- und Festnahmetechniken
  • Lösen aus der dem Clinch um Distanz zu schaffen (z.B. um an die eigene Waffe zu gelangen)

Der Clinch als Zeitgewinn
Beginnen wir also mit der banalsten und am wenigsten spektakulären Funktion des Clinch. Man wird plötzlich angegriffen, die Fäuste fliegen und man schützt sich durch das Überbrücken der Distanz und konsequentes Clinchen. Was kommt dann? Nun, als aller erstes Mal hat man einen gefährlichen und überraschenden Angriff, der zu schlimmen Gesichtsverletzungen oder einem Schädel-Hirn Trauma, hätte führen können abgewehrt. Das ist verdammt viel wert. Selbst wenn man über nur minimale Kenntnisse in der SV verfügt, kann man den Clinch nutzen, um Zeit zu gewinnen. Befindet man sich in der Öffentlichkeit, kann man dabei gezielt um Hilfe rufen und Passanten bitten einzugreifen. Auf Veranstaltungen gibt es vielleicht Sicherheitspersonal, etc. die die Situation beenden und den Angreifer zurückhalten können.

Ich weiß, das klingt jetzt nicht sonderlich heroisch, aber das ist die Realität und auch wenn man in seiner Vorstellung gerne den Gegner kampfunfähig macht, ist die Wirklichkeit dann eher ernüchternd, gerade wenn man eben noch nicht über ein jahrelanges Training verfügt. Aber genau das ist ja die Stärke der BJJ Selbstverteidigung, sie funktioniert auch dann , wenn man keine ausgebildete „Kampfmaschine“ ist. 😉

Der Wechsel in den Bodenkampf
Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf ist der klassischste aller Übergänge und wohl auch einer der sichersten, wenn man es mit „nur“ einem Gegner zu tun hat. Die Logik dahinter ist klar. Der Clinch im Stand funktioniert gut, allerdings gibt der freie Raum, dem Gegner immer wieder Möglichkeiten sich zu lösen, bzw. Distanz zu schaffen. Genau deshalb funktionieren z.B. Submissions, also Hebel- und Würgegriffe, im Stand weniger gut, als am Boden.

Wirft man also seinen Gegner zu Boden und erreicht idealerweise die obere Position, hat man seine Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt. Der normale Mensch ist darauf optimiert, der Schwerkraft im aufrechten Gang zu trotzen und von daher fehlen ihm im Bodenkampf meistens die Mittel, um effizient Platz zur Flucht zu generieren. Der Wechsel vom Stand in den Bodenkampf, ist also eine Fortsetzung der Kontrolle und führt den BJJ Anwender hin zu seinem ultimativen Ziel, dem Würgegriff und die temporäre Kampfunfähig des Gegners.

Der Clinch an der Wand

Der Clinch an der Wand
Der Clinch an der Wand stellt eine Verbesserung des regulären Clinchs da und macht somit alle bestehenden Möglichkeiten noch effektiver. Warum? Ganz einfach, weil die Wand, ähnlich wie der Boden, die Bewegungsfreiheit des Angreifers enorm einschränkt. Er kann seine Hüften nicht nach hinten wegbewegen und ist somit leichter und mit weniger Aufwand zu werfen, als im freien Raum. Generell kann man sagen, das sich das positionelle, eher langsame Spiel des BJJ, viel besser an der Wand, als im freien Raum umsetzen lässt, allerdings ist nicht immer solche eine räumliche Einschränkung (Wand, Ecke, Zaun, Auto, Hauseingang, etc. ) vorhanden. Von das muss der Clinch nicht nur an der Wand, sondern eben auch im freien Raum geübt werden.

Würge- und Hebeltechniken im Stand
Grundsätzlich hat man immer die Möglichkeit Würge- und Hebeltechniken auch im Stand anzubringen. Sie sind möglich, aber weniger wahrscheinlich. Dadurch das die Bewegungsfreiheit des Gegners nicht so stark eingeschränkt ist und die eigenen Möglichkeiten der Positionierung im Stand weniger umfangreich als am Boden sind, gehören diese Techniken eher als „Bonus“ dazu. Sie können sich jederzeit ergeben, aber man sollte nicht mit ihnen planen oder darauf vertrauen.
Die Chancen diese Techniken erfolgreich anwenden zu können steigen mit den eigenen BJJ Fähigkeiten und einer eventuellen, körperlichen Überlegenheit. Sind diese Faktoren nicht gegeben ist eine Transition in den Bodenkampf erfolgversprechender.

