BJJ Street Guard – Eine Guard für jede Lebenslange;-) Teil 2: Die offene Guard

Das taktische Aufstehen aus der offenen Guard Position , wenn man die Distanz dazu hat. (Screenshot)

Nachdem ich im ersten Teil, die Funktion und Wirkungsweise der geschlossenen Guard erläutert habe, geht es heute um die offene Guard, d.h. ein Gegner steht etwas außerhalb meiner Reichweite, ich habe noch keinen, bzw. wenig physischen Kontakt zu ihm und der Kampf entwickelt sich von dort aus. Im sportlichen BJJ gab es in dieser Position in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung, aber ich will an der Stelle mehr auf die Anwendung der offenen Guard in der Selbstverteidigung, bzw. in Situationen in denen Schläge und Tritte erlaubt sind, eingehen.

Wie entsteht eine offene Guard Position in der Selbstverteidigung?
Grundsätzlich kann man sagen, das es kaum Situationen gibt, bei denen man sich freiwillig in die offene Guard Position begibt. Meistens läuft etwas suboptimal und man wird dazu gezwungen, sich in diese Position zu begeben. Der Klassiker überhaupt, ist das einfache Stolpern. Man befindet sich in einer körperlichen Auseinandersetzung, mitten im Chaos und plötzlich verliert man das Gleichgewicht und landet am Boden, während der Gegner stehen bleibt und schon findet man sich in der offenen Guard wieder.

Eine weitaus gefährlichere Situation ist gegeben, wenn der Gegner einen schweren Schlag landet und man durch die Schlagwirkung zu Boden geht, bzw. sich freiwillig hinsetzt, weil man merkt das man angeschlagen ist und die Verteidigung im Stand zu gefährlich wird. Diese Taktik wurde früher öfters in MMA Kämpfen angewendet und war auch erfolgreich. Allerdings wollten die Zuschauer lieber ein brutales K.O. sehen und so wird heute in der Regel der Kampf sehr schnell unterbrochen, wenn einer der beiden Kämpfe sich hinsetzt.

Vielleicht denken sie jetzt: Was? Warum sollte ich mich auf den Boden setzen, wenn ich schon angeschlagen bin? Das ist doch gefährlich. Meine Antwort, ja das ist gefährlich, aber angeschlagen stehen zu bleiben und weitere schwere eventuelle K.O. Treffer zu kassieren ist noch gefährlicher. Eine weitere Möglichkeit für die offene Guard ist eine Situation, in der sie sich schon am Boden befinden. Man sitzt im Freibad auf einer Wiese, oder man befindet sich schon in einer liegenden Position (gerade bei sexuellen Straftaten) und wird plötzlich angegriffen. Eine weitere Möglichkeit ist auch, das ihr Gegner aus ihrer geschlossenen Guard flüchtet (weil er zu stark ist oder sie einen Fehler gemacht haben) und somit Distanz aufbauen kann.

Was ist das Ziel der offenen Guard?
Grundsätzlich gibt es in der offenen Guard zwei Ziele, die auf den ersten Blick sehr gegensätzlich erscheinen, allerdings ergänzen sie sich bei genauerer Betrachtung sehr gut. Das erste Ziel ist natürlich die Verteidigung gegen Schläge und Tritte. Dadurch, das man in der offenen Guard oft keinen direkten Kontakt zu seinem Gegner hat, gleicht das Szenario dem Standkampf. Man ist außerhalb der gegnerischen Reichweite, muss sich vor den Angriffen des Gegners schützen und gleichzeitig einen Weg finden, die Distanz zu verkürzen.

Die klassische Situation in der SV ist wohl die, das der Gegner steht, während man selber am Boden liegt. Solange nur ein Angreifer im Spiel ist, ist diese Position gar nicht so schlecht(im Kontext der verschiedenen Guard Positionen). Wie schon weiter oben im Text erwähnt, gab es in den frühen MMA Kämpfen öfters solche Situationen und der stehende Gegner hat es dabei gar nicht so leicht und will deshalb oft gar nicht angreifen. Gerade wenn man keine Grappling Erfahrung hat, ist es nämlich gar nicht so einfach, an den gegnerischen Beinen vorbei zu kommen.

Das offensive Ziel ist natürlich die Kampfunfähigkeit des Gegners. Man hat die Möglichkeit eines gezielten „Up Kicks“ zum Gesicht, also einem Fußtritt aus der Rückenlage. Darüber hinaus gibt es Sweeps und auch einige Submissions (wobei gerade die Submissions eher etwas für fortgeschrittene BJJ Anwender sind) und natürlich gibt es die Chance, den Gegner in die geschlossene Guard zu ziehen. Dies ist wohl auch eine der sichersten Methoden überhaupt.

BJJ Selbstverteidigung
Die Füße zeigen immer zum Gegner (Screenshot)

Die Füße zeigen immer zum Gegner
Natürlich ist die offene Guard ein großes Thema, welches wir in seiner Komplexität nicht komplett behandeln können, aber es gibt einige grundsätzliche Prinzipien, die man immer nutzen sollte.

