Zurück in die Vergangenheit – Teil 1: Wie Street ist mein Jiu Jitsu

Street Jiu Jitsu
Oldschool BJJ mit Rickson Gracie im November 2012

Anmerkung: An dieser Stelle möchte ich einmal einige Artikel aus den Jahren 2006-2012 veröffentlichen. Nicht alles was ich damals geschrieben habe, hat heute noch Bestand, aber es gibt doch erstaunliche Parallelen zu meinen aktuellen Texten. Den Anfang macht „Wie Street ist mein Jiu Jitsu – 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte“, ein Artikel aus dem Jahr 2012, einer Zeit in der ich sehr stark dem „Oldschool BJJ“ verbunden war.

Wie Street ist mein Jiu Jitsu – oder 8 Fragen die sich jeder Grappler stellen sollte

Die guten alten Neunziger. Im Radio lief Jam and Spoon, Brazilian Jiu Jitsu war fast vollkommen unbekannt und die Leute die es kannten, wussten das Royce Gracie „The baddest man on the planet“ war….

BJJ war für uns damals eine Form der Selbstverteidigung. Royce ging in den Käfig, es gab nahezu keine Regeln und er besiegte jeden seiner Gegner, mal mit Leichtigkeit und mal mit viel Dramatik. Submission Wrestling oder Sport BJJ war für uns überhaupt nicht existent und ich denke das es nicht vor 97 oder 98 war, das wir das erste Mal davon hörten. Jiu Jitsu war Kampf, es war die sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und genau das hat uns so daran fasziniert. Knapp 20 Jahre später ist alles anders. Grappling boomt, wenn auch nicht in Deutschland, so zumindest in den USA und es gibt eine riesige Wettkampfszene, die dazu beigetragen hat, das das sportliche Grappling Quantensprünge gemacht hat.

Für uns war Submission Wrestling immer eher ein Trainingstool, mit dem wir bestimmte Fähigkeiten des Kämpfens verbessern wollten. Es war nur Mittel zum Zweck und kaum einer meiner Schüler (inkl. mir), kannte sich mit der Punktevergabe und den Regeln aus. Das lag vielleicht auch daran, das in dieser Zeit sowieso fast alles erlaubt war, was irgendwie aus dem BJJ, Judo oder Grappling stammte. Der Trend zum sportlichen Grappling ist nicht uneingeschränkt schlecht, er hat viele Vorteile, aber wer BJJ zum Kämpfen nutzen möchte, der sollte sich ein paar Fragen ehrlich beantworten.

1. Hab ich Angst vor Schlägen und Tritten, bzw. kann ich sie abwehren?
Auch wenn viele Kämpfe am Boden enden, sie beginnen meistens im Stand und zwar in einer Distanz, in der man getreten oder geschlagen werden kann. Diesem Stress muss man sich im Training stellen, um sich daran zu gewöhnen und das richtige Timing für seine Würfe zu entwickeln. Einfaches nach vorne Stürmen, ist keine Lösung und hält so manch böse Überraschung bereit. Es geht nicht darum, selber ein guter Boxer oder Kicker zu sein (das ist ein völlig anderes Timing), sondern ein Gefühl für das Clinchen zu bekommen. Dieses Gefühl ist eine Eigenart des alten BJJ und macht es so wirksam, denn egal wie gut man am Boden ist, wenn man im Stand hart getroffen wird, endet man vielleicht gar nicht mehr in seiner Lieblingsdistanz.

2. Kann ich meine Würfe auch ohne weiche Matte ausführen?
Grundsätzlich kann man jeden Wurf ohne Matte ausführen, zumindest einmal. Wenn man jedoch Wert auf die eigene Gesundheit legt, sollte man seinen Gegner auf der Straße nicht unbedingt mit einem tiefen doppelten Beinangriff von den Beinen holen, weil sich sonst die eigene Kniescheibe und was sonst noch dazu gehört beschweren könnte. Auch das in die Guard springen oder sich auf den Hintern setzen und den Gegner zu Boden locken, sind keine geeigneten Strategien, Jiu Jitsu im Straßenkampf umzusetzen. Im Gegenteil, es sind fast schon Garantien dafür, das man den Kampf verliert. Sie brauchen einfache aber gute Würfe aus dem Clinch, dazu gehören abgewandelte Versionen von Judo Würfen und Techniken aus dem Greco-Roman Wrestling. Allerdings immer unter der Beachtung, das der Gegner schlagen oder mit dem Kopf stoßen kann und der Boden im Ernstfall sehr oft, sehr hart ist.