Schläge aus dem Clinch
Der Kopfstoß aus dem Clinch ist einer meiner Favoriten.;-) Gerade als fortgeschrittener Anwender, kann man sehr gut Kontrolltechniken mit Kopfstößen, Kniestößen, etc. verbinden. Dies ist sehr effektiv, erfordert aber eine solide Grundlage und relativ viel Erfahrung. Das Spiel mit der Distanz und die gleichzeitige Kontrolle, benötigen ein gutes Körpergefühl, denn sonst kann der Gegner, die geschaffene Distanz nutzen, um selber zu zuschlagen, oder die Distanz zu vergrößern. Allerdings haben diese Techniken für fortgeschrittene Anwender viele Vorteile. Durch die Kontrolle des Gegners, kann man viel präziser angreifen und wirklich gezielte Treffer landen, ohne das die Extremitäten (gerade die Arme), Abwehrbewegungen machen können. Somit kann ein Kampf relativ schnell beendet werden, ohne das man dabei in den Bodenkampf muss.

Taktisches Kuzushi
Bad shit;-) Real bad shit;-) Was so harmlos klingt ist ziemlich gefährlich und kann von meiner Seite aus nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Taktisches Kuzushi bedeutet, den Clinch dazu zu nutzen, um den Gegner irgendwo hin zu schubsen. Man könnte ihn eine Treppe hinab schubsen, vor ein fahrendes Auto, gegen eine Wand, über einen Zaun oder in irgendwelche Gegenstände. Der Vorteil, solche Aktionen können den Kampf schnell beenden und Zeit zur Flucht geben. Der Nachteil, man kann die Konsequenzen nicht kalkulieren und eventuell, als nicht so geübter Anwender, mit dem Gegner zusammen stürzen.

Ich sage es ihnen ganz ehrlich, diese Option ist extrem heikel und hängt von vielen äußeren Umständen ab. Wenn ich in einer Bar jemanden in eine Tischgruppe schubse, um mir den Weg frei zur Flucht, oder zumindest zum Türsteher zu machen, ist das eine kalkulierbare Aktion. Wenn ich an einer Bushaltestelle angegriffen werde und den Angreifer vor den vorbeifahrenden Linienbus schubse, ist das alles andere als kalkulierbar. Und höchstwahrscheinlich nicht verhältnismäßig. In den letzten Jahren sind solche Dinge in Deutschland relativ oft passiert, gerade in Bahnhöfen und nicht als Akt der Selbstverteidigung, sondern als unmenschliche und menschenverachtende Kriminalität. Solche Sachen funktionieren, selbst für untrainierte Menschen und von daher sollte man diese Optionen kennen und können. Auch, um davor einen gewissen Schutz zu entwickeln. Ob wir solch finale Mittel jemals einsetzen sollten, ist ein anderes Thema, was nicht einfach zu beantworten ist.

Würgegriff im Stand

Kontroll- und Festnahmetechniken
Dieser Aspekt spielt für den normalen SV Anwender keine Rolle, aber eben für die Anwendung bei der Polizei, etc. Man kann aus dem Clinch direkt in verschiedene Festnahmetechniken wechseln, allerdings ist dies im Stand (ähnlich wie bei den Submissions) schwieriger als am Boden. Auch hier würde ich sagen, sollte man mit diesen Techniken nicht planen, aber man kann sie als „Add-on“ nutzen und einsetzten, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Schaffen von Distanz
Auch dies ein Thema was eher wieder für Polizei, etc. interessant ist, aber auch für „Normalbürger“ von nutzen sein kann. Wie ausführlich beschrieben, nutzen wir das Überbrücken der Distanz und den nachfolgenden Clinch dazu, auf eine spontane Aggression des Gegners zu antworten. Wenn uns ein Angreifer zum Beispiel in ein Gespräch verwickelt und plötzlich angreift, kontern wir das, durch ein schnelles Clinchen. Wenn ich jetzt aber wieder Distanz schaffen möchte, z.B. um zu flüchten, oder um an die eigene Waffe (sei es Pfefferspray, oder die Schusswaffe) zu gelangen, dann kann ich dies durch das gezielte Lösen aus dem Clinch erreichen. Man nutzt also den Clinch, um sich zu schützen und nutzt die Sicherheit des Clinch dann, um wieder Distanz zur Flucht, oder zum Einsatz von Waffen zu schaffen.