Grundsätzlich sollten die eigenen Fußsohlen, bzw. Fersen, immer zum Gegner zeigen. Man zielt quasi mit den Füßen, wie man auch mit einer Schusswaffe zielen würde und wenn der Gegner sich bewegt, dann bewegt man sich auch und folgt ihm. Man darf unter keinen Umständen zulassen, das der Gegner zur eigenen Flanke kommt, denn dort ist man für alle Angriffe, egal ob Schwitzkasten oder „Elfmeter Kick“ an den Kopf offen. Der Wechsel von der sitzenden in die liegende Position und die Nutzung der Schwungmasse des Körpers ist dabei enorm wichtig, um sich wirklich schnell und ohne viel Aufwand am Boden bewegen zu können.

Mein Systema Training unter Alex Kostic hat damals mein BJJ in diesem Bereich sehr bereichert und verändert und auch heute noch sind gerade beim fortgeschrittenen Training, viele Einflüsse dieser Kampfkunst mit drinnen.

Aufstehen, wenn es die Distanz zulässt.
Dieses Prinzip gilt natürlich nicht, wenn man sich z.B. nach einer Schlagwirkung in diese Position begeben hat, um weiteren Schlägen zu entgehen. Es ist eher für die Fälle gedacht, in denen man unfreiwillig am Boden gelandet ist, weil man z.B. ausgerutscht oder gestolpert ist, oder vielleicht vom Gegner am Boden überrascht wurde.

Grundsätzlich hält man seinen Gegner mit gezielten Kicks auf Distanz. Sobald dieser zu Nahe kommt, attackiert man seine Knie, weil diese meistens das naheliegendste Ziel sind. Durch das konsequente Attackieren der Knie, zwingt man den Gegner auf Distanz zu bleiben, was oft dazu führt, das er sich sogar weiter von einem entfernt, als es für ihn nötig wäre. Sobald der BJJ Anwender merkt, das sein Gegner weit genug weg ist und keinen Angriffsdruck nach vorne hat, kann er diese Lücke nutzen und aufstehen, um den Kampf im Stand weiter zu führen. Durch die Kombination aus aggressiven Kicks und konsequentem Aufstehen, kann man den Gegner sehr gut unter Druck setzen. Kommt er zu Nahe wird er getreten, geht er zu weit weg, steht man auf. Wie man aus dieser Position effektiv treten kann, zeige ich in diesem Video.

Natürlich ist dies noch nicht die perfekte Lösung, weil mein noch keine Kontrolle über den Gegner hat, aber es ist definitiv eine gute Strategie um eine relativ passive Position stark zu machen.

Der „Up-Kick“
Eine weitere konsequente Umsetzung unser Kick Strategie. Während die ersten Kicks meistens zu den Knien gehen, weil der Gegner relativ gerade vor uns steht, kann es im Verlauf des Kampfes passieren, das der Gegner sich nach vorne über beugt, um unsere Hose an den Knien, oder Fußgelenken zu greifen. Sollte dies der Fall sein, bringt er dadurch seinen Kopf in die Kick Distanz und dies kann der BJJ Anwender ausnutzen und mit einem „Up-Kick“ zum Gesicht angreifen. Diese Kicks sind sehr schwer zu erkennen und führen oft zu einem schnellen K.O. Wie gut sowas funktioniert, zeigt dieses Video von Renzo Gracie in seinem Kampf gegen Oleg Taktarov.

Offene Guard
Einarmige Kontrolle, der erste Schritt zum „2 on 1“ (Screenshot)

Die Extremitäten kontrollieren
Wie im Stand auch, kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Gegner kontrollieren und in seinen Bewegungen einschränken kann. Allerdings kann man diesen nicht so aktiv suchen wie im Stand, weil man eben am Boden sitzt oder liegt. Kommt der Gegner jedoch so nahe,das man seine Fußgelenke, bzw. Handgelenke greifen kann, beginnt eine neue Phase der offenen Guard. Jetzt kann der BJJ Anwender selber damit beginnen Druck aufzubauen. Mit Kontrolle der Fußgelenke ergeben sich verschiedene Möglichkeiten für Sweeps und wenn der BJJ Anwender die Handgelenke kontrolliert, kann er z.B. mit einer „2 on 1“ Kontrolle, eine sehr starke Zugbewegung aufbauen, während er mit den Füßen an den Hüften Druck nach vorne ausübt. Dadurch entsteht ein Schereneffekt, welcher den Gegner mit seinem Körper parallel zum Boden zwingt und ihm somit die Möglichkeiten für sinnvolle Angriffe nimmt.

