Bodenkampf, Soccer Kicks & Dirty Tricks

Dirty Tricks

Wenn es um Bodenkampf und Selbstverteidigung geht, dann gibt es eine Aussage die früher oder später immer fällt: „Auf der Straße gibt es keine Regeln, da kann ich am Boden auch Beißen, in die Augen greifen und andere „Dirty Tricks“ anwenden, wozu also Brazilian Jiu Jitsu lernen?“ Genau deshalb möchte ich heute das Thema „Dirty Tricks“ genauer Beleuchten und der Frage nachgehen, ob Beißen, Fingerstiche und Co., das BJJ oder Grappling Training komplett ersetzen können. Bevor wir aber in das Für und Wieder einsteigen, möchte ich erst einmal definieren, was genau „Dirty Tricks“ sind und wie man sie verwenden kann.

Beißen
Beißen, ein Klassiker über den ich schon in einem meiner ersten Artikel ausführlich geschrieben habe. Ja, Beißen im Nahkampf und am Boden ist eine Option, es tut weh, hinterlässt Spuren und kann eventuell auch zu gefährlichen Infektionen führen. Auf der anderen Seite kann auch der Beißende selber, potentiell infektiöses Blut in den Mund bekommen. Sie merken schon, Beißen ist an sich keine schöne Sache.;-) Da wir keine Raubtiere sind und auch nicht über deren Gebiss und Instinkt verfügen, hat der Biss eines Menschen in der Regel eine viel geringere Wirkung, als z.B. die eines großen Hundes. Hauptsächlich löst so ein menschlicher Biss Schmerzen aus und sorgt dafür das wir das gebissene Körperteil schnell wegziehen. Diesen Reflex machen wir uns auch im Brazilian Jiu Jitsu zu nutze, wenn wir taktische Bisse anwenden.

Fingerstiche in die Augen
Auch dies ein beliebter schmutziger Trick, der gerne propagiert wird. Natürlich kann man in einer sehr engen Clinch oder Bodenkampf Situation auch die Augen des Gegners mit den eigenen Fingern angreifen. Ob so etwas moralisch und juristisch gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Fingerstiche lösen immer eine sehr starke Reaktion beim Gegner aus und reichen vom weg ziehen des Kopfes bis hin zum schnellen Entfernen aus der Kampfsituation. Je nachdem wie stark der Angriff ausgeführt wurde.

Kratzen
Mit Ausnahme von den Augen, dürften Kratzer, gerade am Körper, kaum eine große Wirkung erzielen. Ja so etwas ist unangenehm und tut vielleicht auch weh, aber hey, manche Menschen zahlen sogar Geld dafür, nur um gekratzt zu werden.;-) Von daher würde ich Kratzen als wenig effektiv einschätzen.

Griffe in den Unterleib
Auch dafür zahlen manche Menschen Geld, aber ich will nicht vom Thema abschweifen.;-) Angriffe auf den Unterleib sind immer sehr schmerzhaft und haben eine gewisse Schockwirkung. Je nachdem wie heftig man sie ausführt, können sie auch eine mannstoppende Wirkung haben. Das Problem beim Bodenkampf jedoch ist, das stabile und passgenaue Hosen, wie z.B. Jeans es oft sehr schwer machen, den Unterleib direkt anzugreifen. Sobald der Stoff im Schritt etwas gespannt ist, bietet er einen guten Schutz vor Griffen und auch Schläge aus naher Distanz, kommen nicht so optimal durch. Von daher sind Angriffe gegen den Unterleib zwar grundsätzlich wirksam, aber eben nicht immer optimal einsetzbar.

Spucken
Vielleicht hat Spucken in der momentanen Situation für manche Menschen eine gewisse Schockwirkung, aber grundsätzlich wird sich davon kaum jemand groß beeindrucken lassen. Glauben Sie mir, sie werden sich ihren Weg, nicht aus der Mount Position frei spucken, dafür fehlt es einfach an der Wirkung ihrer Spucke.;-)

Soccer und Stomp Kicks
„Elfmeter Kicks“ und Stampftritte zum Kopf, eines am Boden liegenden Gegners, sind auf zwei Arten extrem effektiv. Erstens wird der Gegner sehr schnell, sehr starke Verletzungen davon tragen und zweitens werden sie dafür wahrscheinlich juristisch auch sehr hart bestraft werden. Wenn ich einen Favorit bei den „Dirty Tricks“ habe, dann sind es diese Kicks, weil sie das Potential haben, einen Kampf in wenigen Sekunden komplett zu beenden. ABER und das ist das große aber, diese Techniken können tödlich sein und extreme moralische und juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Von daher möchte ich davon abraten, seinem angetrunken Schwager, der bei der goldenen Hochzeit der Eltern, einen über den Durst getrunken hat, mit einem Soccer Kick „Manieren beizubringen“.;-) Das könnte üble Folgen haben.

Oil Check
Das beste zum Schluß. 😉 Der berühmt-berüchtigte „Oil Check“ ,also das Einführen des eigenen Daumens in das gegnerische Rektum, kommt ja aus dem Ringen und wird dort öfters eingesetzt. Grundsätzlich ist das bestimmt nicht angenehm, aber auch kein Grund den Kampf aufzugeben. Außerdem gilt hier das Gleiche, wie den Angriffen zum Unterleib, eine relativ enge, stabile Hose bietet dagegen ausreichend Schutz. Von daher würde ich den „Oil Check“ zwar als gute Kontrolltechnik, aber nicht als Aktion zum beenden eines Kampfes einstufen.