Um wirklich effektiv Kämpfen zu können benötigt man darüber hinaus auch die Fähigkeit, im Clinch Schläge und Stöße zu vermeiden und den Gegner zu kontrollieren. Nur so bieten sich dann die Möglichkeiten für Wurftechniken. Die Fähigkeit einen Angreifer gezielt werfen zu können, spielt gerade auch beim Kampf gegen mehrere Gegner eine große Rolle. Je schneller man jemanden zu Boden wirft, desto mehr Zeit hat man für Gegenangriffe, denn es gibt kaum eine Position die den Gegner so immobilisiert wie in die Bodenlage. Dies kann man nutzen um z.B. gezielte Stampftritte anzuwenden. Ein Wurf selber kann auch anders als Waffe eingesetzt werden, nämlich indem man einen Angreifer gezielt vor ein Auto, aus einem Fenster, oder auf einen Zaun wirft, um den Kampf schnell zu entscheiden.

Das solche Techniken nur im absoluten Notfall zur Anwendung kommen sollten, versteht sich von selber

3. Habe ich ein starkes Top Game?
Clinch – Takedown – Submission. So einfach kann das Leben sein, wenn man weiß welche Strategie für den regellosen Kampf geeignet ist. Anders als beim sportlichen Grappling, ist die Guard in einem echten Kampf nur die zweite Wahl. Ziel ist es immer die Mount, bzw. Back-Mount Position zu erreichen, den Angreifer mit Schlägen und guter Kontrolle dazu zu bringen einen Fehler zu machen und ihn dann zur Aufgabe zu zwingen. Genau deshalb ist es wichtig, ein stabiles Top Game zu haben. Keine Twister Rollen aus Side Mount, oder Triangles aus der Mount Position. Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle und danach Bent Armlock, Pillow Choke oder Mata Leao. Wenn das alles nichts hilft dann kommen zusätzlich noch Kopf- und Ellenbogenstöße ins Spiel, um den Kampf mit unschönen Mitteln zu entscheiden. Außerdem kann man vom Top Game auch, leicht aufstehen, Stampftritte ausführen, oder sich um andere Angreifer kümmern. Von daher ist „Guard Pulling“ keine Option für straßentaugliches Jiu Jitsu.

4. Habe ich eine „schlagfeste“ Guard
X-Guard, Turtle Guard, Half Guard, usw. alles schöne Positionen um im sportlichen Wettkampf zu bestehen und den Gegner mit ringerischen Mitteln zur Aufgabe zu zwingen, aber wenn Schläge erlaubt sind, verlieren diese Techniken ihren Sinn. Eine schlagfeste Guard, besteht aus einer starken geschlossenen Guard und einer sehr engen offenen, bzw. Spider Guard. Die Kontrolle der gegnerischen Arme und des Kopfes (Kopfstoß Gefahr) hat oberste Priorität. Gerade Kopfstöße sind in der Guard, von dem Gegner in Oberlage, sehr leicht auszuführen. Was ist mit Knien in die Oberschenkel, bzw. das Becken? Was mit Biss-Attacken? Man sollte auf all diese Dinge vorbereitet sein. Auch die eigenen Schlagtechniken aus der Guard sollte man nicht unterschätzen. Fersen Kicks in die Nieren. Ellebogen auf den Hinterkopf, Handflächenschläge auf Schläfe und Ohr, alles legitime Jiu Jitsu Techniken aus der Guard. Allerdings nur dann, wenn man sie auch regelmäßig trainiert.