Ich hoffe ich konnte ihnen die Funktion des Clinch als Schnittstelle zwischen den verschiedenen anderen Bereichen einer körperlichen Auseinandersetzung ein wenig verdeutlichen. Nur wenn man über einen starken Clinch verfügt, kann man eben diese bewussten Entscheidungen treffen und gezielt den Kampf in bestimmte Bahnen lenken. Allerdings möchte ich auch noch einmal betonen das bei all der Vielfalt, für den regulären Durchschnittsanwender eine sehr einfache Strategie im Vordergrund steht:

Überbrücken der Distanz – Kontrolle im Clinch – Beenden des Kampfes am Boden

Das ist das Grundgerüst, die Basisstrategie und wenn man diese begriffen hat und umsetzen kann, öffnen sich die anderen obengenannten Wege Was also ist die Struktur des Clinches? Wie funktioniert er und gibt es Unterschiede zum Clinch im sportlichen Wettkampf?

Grundlegende Kontrollpositionen
Unser Clinch besteht aus zwei grundlegenden, primären Kontrollpositionen, welche durch weitere sekundäre Kontrollpositionen ergänzt werden. Grundsätzlich nutzen wir den Bodylock, d.h. wir greifen um den gegnerischen Rumpf herum und schließen die Hände. Natürlich gibt es viele effektive Clinch Positionen wie den Underhook, etc. aber diese sind eher etwas, für trainierte Athleten mit langjähriger Erfahrung. Für den Durchschnittsanwender ist es in einer Stresssituation meist einfacher um den Gegner herum zugreifen und die Hände ineinander geschlossen zu halten. Somit kann man mit relativ wenig Aufwand, einen hohen Kontrolleffekt erreichen.

Wir benutzen den Bodylock von vorne und von hinten, verbinden die beiden Positionen mit verschiedenen Übergangstechniken und natürlich Möglichkeiten der Handkontrolle. Das primäre Ziel im Clinch, ist erst einmal die Kontrolle, des gegnerischen Rumpfes, denn nur so kann der Angreifer daran gehindert werden, die Distanz wieder zu vergrößern. Man „klammert“ sich also an seinen Gegner und nimmt ihm damit jede Möglichkeit, effektive Schläge einzusetzen.

Handkontrolle
Dieser Punkt ist extrem wichtig und auch der große Unterschied zwischen sportlichen Clinch und dem Clinch für die SV. Wenn man in den Clinch geht, muss man immer davon ausgehen, das der Gegner ein Messer in der Tasche hat und es auch ziehen will, alles andere ist ein Glücksspiel. Der Clinch am Körper ist wichtig, um die Bewegungsfreiheit des Gegners einzuschränken, aber die Handkontrolle ist dafür verantwortlich, das er kein Messer, oder irgendetwas anderes aus der Tasche ziehen kann. Es gilt immer einen offenen Messerangriff zu vermeiden und gerade deshalb ist es wichtig, den Gegner daran zu hindern, das Messer aus der Tasche zu ziehen. Hat er es erst einmal draußen, wird die Situation um ein vielfaches gefährlicher. Umgekehrt sorgt die Handkontrolle auch dafür, das der Gegner nicht in die Taschen des Anwenders greifen kann, denn vielleicht hat der ja auch Waffen, etc. einstecken, die er unter seiner Kontrolle behalten muss. Der klassische, sportliche Clinch ist deshalb keine Option, denn dort wird die Handkontrolle (da sie nicht so extrem notwendig ist) oft vernachlässigt.

Das Ringen um die Waffe
Die Fortsetzung der obengenannten Thematik und hoffentlich etwas, was ihnen in der Realität nie passiert. Sollte der Angreifer im Clinch sein Messer gezogen haben, ist es enorm wichtig, Optionen zur Kontrolle des Waffenarms zu haben. Natürlich sind solche Dinge enorm risikoreich und es gibt keine sichere, waffenlose Messerabwehr, aber wer sich in den Clinch begibt, sollte trotzdem Möglichkeiten zur Verteidigung kennen und üben. Das Ringen um die Waffe ist manchmal kontraintuitiv, weil man sich in Positionen begibt, die man im waffenlosen Clinch nie einnehmen würde. Im Kampf um das Messer, machen diese Positionen jedoch Sinn.