Waffen

Waffen sind ein eigenes Thema, welches ich hier jetzt einmal ausklammere. In diesem Artikel geht es wirklich nur um die klassischen „Dirty Tricks“ und ihre Anwendung in einer SV Situation

Welchen Vorteil haben „Dirty Tricks“?
Meiner Meinung nach haben diese Techniken nur einen Vorteil, sie können einen Kampf relativ schnell beenden. Allerdings beschränkt sich das, auf die „Soccer Kicks“ und gut ausgeführte Fingerstiche, bzw. Angriffe auf den Unterleib. Die restlichen Tricks kann man sich eigentlich sparen, weil sie keine mannstoppende Wirkung erzielen werden. Beißen kann zwar taktisch eingesetzt werden, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, aber Beißen alleine, wird auch selten einen Kampf beenden.

Wie Anwendbar sind „Dirty Tricks“?
Genau jetzt kommen wir zu dem vielleicht wichtigsten Punkt, wie anwendbar sind „Dirty Tricks“, wenn man keine Erfahrung im BJJ oder einem anderen Grappling Stil hat? Kann man sich alleine nur mit diesen Tricks befreien, oder einen Angreifer sogar kampfunfähig machen?

Schauen wir uns einfach mal die drei wichtigsten Tricks an. Beginnen wir mit den „Soccer Kicks“ und Stampftritten. Wie effektiv kann man diese ohne Grappling Erfahrung einsetzen? Im Grunde ist das ganz leicht zu beantworten. Diese Techniken funktionieren nur, wenn der Gegner am Boden liegt und man selber steht. Grundsätzlich braucht man dafür also Wurftechniken und Erfahrung im Clinch, um einen Angreifer zu Boden zu werfen. Hat man diese nicht, sind die Fußtritte nicht anwendbar. Fazit: Während ein erfahrener BJJ Anwender mit diesen Techniken großen Schaden anrichten kann, sind sie für den Laien komplett wirkungslos und nicht anwendbar.

Was ist mit den Fingerstichen in die Augen? Das Problem dabei ist, das die positionelle Hierarchie des BJJ so aufgebaut ist, das man immer erst eine gute Position erreichen will, um dann anzugreifen. Wer also in der Mount Position auf seinem Gegner sitzt, kann alles besser. Er kann besser Würgen, Hebeln, Schlagen, oder eben Fingerstiche in die Augen ansetzen. Wer also aus der unteren Position der Mount Position anfangen würde Fingerstiche auszuführen, hätte damit relativ wenig Erfolg und würde seinen Gegner noch daran „erinnern“ das er dies ja aus der oberen Position viel besser machen kann. Dadurch würde es zu einem ungleichen Vergleich der Fingerstiche kommen, den in den meisten Fällen, der Anwender aus der Oberlage gewinnen würde, ganz einfach, weil er sich in der besseren Position befindet. Fazit: Wenn gleich diese Techniken mit viel Glück gegen einen ungeübten Angreifer funktionieren könnten, würden sie in Kombination mit grundlegenden BJJ oder Grappling Techniken viel besser und vor allem zuverlässiger funktionieren. Meiner Meinung nach bieten diese Tricks alleine, keinen sicheren Schutz in einer SV Situation am Boden, weil ein ungeübter Anwender kein Verständnis für die verschiedenen Bodenpositionen und den Befreiungen daraus hat.

Für die Angriffe auf den Unterleib gilt das Gleiche. Je schlechter die Position in der ich mich befinde, desto schwieriger wird es, diese Angriffe auszuführen. Ein starker Gegner kann einen untrainierten Anwender dieser Techniken einfach festhalten, klammern, schlagen, etc. ohne das dieser Antworten darauf hat und meistens in Hektik verfällt. Ist erst einmal Panik ausgebrochen, fehlt die Konzentration und Übersicht diese Techniken anzuwenden. Deshalb ist die Kombination, bzw. das Verständnis für die grundlegenden Prinzipien des BJJ so wichtig. BJJ, bzw. Grappling bietet die Basis, auf der man verschiedene Werkzeuge einsetzen kann. Weitere Infos dazu gibt es auch in meinem letzten Artikel.

Abschließende moralische und juristische Überlegungen
Ich weiß, „Dirty Tricks“ sind beliebt. Je brutaler desto besser, so zumindest in der Theorie, aber wir sollten nie vergessen, Selbstverteidigung ist nicht wie in Hollywood. Wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin und ein betrunkener Jugendlicher will sich vor seinen Freunden beweisen und ich trete ihm dann vor meiner Frau und meinem kleinen Sohn, den Kopf mit einem Socker Kick weg, dann kann das traumatische Wirkung für mich und meine Familie haben. Es kann schwerwiegende juristische Folgen haben und es ist fraglich ob ich jemanden aus einem relativ nichtigen Anlass, sein Leben so zerstören muss.

Natürlich, auch solche Situationen können eskalieren, der Jugendliche könnte ein Messer ziehen, usw. aber ich denke wir sollten auch in der Selbstverteidigung versuchen ein gewisses Maß an Menschlichkeit zu wahren. Ja ich möchte mich verteidigen und ich bin auch bereit das in aller Konsequenz zu tun, aber ich muss nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen und BJJ gibt mir eben genug Möglichkeiten, solche Sachen relativ menschlich zu lösen. Ein Würgegriff, der Junge schläft ein, wacht ein paar Sekunden später wieder auf und hat eine Lektion fürs Leben gelernt. Keine Spätfolgen, keine Rache, und wahrscheinlich auch keine traumatisierte Familie.

Von daher. „Dirty Tricks“ sollte man kennen, man sollte wissen welche funktionieren und wie man sie anwendet, aber man sollte sich eben auch bewusst sein, das für ein Großteil der SV Situationen, ein konsequentes, aber weniger brutales Vorgehen besser geeignet ist.