5. Bin ich körperlich fit?
Jiu Jitsu ist ein schöner Sport und gibt dem Anwender viele technische Vorteile, aber egal wie technisch man ist, in einem Kampf in dem alles erlaubt ist, braucht man mehr als nur Jiu Jitsu. Man braucht jeden Vorteil den man kriegen kann und körperliche Fitness, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, usw. sind immer von Vorteil. Gerade die Ausdauer und Kraftausdauer spielen eine wichtige Rolle im Grappling und man sollte zusätzlich zu seinem regulären Training, noch ein funktionelles Fitness Training ausführen. Fighter-Fitness, z.B. wäre eine gute Option. In einem echten Kampf weiß man nie wie lange man bis zum Sieg kämpfen muss. Wenn man beim Joggen, mitten im Wald angegriffen wird und der 30 Kilo schwerere Angreifer liegt auf einem, dann gibt es keinen Ringrichter. Man muss den Gegner müde machen, ihn systematisch zerstören und schließlich entweder die Knochen brechen, ihn ohnmächtig würgen, oder ihn aus der Mount Position mit Schlagtechniken K.O. schlagen und dafür braucht man Ausdauer.;-)

6. Bin ich vom Gi abhängig?
Wird man häufiger von Menschen in langen Hosen und Jacken, bzw. Pullovern angegriffen oder eher von verschwitzten Männern in Badehosen? Das hängt zu einem Großteil davon ab, wo man seine Freizeit verbringt und ich will mir auch darüber keinerlei Gedanken machen müssen. Ein guter Kämpfer nutzt das was er hat, er nimmt das Rever des Gegners wenn gerade eines da ist, oder er würgt den gegnerischen Hals mit bloßen Händen. Entscheidend ist, das man auf alles vorbereitet und nicht abhängig davon ist, welche Kleidung ein Angreifer trägt. Friedrich Jiu Jitsu basiert auf No-Gi Training, aber wir arbeiten auch regelmäßig mit dem Gi als Hilfsmittel, bzw. Variable im realen Zweikampf.

7. Habe ich gute Submissions?
Es gibt keinen Punktsieg auf der Straße, alles was zählt, ist es den Kampf unbeschadet zu überstehen und den Gegner kampfunfähig zu machen. Aggressive Submissions sind von daher mehr als notwendig, wenn man sich erfolgreich verteidigen will. Wer also sein Jiu Jitsu auf Punkten aufgebaut hat, oder gerne auf Zeit spielt, sollte sich klar machen, das er damit im vollkommenen Gegensatz zur Philosophie des Oldschool BJJ steht. Das Ziel im Jiu Jitsu ist immer, den Gegner zur Aufgabe zu zwingen, bzw. ihm so zu verletzen, das er den Kampf nicht mehr weiterführen kann und will. Jede Position ist also nicht einfach nur zum Selbstzweck geschaffen worden, sondern stellt eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Endziel da: Den Gegner kampfunfähig zu machen.

8. Habe ich die richtige mentale Einstellung?
Jiu Jitsu ist kein Sport, wenn jemand versucht Kopfstöße und Schläge anzubringen, Blut fließt und man mit ungezügelter menschlicher Gewalt konfrontiert wird, braucht man eine klare mentale Einstellung. Jede Emotion, egal ob Angst, Wut, Aggression, usw. verklärt die eigene Entscheidungsfähigkeit, körperlich und auch mental.
Weder Mitleid noch Selbstmitleid sind in diesem Moment gefragt, es ist wichtig das mam eine distanzierte Haltung zur Situation entwickelt und vollkommen ohne Emotionen reagiert. Man versucht weder den Gegner zu schonen, noch ihn unnötig zu verletzen, das Ziel ist ganz klar. Die bedrohliche Situation aufzulösen und dabei unnötigen Schaden an sich selber und auch am Angreifer zu vermeiden. Bei aller Gewalt sollte man nämlich eines nie vergessen: Jiu Jitsu bietet eine sanfte Lösung für ein gewalttätiges Problem und schützt so nicht nur den eigenen Körper, sondern auch die eigene Psyche und den Charakter.

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