Vielleicht noch eine kurze Anmerkung: „So manch ein Leser wird jetzt vielleicht sagen: Genau deshalb will ich nicht in den Clinch, ich will dem Gegner nicht so nah sein.“ Nachvollziehbar, aber was wenn man dem Angreifer einen Fußtritt aus langer Distanz verpasst, dieser einen Meter zurückgeschleudert wird und in seine Tasche greift? Dann ist man viel zu weit weg, um ihn daran zu hindern das Messer zu ziehen und man sieht sich einem wild fuchtelnden Angreifer gegenüber, was bestimmt nicht weniger gefährlich ist. Der Clinch bietet eine sehr gute Kontrolle und wenn man darauf trainiert ist, die Arme des Gegners ständig zu kontrollieren und zu beobachten, hat man gute Chancen den Gegner daran zu hindern irgendwelche überraschende Aktionen zu starten. Das Handfighting hat also gerade für die SV, einen sehr hohen Stellenwert.

Das Beißen
Auch ein wichtiges Thema, welches natürlich keine Beachtung bei der sportlichen Anwendung findet. Ein Angreifer, der plötzlich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, kann schnell in Panik verfallen und absolut unkontrolliert und unberechenbar reagieren. Ich habe einige Schüler die beruflich Erfahrung mit Bissen gemacht haben und so etwas ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann zu gefährlichen Infektionen führen. Aus diesen Grund ist das Verständnis für die Möglichkeiten des Beißens und ihre Vermeidung durch eine kluge Positionierung sehr wichtig.

Der Übergang zum Bodenkampf
Würfe aus dem Clinch müssen nicht spektakulär aussehen, sie müssen funktionieren und dürfen kein unnötiges Risiko bieten. Grundsätzlich bedeutet das, das wir Würfe nutzen, bei denen wir kontrolliert auf dem Gegner landen und kein anderes Körperteil als unsere Fußsohlen den Boden berührt. Anders gesagt, der doppelte Beinangriff aus dem Ringen ist ein perfekter Wurf für das No-Gi Sport BJJ, aber würde uns in der SV, auf hartem Asphalt die Knie kaputt machen. Der einzelne Beinangriff (Single Leg Takedown) hingegen, ist eine gute Möglichkeit einen Gegner in der SV zu Boden zu bringen, ohne dabei ein unnötiges Risiko einzugehen. Selbst wenn die Technik nicht funktioniert, kann man wieder zurück in den Bodylock wechseln und von dort aus weiter arbeiten.

Die Gefahren des Clinches
Welche Nachteile hat der Clinch? Warum sollte er vermieden werden und welche besseren Optionen gibt es? Die Frage kann ich eigentlich ganz leicht beantworten. Die beste Alternative zum Clinch ist ein schneller und gezielter K.O. Schlag, der den Kampf sofort beendet. Gibt es so etwas? Manchmal schon. Ist es die Regel, ich würde sagen nein und je weniger athletisch und kampferfahren ein Mensch ist, desto niedriger seine Chancen auf ein schnelles K.O. Von daher ist der Clinch definitiv die verlässlichere Variante für die meisten „Durchschnittsanwender“.

Hat der Clinch Nachteile? Ja, er funktioniert nur wirklich gut gegen einen Angreifer und auch wenn es Möglichkeiten gibt, einen Angreifer im Clinch als „Schutzschild“ gegen andere Angreifer zu nutzen, sind diese sehr begrenzt und stark abhängig von den eigenen körperlichen Fähigkeiten. Wenn ich mich auf einen Angreifer fixiere, bin ich offen für die Aktionen eines zweiten oder dritten Angreifers, aber dies gilt halt nicht nur für den Clinch, sondern für jede Aktion die mit eingeschränkten Fokus geführt wird. Auch wenn man sich in der Schlagdistanz zu sehr auf einen Gegner konzentriert, verliert man die Aufmerksamkeit für einen eventuellen zweiten Gegner. Dies ist also ein grundlegendes Problem und hat nicht unbedingt etwas mit dem Clinch zu tun. Der Kampf gegen mehrere Gegner ist immer ein Glücksspiel, aber der Clinch sorgt dafür, das der Kampf gegen einen Gegner nicht auch zu einem wird.

Das ist also der Clinch in der Brazilian Jiu Jitsu Selbstverteidigung. Ein großes Thema, aber ich hoffe ich konnte Ihnen die praktische Anwendung dieser Position näherbringen und ihnen verdeutlichen, wie funktionell sie genutzt werden kann. Clinch bedeutet nicht einfach nur sinnloses Festhalten, sondern bewusste Kontrolle über den Gegner. Wie schon gesagt ist es das Äquivalent des Bodenkampfes in der Vertikalen und sollte mit dem entsprechenden Stellenwert praktiziert werden.

Im dritten und letzten Teil, geht es dann um die Bodenkampf Konzepte, in der BJJ Selbstverteidigung und auch da gibt es wieder einiges zu schreiben. 🙂