Zu diesem Zeitpunkt kann den BJJ Anwender seinen Gegner auch vom Stand in eine kniende Position zwingen und ihn dort weiter angreifen. Gerade Triangle Chokes, also Würgegriffe mit den Beinen, funktionieren in diesem Szenario sehr gut. Durch die starke „2 on 1“ Kontrolle der Arme, ist auch ein starker Übergang in die geschlossene Guard möglich, um den Kampf von dort aus weiter zu führen.

Die umgekehrte Strategie
Die von mir beschriebene Strategie funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wenn also jemand die geschlossene Guard des BJJ Anwenders aufbricht, dann lässt dieser ihn nicht einfach aufstehen und Distanz aufbauen. Er kontrolliert über den „2 on 1“ und den Füßen an der Hüfte, wenn das nicht mehr funktioniert, kontrolliert er zumindest die Füße des Gegners, um Sweeps ansetzen zu können und wenn auch diese Strategie nicht mehr aufgeht, dann bringt er zumindest seine Füße in Position zum Gegner, um die offene Guard zu verteidigen und den Gegner nicht an die eigene Flanke kommen zu lassen. Grundsätzlich kann man sagen, das die Kontrolle der offenen Guard immer stärker wird, je näher man der geschlossenen Guard kommt. Je weiter sich der Gegner von der geschlossenen Guard entfernt, desto schlechter ist auch die Kontrolle.

Aus meiner fortgeschrittenen Perspektive empfehle ich deshalb immer eine starke Closed Guard. Es macht für mich wenig Sinn den Gegner aufstehen zu lassen, ohne dabei eine starke Kontrolle auf Ihn ausüben zu können.

Dies ist auch ein wichtiger Unterschied zum sportlichen BJJ. Dort geht man halt oft davon aus, das beide Anwender in einer bestimmten Situation am Boden bleiben, bzw. zumindest Kontakt halten wollen. Dadurch sind sehr viel komplexere Bewegungen möglich. Ich habe dazu eine etwas andere Einstellung. Für mich muss eine Position zwingend sein. D.h. sie muss den Gegner wirklich in seinen Bewegungen einschränken, gerade dann, wenn es eine Position aus der Rückenlage, also irgendeine Form von Guard ist. Durch die verschiedenen Druck und Zugbewegungen versuche ich immer Schereneffekte entstehen zu lassen und mein Gewicht an den Gegner zu hängen, um Druck auszuüben. Das Video welches ich dazu in meinem letzten Artikel gepostet habe, ist nur ein Beispiel, man kann diese Effekte aus den verschiedensten Positionen erreichen.

Für mich ist die Open Guard ein notwendiges Übel. Eine Position die sehr oft vorkommt, die man braucht, die man oft trainieren muss, aber die eben meistens nur ein Übergang in die geschlossene Guard darstellt. Im sportlichen Training spielt die offene Guard eine noch viel größere Rolle, aber auch dort ist sie für mich eher Mittel zum Zweck. Ein Übergang zur geschlossenen Guard. Natürlich können von dort aus effektive Leglocks, Sweeps, Back Takes und Submissions passieren, aber die sind nur die „Kür“. Die können passieren, aber das Hauptziel bleibt für mich der Übergang in die geschlossene Guard.

Allerdings muss man auch sagen, das gerade im sportlichen Bereich eine gute Closed Guard nur durch eine gute offene Guard ermöglicht wird. Während vor 20 Jahren, manch ein Gegner noch freiwillig in die geschlossene Guard gegangen ist, um sie dann zu passieren, geschieht dies im Jahr 2020 wohl nicht mehr. Kein Gegner schenkt die geschlossene Guard, sondern wird von Anfang an versuchen an den Beinen des BJJ Anwenders vorbeizukommen. Wenn man da keine gute offene Guard hat, wird man schnell passiert werden und sich in der Side Mount Position am Rücken wiederfinden.

Aus diesem Grund bilden Open und Closed Guard eine Symbiose welche immer die maximale Kontrolle des Gegners zum Ziel hat.

Ich hoffe Ich konnte ihnen das Wesen einer „straßentauglichen“ Guard etwas näher bringen und auch wenn der Fokus in diesem Artikel auf der SV lag, nutze ich diese Form der Guard auch im sportlichen Bereich, bei dem keine Schläge erlaubt sind. Der Grund dafür ist einfach. Je besser ich einen Angreifer in seinen Bewegungen einschränken kann, desto langsamer wird das „Spiel“ und je langsamer das „Spiel“ desto weniger kann mein Gegner die Attribute der Jugend (Schnelligkeit, Explosivität, etc.) einsetzen. Von daher ist das für mich die passende Strategie für ein zeitloses und aufwandsloses BJJ.

Wer also jenseits der 25 oder sogar 35 ist und immer noch, oder gerade deshalb, ein effizientes BJJ Game haben möchte, findet mit diesem Approach einen sehr interessanten Ansatz. Wer mehr darüber erfahren möchte, warum man die Guard überhaupt in der SV einsetzt, findet meinen Artikel dazu <<HIER>>